SR-Fundstück: „Drugstore 1421“ – Die Radioshow für junge Leute auf Europawelle Saar

SR1-Europawelle Saar - Drugstore 1421-Logo

Woran Robert Hetkämper im folgende Text erinnert, ist in doppelter Hinsicht Radio-Geschichte. Erstens gibt es die Jugendfunk-Sendung „Drugstore 1421“ des Saarländischen Rundfunks, in der noch der Zeitgeist  68er Jahre wehte,  seit 1980 nicht mehr. Und zweitens ist der gesamte „Jugendfunk“ inzwischen Radio-Vergangenheit. Aus einzelnen speziellen Sendungen für die Jugend sind inzwischen ganze Radio-Programme mit vor allem Musik für junge Leute geworden – wie „UNSERDING“ seit 1999 beim SR.

Drugstore 1421-Moderator Robert Hetkämper (Bild: © Gerhard Heisler)
Drugstore 1421-Moderator Robert Hetkämper (Bild: © Gerhard Heisler)

Als der „Drugstore 1421“ 1973 auf Sendung ging, stand der Jugendfunk als Zielgruppensendung sogar auf der reichweitenstarken „Europawelle Saar“ (dem 1. Hörfunkprogramm des Saarländischen Rundfunks) noch hoch im Kurs. Statt der bisherigen wöchentlichen wortbetonten Stundensendung „Junge Leute – heute“ am Abend bekam er sogar (anfangs) an jedem Werktag anderthalbstunden Sendezeit am Nachmittag ab 14.05 Uhr. Mit Jahresbeginn 1974 kamen auch noch Drugstore-Sendungen samstags und sonntags hinzu. Zugleich begannen dann alle nach den 19 Uhr-Nachrichten.

Angekündigt wurde „Drugstore 1421“ als „tägliches Jugendmagazin mit Informationen für Lehrlinge, Jungarbeiter, Schüler und Studenten“ [1]. Neben dem Wort hatte aber auch die Musik einen hohen Stellenwert bekommen. Die drei ersten Programmgestalter der neuen Jugendfunk-Sendung „Drugstore 1421“ waren für das Musikprogramm Frank Rainer Huck sowie den Wortteil Hermann Stümpert  und Robert Hetkämper.


Von Robert Hetkämper

Das Geräusch fliehender Füße, Menschen schreien in Panik, Musik wie Peitschenschläge: Mit martialischem Jingle stellten wir am 1. Oktober 1973 unser Baby vor: „Drugstore 1421“, die Radioshow für junge Leute auf der Europawelle Saar. Heute heißt das erste Hörfunkprogramm des Saarländischen Rundfunks „SR 1“.

Wilken F. Dincklage (alias Willem), Hermann Stümpert und Frank Rainer Huck stehen vor einem SR-Übertragungswagen am Weißenhäuser Strand (Ostsee), von wo aus eine Live-Sendung von "Drugstore 1421" ausgestrahlt wurde. (Bild: © Frank Rainer Huck)
Wilken F. Dincklage (alias Willem), Hermann Stümpert und Frank Rainer Huck stehen vor einem SR-Übertragungswagen am Weißenhäuser Strand (Ostsee), von wo aus eine Live-Sendung von „Drugstore 1421“ ausgestrahlt wurde. (Bild: © Frank Rainer Huck)

Benannt war die Jugendfunksendung nach der damaligen reichweitenstarken Mittelwellenfrequenz  1421 kHz des SR. Wir, das waren Herman Stümpert und ich. Zwei 24 Jahre alte Journalisten. Es war wirklich „unser“ Baby. Der SR hatte uns ziemlich freie Hand gelassen, eine neue Form von werktäglicher Jugendsendung auf die Beine zu stellen. Musik und Information gemixt, live präsentiert von jeweils zwei Moderatoren, einer für Musik, der andere für Wortbeiträge. Auch die gingen meist live über den Sender, oft als Telefoninterviews oder als Höreranrufe zu Diskussionsrunden. Live und ungefiltert. Letzteres sollte uns schließlich auf die Füße fallen. Aber erst einmal ging es richtig rund.

