Giuseppe Scaglione verkauft MY105: „Radio ist für mich beendet“

Der Zürcher Medienunternehmer Jan Müller übernimmt den Jugendsender Radio 105 von dessen Gründer und CEO Giuseppe Scaglione. Scaglione, der den Sender 1997 aufgebaut hat, übergibt damit nach fast 30 Jahren einen digital ausgerichteten Radiosender und zieht sich aus der Schweizer Medien- und Radiolandschaft zurück.

MY105 - DJ RADIO (Logo)

Die Geschichte von Radio 105 – seit 2015 unter dem Markennamen my105 DJ Radio – ist geprägt von zahlreichen Höhen und Tiefen. Gestartet als Kabel-Testbetrieb, entwickelte sich das Jugendradio zu einer reichweitenstarken Marke in der jungen Zielgruppe. „Die Radio-105-Copycat von SRF ist bis heute – trotz ungleich höherem Budget – in dieser Zielgruppe irrelevant“, betont Scaglione. Der Radiopionier scheute auch juristische Auseinandersetzungen mit Behörden und Mitbewerbern nicht.

Giuseppe Scaglione im Interview (Bild: YouTube-Screenshot)
Giuseppe Scaglione im Interview (Bild: YouTube-Screenshot)

Trotz seiner zuletzt noch öffentlich formulierten Kritik an der UKW-Verbreitung („UKW ist tot“) sieht er für sich persönlich nun einen klaren Schnitt: „Ich habe es jede Sekunde geliebt, Broadcaster zu sein – aber jetzt kommt ein neuer Lebensabschnitt.“ Gemeinsam mit seiner Frau und langjährigen Wegbegleiterin Paola Libera zieht es ihn nach Italien. Geplant ist zunächst ein einjähriges Sabbatical. „Ich hatte seit Kind zwei große Träume: ein eigenes Radio und eines Tages am Meer zu leben. Ich lasse den ersten Traum los, um mich auf den zweiten einzulassen.“

In einem YouTube-Interview mit Michel Pernet, CEO der BLOFELD Communications AG, sprechen Giuseppe Scaglione und Müller ausführlich über den Verkauf und die Zukunft des Senders.

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Scaglione beschreibt den Moment des Abschieds nach drei Jahrzehnten Radiounternehmertum als emotionalen Einschnitt: Es sei „ein weinendes und ein lachendes Auge“. Zugleich betont er, der Zeitpunkt fühle sich richtig an – vergleichbar mit dem Moment im Profisport, wenn man merkt, dass es Zeit ist, den Stab weiterzugeben. Für ihn beginne nun „der zweite Traum – einmal am Meer zu leben“.

Radio 105 LogoRückblickend erklärt Scaglione, weshalb er Radio 105 ursprünglich gegründet hat. Als junger Radiomacher habe er nicht verstanden, warum neue internationale Musik im Schweizer Radio kaum stattfand. Sein damaliges Fazit: Wenn es andere nicht machen, müsse man eben selbst ein Radio gründen.

Auf die Frage, was er heute anders machen würde, zeigt er sich überraschend selbstkritisch – und zugleich konsequent. Dass das Projekt nach 30 Jahren noch existiere, sei für ihn der beste Beweis, dass die ursprüngliche Idee richtig gewesen sei. Besonders prägend seien frühe Schlüsselmomente gewesen, etwa das erste Pitch-Meeting mit Investoren, als er – nach eigener Erinnerung – als junger Unternehmer mit wenigen Folien, aber einer klaren Vision auftrat.

Einen zentralen Wendepunkt sieht Scaglione in einer existenziellen Krise rund um eine frühere Insolvenz und die anschließende Neuausrichtung von Radio 105. „Wir waren wirklich am Boden“, sagt er rückblickend. Aus heutiger Sicht sei diese Phase jedoch der entscheidende Energieschub gewesen, um das Unternehmen inhaltlich und technisch neu aufzustellen.

Radio105-Inhaber Daniel Hartmann (links) mit Giuseppe Scaglione (Foto: Radio 105)
Radio105-Inhaber Daniel Hartmann (links) mit Giuseppe Scaglione (Foto: Radio 105)

Als wichtigste persönliche Eigenschaft nennt Scaglione Widerstandskraft und Beharrlichkeit. Die Resilienz – auch im Zusammenspiel mit seiner Frau – sei wahrscheinlich seine größte Stärke. Entscheidend sei für ihn immer gewesen, dass ein Sender nur dann eine Existenzberechtigung habe, wenn ihn das Publikum tatsächlich wolle. Hätten die Hörerinnen und Hörer sich abgewandt, hätte man das Projekt beendet.

Jan Müller beschreibt im Gespräch seine eigene emotionale Bindung an Radio 105. Für ihn habe der Sender schon früh für eine neue Art von Medium gestanden – lange bevor soziale Netzwerke den Medienalltag prägten. Es sei ein Moment gewesen, in dem man verstanden habe, dass gerade eine neue Medienform entstehe. Entscheidend sei nicht allein die Musik, sondern vor allem die emotionale Wirkung der Inhalte und der Aufbau einer echten Community – auch über Events und Clubformate.

Inhaltlich und technologisch sehen beide Gesprächspartner das Radio insgesamt in einer tiefgreifenden Transformation. Scaglione verweist auf den Bedeutungswandel durch Streaming und DAB+ sowie auf die wachsende Unabhängigkeit von klassischen regulatorischen Strukturen. Gleichzeitig betont er die besondere Stärke des Mediums: Radio sei nach wie vor ein echtes Community-Listening-Medium, bei dem viele Menschen zur gleichen Zeit dasselbe hören – und genau daraus entstehe ein starkes Gemeinschaftsgefühl.

Müller will Radio 105 künftig eng mit der Plattform- und Softwarestrategie seines Unternehmens Audiospace verzahnen. Der Sender solle jedoch kein reiner Showroom sein, sondern ein realer Experimentierraum für neue digitale Formate, Community-Modelle und Geschäftsansätze. Eine der größten Herausforderungen sieht Müller im strukturellen Rückgang klassischer Radioerlöse und im Aufbau neuer, digitaler Erlösquellen.

Inhaltlich setzt Müller klar auf Profil und Persönlichkeiten. Aus internationalen Märkten – insbesondere aus den USA – nehme er vor allem mit, dass stark erkennbare Hosts und Formate den Unterschied machen. Musik allein reiche als Alleinstellungsmerkmal nicht mehr aus.

„Radio ist für mich beendet. Dieses Kapitel ist jetzt abgeschlossen.“
(Giuseppe Scaglione)

Zum Abschied macht Scaglione deutlich, dass er den Schritt bewusst als Abschluss versteht: „Sag niemals nie – aber ich würde sagen: Ja, Radio ist für mich beendet. Dieses Kapitel ist jetzt abgeschlossen.“

Giuseppe Scaglione (Bild: Radio 105)
Giuseppe Scaglione (Bild: Radio 105)

Müller würdigt seinen Vorgänger mit einem einfachen Leitsatz, den er aus der Zusammenarbeit mitnimmt: „I can. I will.“ Zugleich betont er, dass Radio 105 für viele junge Moderatorinnen und Moderatoren in der Schweiz über Jahre hinweg eine der wichtigsten Plattformen für den Einstieg in die Medien- und Unterhaltungsbranche gewesen sei.

Quelle: YouTube-Video

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