Thomas Jung verlässt SWR3

Der Hauptabteilungsleiter der SWR-PopUnit und SWR3-Chef Thomas Jung verlässt mit Abschluss des diesjährigen New Pop Festivals den Sender und wechselt in den Ruhestand. Der Vollblutjournalist war in dieser Funktion seit Anfang 2013 für den Südwestrundfunk tätig. 

Thomas Jung (Bild: © SWR)
Thomas Jung (Bild: © SWR)

Einmal ehrlich: gibt es einen besseren Zeitpunkt für einen Abschied? Die letzte Media Analyse bescheinigt SWR3, als meistgehörten Sender in Deutschland, einen kräftigen Zuwachs seiner Hörerschaft, die digitale Nutzung klettert weiter beständig nach oben. DASDING – ebenfalls im Zuständigkeitsbereich der PopUnit angesiedelt – erzielt bei der Tagesreichweite einen neuen Bestwert. Die junge Welle des Südwestrundfunks erreicht bei der Tagesreichweite mehr als eine halbe Million Menschen. Dann zur 30. Ausgabe des New Pop Festivals abzutreten, das von Thomas Jung immer mit besonderem Herzblut begleitet wurde … was will man mehr? Verdienter Lohn für einen Macher, der das Radio immer geliebt hat.

Thomas Jung „hatte seinen Laden immer in Griff“

Bei Erkundigungen über Thomas Jung auf der Baden-Badener Funkhöhe oder seinen Kollegen innerhalb der ARD, hört man nahezu unisono die gleiche Aussage: „Jung hatte seinen Laden immer in Griff“. Flapsig formuliert zwar, aber wahr. 

Nach seinem Studium der Politische Wissenschaften und Germanistik an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg, stieß er 1988 zum damaligen Südwestfunk. Über Tätigkeiten als Korrespondent und Reporter (unter anderem in Kriegsgebieten) folgte ab 1998 die Karriere bei SWR3. Von 2003 bis 2012 als stellvertretender Programmchef, anschließend in führender Position. 

Peter Stockinger (Bild: Wolf-Peter Steinheißer)
Peter Stockinger (Bild: Wolf-Peter Steinheißer)

Während Jungs Vorgänger Hans Peter Stockinger und Gerold Hug sich weitgehend um die Fortentwicklung des Programms kümmern konnten und sich eher mit erstarkten privaten Mitbewerbern herumzuschlagen hatten, sah sich Thomas Jung mit einer ganzen Reihe weiterer Herausforderungen konfrontiert.

Namentlich die Zeit nach der Corona-Pandemie dürfte recht arbeitsintensiv ausgefallen sein: sich massiv und in immer kürzeren Abständen drehende Publikumsvorlieben, daraus resultierende Programmanpassungen, spürbare Konkurrenz durch soziale Medien und Streamingdienste, schmerzhafte Sparzwänge, Zusammenführung von Popwellen innerhalb der ARD zu gemeinsamen Programmschienen am Abend sowie während der Nachtzeiten unter Federführung von SWR3. Was per se schon eine sportliche Aufgabe gewesen sein dürfte. 

Diese Agenda wurde durch Thomas Jung und seinem Team in den letzten Jahren konsequent abgearbeitet. Wie vor allem die sehr sicht- und hörbare digitale Transformation seiner Programme. Der Träger des Kurt-Magnus-Journalistenpreises hinterlässt in der linearen Welt zwei Programme, die zukunftsfit auf die Erwartungshaltung des Publikums ausgerichtet sind. 

Thomas Jung hat bei SWR3 eine Ära geprägt, war Kümmerer und Anpacker in schweren Zeiten. Probleme wie die Einflüsse der letzten Krisenjahre auf die Nutzungszeit beim Radiohören wurden stante pede analysiert und korrigiert. Falsche Entscheidungen gegebenenfalls selbstkritisch auch wieder modifiziert. 

Jungs großes Ziel, die Marke „SWR3“ als Fixpunkt im Bewusstsein der Menschen zu verankern, ist aufgegangen. Den harten Beweis für die Richtigkeit seiner Maßnahmen lieferte die letzte ma!