Zugegeben: Der Hermann war die treibende Kraft bei der Planung und Ideenfindung. Ich selbst hielt mich für einen begnadeten Journalisten, dem Wort und der Wahrheit verpflichtet. Aber wir waren beide geprägt von den smarten und super-lässigen Radiostationen der angelsächsischen militärischen Besatzer der Bundesrepublik Deutschland. American Forces Network (AFN) und British Forces Broadcasting Service (BFBS). Hermann stammte aus Pirmasens in der Pfalz, wo die USA in Kaiserslautern die Lufthoheit über die Radiowellen hielt, bei jungen Leuten jedenfalls. Ich hatte in Berlin studiert, eine Hochburg der amerikanischen Army und eben AFN.

Die Band Truck Stop hat dem US-Sender mit einem Song gehuldigt. Darin vermisst ein müder Trucker auf nächtlicher Autobahn in Norddeutschland seine Stars der Countrymusik: „Ich möcht so gern Dave Dudley hör‘n, Hank Snow und Charley Pride, `nen richtig schönen Country-Song, doch AFN ist weit“. Und dann der Seitenhieb auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk:“der NDR bringt Tanzmusik“ … und das bis zum nächsten Morgen… „Tanzmusik“. Der Song von Truck Stop spiegelte das Image der etablierten Sender bei jungen Leuten: langweilig und konventionell.

Das wollte Drugstore 1421 jedenfalls nicht sein. Der Hermann und ich machten einen Alternativplan. Und – das war das Sensationelle – der Sender ließ uns einfach machen. Wir durften unser Konzept für eine flockige schnelle Show praktisch eins zu eins umsetzen, keine langwierigen Kommissionssitzungen, keine Reinrede von den verantwortlichen festangestellten Redakteuren und Vorgesetzten. Es wurde wohl beiden von uns erst später klar, wie ungewöhnlich die Erfahrung mit dem SR war. Bei anderen Sendern, alle waren ja damals öffentlich-rechtlich, wäre so viel Gestaltungsfreiheit nicht möglich gewesen.

Wir waren beide  freie Mitarbeiter. Unser Chef war übergangsweise Axel Buchholz aus der Chefredaktion. Buchholz hatte zuvor – ebenfalls noch als freier Mitarbeiter – den Jugendfunk des SR („Junge Leute – heute“) geleitet [2] und war 1970 festangestellter Leiter des politischen Abendmagazins „Zwischen heute und morgen“ geworden. Er führte uns an der sehr langen Leine. Das war prägend in Hermanns und meiner Lebenslaufbahn: Der Drugstore war unsere Coming of Age-Geschichte.

Axel Buchholz am Telefon bei einer SR-Veranstaltung in der Saarbrücker Kongresshalle. (Bild: © Reiner F. Oettinger)
Axel Buchholz am Telefon (Bild: © Reiner F. Oettinger)

Nach der Erfahrung mit dem Drugstore habe ich auch später wenig Respekt gehabt vor den Diktaten selbstherrlicher Redakteure in der Hierarchie der Anstalten. Formulierungsvorschriften oder Sprachregelungen, wie sie heute als Kotau vor Political Correctness und dem Zeitgeist Konjunktur haben, kannten wir beim Drugstore nicht. Darum fühlte ich mich bis zum Ende meiner Berufslaufbahn an solche Einmischung in meine journalistische Freiheit nicht gebunden.

Und für Hermann war diese Zeit die große Vorprüfung, in der er seine bereits erwiesenen Talente als Planer und Organisator schärfen und ausprägen konnte. Das blieb seine Stärke, später wurde er Unterhaltungschef des ersten SR-Hörfunkprogramms (der  Europawelle Saar) und bald darauf rief er den ersten wirklich erfolgreichen kommerziellen landesweiten Radiosender ins Leben, Radio Schleswig-Holstein (RSH) in Kiel. Er wurde schließlich als Planer und Berater zum hochbezahlten Guru des Kommerzradios.

