UKW ist tot – und doch nicht wegzukriegen

UKW AN – UKW AUS –DAB+ (Bild: ChatGPT)

Die Schweiz galt lange als Vorzeigeland für den digitalen Hörfunk. DAB+ wurde früh, flächendeckend und konsequent eingeführt. Ende 2024 zog die SRG dann den vermeintlich logischen Schluss: UKW aus. Die Rechnung schien sauber. Nur noch rund sieben Prozent der Bevölkerung nutzten analogen Radioempfang, der Unterhalt von mehr als 800 UKW-Sendeanlagen war teuer, DAB+ ist technisch überlegen: es werden nur noch etwa 260 Sendeanlagen benötigt. Rund 15 Millionen Franken pro Jahr sollten so eingespart werden.863efbd6507b40bf960887652c572ca8

Doch kaum war UKW abgeschaltet, folgte die Rolle rückwärts. Nun soll der analoge Rundfunk wiederkommen – politisch beschlossen, teuer erkauft und medienstrategisch unerquicklich. Rund 16 Millionen Euro kostet die Wiederinbetriebnahme. Gespart wird also nicht mehr, im Gegenteil: Für eine schrumpfende Minderheit wird eine eigentlich abgeschriebene Infrastruktur erneut finanziert.

Der eigentliche Grund liegt nicht beim Radio, sondern im Auto. Ein erheblicher Teil der Fahrzeugflotte in der Schweiz verfügt über kein DAB+. Nicht, weil die Technik unbekannt wäre, sondern weil Autoradios über Jahre hinweg bewusst so tief in die Fahrzeugelektronik integriert wurden, dass sie faktisch nicht austauschbar sind. Nachrüsten? Oft unmöglich. Neues Auto kaufen? Für viele keine Option. Ergebnis: Ohne UKW kein Radio im Auto.

Damit wird deutlich, wie fragil medienpolitische Digitalstrategien sind, wenn sie nicht mit anderen Industrien abgestimmt werden. Die SRG hat UKW nicht aus ideologischen Gründen abgeschaltet, sondern aus ökonomischer und technischer Vernunft. Die Rückkehr ist kein Fortschritt, sondern ein Reparaturbetrieb für Versäumnisse der Vergangenheit – vor allem der Automobilindustrie, die jahrelang DAB+ ignoriert oder bewusst ausgebremst hat.

Für die SRG ist das Ergebnis unerquicklich: Sie muss eine teure Parallelstruktur betreiben, obwohl die Nutzung eindeutig digital ist. Für die Gebührenzahler bedeutet es Mehrkosten ohne Mehrwert. Und für die Digitalstrategie des Radios ist es ein fatales Signal: Wer laut genug klagt, bekommt alte Technik zurück.

Die Lehre daraus ist unbequem, aber klar: Solange das Autoradio der Engpass bleibt, wird UKW politisch nicht sterben dürfen – egal, wie überholt es technisch ist. Der Schweizer UKW-Wiedereinstieg ist deshalb weniger ein Triumph der Nostalgie als ein Beweis dafür, dass Medienwandel nicht an Sendemasten scheitert, sondern an Armaturenbrettern.

Der Schweizer Gebührenzahler muss so die Fehler der Autoindustrie auslöffeln. Und sollte auch nicht zu laut auf diese schimpfen, da diese sonst den zukünftigen Autoradios zur Strafe die Empfangsmöglichkeit für UKW, DAB+ und auch öffentlich-rechtliches Internetradio komplett streichen könnten. Dann blieben im Auto nur noch Spotify und herstellereigene „Sender“ beziehungsweise eher Werbekanäle – „VW Radio“, „Radio Tesla“ und „Unterwegs mit Ford“.


Wolf-Dieter RothÜber den Autor:
Wolf-Dieter Roth, Dipl.Ing. Nachrichtentechnik, ist Radiofan seit der Kindheit und war in den Datennetzen über Festnetz und (Amateur-) sowie Mobilfunk schon aktiv, als 1200 und 9600 Bit/s als „schnell“ galten und man gewohnt war, die eingehenden Daten live mitlesen zu können. Beruflich ist er in Elektronik, Internet- und Funktechnik, Fachjournalismus, PR und Marketing zu Hause.

 

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