„Die Menschen sollen SWR3 nicht nur hören. Sie sollen jede Show mit Begeisterung erleben“

In einem letzten Interview mit RADIOSZENE-Mitarbeiter Michael Schmich spricht Thomas Jung über seine lange Zeit beim Radio, die PopUnit und die Zukunft des Mediums.


RADIOSZENE: Der 16. Juli 2025, der Tag an dem die aktuell gültigen Hörerzahlen veröffentlicht wurden, dürfte Ihnen noch lange freudig in Erinnerung bleiben: mit vergleichsweise massiven Zuwächsen hat Ihre SWR-PopUnit wieder ein Reichweitenniveau erreicht, das in dieser Form im Markt kaum für möglich gehalten wurde – zumindest nicht für Außenstehende. Gleichzeitig wuchs die Zahl der SWR3-Webradiohörer. Eine Bestätigung für harte Arbeit?

Thomas Jung (Bild: ©SWR/Stefanie Schweigert)
Thomas Jung (Bild: ©SWR/Stefanie Schweigert)

Thomas Jung: Eine Bestätigung für hervorragende Teamarbeit, denke ich. Eine ganze Reihe von Maßnahmen hatten gegriffen. Wir wussten, dass wir einen guten Lauf hatten und mit einer guten Ausgangsposition in die Frühjahrs-MA gingen. Und generell war Radio ja wieder gefragt. Aber ganz ehrlich: diesen enormen Zuwachs bei verschiedensten Parametern hätte ich in diesem Ausmaß nicht erwartet. 

RADIOSZENE: SWR3 – wie die gesamte Branche – hatten seit der Pandemie nicht zu leugnende Probleme. Verändertes Hörerverhalten, immer neue Angebote seitens der Konkurrenz durch soziale Medien, soziodemografischer Wandel, sich immer rascher drehender Zeitgeist – um einige zu nennen. Mit welchen Maßnahmen haben Sie hier gegengesteuert? Ist die Zeit der großen Popwellen nun doch noch nicht vorbei – wie von manchen Experten vorausgesagt?

Thomas Jung: Der digitale Umbau ist absolut notwendig, auch Mediathek und Audiothek sind auf einem vielversprechenden Weg. Was mich allerdings stört ist, dass seit vielen Jahren für das Radio der Tod herbeigeredet wird. Dem Medium, mit dem der SWR und die ARD bis heute die größten Reichweiten und die höchste Legitimation erzielen. Seit zwei Jahren steigen die Nutzerzahlen wieder deutlich – bei öffentlich-rechtlichen wie privaten Anbietern.

Eine Marke wie SWR3 hat in ihrer DNA den Drang zur permanenten Erneuerung. Stillstand war für mich niemals eine Option. SWR3 soll überraschen, bewegen, Emotionen wecken, Tag für Tag. Die Menschen sollen SWR3 nicht nur hören. Sie sollen jede Show mit Begeisterung erleben. Das Audio-Angebot immer frisch, mit neuen gesprächswertigen Aktionen, Stunts, Events, journalistischen Schwerpunkten. Zuletzt haben wir die Nachrichten inklusive Nachrichtensounder verändert. Wir richten unser Angebot konsequent an den Interessen unserer Zielgruppe aus. Ich habe mit meinem Team um den Radiokern SWR3 eine Markenwelt aufgebaut, mit erfolgreichem digitalem Angebot, mit vielen Events, um die Marke erlebbar zu machen.

SWR3 hat erfolgreiche Podcasts am Markt, der Video-Livestream der Morningshow läuft morgens im SWR Fernsehen. Und obwohl auch wir in den letzten Jahren sparen mussten, den SWR3 Club mit 65.000 Mitgliedern schließen oder das erfolgreiche Comedyfestival einstellen, ist SWR3 eine starke Popmarke geblieben. Das zeigt: die Zeit der erfolgreichen Popwellen läuft nicht ab!

„Was mich stört ist, dass seit vielen Jahren für das Radio der Tod herbeigeredet wird“

RADIOSZENE: Neben dem linearen Programm sind digitale Inhalte, Podcasts und Audiotheken sehr präsente Komponenten. Der Umfang hat sich in den letzten Jahren rasant erweitert. In welche Richtung wird sich die Entwicklung künftig orientieren?