Dabei kam er ursprünglich aus der politischen Journaille, dem politischen Abendmagazin „Zwischen heute und morgen“ des SR. Der damalige SR-Chefredakteur, Karl-Heinz  Reintgen, sah Hermanns Engagement bei Drugstore bisweilen mit Sorge. Er solle sich hüten, so Reintgen, zum „Juxbaron“ „abzusteigen“.  Dabei war Reintgen selbst nicht ganz frei von Neigungen zum Unterhaltungsgenre: Im Zweiten Weltkrieg war er Chef des Deutschen Soldatensenders Belgrad. Dort entdeckte der junge Leutnant das Lied „Lili Marleen“, gesungen von Lale Andersen auf einer Elektrola-Schallplatte. Er spielte die Platte immer wieder auf dem Sender und machte den Song weltbekannt, auch bei den Soldaten der Alliierten war der Song ein Hit. Reintgen war also durchaus selbst auch dem Populären nicht abhold. So gehörte er zu denjenigen, die von Anfang an die Gründung der unterhaltungsbetonten Europawelle Saar (ab 2.1.1964) im Sender unterstützten.

Besuch von zwei Mitgliedern der schottischen Popgruppe "Middle of the Road" ("Chirpy Chirpy Cheep Cheep") in Drugstore-Studio: vordere Reihe v.l.n.r.: Robert Hetkämper, Wilken F. Dinklage (Willem), Sally Carr (Middle of the Road, Sängerin), Bernd Duszynski; hintere Reihe: Hermann Stümpert, Eric Lewis Campbell (Middle of th Road, Bassist), Frank Rainer Huck. (Bild: © Gerhard Heisler)
Besuch von zwei Mitgliedern der schottischen Popgruppe „Middle of the Road“ („Chirpy Chirpy Cheep Cheep“) in Drugstore-Studio: vordere Reihe v.l.n.r.: Robert Hetkämper, Wilken F. Dinklage (Willem), Sally Carr (Middle of the Road, Sängerin), Bernd Duszynski; hintere Reihe: Hermann Stümpert, Eric Lewis Campbell (Middle of th Road, Bassist), Frank Rainer Huck. (Bild: © Gerhard Heisler)

Aber 1973 waren viele Programm-Elemente unseres Drugstore-Konzepts im deutschen Radio noch oft Neuland, selbst auf der modernen Europawelle Saar wurden Jingles erst nach und nach, zurückhaltend und nicht in allen Sendungen eingesetzt. Was ein „Jingle“ ist, wussten im Sender noch durchaus nicht alle. Wir kannten sie – natürlich von AFN: kurze meist musikalische Einspielungen zum Beispiel mit der Senderkennung und dem Titel der Sendung. Hermann und ich bastelten sie am Schneidetisch: Musik, darüber möglichst dramatisch gesprochen:“Europawelle Saar, Drugstore 1421“. Die Irritationen mit diesen „Shouts“ genannten Jingles begannen schon am Schneidetisch. Dort hantierten die Cutterinnen noch mit schmalen Tonbändern. Die wurden mit der Schere geschnitten, daher (wie beim Film und Fernsehen) der Ausdruck „Cutter“. Die Damen waren es gewohnt, bei Musikaufnahmen den Ton erst ausklingen zu lassen, oder bei der Montage von gesprochenen Texten kleine Pausen zu lassen, um sie gefälliger und verständlicher zu machen. Das aber war nix für uns. Wir wollten Radau, schnelle Schnitte in kurzen Sequenzen. Ein Jingle erinnere ich noch besonders: Hermann und ich grölten „Drugstore 1421“ immer wieder in ein Mikrofon, die Cutterin musste die Pausen, die wir zum Luftholen brauchten, aus dem  Band herausschneiden. Halbe Sekunden nur, aber so brutal schnell wollten wir es. Wie bei AFN eben.

