Gregor Glöckner, heutiger Chef vom Dienst bei SWR3, hatte in 2024 die Idee, die Geschichte des Vorgängerprogramms SWF3 in Form einer Podcastserie mit ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aufzuarbeiten (RADIOSZENE berichtete). Eine offensichtlich grandiose Idee, die eine unerwartet hohe Bereitschaft zur Teilnahme aus dem damaligen Kollegenkreis auslöste.
Zu den ursprünglich 20 geplanten Gesprächen sind binnen eines Jahres weitere (fast) 40 Folgen dazugekommen, darunter beispielsweise mit Prominenten (wie Christian Sievers oder Claus Kleber), aber auch Spezialausgaben wie die SWF3-Erfolgshilfe bei der Durchsetzung des Fools Garden-Hits „Lemon Tree“. Sowie Folgen, in denen Hörer ihre Erinnerungen erzählen. Oder über „Humor der 90er‘“.
Faszinierend auch die Folge, in der die Alt-SDR3ler Matthias Holtmann und Hans Peter Archner über ihre Sichtweise auf SWF3 berichten. Überhaupt fördern die Gespräche zahlreiche – für Außenstehende – bislang unbekannte Facetten aus dem Innenleben des früheren SWR3-Kosmos‘ zutage. Spannend: die Berichte aus der berühmt-berüchtigten „SWF3-Abhörkonferenz“.
Das Interesse war am Podcast groß: Gregor Glöckner konnte täglich eine dreistellige Zahl an Abrufzahlen für seine Ausgaben registrieren. Und dies ganz ohne jede Eigenwerbung. Fast ein Jahr nach der ersten Ausstrahlung endete nun die Podcastserie am 5. September wie sie begonnen hatte – mit einem Gespräch mit Peter Stockinger, dem heute fast 87jährigen, ehemaligen SWF3-Programmchef.

Die am 1. Januar 1975 entstandene Servicewelle SWF3 integrierte gleichzeitig die bislang stundenweise sendende Programmschiene „SWR Pop Shop“. Stockinger baute SWF3 über die Jahre konsequent zu einem Radioformat modernster Prägung sowie mit hoher Strahlkraft bei der Hörerschaft aus. Das Programm dominierte in den 1980er- und 1990er-Jahren die Hörfunklandschaft im Südwesten – mancherorts sogar darüber hinaus. Sehr zum Leidwesen mancher benachbarter öffentlich-rechtlicher und privater Sender.
Mit der Fusion von Südwestfunk und Süddeutschem Rundfunk wurde SWF3 im August 1998 in das Nachfolgeprogramm SWR3 überführt. Mit dieser Zäsur endet am letzten Sendetag auch die Zeit von Peter Stockinger.
Im Gespräch mit RADIOSZENE-Mitarbeiter zieht Gregor Glöckner eine sehr positive Bilanz seines nun beendeten Podcastprojekts.
„Das ist ein Stück Radiogeschichte, von Radioprofis erzählt“

RADIOSZENE: Vor mehr als einem Jahr haben Sie die Podcastreihe „SWF3 – Das Phänomen“ gestartet, in der ehemalige Kolleginnen und Kollegen zu Wort kamen. Mit welchen Intentionen haben Sie das Projekt damals ins Leben gerufen?
Gregor Glöckner: Das Ganze war zunächst als ein kleines internes Projekt gedacht: Frühere SWR3-Mitarbeiter erinnern sich und erzählen ihre Geschichten aus vergangenen Zeiten, und ich nehme diese Gespräche als reines Audio auf. Der Plan war: Alle Folgen landen auf einer Website, und dann können sich alle gegenseitig hören. Aus Mangel an „how to website“ habe ich mich dann für die Spotify-App als Plattform entschieden.
Nach dem ersten Erscheinen gaben einige Protagonisten den Link weiter an Freunde und Bekannte, das „Phänomen“ ging viral, und schon nach drei Monaten hatte es fünfstellige Abrufzahlen. So ging es im vergangenen Jahr immer weiter, bis heute – also auch nach Erscheinen der letzten Folge – sind die täglichen Abrufzahlen sehr hoch.
RADIOSZENE: Nun endet die Reihe. Wie viele Folgen sind es zwischenzeitlich geworden?
Gregor Glöckner: Am Ende sind es – statt der zunächst geplanten 20 – nun 63 Folgen geworden. Mit 62 Ex-SWF3lern habe ich gesprochen, die meisten in Einzelgesprächen, andere zu zweit oder in kleinen Gruppen (etwa: Funk-WG-Folge), hinzu kamen Sonderfolgen mit Hörbeispielen und Hörergesprächen. Das war am Ende schon ein gewaltiges Projekt. Das war für mich so niemals absehbar. Aber der Aufwand hat sich gut angefühlt, denn der Ertrag war groß: Es hat immer Spaß gemacht.

