Globale Popsounds im Fokus: Bayern 2 mit „Weltempfänger“

Die Welt der westlichen Popmusik trat bei der Entwicklung frischer Soundideen lange Zeit auf der Stelle. Rein kompositorisch, so erklärte ein Musikwissenschaftler bereits vor vielen Jahren, sei seit den 1990er-Jahren das Limit erreicht. Was folgte, waren überwiegend Reproduktionen. Gefeierte Genres wie Rock, Pop, Schlager, Singer-Songwriter oder Rap würden jedenfalls kaum noch neue Songstrukturen hervorbringen und „mehr oder weniger im eigenen Saft schmoren“. Der Effekt „Das-hab-ich-doch-schon-mal-gehört“ stellte sich praktisch bei (fast) jedem neuen Titel ein – wobei die Annäherung der Klangmuster mitunter beängstigend identische Formen annahm. Was tun? Immer wiederkehrende Retro-Wellen lassen sich auf Dauer dem Publikum nur schwer vermitteln. Für manche ist KI hier eine Lösung. Aber das ist ein anderes Thema.

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Belebung kommt von genreübergreifenden Mischformen, die mit frischen, bislang weniger gehörten Sounds neue Reize setzen. Womit wir bei globalen Weltmusikklängen wären, die von Musikschaffenden, Majorlabels und Medien der „alten Welt“ lange ignoriert wurden. Dabei war schon vor Jahrzehnten die Faszination für Musikformen wie Latinpop oder Reggaeton, die beispielsweise als Soundtrack bei den hierzulande beliebten Zumba-Tanzstunden begeistern, deutlich erkennbar. Vermehrte Charterfolge von Crossover-Hits mit hörbaren afrikanischen und südamerikanischen Einflüssen haben das Bewusstsein für Weltmusik zuletzt spürbar erweitert. Auch Balkanklänge, arabische Musik oder K-Pop liegen zunehmend im Trend. Dazu beigetragen haben nicht zuletzt verstärkte Migration und der Drang der Deutschen nach Urlaubsaufenthalten in immer ferneren Reisezielen.COSMOUnd im Radio? Neben Airplay für einschlägige Hits bei vielen Pop- und jungen Wellen – zuletzt vermehrt in Kombination mit elektronischen Klängen oder Rap – ist globale Popmusik in höchster Dosierung beim öffentlich-rechtlichen Angebot COSMO (ehemals Funkhaus Europa), dem „internationalen und interkulturellen Hörfunkprogramm“ des Westdeutschen Rundfunks (WDR), von Radio Bremen und dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) zu hören. Das überwiegend vom WDR in Köln produzierte Angebot mit der Musikfarbe „Global Pop“ richtet sich heute an eine eher „urbane und diverse Hörerschaft“ im Alter zwischen 30 und 50 Jahren.

Andrea Schafarczyk (Bild: @WDR / hr / Sebastian Reimold)
Andrea Schafarczyk (Bild: @WDR / hr / Sebastian Reimold)

Auf die Frage, ob erwogen werde, Cosmo im Zuge der ARD-Programmkürzungen abzuschalten und dessen Inhalte ins Netz zu verlagern, sagte die crossmediale WDR-Programmdirektorin Andrea Schafarczyk: „Nein. Wir wollen Cosmo nicht abschalten, sondern weiterentwickeln.“ In welche Richtung, ist noch offen.

Auch andere ARD-Kulturwellen oder Deutschlandradio unterstützen die Weltmusik regelmäßig durch vermehrte Spielungen im Tagesprogramm oder über Spartensendungen. So etwa Bayern 2, wo Musik fremder Kulturen auch in Magazinen traditionell eine prominente Rolle einnimmt. Die Musikjournalisten Dagmar Golle und Jay Rutledge sind ausgewiesene Kenner der World-Music-Szene. Beide moderieren seit vielen Jahren das bei der Bayern 2-Hörerschaft beliebte Musikspecial „Weltempfänger“ (jeden Sonntag ab 17.05 Uhr).