Irritationen auch beim Abspielen von Musiktiteln in der Sendung: Wir imitierten dabei die Amerikaner und sprachen in die Musik hinein, während eines längeren instrumentalen Vorspiels bevor die Vocals anfingen. Das löste massive Kritik unter den Technikern aus: Das „Reinquatschen“ ruiniere den Musiktitel. Schließlich schnitten viele Jugendliche zuhause am Radio die Musik auf ihrem Tonband mit, um nicht die teure Schallplatte kaufen zu müssen. Das galt besonders für unsere Hörerinnen und Hörer in der DDR. Solch „Piraterie“ war in der Tat damals gang und gäbe.

Doch uns war das Tempo der Sendung wichtiger, es gab auch wenig Proteste in der Hörerpost. Aber unsere Techniker mussten  sich erst an unsere Ideen gewöhnen.

Der Personalaufwand für die Sendung war – wie für alle Livesendungen mit Wort und Musik – beträchtlich: Die Moderatoren saßen an ihren Mikrofonen im schallgesichertem Studio. Durch eine Glasscheibe gab es Sichtkontakt zum Tontechniker im Regieraum (Tonregie). Der saß an den Reglern des großen Mischpults. Während unserer Live-Moderationen verständigten wir uns mit ihm per Handzeichen:  Abwinken bedeutete z. B.: „Mikrofon zu“.

Direkt hinter der Glasscheibe hatte in der Tonregie der Ablaufregisseur seinen Platz. Er wählte die Partner für Telefoninterviews an, bevor sie mit den Moderatoren verbunden wurden. Manchmal brachte er die Schalllatten mit, die noch zusätzlich zum Ablaufplan abgespielt werden sollten. Ebenso  die Jingles auf Tonbändern (später wurden es Kassetten oder Disketten), bisweilen auch vorproduzierte kleine Wortbeiträge. Die Platten und die Bänder legte eine Assistentin abspielbereit auf die Tonbandgeräte oder Plattenspieler. Das war meist eine Ton-Cutterin/Tontechnikerin. Cutter waren praktisch ausschließlich Frauen. Der „Cutter“ war ursprünglich ein Männerberuf. Aber da es im und nach dem Zweiten Weltkrieg zu wenige Männer gab, wurde es zu einem typischen Frauenberuf. Auch beim Fernsehen war das noch lange so.

SR-Moderator Bernd Duszynski (Bild: © Gerhard Heisler)
SR-Moderator Bernd Duszynski (Bild: © Gerhard Heisler)

Also drei Personen in der Tonregie. Von dem heute üblichen Selbstfahrerstudio, in dem die Moderatorin oder der Moderator auch die Technik bedient, war das noch weit entfernt. Dazu kamen im Studio die beiden Moderatoren an den Mikrofonen. Hermann und ich wechselten uns bei der Wortmoderation ab. Neben uns ein Musikmoderator.

Zunächst war da Bernd Duszynski. Er war ein erfahrener Moderator, zuvor war er Bühnenschauspieler gewesen. Bernd bemühte sich nach Kräften einen jugendlichen Sprachduktus zu finden. Aber seine weichgespülte Stimme wollte nicht so recht zum ruppigen Ton des Drugstore passen.

Erich Werwie sitzt im HF-Sendestudio am Reglerpult (Bild: © Eva Röder)
Erich Werwie sitzt im HF-Sendestudio am Reglerpult (Bild: © Eva Röder)

Da passte der Jazzspezialist Erich Werwie schon besser. Urgestein des Radios, bekannt von seinen Nachtsendungen. Die dauerten viele Stunden. Seine Stimme war rau und dröhnend. Er fuhr eine französische Citroen-Ente aber war sehr Amerika-affin. Kannte zahllose Geschichten über US-Popgrößen. Erich war sehr witzig. Er hänselte Hermann und mich: „Wen die Cutter lieben…“.

Und von Anfang mit im Boot war da auch Wilken F. Dincklage, genannt Willem. Willem brachte Hamburger Pop-Avantgarde zu uns nach Saarbrücken. Er gehörte zur Clique der „Hamburger Szene“, Freund und Kollege von Udo Lindenberg, Gottfried Böttger, Otto Waalkes, Inga Rumpf und (siehe oben) Truck Stop.