Thomas Jung: Aus dem Nebeneinander oder gar Gegeneinander muss ein Miteinander werden. Radioanbieter entwickeln sich zu Audioanbietern. Umgekehrt öffnet sich auch die Audiothek und entwickelt sich weiter.  Schon jetzt gibt es dort die Live-Streams, Übertragungen von Live-Events. Da ist noch sehr vieles denkbar.

SWR3-Programmdirektor Thomas Jung (Bild: © SWR / Monique Reinbold)
SWR3-Programmdirektor Thomas Jung (Bild: © SWR / Monique Reinbold)

Die Angebote müssen in gewissem Umfang zusammenwachsen. Im übrigen ist Radio mit seiner gigantischen Reichweite in der Herstellung und Ausspielung doch schon längst digital. Es gibt alle Möglichkeiten, uns digital zu empfangen, DAB+, Livestream und auch die Endgeräte haben sich längst gewandelt, dann die Steuerung per Voice Control.

Radio erreicht weiterhin das größte Publikum und begleitet die Menschen. Großes Wachstum sehen wir aber auch bei den Podcasts. Fast ein Drittel der Audio-Nutzenden verbringt inzwischen mehr als fünf Stunden pro Woche damit, mit einer deutlichen Prime Time am Abend zwischen 18 und 20 Uhr. Podcasts gewinnen nicht nur an Reichweite, sie werden auch sehr intensiv genutzt. Besonders die U50-Zielgruppen nutzt Audio immer stärker on demand. Die ARD Audiothek spielt dabei eine Schlüsselrolle, nicht nur als Plattform, sondern als Ort, an dem wir die besten Inhalte der ARD bündeln und unser Profil über starke, eigenständige und junge Formate schärfen.

RADIOSZENE: Zu Ihrer Verantwortung gehörte auch die junge Welle DASDING. Auch hier wurde seit 2021 reformiert. Mit der letzten ma erreichte das Programm bei der Tagesreichweite das beste, je erzielte Ergebnis. Und dies vor dem Hintergrund jahrzehntelange Unkenrufe, „junge Leute hören ja eh kein Radio mehr“. Ist die Jugend vielleicht doch noch nicht für den Hörfunk verloren?

Thomas Jung: Ich freue mich sehr für das DASDING-Team. Ein Allzeit-Hoch, großartig! Aber auch andere junge Wellen können ausbauen, daher glaube ich tatsächlich, dass es bei jungen Menschen neben dem deutlichen Trend zum Podcast-Konsum zunehmend ein Revival für das Radio gibt. Wie Sie wissen wird bedingt durch den neuen Medienstaatsvertrag im Südwesten eine Jugendwelle entstehen, die SWR, HR und SR gemeinsam veranstalten.

Eine Welle über vier Bundesländer, in der DASDING, UNSERDING und YOUFM aufgehen werden. Ein spannendes Projekt, aufgezogen in der Zusammenarbeit über drei Standorte. Meine vergangenen zehn Monate waren von intensiven Verhandlungen mit den Kolleginnen und Kollegen in Frankfurt und Saarbrücken geprägt. Der Spirit ist großartig, das interne Arbeitsmotto ja bekannt: „gemeinsam geiler“.  Da geben die MA-Zahlen für junge Angebote natürlich ebenfalls Aufwind.

RADIOSZENE: Seit Anfang 2025 verantworten Sie, neben der ARD Popnacht, federführend auch den neuinstallierten ARD-Popabend („Pop- Die Abendshow„, täglich ab 20 Uhr) – zu dem sich sieben der reichweitenstärksten deutschen Radioprogramme zusammenschalten. Wie fällt das bisherige Fazit dieser öffentlich-rechtlichen Zusammenarbeit aus?

Thomas Jung: Ich bin stolz und dankbar, dass wir das Vertrauen und den Respekt der Popwellen in Deutschland haben und sie uns treuhänderisch beauftragt haben, bis zu elf Stunden Programm täglich für sie zu produzieren. Ein starkes Signal, ein toller Spirit – vor wenigen Jahren noch undenkbar im Popwellen-Kosmos. Zusammen mit hervorragenden SWR Technik-Kollegen haben wir es geschafft, dieses White Label-Angebot für den Abend und die Nacht regionalisiert auszuspielen.

