Artur Frank schaltet Rhein FM ab: „Radio ist einfach nicht mehr sexy.“

Das regionale DAB+ Radioprojekt Rhein FM hat am 15. April 2026 seinen Sendebetrieb eingestellt. Nach fünf Jahren beendet Gründer, Geschäftsführer und Programmchef Artur Frank das Experiment Lokalfunk im Raum Bingen. Im Gespräch mit RADIOSZENE nennt er weniger wirtschaftliche Zwänge als vielmehr strukturelle Probleme des Marktes – und persönliche Erschöpfung – als Hauptgründe.

Radio Rhein FM

Rhein FM stellt Betrieb ein: Artur Frank zieht nach fünf Jahren die Reißleine

„Ich bin platt. Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr“, sagt Frank offen gegenüber RADIOSZENE. Nach über fünf Jahren Dauerbelastung, in denen er gleichzeitig als Geschäftsführer, Programmdirektor, Redakteur und Moderator arbeitete, sei für ihn „irgendwann Schluss“. Rhein FM sei über weite Strecken eine „One-Man-Show“ gewesen – mit punktueller Unterstützung durch freie Mitarbeiter und Dienstleister, aber ohne die nötigen Strukturen im Hintergrund.

Zu wenig Ressourcen trotz tragfähiger Finanzierung

Entgegen verbreiteter Annahmen sei das Projekt nicht primär an fehlendem Geld gescheitert. „Der Sender hätte weiterlaufen können“, betont Frank. Die Einnahmen hätten gereicht, um den Betrieb aufrechtzuerhalten – auch seinen eigenen Lebensunterhalt. Das eigentliche Problem lag aus seiner Sicht im Personalmangel: „Es hätten mehr Leute im Backoffice arbeiten müssen, die mich entlasten.“

Artur Frank im Studio von Rhein FM (Bild: © Artur Frank)
Artur Frank im Studio von Rhein FM (Bild: © Artur Frank)

Damit wird ein klassisches Dilemma kleiner Radioprojekte sichtbar: Ohne ausreichend Reichweite fehlen Mittel für Personal – ohne Personal ist nachhaltiges Wachstum kaum möglich. Frank formuliert es nüchtern: „Natürlich ist es am Ende doch auch eine Geldfrage, weil man sich mehr Leute hätte leisten müssen.“

Geplante Übernahme scheitert – Aus wird vorgezogen

Das Ende kam letztlich früher als ursprünglich geplant. Denn zeitweise stand sogar eine Übernahme des Senders im Raum. „Es gab theoretisch Interessenten“, so Frank. Diese Option hätte ihm einen Rückzug aus dem operativen Geschäft ermöglicht. Als sich die Gespräche jedoch zerschlugen, zog er selbst die Konsequenz: „Dann habe ich für mich die Reißleine gezogen.“

Damit wurde aus einem möglichen Übergangsszenario ein endgültiger Schlussstrich. Frank betont, dass er mit beiden Varianten hätte leben können – mit einer Fortführung unter neuer Führung ebenso wie mit dem Aus.

BUGA 2029 als ursprüngliche Perspektive

Ursprünglich war Rhein FM deutlich langfristiger angelegt. Das Projekt sollte perspektivisch in ein BUGA-Radio münden: Zur Bundesgartenschau 2029, die auch in Bingen stattfinden wird, war ein temporäres Veranstaltungsradio geplant. Rhein FM sollte dafür die Grundlage bilden – sowohl organisatorisch als auch inhaltlich. Mit einer entsprechenden Lizenz wollte man während der Ausstellung ein halbes Jahr lang ein dediziertes Eventradio für die Region realisieren.

Artur Frank bei einer Außenveranstaltung mit Live Studio in Bingen 2025 (Bild: © Artur Frank)
Artur Frank bei einer Außenveranstaltung mit Live Studio in Bingen 2025 (Bild: © Artur Frank)

Der Einstieg in DAB+ entstand dann eher opportunistisch: Über Kontakte aus der Branche – insbesondere durch Christian Milling – ergab sich die Möglichkeit, frühzeitig auf einem regionalen Multiplex zu senden. „UKW wird etwas schwierig, aber DAB+ kannst du morgen haben“, beschreibt Frank die damalige Situation. Daraus entwickelte sich schließlich der reguläre Sendebetrieb ab 2021.

Das vorzeitige Aus bedeutet nun auch das Ende dieser Perspektive. Die BUGA-Pläne bleiben damit unvollendet.

Lokales Radio erreicht die breite Masse nicht mehr

Inhaltlich sieht Frank sein Konzept bestätigt. Musikmischung, lokale Nachrichten und Veranstaltungen seien bei den Hörern, die Rhein FM erreicht habe, gut angekommen. „Die haben gesagt: Das ist gut, das macht Spaß.“ Dennoch blieb die Reichweite begrenzt.