Wilken F. Dincklage, der sich als Sänger „Willem“ nannte, prägte rund sieben Jahre lang mit viel Witz, Wissen und markanter Stimme diverse Musiksendungen auf der Studiowelle und der Eurowelle Saar des SR (Bild: © Gerhard Heisler)
Wilken F. Dincklage, nannte sich als Sänger „Willem“. (Bild: © Gerhard Heisler)

Wilken war ein schon sehr bekannter Popsänger, sein Schlager „Grüß mir den Herbert, Hein und Jan und mach kein‘ Scheiß mit Fred“ war ein Hit in Deutschland. Seine Musik-Produktionsfirma hieß „Lob und Hudel“.

Er war der frechste unserer Co-Moderatoren. Ich erinnere ein ellenlanges Telefoninterview mit einem veritablen Bundesbildungsminister. Der faselte Politikersprüche, als Wilken, dessen Mikrofon ja auch offen war, ihn plötzlich von der Seite anredete: „Finden Sie nicht, dass das, was Sie da quatschen ziemlich langweilig ist?“. Mir blieb fast das Herz stehen und der Minister konnte nur noch stammeln. Aber das war eben Wilken.

Frank Rainer Huck hat ein schönes Fundstück über Wilken geschrieben. Frank Rainer war unser Musikredakteur. Als einziger fest Angestellter im Team war er für das gesamte Musikprogramm zuständig, egal ob er auch selbst mit moderierte oder nicht [3]. Und er hatte Wilken für den Drugstore entdeckt.

Frank Reiner Huck (Bild: © Gerhard Heisler)
Frank Reiner Huck (Bild: © Gerhard Heisler)

„Willem“ kam jeweils für eine halbe Sendungswoche von Hamburg nach Saarbrücken geflogen. Er hat den Drugstore durchaus mitgeprägt [4]. Auch er hatte eine tiefe starke Stimme am Mikrofon.

Ich war damals eine bisschen neidisch darauf. Ich hatte ja keinerlei Sprecherausbildung. Wollte aber energisch klingen. Darum presste ich viel zu viel Luft in die Stimme. Und den Sprech-Stil hatte ich mir von dem seinerzeit sehr bekannten Fernseh-Journalisten und Korrespondenten Dagobert Lindlau abgeguckt. Der betonte sehr unkonventionell abgehackt  und textete lakonisch. Das imponierte mir. Auch als ich später meinen eigenen Sprachstil im Fernsehen entwickelt hatte,  schwang da noch immer etwas von Dagobert Lindlau mit.

Hermann konnte seinen Pfälzer Akzent nicht loswerden. War ihm aber offenbar egal. Vielleicht weniger eitel…

Hatte ich Starallüren? Ja, vielleicht ein bisschen. Mit 24 Jahren eine eigene Sendung im Radio, europaweit zu hören (zumindest theoretisch) war schon was. Zur Sendung nach dem Drugstore kam immer Dieter Thomas Heck, schon damals ein Topstar in der deutschen Schlagerszene. Mit ihm trafen sich die Drugstore-Macher auf Augenhöhe und ich fühlte mich akzeptiert, wenn Heck, der das gleiche Studio benutzte wie wir, zu mir sagte „Na, Robbert, alles klar?“

Mit dem Drugstore verbunden waren eine Menge Leute, einige davon saßen auf dem Regiestuhl vor der Glasscheibe: Jan Hofer, später Chefsprecher der Tagesschau, Torsten Pietkiewicz, (später) Flugkapitän und Moderator, Norbert Klein, ab 1977 selber festangestellter Drugstore-Redakteur und -Moderator und schließlich der erste Chefredakteur des SR für Hörfunk und Fernsehen.