In der Pipeline haben die Popwellen noch einen weiteren Meilenstein. Kommt vermutlich im Herbst, aber mehr möchte ich dazu nicht verraten. Fakt ist: Die großen Love-Brands arbeiten eng zusammen und haben dadurch bei wichtigen Audio-Entscheidungen der ARD zunehmend Sitz und Stimme.

„Die Menschen sollen SWR3 nicht nur hören. Sie sollen jede Show mit Begeisterung erleben“

RADIOSZENE: Die verstärkten Kooperationen innerhalb der ARD bei verschiedenen Programmgattungen führen naturgemäß zu einem Konzentrationsprozess. Wo früher am Abend eine gute Zahl an autonomen Musiksendungen bei den einzelnen Anstalten ausgestrahlt wurden, findet sich heute nur noch eine ARD-weite Variante. Speziell im Bereich der Kultur- und Landesprogramme sind so manche Formate ersatzlos verschwunden. Verstehen Sie die Vorwürfe von Musikschaffenden, dass hier das Radio immer weniger auf programmliche und kulturelle Vielfalt setzt? 

Thomas Jung: Ich möchte hier nur für SWR3 und den kooperierten Abend und die Nacht sprechen. Einige Wellen haben mit Blick auf ihr musikalisches Angebot bei sich relevante Inhalte verschoben oder umgebaut, Neuvorstellungen laufen jetzt nicht mehr am späten Abend sondern zu wesentlich bedeutenderen Uhrzeiten. Umgekehrt haben wir mit den beteiligten Wellen jeden Montag eine Schaltkonferenz, wo wir auf bedeutende Musik-Ereignisse der Woche blicken. Diese kriegen plötzlich durch den Verbund fast nationale Relevanz: Berichte von Tourauftakten, Interviews. Mehr ist denkbar: die Übertragung großer Konzerte und andere gemeinsame Musikaktionen mit großem nationalem Aufschlag.  Mit Deutschlands größter Hitparade haben wir im Frühsommer vorgelegt: alle Popwellen waren sogar im Tagesprogramm zusammengeschaltet, um Deutschlands Top 75 auszuspielen.

Thomas Jung (Bild: © SWR)
Thomas Jung (Bild: © SWR)

Und um den Grund der engen Kooperation auch noch einmal in Erinnerung zu rufen: wir wurden damals von den Intendantinnen und Intendanten aufgefordert,  enger zusammen zu arbeiten, um in den jeweiligen Häusern Geld für die digitale Entwicklung frei zu bekommen. Und wir haben gemeinsam das bestmögliche Radio-Angebot entwickelt bei größtmöglichem Erhalt der Identität der einzelnen Wellen. 

RADIOSZENE: Wie schwer ist für einen Radiosender heute die Durchsetzung eines mehrheitsfähigen Musikprogramms geworden? Dies vor dem Hintergrund aggressiv expandierender Streamingdienste sowie eines sich immer rascher drehenden musikalischen Zeitgeistes. SWR3 setzte hier ja stets auf die Kompetenz seiner Musikredaktion sowie Daten aus der Musikforschung … 

Thomas Jung: Letztlich hat sich an unserer Arbeit und der Vorgehensweise unserer Musikredaktion nichts verändert. Die Musikredaktion trifft sich jeden Montag zu einer Abhörsitzung. Die Kolleginnen und Kollegen sprechen über neue Titel und entscheiden, was in die Rotation aufgenommen wird, was erstmal beobachtet wird und was nicht in unser Format passt.

Natürlich hat sich das mediale Umfeld durch Streamingdienste und TikTok massiv verändert, aber letztlich kann hier Radio unverändert seine Stärke ausspielen: von Hand kuratierte Spiellisten, in denen musikredaktionell – und nicht algorithmisch – Ankertitel des Programms mit aktuellen und neuen Titeln kombiniert und programmiert werden. Die große Kompetenz unserer Musikredaktion wird durch Daten der Medienforschung unterstützt, das ist richtig, aber bei der Entscheidung, welche Titel auf die Listen kommen, spielen Daten der Forscher noch keine Rolle. Da verlassen wir uns tatsächlich auf das Gehör und den Bauch und die Expertise der SWR3 Musikprofis. Das ist vielleicht sogar einer der großen Vorteile des Radios: Radio ist kein Zeitgeistphänomen, sondern ein zuverlässiger Partner für unsere Hörerinnen und Hörer.

