
Wenn Arno geht, dann geht eine Ära. Arno von der Morgencrew ist nicht irgendein Moderator. Er ist der, der das Konzept Morningshow ins deutsche Radio brachte. Sämtliche Morningshows im Land gehen darauf zurück. Auch die strategische Methode, Radioprogramme auf demographische Zielgruppen zu programmieren, geht auf Arno Müller zurück. Seinen Hörern teilte er jetzt on Air mit, dass er im Sommer aufhören wird.
Das ist nicht nur eine persönliche Entscheidung, die man mit dann 64 Jahren besten Gewissens treffen darf. Das ist auch das Symbol für den Niedergang einer Medienbranche, den die Politik aktiv betreibt, voran übrigens der für seine Haltung zur Medienfreiheit eh gerade höchst umstrittene Daniel Günther in Schleswig-Holstein. Dessen Land hat vergangenes Jahr damit begonnen, die UKW-Frequenzen abzuschalten. Bis 2031 wird in Deutschlands hohem Norden kein Radio mehr über UKW zu hören sein. Hörer sind gezwungen, entweder auf DAB umzuschalten oder ins Internet auszuweichen.
Das ist pures Zerstörungswerk der Politik und keineswegs natürliche Disruption des Marktes. Die UKW-Plattform war eine Basis dafür, dass Radio immer ganz gut durch diverse Krisen gekommen ist. Das ist alsbald vorbei. Radio wird damit eine Medienbranche wie jede andere.
Und ist damit so angreifbar wie jede andere. 104.6 RTL mit Arno Müller ist ein exzellentes Beispiel dafür, was Radio sich erlauben durfte. Das war nicht nur das Berliner Programm für Comedy und Musik, ausgerichtet auf weibliche Zielgruppen in den Zwanzigern und Dreißigern, sondern über weite Strecken mutiger und spektakulärer als alles, was Medien heute wagen.
Als beispielsweise Oskar Lafontaine kurz nach dem Wahlsieg der SPD seinen Posten als Finanzminister nach nur wenigen Tagen hinwarf und damit die rotgrüne Koalition mit Gerhard Schröder und Joschka Fischer in Turbulenzen stürzte, da haben wir – die Mitglieder der Morgencrew mit Arno – am Abend beim Pizzaessen am Savignyplatz beschlossen, den Bundeskanzler mit einem verrückten Telefon auf die Schippe zu nehmen.
Das klappte. Wir hatten mit Olli Döring einen großartigen Darsteller des Bundespräsidenten Roman Herzog. Unser Plot entstand ratzfatz: Einer von uns – das war ich – spielt den Staatssekretär des Bundespräsidenten, der gerade auf Staatsbesuch in Südamerika war. Der sollte bei der Telefonzentrale des Kanzleramtes anrufen und sich zum Kanzler durchfragen, damit der Präsident den Kanzler sprechen könne. Das klappt wie am Schnürchen. Wir bekamen Schröders Handynummer. Ein Sicherheitsbeamter ging ran. Der Kanzler sitze gerade in der Koalitionsrunde. Ob er bitte für den Bundespräsidenten herauskommen könne. Er kam an den Apparat und lieferte dem Publikum einen Einblick in die echten Abläufe. Etwa, dass Lafontaine ohne viele Worte einfach hingeschmissen habe. Dass nicht einmal er, Gerhard Schröder, ihn noch erreiche.
Heraus kamen 20 Minuten Wortstrecke. Arno, immerhin auch Programmdirektor, holte sicherheitshalber das Okay dafür beim Geschäftsführer ein. Das rettete am Ende seinen Kopf. Wir haben dieses verrückte Telefon mit dem Bundeskanzler zwei Mal gesendet – in der Sieben-Uhr-Stunde und in der Acht-Uhr-Stunde. Es war die Hölle los. Hörer riefen an. Andere Medien wollten über die Aktion berichten. Allerdings drehte sich der Wind schnell. Die RTL-Chefs in Paris fanden sie nicht lustig und distanzierten sich. Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelte wegen „Verunglimpfung des Bundespräsidenten“ gegen Olli Döring und mich, stellte das Verfahren aber bald ein. Der Journalistenverband verdammte uns als unseriöse Gesellen. Allerdings drehte sich der Wind dann auch wieder zurück. Im Deutschlandfunk gab es einen Kommentar, der uns „Frechdachsen“ bescheinigte, einfach nur die Macht auf unterhaltsame und aufschlussreiche Weise bloßgestellt und der Meinungsfreiheit einen Dienst erwiesen zu haben.
Ich erwähne das deshalb, weil Arno der Typ Programm-Macher war, dem Formalien letztlich egal waren. Klar, das Programm war durchformatiert. Es gab eine Programmuhr, die exakt die Musiktitel jeder Kategorie vorplante, die Werbeblöcke, Verpackungselemente, Nachrichten, Wetter und Verkehr. Aber Arno-typisch war, dass ihm diese Regeln im Ernstfall egal waren. Wer will Musik hören, wenn er ein verrücktes Telefon mit dem Bundeskanzler hören kann? Das waren sinngemäß seine Worte. Und so war es tatsächlich: Zwanzig Minuten Wort am Stück ohne Musik in dem Sender, der sich Berlins Musiksender nannte – weil es da was Besseres gab als sogar die beste Musik.
Arno-typisch auch, dass jedes seiner Elemente speziell sein musste. Verkehr: Mit Flugzeug über der Stadt. Nachrichten: Der etwas irre Lemmer, der da in seiner Nische investigativen Journalismus treiben durfte, zum Krieg auf den Balkan reisen oder einen Korrespondenten in Moskau anheuern, der – noch zu Beginn der Jelzin-Zeit – live von der Panzerattacke gegen das Parlamentsgebäude berichtete. Journalismus per se ist Arno vermutlich ziemlich egal, aber nicht egal ist ihm, was seine Hörer in seinem Programm serviert bekommen. So lange es wirklich hörenswert und nicht langweilig ist, dann gern auch Journalismus.
Spektakulär auch die Promotions. Als Arno zum ersten Mal Rechnungen von Hörern beglich, da tat derartiges niemand sonst. Heute ist das eine Standardaktion aller deutschen Formatradios. Es ist nur eines der vielen Features, die Arno einführte und die überall in Deutschland übernommen wurden. Manches, was Arno wagte, hätten andere auch gern gehabt, trauten sich aber nicht. Etwa die Verlosung einer Schönheits-OP oder die Aussicht, via Adoption Prinzessin zu werden. Okay, es war nur Prinz Frederik, aber immerhin. Und es sorgte für Gesprächsstoff.
Arno hat großes Radio gemacht, größer als großes Kino. Das ist vorbei. Das ist es übrigens schon eine Weile. Auch bei Arno und 104.6 RTL ist über die Zeit viel in Routine erstarrt. Wirkmächtiger aber ist, dass andere Typen Einfluss gewannen. RTL ist nicht mehr die Rockstar-Bude mit dem Charme von Piratenfunkern, sondern ein Konzern, der von Leuten geführt wird, die auch in jeder anderen Branche arbeiten könnten.
Der richtige Song für Arno wäre „Last DJ“ von Tom Petty. Wobei ich glaube, dass er den vielleicht gar nicht besonders mag. Aber passen täte er.

Kommentar von Christoph Lemmer (Freier Journalist).
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