RADIOSZENE sprach im Interview mit Dagmar Golle und Jay Rutledge über ihre Sendung und aktuelle Entwicklungen im spannenden Terrain der Weltmusik


„Globale Popsounds haben gerade in den letzten Jahren einen nie dagewesenen Einfluss auf die Popmusik ausgeübt“

RADIOSZENE: Sie gestalten auf Bayern 2 gemeinsam die wöchentliche Musiksendung „Weltempfänger“, die sich im Schwerpunkt mit „Musik aus aller Welt“ beschäftigt. Welche Repertoirebreite genau berücksichtigen Sie im Rahmen dieser Sendung?

Jay Rutledge: Die Spanne ist sehr groß. Sie reicht von jungen Menschen, die wissen möchten, was in den Clubs von Rio bis Johannesburg gehört wird, bis hin zu Americana- oder Bluesfans, oder Hörerinnen und Hörer, die sich, von der Spielfreude einer Balkan-Brassband anstecken lassen oder wissen möchten, wie spanischer Flamenco heute klingt oder wie sich die Musikszene Lissabons in den letzten Jahren gewandelt hat…

Jay Rutledge (Bild: © Lisa Hinder)
Jay Rutledge (Bild: © Lisa Hinder)

Es gibt eine mittlerweile fast traditionelle Hörergruppe, die Weltmusik als eine Art Gegenmodell zur modernen westlichen Welt entdeckt hat und nach Dingen wie Spiritualität oder einer vergessenen Kreativität und Lebensfreude sucht. Oft sind lokale Musikformen dann viel moderner, als mancher Hörer oder Hörerin sich das hierzulande vorstellt. So kennen wir aus Kuba meist nur den Buena Vista Social Club, aber nicht den aktuellen Popstar Wampi, Speerspitze von Kubas neuestem Sound Reparto. In seinem aktuellen Video lässt sich Wampi auf der Kühlerhaube eines kaputten knallroten Autos durch die Straßen Havannas ziehen. Es ist, als wollte er sagen: Hier verfällt zwar alles, aber unseren „Swag“ und unsere Kultur kann uns keiner nehmen. 

RADIOSZENE: An welches Altersspektrum ist die Ausrichtung der Sendung adressiert?

Dagmar Golle: Vielleicht ein klein wenig mehr im Fokus haben wir Ü40-Menschen, die selbst schon viel gereist sind und sich auch für den „Klang“ anderer Länder und Kulturen interessieren. Das sieht man auch auf Konzerten: Globale Musik, die sich nicht an Charts und Mainstreamproduktionen orientiert und auch nicht auf englisch gesungen wird, spricht eher ein reiferes Publikum an, das zudem sehr entdeckerfreudig ist. Wir reisen musikalisch quer durch Länder und Kontinente. Die Musik klingt mal traditioneller, mal moderner mit Einflüssen aus verschiedenen Ecken der Popmusik.

Dagmar Golle (Bild: ©Denis Pernath/BR)
Dagmar Golle (Bild: ©Denis Pernath/BR)

RADIOSZENE: Wie würden Sie „Weltmusik“ grundsätzlich stilistisch definieren beziehungsweise eingrenzen? Hier beackern Sie ja ein sehr umfangreiches Feld …

Jay Rutledge: Über den Begriff ’Weltmusik‘ wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Ursprünglich wurde die Kategorie in Großbritannien quasi „erfunden“, um ein Fach im Plattenregal eines Plattenladens zu kreieren, in dem Musik aus aller Welt stehen und dadurch leichter gefunden werden kann. In den letzten Jahren setzt sich mehr und mehr der Begriff „Global Pop“ durch. Grundsätzlich aber ermöglicht der Begriff Weltmusik, eine Spanne aufzumachen zwischen lokalem Pop – also das, was lokal gehört wird – und der Musik, die hierzulande aus den jeweiligen Ländern ankommt. Der Weltmusikmarkt ist sehr durchlässig, aber beschreibt oft die Art von Musik, die bei uns Gefallen findet. Der Unterschied zwischen beiden Musikformen ist oft sehr interessant und zeigt, wer Musik wie wo wahrnimmt. 

Dagmar Golle: Den Begriff „Weltmusik“ verwende ich in meinen Sendungen so gut wie nicht mehr. Nicht nur, dass er – siehe oben – ursprünglich dem Ziel diente, weltweite und auch traditionellere Musik mit diesem Begriff besser vermarkten zu können – er sagt im Grunde alles und nichts und wird von Musikinteressierten auch unterschiedlich verstanden. Was uns besonders interessiert, ist, wie Musiker/innen weltweit ihre Traditionen ins Hier und Jetzt transportieren: Mit Einflüssen aus Rock, Elektronik, Folk, Reggae … et cetera. Aber: in den jeweiligen Landessprachen. 