Die Ursache sieht er weniger im Programm als im veränderten Mediennutzungsverhalten: „Das Interesse unserer Bevölkerung an lokalem Radio ist einfach nicht mehr da.“ Social Media und digitale Angebote hätten die Wahrnehmung verschoben. Klassischer Journalismus werde zudem weniger wertgeschätzt: „Dass Sachen nochmal richtig geprüft werden – das sehen viele gar nicht mehr.“

Artur Frank bei einer Live-Sendung von der MS Rhenus zu Weihnachten (Bild: © Artur Frank)
Artur Frank bei einer Live-Sendung von der MS Rhenus zu Weihnachten (Bild: © Artur Frank)

Besonders kritisch bewertet Frank die fehlende Weiterempfehlungsdynamik: „Radio ist heute nicht mehr so cool und sexy wie andere Dinge.“ Während sich Produkte wie Smartphones oder E-Bikes über Mundpropaganda verbreiten, fehle dieser Effekt beim Radio zunehmend.

DAB+ mit strukturellen Reichweitenproblemen

Auch die technische Plattform spielte eine Rolle. Rhein FM sendete primär über DAB+ und Streaming. Die theoretische technische Reichweite lag laut Frank bei rund 650.000 bis 670.000 potenziellen Hörern. In der Praxis schrumpfte diese Basis jedoch deutlich: „Wenn nur 25 bis 30 Prozent DAB+ nutzen und sich davon wiederum nur ein Teil für Lokalfunk interessiert, wird es immer weniger.“

Radio Rhein FM-Sendegebiet (Bild: Rhein FM)
Radio Rhein FM-Sendegebiet (Bild: Rhein FM)

Konkrete Nutzungszahlen blieben überschaubar: Rund 1.200 App-Downloads und etwa 1.000 gleichzeitige Hörer in Spitzenzeiten nennt Frank als Richtwerte. Für ein lokales Projekt seien solche Zahlen zwar „okay“, reichten jedoch nicht, um im Werbemarkt nachhaltig relevant zu werden.

Hinzu komme ein grundsätzliches Bekanntheitsproblem: „Die Leute wissen oft gar nicht, was lokales Radio ist.“ Selbst grundlegende Begriffe wie DAB+ müssten im direkten Gespräch erklärt werden.

Werbemarkt und fehlende Skalierung

Die Vermarktung erfolgte vollständig in Eigenregie. Klassische nationale Vermarkter seien bei Reichweiten dieser Größenordnung kein Thema. Gleichzeitig konkurriert lokales Radio direkt mit globalen Plattformen: „Die Kunden überlegen sich, ob sie zu Google gehen oder bei uns Werbung machen.“

Zwar habe Rhein FM bewusst günstige, regionale Preise angeboten, doch ohne größere Marktdurchdringung blieb das Wachstum limitiert. Eine Teilnahme an der Media-Analyse kam aus Kostengründen nicht infrage.

Klare Haltung zu KI im Radioprogramm

Beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz zeigt sich Frank skeptisch. Ein Testlauf mit geklonten Stimmen – etwa für automatisierte Pegelstandsmeldungen – überzeugte ihn nicht: „Es ist kein Radio.“ Für ihn bleibt die menschliche Komponente zentral. Auch bei der Musik setzte er bewusst auf kuratierte Vielfalt statt enger Rotation: „Wir hatten über 1.000 Titel im Programm.“

Kein grundsätzliches Urteil über DAB+

Trotz des Projektendes warnt Frank vor pauschalen Schlussfolgerungen: „Das muss man nicht so sehen, dass sich Lokalradio auf DAB+ nicht lohnt.“ Unterstützung und Rückhalt habe er gerade in der Anfangsphase auch aus der Branche bekommen – unter anderem von Jan Lüghausen vom Radio Saarschleifenland, der das Projekt begleitet und als beispielhafte Initiative für lokalen Digitalfunk bewertet habe. Gleichzeitig sieht Frank Rhein FM im Rückblick möglicherweise als „zu früh“ gestartet – in einem Markt, in dem Nutzung, Technik und Bekanntheit noch nicht ausreichend zusammengewachsen seien.

Abschied mit positiver Resonanz

Die Reaktionen auf das Aus fallen laut Frank überwiegend positiv aus. Viele Hörer hätten sich persönlich gemeldet, teils sehr emotional. „Es war noch keiner dabei, der gesagt hat: Gut, dass es vorbei ist.“ Besonders eine mehrstündige Jubiläumssendung im Februar habe gezeigt, dass es eine engagierte Hörerschaft gab.

Dennoch zieht Frank einen klaren Schlussstrich. Nach 40 Jahren im Radio will er sich zunächst erholen: „Mein Plan ist jetzt erstmal: atmen.“ Perspektivisch möchte er sich wieder stärker seiner Musik widmen.

Sein Fazit zur Branche fällt dabei ernüchternd aus: „Radio ist einfach nicht mehr sexy.“

Weiterführende Informationen

Adbnlocker erklannt

Anzeigen sind manchmal lästig – wir wissen das...

Aber der Betrieb von RADIOSZENE wird ausschließlich durch Werbung finanziert. Nur so können wir die Plattform kostenlos anbieten und die laufenden Kosten decken. Deshalb möchten wir dich darum bitten, deinen Adblocker für diese Seite zu deaktivieren. Herzlichen Dank für die Unterstützung!

Ich habe meinen Adblocker jetzt deaktiviert