EU: Breite Allianz will Radio im Auto gesetzlich sichern

EU: Breite Allianz will Radio im Auto gesetzlich sichern (Bild: © Pixabay)

Das Radio im Auto ist zu einer zentralen medien- und digitalpolitischen Frage auf europäischer Ebene geworden. Angesichts zunehmend softwarebasierter, vernetzter Fahrzeuge warnen Politikerinnen und Politiker, Rundfunkveranstalter und Branchenverbände davor, dass der jahrzehntelang selbstverständliche Zugang zu Radio im Fahrzeug nicht länger garantiert ist. Vor diesem Hintergrund fordern Mitglieder des Europäischen Parlaments (MEP) parteiübergreifend klare gesetzliche Vorgaben im geplanten Digital Networks Act (DNA), um Radioempfänger im Auto dauerhaft zu sichern.

Breite politische Allianz für den Erhalt des Autoradios

In einem Schreiben an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vom 16. Januar 2026 appelliert eine breite, fraktionsübergreifende Gruppe von Abgeordneten aus EVP, S&D, Renew und den Grünen an die Europäische Kommission, das Radio im Auto verbindlich im Digital Networks Act zu verankern. Die Initiative geht auf die kroatische EVP-Abgeordnete Sunčana Glavak zurück und wurde nach einer hochrangigen AER-Diskussionsrunde im Europäischen Parlament im November 2025 angestoßen.

Kernforderungen der Abgeordneten sind eindeutig: Alle neuen Fahrzeuge auf dem EU-Markt sollen verpflichtend mit Radioempfängern ausgestattet sein, lizenzierte Radioprogramme müssen in den Benutzeroberflächen der Fahrzeuge leicht auffindbar und zugänglich bleiben, und es soll ein fairer Wettbewerb zwischen europäischen Radioprogrammen und globalen Audio- und Plattformanbietern gewährleistet werden.

Radio im Auto als kritische Infrastruktur

In ihrem Schreiben betonen die Parlamentarier den besonderen gesellschaftlichen Stellenwert des Radios. Es sei nach wie vor das vertrauenswürdigste Medium in Europa, liefere redaktionell unabhängige Informationen, kulturelle Inhalte und erfülle eine zentrale Sicherheitsfunktion. Gerade in Krisen- und Katastrophensituationen – bei Stromausfällen oder dem Ausfall mobiler Netze – sei Rundfunk häufig das einzige Medium, über das die Bevölkerung zuverlässig erreicht werden könne.

Mit Blick auf die zunehmende Plattformisierung des Fahrzeugs warnen die Abgeordneten vor einer neuen Gatekeeper-Rolle von Automobilherstellern und globalen Technologieunternehmen. Ohne klare Regulierung bestehe die Gefahr, dass Radio im Infotainmentsystem marginalisiert oder hinter kostenpflichtigen, datengetriebenen Angeboten verdrängt werde – mit Folgen für Medienpluralismus, Verbraucherwahlfreiheit und öffentliche Sicherheit.

Unterstützung durch die Radiobranche: AER fordert verbindliche Vorgaben

Rückenwind erhalten die Forderungen aus dem Parlament durch die Association of European Radios (AER). In ihrer Position zur Reform des Europäischen Kodex für die elektronische Kommunikation (EECC) und zum Digital Networks Act plädiert die AER für eine zukunftssichere Regulierung, die Radio als festen Bestandteil des vernetzten Fahrzeugs absichert.

Zentrales Element ist die Verpflichtung, alle neuen Fahrzeuge der Klassen M und N mit hybridfähigen Radioempfängern auszustatten, die FM, DAB/DAB+ und IP unterstützen. Damit soll sichergestellt werden, dass Radio im Auto sowohl über klassische Rundfunknetze als auch ergänzend über IP-basierte Dienste verfügbar bleibt. Ebenso fordert die AER eine klare und prominente Auffindbarkeit von Radio, etwa über einen dedizierten Radio-Button – physisch oder in der Benutzeroberfläche.

Hohe Nachfrage, sinkende Selbstverständlichkeit

Die Argumentation der Branche stützt sich auch auf Marktdaten: Laut internationalen Studien von WorldDAB und Edison Research geben 91 Prozent der aktuellen und potenziellen Autokäufer an, dass FM- oder DAB/DAB+ Radio im Fahrzeug wichtig ist. Rund 80 Prozent würden sogar vom Kauf eines Autos ohne Radioempfang Abstand nehmen. Dennoch kommen zunehmend – insbesondere elektrische – Fahrzeuge ohne klassischen Radioempfänger auf den Markt.