RADIOSZENE: Mit welchen Gefühlen haben die “Ehemaligen“ das Projekt begleitet?
Gregor Glöckner: Als ich die ersten Kolleginnen und Kollegen kontaktierte – wir kannten uns ja von früher -, spürte ich diesen enormen Vertrauensvorschuss. Das waren alles Radiomacher der SWF3-Gründerjahre und der frühen 1980er-Jahre. Sie hatten allesamt sofort Lust mitzumachen und sich in diesen ersten Gesprächen auf diese teils sehr persönlichen Erinnerungen eingelassen. In den ersten Folgen ahnte sicher niemand, wie sich das schließlich anhören würde, dass es sich zu einem Podcast entwickeln würde und wie viele Menschen sich wenig später für diese Geschichten aus längst vergangenen Zeiten erinnern würden.

RADIOSZENE: Hat Sie auch die eine oder andere Teilnahme überrascht? Wen hätten Sie innerhalb der Serie gerne noch mit an Bord gehabt?
Gregor Glöckner: Als wir die ersten Gespräche führten, kamen viele Anregungen: „Den musst du unbedingt befragen! Hast du schon an die gedacht?“ So kamen immer neue Namen dazu. Und immer neue Zusagen. Nur Frank Laufenberg, den ich schon im Sommer ‘24 gefragt habe, hat nie geantwortet. Sehr schade. Nun ist es zu spät.
RADIOSZENE: Um welche Themen und Erinnerungen kreiste das Spektrum der Beiträge?

Gregor Glöckner: Faszinierend war, wie sehr im Laufe der Gespräche Erinnerungen an die Oberfläche kamen, die in den Köpfen und Herzen der Befragten teils tief verborgen waren. Das war zuweilen emotional. Immer wieder Thema war die legendäre SWF3-Abhörkonferenz, in der Sendungen und Beiträge im Team angehört und kritisiert wurden. Für die einen Ansporn, noch besser zu werden. Für die anderen der Albtraum an Direktheit.
Und: was sich zum roten Faden des Podcast entwickelte, war der langjährige Programmchef und charismatische Radiomacher Peter Stockinger. Er erinnerte sich in den ersten beiden Folgen an die Entstehung des Phänomens SWF3, er war es, den die Ex-Kollegen in den späteren Folgen immer wieder erwähnten, seine enorme Aura, seine Auftritte. Der Blick war immer respektvoll und zuweilen kritisch. Ihm gehörte konsequenterweise auch die letzte Folge.
„Peter Stockinger, der sich von Elmar Hörig vor einigen Jahren nach dessen hetzerischen Posts in Sozialen Medien öffentlich entfreundet hatte, lud ihn nach Anhören von dessen ‚Phänomen‘-Folge zu sich nach Stuttgart ein“
RADIOSZENE: Haben sich auch damalige Kollegen der Musikredaktion beteiligt?
Gregor Glöckner: Das war für mich einer der spannendsten Themenbereiche. Wer entscheidet, wie SWF3 klingt. Welche Songs gespielt werden, welche nicht. Wer hält den Kontakt zu den Künstlerinnen und Musikern? Kollegen wie Jörg Lange und Thomas Müller berichten aus dem Innenleben der Musikredaktion. Moderator und Musikmanager Robby Gierer erzählt, wie es 1994 zum legendären SWF3-New-Pop-Festival kam und welche Überzeugungsarbeit es damals brauchte, die Stadt Baden-Baden von der Leuchtkraft eines solchen Festivals zu überzeugen.
Einen spektakulären Gegenblick liefern in eigenen Folgen Musiker wie BAP-Chef Wolfgang Niedecken oder Fools Garden-Sänger Peter Freudenthaler („Lemon tree“), der erzählte, wie SWF3 dafür sorgte, wie aus einem schönen Popsong tatsächlich ein Welthit wurde.

