Der November von Bydgoszcz: Wie ein brennender Störsender zum Symbol der Freiheit wurde

Ein Aufstand, der zeigt, wie sehr das Ringen um freie Information den Ostblock prägte – Störsender gab es nicht nur in der DDR, auch in Polen bildeten sie eine berüchtigte Funkbarriere zwischen zwei politischen Systemen.

Wie ein brennender Störsender zum Symbol der Freiheit wurde –IPNtv Bydgoszcz (Bild: YouTube-Video)
Wie ein brennender Störsender zum Symbol der Freiheit wurde –IPNtv Bydgoszcz (Bild: YouTube-Video)

Bydgoszcz – Eigentlich sollte es ein gewöhnlicher Sonntag werden. 18. November 1956, frühe Abendstunden, Kino „Bałtyk“ in der 1. Mai Allee. Ein koreanischer Film stand auf dem Programm, die Menschen drängten sich am Eingang. Doch was zunächst nach einer alltäglichen Szene im grauen Alltag der Volksrepublik Polen aussah, wurde zum Ausgangspunkt eines der symbolträchtigsten Aufstände gegen die kommunistische Herrschaft im Land – und zum Fanal gegen eines der wirkungsvollsten Werkzeuge der Diktatur: die Informationsblockade.

Ein Regime, das Angst und Informationskontrolle brauchte

Die polnische Volksrepublik der frühen 1950er-Jahre war ein Staat, der von Moskau aus gesteuert wurde – und der seine Macht auf ein dichtes Netz aus Polizei, Geheimdienst und Propaganda stützte. „Die kommunistische Herrschaft in Polen basierte auf einem Terrorapparat“, heißt es in historischen Gutachten. Um jede Abweichung zu unterdrücken, errichtete die Regierung ein Informationsmonopol. Freie Medien? Nicht existent. Ausländische Sender? Unerwünscht, gefährlich, „feindlich“.

1951 wurde nach sowjetischem Vorbild ein landesweites System zur Funkstörung installiert. Im Jahr 1955 versorgten 249 Störsender ganz Polen mit dröhnendem Rauschen – eine technische Mauer gegen Radio Free Europe, BBC oder Voice of America. Das System verschlang mehr Energie als der gesamte polnische Rundfunk. Die Zensur hatte einen physischen Körper aus Beton, Stahl, Schaltkästen und Holzmasten – einer davon stand auf dem Dąbrowski-Hügel in Bydgoszcz.

„Die Miliz stürmte hinein und schlug um sich“ – Der Funke vor dem Kino

Gegen 18 Uhr rief die Kartenverkäuferin im „Bałtyk“ die Miliz. Es gebe Gedränge. Doch die Beamten stürmten mit einer Brutalität hinein, die später selbst Funktionäre als „unverhältnismäßig“ bezeichneten.

Zygmunt Bazali, damals junger Arbeiter, erinnert sich: „Sie schlugen zuerst auf jemanden ein und dann auf mich. Zwei Schläge in den Rücken – ich fiel zu Boden.“ Statt auseinanderzulaufen solidarisierten sich die Wartenden. Sie befreiten Festgenommene, riefen Parolen gegen Polizeigewalt. Spontan formierte sich ein Demonstrationszug – zunächst Richtung Polizeipräsidium, dann, angefeuert durch Rufe wie ‚Weg mit der Kommune!‘ und ‚Es lebe Ungarn!‘, weiter zum Dąbrowski-Hügel. Hinter diesem Ruf stand die frische Erinnerung an den ungarischen Volksaufstand, der wenige Wochen zuvor von sowjetischen Panzern blutig niedergeschlagen worden war und in ganz Osteuropa als Symbol des Freiheitswillens wirkte.

Zeitzeuge Józef Borowski erinnert sich an den Moment, in dem aus einem Protest gegen Prügelnde ein politischer Aufstand wurde: „Als sie riefen: ‘Weg mit den Russen, es leben die Ungarn!’, wusste ich, worum es geht.“

Binnen Minuten wuchs der Zug auf mehrere Tausend Menschen an. Rund 3.000 Einwohner schlossen sich an – Arbeiter, Studenten, Passanten. Ein Marsch gegen Gewalt, aber auch ein Aufstand gegen Zensur und die Lüge.

Das Herz der Zensur fällt – Die Eroberung des Störsenders

Auf dem Hügel ragte der hölzerne 25-Meter-Mast des Störsenders über die Stadt – für viele das sichtbarste Symbol staatlicher Kontrolle.

„Jemand hisste eine weiß-rote Flagge, und dann ging es los“, sagt Bazali. Patriotische Lieder, Rufe nach Freiheit. Die Menge durchbrach den Zaun, entwaffnete den Wachmann, drang ins Gebäude ein. Ein Teil zerstörte die Sendetechnik im Gebäude. Andere schafften Beile heran und durchtrennten die Abspannseile. Der Mast knickte ein – und mit ihm die technische Stimme der Zensur. Für viele war dies der Moment, in dem das Störsystem, das ihnen jahrelang das freie Wort geraubt hatte, endlich verstummte.

Von der Propaganda zu „Rowdys“ erklärt – und Jahrzehnte ignoriert

Am nächsten Morgen schrieb die kommunistische Presse von „Rowdytum“, „Vandalismus“, „jugendlichen Streichen“. Hinter verschlossenen Türen jedoch wertete die Polizei die Ereignisse als „politisch motiviert“ – und startete Massenfestnahmen. 16 Menschen wurden angeklagt, 13 verurteilt. Zdzisław Dzięgielewski wurde zu acht, Józef Borowski zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. „Der Verteidiger hat uns nicht geholfen“, sagt Borowski. „Sie wollten uns verurteilen – und sie haben alles passend gemacht.“ Die Verurteilten kämpften nach 1989 um Rehabilitierung. Vergeblich – bis 2017, als ein Gericht die Urteile aufhob und die Beteiligten als „Helden von Bydgoszcz“ anerkannte. Viele von ihnen waren da bereits gestorben.

Dr. Marek Szymaniak vom Institut für Nationales Gedenken nennt die Rehabilitierung einen „großen Triumph – leider für viele posthum, aber ein Triumph“. Für einen Moment schien es, als könne Polen sich von der UdSSR emanzipieren.

Heute: Blumen, Tafeln, späte Würdigung

69 Jahre später legten Vertreter der Stadt Blumen am Ort des Aufstands nieder. Neben einer Kirche wurde eine Ausstellung eröffnet. Fotos, Dokumente, Stimmen der Zeitzeugen erinnern an die Nacht, in der ein Störsender fiel und eine Bevölkerung ihre Stimme wiederfand.

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