Norbert Klein jobbte zunächst im Aktuellen Dienst bei Axel Buchholz, zwei Jahre später leitet der angehende Lehrer den Jugendfunk. Das Radio ist seine Leidenschaft: Er moderiert die Musiksendung „Drugstore 1421“, verantwortet die Sendung „Schule und Beruf“ und ist ab 1980 im SR-Morgenmagazin auf der Europawelle Saar zu hören. (Bild: ARD / Reiner F. Oettinger)
Norbert Klein (Bild: ARD / Reiner F. Oettinger)

Und, wie gesagt, der Sender ließ uns machen. Redakteur Axel Buchholz, formal anfangs für den Drugstore verantwortlich, redete uns praktisch gar nicht ins Tagesgeschäft hinein. Ich erinnere noch so gut, wie er eines Tages vor der Sendung anrief und freundlich fragte, was wir denn heute so in der Sendung hätten. Und ich antwortete „Ach, Axel, hör doch einfach zu“. Bei jedem anderen Sender wäre danach Feierabend gewesen, für den kleinen Freien Mitarbeiter. Aber Axel: Ich hörte ihn grinsen.

Der Drugstore kam (zuerst) werktäglich nach den 14.00 Uhr-Nachrichten auf der Europawelle. Für anderthalb Stunden. Um diese Zeit etwa hätten die meisten Schülerinnen und Schüler Gelegenheit,  zuhause Radio zu hören, war die Überlegung. Und im Radio ist das allerbeste Sendezeit. Die haben wir auf dramatische Art vergeigt. Weil uns der Teufel ritt. Wir wollten volles Risiko. Und wir fielen auf die Nase. Das kam so:

Im Drugstore gab es oft offene Diskussionsrunden mit den Hörern. Die konnten anrufen und ihre Meinung live über den Sender aussprechen. Der Regisseur der Sendung sprach kurz mit den Anrufern, um sicherzustellen, dass nicht allzu Abstruses ins Programm kam. Aber weitere Filter gab es nicht. Das ist auch immer gut gegangen. Bei Themen wie „Was tun gegen Jugendarbeitslosigkeit“ oder „Wie wichtig ist Mode für junge Menschen?“. Und dann flüsterte uns Beelzebub eines Tages das Thema ein: “Was haltet ihr von Pornografie?“ Vielleicht hätte uns Axel Buchholz noch retten können. Aber der ließ uns je stets freie Hand und hatte wohl auch gar nicht gewusst, was für ein schlüpfriges Diskussionsthema uns der Herr der Fliegen eingeflüstert hatte.

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Über die Zahl der Anrufer brauchten wir uns bei diesem Thema keine Sorgen zu machen. Die kamen zu Hauf. Und für die erste halbe Stunde lief es auch ganz zivilisiert ab. Die jungen Leute am Telefon formulierten sachlich und distanziert. Drastisch-grafisch wurde es nicht. Noch kein Skandal. Der aber musste ja bei dem Thema kommen. Und er kam: Ein elfjähriges Mädchen aus dem Saarland erklärte freimütig, dass sie schon mal Pornografie angeschaut habe und eigentlich nichts dagegen habe. Nur, sagte sie über den Sender, eine von ihr genau beschriebene Variante des Oralverkehrs sei ihr nicht appetitlich. Dass war Anfang der siebziger Jahre. Sex und Pornografie waren zu der Zeit noch keineswegs in aller Munde (wenn der Ausdruck an dieser Stelle angebracht ist).

Ich rang mit irgendeiner Antwort, den Satz des Mädchens in ein harmloseres Fahrwasser zu leiten. Natürlich vergebens. Und vor der Scheibe des Studios sah ich im Regieraum einen Mann tanzen. Programmdirektor Dr. Heinz Garber. Er war eigentlich ein Freund und Förderer des Drugstore. Jetzt aber machte er  fürchterliche Grimassen, hopste herum und fuchtelte mit Armen und Beinen. Er wollte damit keineswegs Regen erflehen. Seine ziemlich wilden Gesten wurden schnell klar: „Abbrechen den Schweinkram, und zwar sofort“. Das war das Ende der Diskussion des Tages. Und das Ende unserer schönen Sendezeit. Schnell, bei der nächsten Programm-Reform, wanderte der Drugstore in die Abendstunden [5]. Massiver Verlust an Reichweite [6].

