NRW Lokalradios starten auf DAB+

DAB+ in NRW, Fernsehturm Düsseldorf (Bild: © Marek Schirmer)
DAB+ in NRW, Fernsehturm Düsseldorf (Bild: © Marek Schirmer)

Standpunkt von Marek Schirmer

Es ist ein Start, der weniger nach feierlichem Durchbruch klingt als nach pragmatischem Pflichttermin. Seit Donnerstagvormittag sind die meisten NRW-Lokalradios erstmals auch über DAB+ zu empfangen – leise, technisch noch nicht ganz rund und ohne den sonst üblichen publizistischen Pomp.

Zwischen 9 und 11 Uhr schaltete der Netzbetreiber Media Broadcast an 20 Standorten in fünf Regionen die Sender frei, insgesamt 42 Programme gingen auf Sendung. Dass das Münsterland erst 2026 folgen soll und eine gemeinsame Pressemitteilung ebenfalls auf sich warten lässt, passt ins Bild: Der digitale Aufbruch der Lokalradios in Nordrhein-Westfalen erfolgt nicht aus Euphorie, sondern aus Notwendigkeit.

Noch allerdings ist dieser Start ein Provisorium. Am Netz wird weiter gearbeitet, offiziell spricht niemand von einem Regelbetrieb. Viele Programme gingen zunächst mit reduzierter Audioqualität on air und wurden erst im Laufe des Tages auf 96 kbps angehoben – klanglich damit besser als der WDR und zahlreiche kommerzielle Wettbewerber. Ausnahmen bilden Radio Sauerland und Radio Siegen, die zugunsten maximalen Fehlerschutzes in topografisch schwierigen Regionen auf eine höhere Bitrate verzichten.

Radio Sauerland DAB Liste 1

Begleitet wird der Start von den üblichen Kinderkrankheiten: fehlerhafte Titelanzeigen, leere Slideshows, kryptische Multiplex- und Sendernamen sowie ein „Hello World“ im Radiotext. Der digitale Eintritt der NRW-Lokalradios beginnt leise, technisch unfertig und ohne Feierlaune – aber er beginnt.

Domradio kehrt auf DAB+ zurück, aber nur im Rheinland, die niedersächsische Antenne Schlager ist erstmals auch in Ostwestfalen zu empfangen. Weitere neue Programme lassen auf sich warten – weitere Aufschaltungen sind angekündigt, aber erst für das kommende Jahr vorgesehen: im Februar 2026 sollen laut MEDIA BROADCAST die Programme Metropol FM, MusicStar und Stream D aufgeschaltet werden.

DAB+ aus Zwang

Über Jahre hinweg verweigerten sich die Lokalradios konsequent der digitalen Verbreitung, während Campusradios – als Einrichtungsfunk – keinen Zugang dazu erhielten. In dieser Zeit ist DAB+ längst vom Experiment zur Alltagsrealität geworden. Wer heute in NRW flächendeckend mehr als 50 Programme digital empfangen kann, hat schlicht keinen Anlass mehr, für einzelne Angebote zurück auf UKW zu wechseln. Genau diese Schwelle ist für viele Hörer mental hoch: Für ein einzelnes Lokalprogramm das Frequenzband zu wechseln, erscheint umständlich – und wird im Zweifel unterlassen. Die Folge ist eine stille Marginalisierung jener Anbieter, die zu lange auf die Trägheit ihres Publikums gesetzt haben.

Entwicklung DAB+ Ausstattung und Tagesreichweite ZG Gesamt (in Prozent)

Nun holt die Realität die einstigen DAB+ Skeptiker ein – und zwar mit Wucht. Die aktuellen Reichweiten- und Ausstattungsdaten der EMA belegen, wie rasant sich der Markt verschiebt. Innerhalb eines Jahres stieg der Anteil der Haushalte mit DAB+ fähigen Geräten auf 47,1 Prozent, ein Plus von fast zehn Prozentpunkten. Noch aussagekräftiger ist die Nutzung: Nach Angaben des MS Medienbüros hörten im Juni 2025 bereits 26,4 Prozent der Radiohörer in NRW am Vortag ein DAB+ Programm. Der Strukturwandel ist damit nicht mehr Prognose, sondern Statistik. Dass die Aufschaltungen nun holprig verlaufen, ist weniger technisches Versagen als das Resultat jahrelangen Zögerns.

Holpriger Start

Der eigentliche Startschuss fiel leise – ohne Bühne, ohne Pressetermine, ohne politische Begleitmusik. Der Kontrast zum Jahr 2021 könnte größer kaum sein: Damals wurde der erste kommerzielle Multiplex im Rheinturm mit Prominenz aus Medien und Politik zelebriert (RADIOSZENE berichtete), heute herrscht kurz vor Weihnachten eher Betriebsamkeit zwischen Jahresendstress und Urlaubsplanung. Ob es schlicht am Zeitdruck lag oder an der Erkenntnis, dass für große Gesten die Bedingungen fehlen, bleibt offen. Fest steht: Der DAB+ Ausbau erreicht sein Publikum diesmal ohne symbolische Inszenierung.

