Jeder will alt werden, doch keiner will es sein. Gilt das auch für Radioprogramme? In der Radiobranche wird diese Frage seit Jahren diskutiert. Soll ein Radioprogramm konsequent mit seinem Stammpublikum altern oder sich immer wieder neu erfinden, um jüngere Hörer zu gewinnen? Dr. Jörn Krieger, Journalist und Moderator, und Journalistik-Professor Markus Kaiser – beide leidenschaftliche Radiofans – finden Argumente für beide Seiten.

Pro: Radio darf mit seinen Hörern altern
von Markus Kaiser
Eigentlich müsste ich einer von den drei Millionen Hörerinnen und Hörern sein, die täglich Bayern 1 hören. Das werde ich, inzwischen 48 Jahre alt, aber nie machen. Bayern 1 ist der Sender, den mein Opa früher gehört hat. Auch wenn ich 58 Jahre oder 68 Jahre alt sein werde, so alt werde ich nie sein, dass ich zu Bayern 1 wechseln werde. Nur an „Heute im Stadion“, die wöchentliche Live-Fußballsendung, wurde ich bereits als Kind herangeführt. Aber mich als Bayern 1-Hörer zu bezeichnen? Schon als Kind nahm ich das Markenimage irgendwo zwischen Kukident und Treppenlifter wahr.
Das soll keine Kritik an Bayern 1 sein. Der Sender hat ein starkes Programm, sehr fundierte Nachrichten und großartige Moderatoren wie Marcus Fahn von der Morningshow und Thorsten Otto als einfühlsamen Interviewer auf der „blauen Couch“. Bayern 1 ist ja auch das meistgehörte Radioprogramm Bayerns. Ich kann aber nicht nachvollziehen, dass man mit viel Aufwand versucht, Hörerinnen und Hörer von einem Sender zum nächsten zu schieben, nur weil sie – in diesem Fall für Bayern 3 – zu alt geworden sind. Der Bayerische Rundfunk gibt das leichtfertig auf, wofür Brause- und Automobilhersteller Millionenbudgets investieren: Markentreue und Markenbindung.
Im Jahr 1978 geboren, habe ich die ersten Gehversuche der privaten Lokalradioprogramme miterlebt. Später auch überregional erfolgreiche Moderatoren wie Stefan Meixner oder Hakan Turan habe ich täglich auf Hit Radio N1 gehört, dem Sender, der mich in Nürnberg während meiner ganzen Jugendzeit begleitet hat. Meine musikalische Prägung habe ich durch N1 erfahren. An den Jingles habe ich den Sender sofort wiedererkannt. Die Comedy und deren Kunstfiguren waren Gesprächsstoff am Schulhof. Mein erstes Gewinnspiel, bei dem ich etwas gewonnen hatte, war ein CD-Überraschungspaket, weil ich (damals noch live) ein Weihnachtslied geträllert hatte. Mit N1 verbinde ich viel. Ich habe den Sender lautstark aufgedreht, wenn ich als C-Jugendlicher beim Fußball verloren hatte, und deutlicher leiser nebenherlaufen lassen, wenn ich für die Latein-Schulaufgabe lernen musste.
Doch auch in das Beuteschema von N1 passe ich heute nicht mehr, obwohl die Marke N1 bei mir das ausgelöst hatte, was sich Unternehmen für jedes Produkt wünschen: N1 hat zu mir eine emotionale Bindung aufgebaut. Ich hatte es mit Markentreue goutiert. Dann wurde ich älter, die Zielgruppe und das Format von N1 nicht.
Vor allem in einer Zeit, in der Schülerinnen und Schüler, aber auch junge Erwachsene lieber Podcasts und Spotify als lineares Radio hören, ist es für mich unverständlich, warum der Sender nicht sein Format ändert und mitaltert, statt immer wieder mühevoll von vorne zu beginnen und neue, jüngere Hörerinnen und Hörer an sich binden will.

Contra: Gutes Radio kennt kein Alter
von Jörn Krieger
Als Medium, das ohne Bilder auskommt, lebt das Radio von den Emotionen, die es in den Köpfen des Publikums auslöst. Welches Alter die Stimme am Mikrofon oder die gespielte Musik hat, spielt weniger einer Rolle als die Stimmung, die das Programm auslöst. Jeder kann sich heute über Spotify und andere Musikstreamingdienste eine Playlist zusammenstellen, die exakt den eigenen Musikgeschmack trifft. Das kann kein Radiosender.
Doch Radio kann mehr: Die Hörer unterhalten, überraschen, anregen und auch mal aufregen. In anderen Worten: Radio ist das, was zwischen der Musik läuft: Ein guter Moderator trägt die Sendung, lässt aufhorchen, bewegt seine Hörer und liefert Gesprächsstoff.
Wichtig ist, dass der Sender und seine Zugpferde für die Hörer greifbar sind, etwa über starke Aktionen vor Ort. Ich würde Programmmachern raten: Geht raus auf die Marktplätze, sprecht mit eurem Publikum, zeigt euch, fallt auf! Echte Hörernähe und -bindung entsteht nicht über eine genauestens formatierte Musikauswahl, sondern über die besondere Persönlichkeit der Menschen, die das Programm gestalten, ihr Publikum kennen und verstehen.
Unverwechselbare Personalities am Mikrofon sind entscheidend für den Erfolg, dann bleiben die Hörer auch dran, wenn ihnen mal ein Song nicht gefällt. Schräge Vögel, die heutzutage fast nur noch bei YouTube und Social Media zu finden sind, Menschen mit Ecken und Kanten, Meinung und Mut zur Spontaneität gehören ins Radiostudio! Aber macht das nicht das Programm unberechenbar? Gut so! Wer nicht einschaltet, verpasst was. Das Schlimmste, das einem Radiosender passieren kann, ist Wiedererkennbarkeit: Wer weiß, was ihn erwartet, braucht das Programm nicht zu hören.
Das Erfolgsrezept ist ganz einfach: Wer in Altersgruppen, Zielgruppen oder Abschaltfaktoren denkt, macht das Radio langweilig. Lasst Moderatoren ans Mikrofon, die etwas zu sagen haben, spontan sind, live on air mit Hörern reden und auch mal ein Lied spielen, das nicht auf der Playlist steht. Nur Radio, über das man redet, ist relevant. Das Alter von Moderator, Songs und Publikum ist Nebensache.