Aber, und das wäre nach einem vergleichbaren Vorkommnis  im Liveprogramm eines öffentlich-rechtlichen Senders selbst heute wahrscheinlich anders, der Hermann und ich durften die Sendung weiter machen. Wir wurden nicht gefeuert, nicht in die Verkehrsredaktion abgeschoben. Wir blieben die Moderatoren des Drugstore [7] Ich wiederhole mich: Das war nur möglich beim Saarländischen Rundfunk.

Zur Person:

Robert Hetkämper: Vom Jugendfunk-Mitarbeiter zum NDR-Chefredakteur Fernsehen und ARD-Asienkorrespondenten

Robert Hetkämper als ARD-Asienkorrespondent bei einem Aufsager für die ARD-Tagesschau vor der Shwedagon Pagode in Yangon, Myanmar. (Bild: © ARD Singapur)
Robert Hetkämper als ARD-Asienkorrespondent bei einem Aufsager für die ARD-Tagesschau vor der Shwedagon Pagode in Yangon, Myanmar. (Bild: © ARD Singapur)

Seine Rundfunklaufbahn begann Robert Hetkämper 1973 als freier Mitarbeiter beim Saarländischen Rundfunk. Als Moderator und redaktioneller Mitarbeiter gehörte er zum ersten Team der Jugendfunk-Sendung „Drugstore 1421“ auf der „Europawelle Saar“. Anschließend war er (ebenfalls auf dieser weitrechenden Mittelwelle des SR) einer der Moderatoren und redaktionellen Mitarbeiter der Frühsendung und des politischen Abendmagazins „Zwischen heute und morgen“.

1979 zog es ihn dann der Liebe wegen nach München. Nach Stationen dort bei der Abendzeitung und bei der Regionalsendung des Bayerischen Rundfunks für Oberbayern arbeitete er schließlich als Reporter beim BR-Fernsehen für die Tagesschau.

1981 ging Hetkämper als Sonderkorrespondent für „ARD Aktuell“ nach Hamburg zum NDR. Dem Sender blieb er bis zu seiner Pensionierung treu: ab 1988 als Asienkorrespondent, zwischen 1991 und 1995 als Chefredakteur NDR Fernsehen, dann wieder als Studioleiter ARD Tokio. Von 1998 bis 2001 arbeitete Robert Hetkämper als Senior Correspondent im ARD Studio Washington und danach ab 2001 bis 2014 als Leiter des ARD-Studios in Singapur.


Redaktion für den Arbeitskreis SR-Geschichte: Axel Buchholz; Illustration, Layout und Ko-Recherche: Magdalena Hell; Ko-Recherche/Mitarbeit: Burkhard Döring, Frank Rainer Huck, Norbert Klein und Dieter Schmitt; Standbilder: Sven Müller (SR-Fernseh-Archiv)

Redaktionelle Anmerkungen zu „Drugstore 1421“

[1] „SR-Information“ 10/73, S.2 „Neues Hörfunk-Programmschema“

[2] Die Jugendfunksendung „Junge Leute – heute“ wurde ab 1964 sonntagabends ab 21.00 Uhr live auf der neuen „Europawelle Saar“ ausgestrahlt. Wie keine andere SR-Sendereihe beteiligte sie die Hörerinnen und Hörer an der Programmgestaltung. Sie konnten (im wöchentlichen Wechsel) entweder per Telefon mitdiskutieren („Funkdiskussion per Telefon“), interessanten Gästen Fragen stellen („Hörer fragen – Prominente antworten“) oder sich an einem Ratespiel beteiligen („Mr. Unbekannt lässt raten“). Damit wurde der Jugendfunk zum Vorreiter des „dialogischen Rundfunks“ beim SR. Intendant Dr. Franz Mai hatte als eine der Leitlinien für das Programm der neuen „Europawelle Saar“ des SR vorgegeben, „die Hörer…soweit das die technischen Mittel erlauben, in die Gestaltung des Programms“ einzubeziehen.

Nach neun Jahren und mehr als 450 Folgen lief Ende Juli 1973 die letzte Ausgabe von „Junge Leute – heute“. Ab dem 1. Oktober ging dann der „Drugstore 1421“ auf Sendung.