„Radio ist kein Zeitgeistphänomen, sondern ein zuverlässiger Partner für unsere Hörerinnen und Hörer“

RADIOSZENE: Welche Inhalte muss das „Radio der Zukunft“ (noch) verstärkt(er) in den Fokus rücken, um dauerhaft konkurrenzfähig zu bleiben? Oder plakativ gefragt: wird der Hörfunk als „letztes“ Massenmedium überleben?

Thomas Jung: Klare Antwort: Ja – das wird er!  In Zeiten innenpolitischer Herausforderungen, internationaler Krisen und digitaler Überfluss-Welt brauchen die Menschen Unterhaltung, gutes Mood-Management. Das Ganze einfach auffindbar. Deshalb gehen die Zahlen wieder deutlich nach oben. Wir sollten den Kipp-Punkt für das Radio nicht herbei beschwören sondern an einem attraktiven Audioangebot für die Zielgruppen arbeiten. Apple und Spotify versuchen seit Jahren in den Radiomarkt einzusteigen. Es gelingt ihnen nicht. Wir können es aber!

RADIOSZENE: Sie treten am Ende der 30. Ausgabe des New Pop-Festivals von der großen Radiobühne ab. Eine Veranstaltung, die Sie während Ihrer Amtszeit in besonderem Maße gefördert haben. Das Newcomer-Event hat sich seit seiner Gründung einen großartigen Ruf erarbeitet. Andererseits haben sich die Rahmenbedingungen im Konzert- und Festivalbereich, aber auch innerhalb der Musikbranche stark verändert. Die Zahl der Radiokonzerte dieser Größenordnung wird geringer, 104.6 RTL in Berlin hat sein Premiumevent für 2025 gestrichen. Wie ist es um die Zukunft von New Pop bestellt?

Thomas Jung: SWR3 New Pop ist für uns eng verbunden mit der Förderung von Popkultur und dem Schaffen von Public Value. Zu unserer musikalischen DNA gehört, Künstler zu entdecken, aufzubauen und über eine Strecke zu fördern, „early believe in the artist“. Viele heute berühmte Acts haben wir aus Überzeugung mit angeschoben, als sie ganz am Anfang standen. 

Thomas Jung beim SWR3 New Pop Festival (Bild: ©Ronny Zimmermann)
Thomas Jung beim SWR3 New Pop Festival (Bild: ©Ronny Zimmermann)

Ed Sheeran sei stellvertretend erwähnt, die SWR3 Wall of Fame ist nach 30 Jahren lang und breit.  Ein Aufbau gelingt aber nur, wenn auch die Musikindustrie mit langem Atem hinter den Künstlern steht und bereit ist in ihn und seine Karriere zu investieren. Und hier ist seit geraumer Zeit eine deutliche Veränderung zu spüren. Das Business richtet sich nach den Streamingdiensten aus, Marketingbudgets sind zusammengestrichen, Promoaktionen finden immer seltener statt, Videocalls statt Studiobesuche – je internationaler desto schwieriger.

Das beobachten wir natürlich mit Sorge. Auf der anderen Seite kennen Sie die Sparprozesse im SWR und in der ganzen ARD. Gleiches gilt für die weitere unsichere wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland.  SWR3 kann das New Pop nur veranstalten, weil wir starke Partner an unserer Seite haben und seit zwei Jahren mit CUPRA einen sehr engagierten Mitveranstalter. Ohne all diese wichtigen Grundlagen des supports und der Zusammenarbeit könnte es selbst für das erfolgreichste Newcomer-Festivals einer Radiomarke in Europa schwer werden.

„Ich wollte für das Unternehmen eine fette lineare und digitale Marke entwickeln, auf die viele in der Branche schauen. Und genau das habe ich mit meinem Team erreicht. Und darauf bin ich stolz!“

RADIOSZENE: Welchen besonderen Moment oder welche Momente nehmen Sie aus der langen Zeit beim Radio mit?