RADIOSZENE: Lässt sich auf Basis von Erhebungen oder Ihrer Erfahrungswerte verorten, welche Bevölkerungs- beziehungsweise Hörerschichten besonderes Interesse an globaler Musik haben?

Dagmar Golle: Der BR befasst sich mit seiner Abteilung Medienforschung ausführlich mit den Zielgruppen unserer Wellen, ihren Bedürfnissen und Interessen. Deswegen wissen wir, dass viele der Bayern 2-Hörerinnen und -Hörer besonders weltoffen und neugierig sind – und einen individuellen Musikgeschmack haben. Der Begriff „Entdeckerfreude“ steht für alles, was wir in Bayern 2 an Inhalten anbieten. Das gilt für Themen genauso wie für Musik, und da nimmt die Weltmusik oder globale Musik eine besondere Stellung ein. Zur Medienforschung gehören auch Gruppengespräche mit Hörerinnen und Hörern, und da wurde kürzlich der „Weltempfänger“ als Quelle für spannende Musik-Entdeckungen besonders hervorgehoben. Das hat uns als Macher natürlich besonders gefreut – und uns in unserer Arbeit bestätigt.

„Afrobeats ist fast so etwas wie der neue Reggae geworden“

RADIOSZENE: Als die Beatles in den 1960er-Jahren indische Einflüsse in ihre Songs einfließen ließen, galt dies als Sensation. Wie intensiv haben Global Sounds heute inzwischen Einzug gehalten in die internationale Popmusik?

Jay Rutledge: Globale Popsounds haben gerade in den letzten Jahren einen nie dagewesenen Einfluss auf die Popmusik ausgeübt. Ein prominentes Beispiel ist der Aufstieg eines Sounds namens Afrobeats aus Nigeria. Musiker auf der ganzen Welt kollaborieren mittlerweile mit den neuen Stars dieses Genres. Afrobeats ist fast so etwas wie der neue Reggae geworden. 

Dagmar Golle: Grund dafür sind oft Charterfolge: Der internationale Nr.1-Hit „One Dance“ des Kanadiers Drake, in dem der Nigerianer Wizkid gefeatured wird, war definitiv der Auslöser der großen Afrobeats-Welle. In den 1990er-Jahren gab es eine kurze Phase, in der Latinpop in vielen Mainstream-Produktionen zu hören war. Angestoßen durch den Hit „Maria“ des Puerto-Ricaners Ricky Martin von 1995. Dann nicht zu vergessen: Die Erfolge von Youssou N’Dour und Angélique Kidjo: Sie sorgten im Mainstream-Markt für eine kurze Begeisterung für „Afropop“.

Fadosängerin Mariza mit Jay Rutledge (Bild: © Jay Rutledge / privat)
Fadosängerin Mariza mit Jay Rutledge (Bild: © Jay Rutledge / privat)

Natürlich sind beide inzwischen lebende Legenden, aber für das heutige Mainstream-Publikum eigentlich nicht mehr relevant. Ab den 2000er-Jahren wurden in verschiedenen Fernsehprogrammen vermehrt Filme über das Leben der Tuareg gezeigt. Dadurch wurde auch der Wüstenrock von Bands wie Tinariwen international bekannt. Aktuell sehe ich in der europäischen Popmusik keinen speziellen „weltmusikalischen“ Trend. Überall dominieren englischsprachiger Elektropop und Trap weitgehend die Charts. Alles klingt sehr genormt. Meiner Meinung nach waren die Musikerinnen und Musiker und auch die Musikindustrie früher viel experimentierfreudiger.

RADIOSZENE: Experten haben festgestellt, dass sich die Einflüsse afrikanischer und südamerikanischer Sounds auf den musikalischen Zeitgeist zuletzt hier in Europa sehr verstärkt haben. Können Sie diese Eindrücke bestätigen?