RADIOSZENE: Welche Gespräche haben Sie besonders berührt oder überrascht?
Gregor Glöckner: Da möchte ich die unglaublichen Geschichten der damaligen Musikreporterin Christiane Rebmann nennen. Wir haben uns in einem stillgelegten SWF-Studio in Tübingen getroffen, fast schon ein „lost place“.

Christiane ist für SWF3 in den 1980er- und 19990er-Jahren um die Welt geflogen und hat die ganz Großen der Rock- und Popmusik getroffen: Madonna, Mick Jagger, Elton John, eine irrsinnig lange Promi-Liste. Ihre kluge und behutsame Art, Fragen zu stellen, kam bei den Musikern sehr gut an. Als ich Christiane fragte, ob die Geschichte stimme, dass damals ein bekannter Musiker explizit sie wollte als Interviewerin, sagte sie nur: Ja ja, das war Paul McCartney.
RADIOSZENE: Gestartet wurde Ihr Projekt mit SWF3-Gründer Peter Stockinger, mit ihm schließt sich auf der Kreis. Was hatte der ehemalige Programmchef in dieser letzten Folge zu berichten?

Gregor Glöckner: Als wir uns im Sommer in seinem Garten in Stuttgart trafen, ging es um neue Fragen, die sich im Laufe des Jahres durch die vielen Gespräche ergeben haben. Stoc, wie er bis heute von Leuten aus seinem damaligen Team genannt wird, hat sämtliche „Phänomen“-Folgen mit großem Interesse gehört und sich bei vielen der ehemaligen Kollegen danach gemeldet. Bemerkenswert: Peter Stockinger, der sich von Elmar Hörig vor einigen Jahren nach dessen hetzerischen Posts in Sozialen Medien öffentlich entfreundet hatte, lud ihn nach Anhören von dessen „Phänomen“-Folge zu sich nach Stuttgart ein. Bei Kaffee und Kuchen haben die beiden miteinander gesprochen. Das wiederum hat mich sehr berührt.
RADIOSZENE: Welche Bilanz ziehen Sie mit Ende der Podcastfolgen?

Gregor Glöckner: Dieser Podcast hat von der ersten Idee bis zur letzten Folge eine Eigendynamik entwickelt. Das war schon sehr beeindruckend. Die Zahl der Zugriffe wird absehbar die Marke von hunderttausend durchstoßen. Ebenso interessant ist, dass zunächst nur Ältere gehört haben und das Publikum im Laufe der Zeit immer jünger wurde. Was mich überrascht hat, war, dass sich sehr viele Menschen bei mir gemeldet haben und das Bedürfnis hatten, ihre ganz persönliche Geschichte zu SWF3 zu erzählen. Diese Erzählungen zeigten eindrucksvoll, wie zutiefst emotional die Bindung der Menschen zu „ihrem SWF3“ damals war. So entstand die Idee zu zwei Sonderfolgen, die nur diese Hörergeschichten erzählen.
RADIOSZENE: Wie lange wird die Serie für die Öffentlichkeit noch verfügbar sein?
Gregor Glöckner: Für immer und ewig. Oder etwas weniger kitschig: Der Podcast wird, wenn es nach mir geht, dauerhaft und kostenlos auf Spotify zu hören sein. Das große Interesse berührt auch viele der Protagonisten sehr. Das ist ein Stück Radiogeschichte, von Radioprofis erzählt. Das wird hoffentlich noch in vielen Jahren Menschen anrühren und motivieren, sich das lustvoll anzuhören und vielleicht ein bisschen was daraus für die eigene Leidenschaft mitzunehmen.
„Das Phänomen SWF3“ ist verfügbar über Spotify, Suchbegriff „SWF3“ und „Phänomen“ oder über diesen Link.









![Peter Stockinger über die Kernsünden der Radiomacher Peter Stockinger über die Kernsünden der Radiomacher (Bild: ©[in]clips)](https://www.radioszene.de/wp-content/uploads/2019/03/Peter-Stockinger-SWF3-fb-260x136.jpg)
