
Die Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) stellt die Weichen für einen tiefgreifenden Umbau der digitalen Hörfunkverbreitung in der Hauptstadtregion. Mit der am 3. März 2026 vom Medienrat beschlossenen Ausschreibung von DAB+ Übertragungskapazitäten beginnt ein mehrstufiger Transformationsprozess, der die bisherige Struktur grundlegend verändert und ab September 2028 in ein neues, regional differenziertes System überführt werden soll.
Im Zentrum steht die Abkehr von bisherigen landesweiten Multiplex-Strukturen hin zu einem stärker regionalisierten Modell. „Wir wollen die gesamte DAB+ Landschaft zukunftsfest aufstellen“, betont stellvertretender mabb-Direktor Dr. Marco Holtz gegenüber RADIOSZENE. Die Neuordnung soll sowohl den unterschiedlichen Bedürfnissen von landesweiten als auch lokal agierenden Programmveranstaltern Rechnung tragen.
Eine Bedeckung, sechs Regionen
Kern der Reform ist die Einführung einer landesweiten Versorgung, unterteilt in sechs Regionen. . Während Berlin als eigenständige, nicht weiter segmentierte Region fungiert, wird Brandenburg in fünf Versorgungsgebiete gegliedert. Damit reagiert die mabb auf strukturelle Defizite des bisherigen Systems, das zu grob (landesweit) und zu teuer für lokale Anbieter war.
Die bisherigen landesweiten Kapazitäten auf den Kanälen 10B (rbb) und 12D (private Anbieter in Brandenburg) werden perspektivisch aufgegeben. Stattdessen entsteht ein Modell, das Regionalisierung technisch ermöglicht und regulatorisch absichert. Die insgesamt 864 Capacity Units (CU) des neuen Multiplexes werden künftig bedarfsgerecht für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) und den privaten Sektor bereitgestellt.
Wie Steffen Meyer-Tippach, Referent für Hörfunk und digitale Projekte bei der mabb, gegenüber RADIOSZENE erläutert, ist die konkrete Aufteilung der Kapazitäten derzeit noch offen: „Eine genaue Aufteilung der 864 Capacity Units steht noch nicht fest, dies hängt unter anderem von den Bedarfen des rbb ab.“ Eine zweite Ausschreibungsrunde ist für Herbst 2026 vorgesehen, sobald der tatsächliche Bedarf – insbesondere seitens des rbb – präziser bestimmt werden kann.
Erste Ausschreibung: Fokus auf landesweite Anbieter
In der aktuellen Ausschreibungsphase werden vier Kapazitäten für landesweit verbreitete kommerzielle Programme sowie eine Kapazität für nichtkommerzielle Anbieter vergeben. Perspektivisch könnten bis zu 14 Programmplätze entstehen, die in allen sechs Regionen ausgestrahlt werden.
Eine zentrale Bedingung für kommerzielle Bewerber ist die verpflichtende Regionalisierung von Inhalten. „Wir wollen die regionale Berichterstattung stärken“, so Holtz. Konkret bedeutet dies, dass Anbieter möglichst stündlich zwischen 6 und 18 Uhr regionale Nachrichten sowie optional Wetter-, Verkehrs- und Veranstaltungshinweise für jede der sechs Regionen ausstrahlen müssen.
Diese Vorgabe adressiert eine der wesentlichen technischen Schwächen des bisherigen DAB+ Systems in der Region: die mangelnde regionale Differenzierung. Während private Anbieter ihre Regionalfenster bislang überwiegend über UKW realisieren, blieb DAB+ in Berlin und Brandenburg weitgehend homogen.
Hintergrund: Strukturelle Defizite im Bestandssystem

Die Neustrukturierung ist das Ergebnis einer umfassenden Marktanalyse und intensiver Abstimmungen mit Programmanbietern sowie dem rbb. „Für unsere Bestandsaufnahme haben wir uns die DAB+ Landschaft in ganz Deutschland angeschaut“, erklärt Meyer-Tippach. Ein zentrales Ergebnis: Das bisherige Nebeneinander von kommerziellen und öffentlichen-rechtlichen Multiplexen ohne Regionalisierung wird den Anforderungen des Marktes nicht mehr gerecht.
So deckt der derzeitige landesweite Kanal 12D nicht alle Regionen Brandenburgs ab – insbesondere die Prignitz, das Ruppiner Land und die Uckermark gelten als unterversorgt. Gleichzeitig sind lokale Anbieter durch die landesweite Verbreitung mit unverhältnismäßig hohen Kosten konfrontiert. Für viele kleinere Programme war ein Einstieg in DAB+ daher wirtschaftlich bislang nicht darstellbar.
Auch der rbb stößt im bestehenden System an Grenzen: Mehrere Regionalversionen von Antenne Brandenburg und radio eins werden derzeit parallel landesweit verbreitet, ohne dass eine zielgenaue Ausspielung für jede Region möglich ist. Zudem bestehen keine Kapazitäten zur Verbreitung des sorbischen Angebots in der Niederlausitz.
Mehr Kapazität für Berlin, weniger Vielfalt in Teilen Brandenburgs
Ein Nebeneffekt der neuen Struktur ist eine Verschiebung der Angebotsvielfalt. Während in Berlin ab 2028 deutlich mehr Kapazitäten zur Verfügung stehen – rund 40 Programmplätze für kommerzielle Anbieter gegenüber derzeit 32 –, könnte sich die Vielfalt in einzelnen Regionen Brandenburgs verringern.
„Die MABB hat Belegungsprognosen durchgeführt. Nach diesen Prognosen gibt ausreichend Kapazitäten für alle Programme“, sagt Holtz. Gleichzeitig eröffnet die Regionalisierung insbesondere lokalen Anbietern neue Perspektiven, da sie künftig gezielt nur in ihren Kernregionen senden können.
Offene Fragen bei nichtkommerziellen Anbietern
Unklar ist derzeit noch die künftige Verbreitung nichtkommerzieller Programme. Während der Offene Kanal ALEX bislang landesweit in beiden Bundesländern ausgestrahlt wird, teilen sich mehrere Brandenburger NKLs eine Kapazität im bisherigen Multiplex.
Künftig sind unterschiedliche Modelle denkbar: von regional begrenzter Verbreitung einzelner Programme bis hin zu weiterhin gemeinsam genutzten Kapazitäten innerhalb einer Region. Eine abschließende Entscheidung steht hier noch aus.
Zeitplan und weiteres Verfahren
Die mabb hat den Ausschreibungsprozess bewusst frühzeitig gestartet. Hintergrund ist die komplexe Verzahnung von Kapazitätszuweisung, Programmauswahl und Netzbetrieb. Nach Abschluss der Zuweisungen folgt die Bestimmung eines Netzbetreibers – entweder durch die Programmanbieter selbst oder über ein Auswahlverfahren der Bundesnetzagentur.
Mit einem Vorlauf von rund zweieinhalb Jahren soll sichergestellt werden, dass der Übergang in die neue DAB+ Struktur bis 2028 reibungslos erfolgt und bestehende Zuweisungen nahtlos abgelöst werden können.