Jay Rutledge: Reggaeton aus Puerto Rico und zuletzt Corrido Tumbado aus Mexiko sind zwei Megatrends, die einen großen Einfluss auf die globale Popwelt haben. Aber auch Cumbia aus Kolumbien hat in den letzten Jahren großen Einfluss auf die Independent-Musikszene in Europa und den USA gehabt. Aus Afrika sind vor allem die Stile Afrobeats aus Nigeria und Amapiano aus Südafrika zu nennen. Aber auch hier gibt es Stile wie zum Beispiel Ethiojazz aus Äthiopien, die von Bands in der ganzen Welt aufgegriffen werden.

Dagmar Golle: Afrikanische Musik hatte, wie gesagt, vor allem in den 1990ern und Anfang der 2000er-Jahre einen großen Einfluss auf die europäische Popmusik. In Frankreich, das immer noch enge kulturelle Kontakte zu afrikanischen Ländern pflegt, spielt das auch heute noch eine Rolle und findet ebenfalls in der Popmusik Niederschlag. Ein Beispiel ist die junge französische Sängerin Jain und ihr Hit „Makeba“ von 2015: Eine sehr kreative Elektropop-Nummer, die der südafrikanischen Sängerin Miriam Makeba gewidmet ist. 

Nabiha und Dagmar Golle (Bild: © BR / Markus Konvalin)
Nabiha und Dagmar Golle (Bild: © BR / Markus Konvalin)

Was lateinamerikanische Musik betrifft, gibt es einzelne europäische Metropolen, die schon in den 1990er-Jahren quasi zu „Epizentren“ unterschiedlichster Latin-Sounds wurden. Die legendäre „Mestizoszene“ von Barcelona zum Beispiel. In Gang gebracht wurde diese Szene maßgeblich von Manu Chao und Amparo Sanchez. In Lissabon kommen viele Einflüsse aus Brasilien, aber auch aus Angola und Mosambik zusammen. Der „Kuduro„, der angolanische Techno, startete ab den 2000er-Jahren seinen europäischen Siegeszug in den Clubs von Lissabon. Ab und zu erlebt man auch beim Eurovision Song Contest Überraschungen: 2017 gewann der portugiesische Jazzsänger Salvador Sobral mit seinem lyrischen „Amar pelos dois“ – ein wunderschönes und gänzlich unkommerzielles Lied, das auch in die deutschen Charts ging.

„Die Musikformen unseres Planeten sind so unglaublich vielfältig und faszinierend und berühren so viele Aspekte unseres Lebens, da lässt sich viel entdecken“

RADIOSZENE: Gibt es weitere Regionen und Segmente, die Sie im Aufwind sehen?

Jay Rutledge: Es gibt zu viele: Ein Megaphänomen ist sicherlich K-Pop, also Pop aus Südkorea, aber auch die Musik vom Balkan, die weltweit in den frühen 2000er-Jahren boomte, hat international bis heute viele Fans. 

Dagmar Golle: Ich glaube, manches kommt auch durch politische Ereignisse plötzlich international in den Focus. Beispiel: Die Proteste der iranischen Bevölkerung gegen ihre Regierung im Herbst 2022. Ein 25-jähriger Iraner namens Shervin Hajipour hatte damals bei sich zu Hause das Lied „Baraye“ geschrieben, das zur Hymne der Protestbewegung wurde. Das Video dazu ging im Netz viral. 

Selig mit Dagmar Golle (Bild: ©BR/Max Hofstetter
Selig mit Dagmar Golle (Bild: ©BR/Max Hofstetter

Ein anderer Aspekt ist: Welcher Musik schenken die Medien verstärkt Aufmerksamkeit? Als die katalanische Sängerin Rosalía 2019 in der BBC-Newcomerliste „The Sound of …“ 2019 in den Top 10 landete, war das eine kleine Sensation, da für diese Liste eigentlich nur angelsächsische Popmusik eine Rolle spielt. Der Song „Malamente“ von Rosalía wurde ab da zum Trendsetter für viele europäische Pop-Produktionen.

RADIOSZENE: Wo kann die Popmusik noch von World Music lernen?