Ursache ist die wachsende Bedeutung globaler Plattformen und Streamingdienste in Infotainmentsystemen. Da Automobilhersteller weltweit agieren, priorisieren sie häufig Partnerschaften mit großen Technologieanbietern gegenüber direkten Integrationen europäischer Radioprogramme. Die Folge ist eine schleichende Verdrängung des Radios aus der ersten Bedienebene des Fahrzeugs (vgl. Tesla entfernt Radio aus neuem Model 3 Standard).

Sicherheit, Kostenfreiheit und Medienvielfalt

Aus Sicht der AER und der unterstützenden Mitglieder des Europäischen Parlaments sprechen mehrere Gründe für eine gesetzliche Absicherung des Radios im Auto: Radio ist kostenfrei nutzbar, erfordert keine Datenverbindung und verursacht keine zusätzlichen Abonnement- oder Roamingkosten. Zudem verfügt der Rundfunk über eine flächendeckendere Versorgung als Mobilfunknetze, insbesondere in ländlichen und dünn besiedelten Regionen.

Hinzu kommt der Aspekt der Verkehrssicherheit. Eine einfache, intuitive Bedienung reduziert Ablenkung während der Fahrt. Komplexe Touchscreen-Menüs und App-Strukturen hingegen erhöhen das Risiko von Unfällen. Radio erfüllt hier eine besondere Rolle als „One-Click-Medium“.

Der Digital Networks Act als Weichensteller

Die Europäische Kommission hat ihren Vorschlag für den Digital Networks Act am 20. Januar 2026 vorgelegt. Parallel läuft die Überprüfung des Europäischen Kodex für die elektronische Kommunikation, dessen Artikel 113 bereits Vorgaben zur Förderung von digitalem Radio im Auto enthält. Nach Auffassung der Radiobranche dürfen diese bestehenden Regelungen nicht abgeschwächt, sondern müssen gestärkt und weiterentwickelt werden.

Der Digital Networks Act gilt daher als entscheidende Gelegenheit, Radio im vernetzten Fahrzeug dauerhaft abzusichern – technologieoffen, aber verbindlich. Ziel ist ein hybrider Ansatz, der FM, DAB/DAB+ und IP kombiniert und den unterschiedlichen infrastrukturellen Gegebenheiten in den Mitgliedstaaten Rechnung trägt.

Politischer Schulterschluss nach der AER-Roundtable-Debatte

Der politische Druck auf die Kommission ist auch Ergebnis intensiver Vorarbeit. Bei der AER-Roundtable-Veranstaltung „Tune in to Trust: Radio’s Future in the Digital World“ im November 2025 im Europäischen Parlament betonten zahlreiche Abgeordnete und Branchenvertreter die Rolle des Radios als „civic infrastructure“. Radio sei kein nostalgisches Medium, sondern ein zentraler Bestandteil demokratischer Resilienz und öffentlicher Kommunikation.

VAUNET unterstützt medienrelevante Aspekte im Verordnungsvorschlag für einen Digital Networks Act

Auto im Radio: VAUNET Kommentar zum Digital Networks Act-Gesetzesentwurf

Auch in Deutschland stößt der Verordnungsentwurf für den Digital Networks Act (DNA) auf grundsätzliche Zustimmung seitens der Medienbranche. Der Bundesverband Deutscher Privatradios und Privater Medien (VAUNET) begrüßt insbesondere die Beibehaltung der sogenannten Must-Carry-Regelungen für Radio- und Fernsehdienste sowie die vorgesehene Interoperabilitätsnorm für Autoradios. Diese sichere den Fortbestand des Radios in Pkw- und In-Car-Entertainment-Systemen über alle Übertragungswege hinweg.

Positiv bewertet der Verband zudem, dass der DNA die inhaltliche Regulierung unberührt lässt und zentrale Ziele wie Medienpluralismus und Meinungsvielfalt bestätigt.

Skepsis gegenüber „freiwilliger Schlichtung“ zwischen Netz- und Inhalteanbietern

Kritisch sieht der VAUNET hingegen das im Entwurf enthaltene Konzept einer „freiwilligen Schlichtung“ zwischen Netz- und Inhalteanbietern. Dieses berge angesichts der Marktmacht großer Netzbetreiber das Risiko wirtschaftlicher Nachteile für Medienunternehmen und einer mittelbaren Einführung von Infrastrukturabgaben. Regulatorische Eingriffe in kommerzielle Vereinbarungen lehnt der Verband ab und warnt vor möglichen Folgen für Wettbewerb, Verbraucherwahlfreiheit und die Qualität der Medienangebote.


Die abschließende Botschaft ist eindeutig: Wenn Europa Medienvielfalt, Krisenvorsorge und freien Zugang zu vertrauenswürdigen Informationen sichern will, muss Radio auch im digitalen Mobilitätszeitalter seinen festen Platz im Auto behalten.

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