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Hinzu kommen technische Kinderkrankheiten, die dem digitalen Neustart einen Beigeschmack von Testbetrieb verleihen. Hörer meldeten Verzögerungen von bis zu 20 Sekunden bei einzelnen Lokalprogrammen – offenbar, weil nicht mit Standleitungen, sondern mit abgegriffenen Internetradio-Streams gearbeitet wird. Experten warnen vor akustischen Ärgernis im Auto: Schaltet das Empfangsgerät zwischen DAB+ und UKW um, geraten die Signale aus dem Takt, das Hörerlebnis zerfällt in Sprünge und Wiederholungen. Ein solcher Eindruck kann Vertrauen kosten, Imageverlust droht. Vielleicht erklärt das auch, warum Imagekampagnen bislang ausbleiben. Wer noch am lebenden Objekt operiert, trommelt ungern für Perfektion.

Studie „Zukunft des Hörfunks in Nordrhein-Westfalen 2028“

Die Zukunft des Radios in Nordrhein-Westfalen ist weniger eine Frage der Technik als eine der Machtverschiebung. Das Evaluationsgutachten der Goldmedia GmbH, im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW erstellt und bereits 2018 vorgestellt, zeichnet ein Bild vom schleichenden Abschied des klassischen UKW-Hörfunks. Bis 2028, so die nüchterne Prognose, verlieren analoge Verbreitungswege in allen untersuchten Szenarien deutlich an Bedeutung. Getrieben wird dieser Wandel nicht primär von regulatorischen Eingriffen, sondern von einem tiefgreifenden Strukturbruch im Nutzungsverhalten: Streaming, mobile Endgeräte und eine fragmentierte Hörerschaft setzen dem bisherigen Hörfunkanbietern immer mehr zu.

Besonders deutlich wird dies in den vier DAB+- und Streaming-Szenarien, die Goldmedia mithilfe ökonometrischer Modelle und komplexer Szenario-Analysen entwirft. Ob vorsichtige DAB+ Expansion, Streaming-Dominanz oder paralleles Wachstum digitaler Verbreitungswege – gemeinsam ist allen Varianten der Rückgang der UKW-Erträge. Selbst im günstigsten Fall bleibt der Werbemarkt unter Druck, weil junge Zielgruppen längst in nicht-lineare Audiowelten abgewandert sind. Radio, so das implizite Fazit, verliert schleichend seine Selbstverständlichkeit als Massenmedium.

Brisant ist das Gutachten vor allem dort, wo es die ökonomischen Risiken für den lokalen Privatfunk offenlegt. Steigende Konkurrenz durch globale Plattformen, stagnierende Werbebudgets und eine digitale Transformation, die Investitionen erfordert, ohne sofortige Erträge zu garantieren – all das trifft auf Sender, die vielerorts schon heute nur knapp kostendeckend arbeiten. Die Studie macht klar: Die eigentliche Entscheidung lautet nicht mehr UKW oder DAB+, sondern Anpassung oder Bedeutungsverlust. Wer Radio auch in zehn Jahren noch als relevanten Akteur sehen will, muss sich von der Illusion verabschieden, dass alles bleiben kann, wie es ist.

Erster Call for Interest

Als die Landesanstalt für Medien NRW im Oktober 2018 ihren „Call for Interest“ für DAB+ startete, wirkte der Schritt zunächst wie ein technokratisches Routineverfahren. Tatsächlich entpuppte sich der Aufruf als Seismograf für einen lange unterschätzten Strukturwandel. 47 Programmveranstalter meldeten Interesse an Übertragungskapazitäten an, mehr als die Hälfte davon nicht aus Nordrhein-Westfalen. Selbst aus dem benachbarten Ausland kam ein Bewerber. 

Ende des DAB-Pilotprojekts

Gleichzeitig lief die Uhr gnadenlos ab. Zum Jahreswechsel 2019/2020 endete das seit 1997 währende DAB-Pilotprojekt, eine medienpolitische Übergangslösung, die über zwei Jahrzehnte zum Dauerzustand geworden war. Mit dem Auslaufen der Vereinbarung fiel der Kanal 11D exklusiv an den WDR zurück. Das Kölner Domradio stand plötzlich ohne terrestrischen Verbreitungsweg da – ein symbolträchtiger Moment für die Fragilität der privaten Radiolandschaft im bevölkerungsreichsten Bundesland.

Bedarfsanmeldung für neue landesweite und regionalisierte DAB+ Bedeckung

Die Landesmedienanstalt reagierte, doch das Verfahren zog sich. Im März 2019 meldete die Medienkommission offiziell Bedarf für neue landesweite und regionalisierte DAB+ Kapazitäten an. Damit begann ein mehrstufiger bürokratischer Prozess, an dem die Landesanstalt für Medien NRW, Staatskanzlei und Bundesnetzagentur beteiligt waren. Was auf dem Papier nach geordnetem Verwaltungshandeln aussah, entwickelte sich in der Praxis zu einem zähen Koordinierungsmarathon – mit offenem Ausgang.