Thomas Jung: Die Leidenschaft für den Audiobereich, die Leidenschaft für den Hörfunk. Egal ob als Redakteur, Reporter, Auslands-Korri und Kriegsreporter. Immer mittendrin, den Menschen rüberbringen, was passiert. Authentisch, aus dem Geschehen heraus und wenn es noch so gefährlich war. Es waren Erlebnisse, die einem niemand nimmt.

Ich war beim Umsturz in der Tschechoslowakei im Einsatz. Ich war kurz vor „Black Hawk Down“ in Mogadischu, berichtete über den Bürgerkrieg in Somalia und die fürchterliche Hungersnot. Als Verstärkung für das Studio Wien berichtete ich über die Kriege im zerfallenden Jugoslawien, war in Kroatien und mehrfach und wochenlang in der umkämpften Stadt Sarajevo. Gerade die Einsätze auf dem Balkan gingen mir besonders unter die Haut.

Da ich viel an Schauplätzen war, sah ich fürchterliches. In der Unterkunft abends mal zu heulen, gehörte da auch dazu. Nach 9/11 bekam ich den Auftrag nach Afghanistan zu gehen. Ab nach Tadschikistan und irgendwie nach Afghanistan reinkommen. Ich traf egal an welchem Schauplatz in den Hotels immer die gleichen „Verrückten“ unseres Gewerbes und gemeinsam schlugen wir uns durch. 

Thomas Jung in Afghanistan (Bild: SWR)
Thomas Jung in Afghanistan (Bild: SWR)

Später habe ich die gleiche Leidenschaft für Radiostrategie, Markenführung, Marketing und den digitalen Umbau entwickelt. Den Menschen in der SWR3 Markenwelt die besten Produkte anbieten, war der Anspruch. Mit der größten Strahlkraft, hohem Gesprächswert. Ausprobieren, einfach machen – mit einem klaren Ziel: die Nummer 1 zu werden und zu bleiben. Ich wollte für das Unternehmen eine fette lineare und digitale Marke entwickeln, auf die viele in der Branche schauen. Und genau das habe ich mit meinem Team erreicht. Und darauf bin ich stolz. 

RADIOSZENE: Was wird Ihnen nach Ihrem Weggang beim SWR am meisten fehlen?

Thomas Jung: Eine eindimensionale Antwort ist hier schwierig. Tatsächlich die Mitgestaltung, das Entwickeln, das Nachdenken über „SWR3 next“…. Was mir aber auch fehlen wird ist mein kreatives Team und nicht zuletzt die Runde der Popwellenchefinnen und -chefs der ARD. Wir haben gemeinsam vieles bewegt und in der ARD angeschoben. Spannende, interessante Menschen, die die Love-Brands verantworten und Radio genauso leben und lieben wie ich.

RADIOSZENE: Was bedeutet Radio heute für Sie?

Thomas Jung: Radio, Hörfunk, Audio – ob einst linear oder heute digital: es war 45 Jahre lang meine Leidenschaft und wird es insgeheim immer bleiben. Radio gehört ungebrochen in das Relevant Media Set vieler Menschen. Klar ringen viele Angebote um die Media-Zeit der Nutzerinnen und Nutzer. Aber gutgemachtes Radio, das sich klar an den Interessen der jeweiligen Zielgruppen orientiert wird bleiben. Vorausgesetzt die Macher adaptieren auch technologische Fortschritte in Herstellung, Verbreitung und für die Nutzung. Ich bin kein Mensch des Stillstands. Daher sind wir frühzeitig aufgesprungen bei Themen wir Sprachsteuerung, Visual Radio, Weiterentwicklung Audiothek oder Einsatz von KI. Unser Medium wird erfolgreich weiterleben.

Thomas Jung in Afghanistan (Bild: SWR)
Thomas Jung in Afghanistan (Bild: SWR)

Das Einzige was nach 100 Jahren echt altertümlich und unsexy ist, ist der Name: RADIO! Aber ich habe ja bald Zeit, über einen neuen Gattungsbegriff nachzudenken. 

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