[3] Frank Rainer Huck schrieb dazu: „Ich war festangestellter Musikredakteur und für das übergeordnete Musik-Konzept der Sendung „Drugstore 1421“ zuständig. Die DJ’s brachten an ihren Sendetagen eigene Programme mit.
Ich selbst war, jedenfalls von Januar 1974 bis Juni 1975 jeweils mittwochs der Musikmoderator und hatte da auch eigene Rubriken wie „Pop-Polonäse“ und „Krautfaß“ (für Deutschrock), in denen ich ausführlich spezielle Gruppen oder LPs oder Musikstile vorgestellt habe, die sonst nicht im Programm vorkamen,  z.B.: Velvet Underground, Pink Floyd, Soft Machine, Fleetwood Mac, The Nice – oder Musikstile wie Boogie Woogie, Ragtime, Reggae und dergleichen.“

[4] SR-Pressestellen-Redakteur Rolf-Dieter Ganz schrieb in der SR-Progamm-Zeitschrift „SR Information“ ein Willem-Porträt. Darin bescheinigte er ihm einen „seine „Drugstore-Brüder“ mitreißenden „rotzig-frechen Blödelton“.

[5] Dass die neue Sendezeit ab Jahresanfang 1974 (nach den 19.00-Uhr-Nachrichten) eine „Strafversetzung“ (oder Vorsichtsmaßnahme) gewesen sein könnte, deutete auch Rolf-Dieter Ganz in der SR-Programm-Zeitschrift „SR-Information“ an. Er schrieb: Der „Drugstore“ sei in den frühen Abend „abgerutscht (oder abgeschoben?)“ worden.

[6] Norbert Klein, später selbst erst freier Mitarbeiter im „Drugstore 1421“ und danach als fest angestellter Jugendfunk-Redakteur dafür verantwortlich, nennt für die spätere Sendezeit als Gründe, dass man mit der nachmittäglichen Sendezeit die berufstätigen Jugendlichen nicht erreicht habe. Außerdem habe der Stil der polarisierenden Sendung am Nachmittag mit dem Programmziel einer für möglichst viele „durchhörbaren“ Europawelle Saar konkurriert.

Rolf-Dieter Ganz (vgl. Anmerkung [5]) nannte den Moderationston “nicht für jedes Ohr angenehm oder angemessen und schon gar nicht angepasst“. Er hebe aber den „Drugstore von anderen bierernsten Jugend-Sendungen ab“. Auch Drugstore-Macher Hermann Stümpert war sich der Problematik einer Zielgruppen-Sendung in einem für möglichst viele Hörerinnen und Hörer durchhörbaren Gesamtprogramm durchaus bewusst. Unter der Überschrift „Erfahrungen mit einer Jugendsendung“ schrieb er 1977 in der SR-Programm-Zeitschrift „SR Information“ „Jugendliche sind eine Minderheit. Sie haben einen anderen Musikgeschmack als die Mehrheit, andere Probleme, eine andere Sprache, ein anderes Informationsbedürfnis.“

[7] Den Drugstore gab es bis Anfang 1980. Frank Rainer Huck beendete seine regelmäßige Drugstore-Mitarbeit schon im Juni 1975. Er wurde ab Juli 1975 Leiter des SR-Schallarchivs. Robert Hetkämper moderierte die Sendung am 26.12.1977 zum letzten Mal (zusammen mit Frank Rainer Huck). Die Themen-Sendung hatte den Titel “Magical Mystery Tour II / Die Beatles“. Danach wechselte Hetkämper beim SR als Moderator und redaktioneller Mitarbeiter u. a. ins Team des  politischen Abendmagazins „Zwischen heute und morgen“. Hermann Stümperts Drugstore-Zeit endete, nachdem er 1977 als Redakteur in der Programmplanung des SR festangestellt worden war. Ab 1975 hatte Norbert Klein regelmäßig als freier Mitarbeiter im Drugstore-Team mitgearbeitet. 1977 wurde er als Drugstore-Redakteur festangestellt.


Wiederveröffentlichung der SR-„Fundstücke“ mit freundlicher Genehmigung des Saarländischen Rundfunks.

Weiterführende Informationen

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