Nachbarländer bremsen NRW aus

Besonders problematisch wurde die internationale Dimension. Spätestens beim Audio Summit NRW im Herbst 2019 wurde deutlich, dass die Netzplanung nicht allein in Düsseldorf entschieden wird. Die Bundesnetzagentur rang in komplizierten Verhandlungen mit den Niederlanden und Belgien, die eigene Nutzungskonzepte vorlegten und DAB+ in Nordrhein-Westfalen blockierten. Anfang 2020 erklärte die Landesregierung, dass erste Kapazitäten zeitnah bereitstehen werden, tatsächlich dauerte es bis Juli 2020, ehe landesweite Übertragungskapazitäten formell zugeordnet wurden – regionalisierte Frequenzen blieben weiter Mangelware.

Landesweiter Multiplex geht on Air

Erst 2021 kam Bewegung in die Sache. Die Ausschreibung für einen landesweiten privaten DAB+-Multiplex brachte zahlreiche Bewerber hervor, den Zuschlag erhielt schließlich die audio.digital NRW. Am 29. Oktober 2021 ging der Multiplex mit 10 Programmen on air, weitere sechs folgten – ein Meilenstein für den privaten Hörfunk in NRW und zugleich ein verspäteter Beweis dafür, dass der Markt längst bereit war. 

Zweiter Call for Interest

Der zweite Call for Interest der Landesanstalt für Medien NRW sollte den digitalen Hörfunk voranbringen, entpuppte sich jedoch als Lehrstück über die Mühen der Regulierung. Zwar wurden ab März 2023 gezielt landesweite und regionale Anbieter angesprochen, doch schon die Ausgangslage war von Engpässen geprägt: Fünf Regionen standen bereit, das Münsterland blieb mangels freier Kapazitäten außen vor. Als im Frühjahr 2024 schließlich regionalisierte DAB+ Übertragungskapazitäten samt Förderung ausgeschrieben wurden, war der Andrang groß. 53 Hörfunkveranstalter und vier Plattformbetreiber bewarben sich um bis zu 80 Plätze – ein Zeichen für Interesse, aber auch für den ökonomischen Druck in einem Markt, in dem digitale Reichweite ohne staatliche Starthilfe kaum zu finanzieren ist.

Die Förderlogik folgt einem klaren politischen Ziel: mehr Programmproduktion in NRW. Wer sendet, soll Redaktionen im Land aufbauen und erhält dafür über drei Jahre hinweg Zuschüsse zu den Verbreitungskosten, degressiv gestaffelt von 70 auf 30 Prozent. Doch der Charme dieser Anschubfinanzierung endet abrupt nach drei Jahren, während die Verträge eine Laufzeit von zehn Jahren haben. Sieben Jahre ohne Förderung bleiben insbesondere für Nischenprogramme ein Wagnis. Verschärft wird die Lage durch steigende Kosten in topografisch schwierigen Regionen, wo sich die Preise gegenüber den ursprünglichen Erwartungen teils verdoppelten. Der Traum vom „landesweiten regionalisierten Netz“ wird damit teurer als geplant.

Verständigungsverfahren

Hinzu kommt ein nordrhein-westfälisches Spezifikum: das Verständigungsverfahren. Wo mehr Bewerber als Kapazitäten vorhanden sind, sollen sich die Marktteilnehmer einigen. Für die Programmveranstalter gibt es ausreichend Plätze, für die vier Plattformbetreiber jedoch eine Zitterpartie. Denn erst wenn klar ist, wer das Netz baut, wird der Preis transparent – und genau auf dieses Preisschild warteten die Sender quälend lange. Die Folge: Verzögerungen beim Start, geparkte Fördermittel im Haushalt der Medienanstalt und schließlich eine Nachbesserung um 213.000 Euro, die laut LfM-Direktor Tobias Schmid vor allem Anbietern in schwierigen Regionen helfen soll, die Mehrkosten aber kaum kompensiert beim rechtlich vorgeschriebenen Gießkannenprinzip. Parallel laufen Gespräche mit dem WDR, dessen technische Anforderungen an seinen Standorten wegen Lieferproblemen den Netzausbau zusätzlich bremsen könnten, eine Zwischenlösung wird gefunden. 

Gute Nachrichten aus dem Münsterland

In der zweiten Jahreshälfte hellt sich im Münsterland die Lage auf. Nach jahrelangem Warten findet die Bundesnetzagentur endlich einen freien Kanal, die LfM schreibt ihn aus, und im Herbst 2025 liegen neun Bewerbungen von Programmanbietern und zwei von Plattformanbieter vor. Das Verständigungsverfahren verläuft diesmal erstaunlich reibungslos, im Dezember entscheidet die Medienkommission: Media Broadcast wird auch hier das Netz aufbauen. Es sind gute Nachrichten und ein gutes Signal für den DAB+-Ausbau, der in NRW bislang vor allem eines gezeigt hat: Wie kompliziert der Weg von der politischen Absicht zur sendefähigen Realität ist.

NRW DAB+ REGIO

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