Jay Rutledge: Die Musikformen unseres Planeten sind so unglaublich vielfältig und faszinierend und berühren so viele Aspekte unseres Lebens, da lässt sich viel entdecken. Mich fasziniert zum Beispiel die Musik der sogenannten Chasseure Malis, der Jäger. Die Jäger bewegen sich von je her an der Schnittstelle von Dorfgemeinschaften und Natur. Sie haben eine spirituelle Beziehung zu den Tieren und Pflanzen, und ihnen werden Heilkräfte zugesprochen. Die Musik hat tranceähnliche Elemente und die Texte drehen sich um das Zusammenleben der Menschen in der Gesellschaft. Wirkliches Geld lässt sich hiermit nicht verdienen. Genauso fasziniert mich die Energie eines jungen „spoken word“-Poeten aus den Townships Johannesburgs. Er rappt über das Blut, das von den Straßen seines Ghettos in die Kanalisation läuft, und träumt davon, „Fettuccine mit Pasta“ zu essen. Man spürt den unbedingten Willen, das eigene Leben zu verbessern, und gleichzeitig kopiert er einen Lifestyle ohne ihn zu kennen und zu wissen, dass Fettuccine ja Pasta sind.

Kojo Ofori, Jerry Boys und Jay Rutledge (Bild: © Jay Rutledge/privat)
Kojo Ofori, Jerry Boys und Jay Rutledge (Bild: © Jay Rutledge/privat)

Wir sprachen vorher schon davon: Es gibt gerade in den letzten Jahren unglaublich viel Popmusik, die sich mit lokalen Traditionen auflädt: Rapper in Mexiko entdecken bäuerliche Corridos und bringen sie plötzlich in die Charts. Die von Dagmar erwähnte Rosalía löst in Spanien mit ihrem Mix aus Trap und Flamenco ein Flamenco-Revival aus und bringt Flamenco ganz nach oben in den spanischen Charts, und sogar die Puristen feiern sie dafür. Man könnte unzählige Beispiele aufzählen. Lokale Musik ist eng verbunden mit Identität, deshalb kommt sie immer wieder in unterschiedlichsten Formen zurück.

„Mit Weltmusik verbindet man auch Authentizität“

Dagmar Golle: Lernen kann man auf jeden Fall den kreativen Umgang mit Musik. Nehmen wir nochmal das Beispiel der Französin Jain und ihren Hit „Makeba“: Eigentlich eine monotone Elektropop-Nummer, die aber durch die Bässe, die Beats und den Gesang unglaublich hypnotisch wirkt. Im Video dazu sieht man übrigens Tanz- und Musikeinlagen afrikanischer Kinder. Jain hatte einfach Mut, etwas Eigenes zu machen, ohne Rücksicht auf angesagte Trends. Ich glaube, mit „Weltmusik“ verbindet man auch Authentizität. Etwas, das aktueller Popmusik fast vollständig abhandengekommen ist.

„Spotify und seine geringen Ausschüttungen machen der Musikindustrie den Garaus. Da hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine große Verantwortung“

RADIOSZENE: Welche Auswirkungen haben die Streamingdienste auf die globale Musik – wie etwa die oft kritisierten Vergütungsmechanismen?

Jay Rutledge: Spotify und seine geringen Ausschüttungen machen der Musikindustrie den Garaus. Kleine Plattenfirmen haben kaum mehr Möglichkeiten, Einnahmen zu generieren. Da hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine große Verantwortung. Im „Weltempfänger“ haben Kriterien wie lokale Relevanz, künstlerischer Ausdruck, Kreativität eine wichtige Bedeutung. Wir sind eine der letzten Bastionen, die sich NICHT nur an Klickzahlen und Einschaltquoten orientieren muss und Dinge vorstellen kann, die für andere Menschen auf der Welt eine unglaubliche Relevanz haben und Einblicke in andere Kulturen vermitteln. 

RADIOSZENE: Über welche Quellen organisieren Sie die Musik für Ihre Sendungen?

Jay Rutledge: Ich recherchiere natürlich viel im Internet auf Blogs, Websites, schaue mir an, was andere Sender wie NPR oder Radio Nova spielen, aber bin natürlich up-to-date durch meine in Jahrzehnten gewachsenen Netzwerke zu Musikerinnen und Musikern, Plattenfirmen, Journalisten, Plattenproduzenten und DJs. Und dann reise ich natürlich sehr gerne in Sachen Musik – das sind die besten Erlebnisse, nur leider können wir nicht die ganze Welt bereisen … 

Dagmar Golle: Das Reisen quer durch die Welt war bei mir tatsächlich der Auslöser für die journalistische Beschäftigung mit globaler Musik. Es ist wichtig, Länder auch gesehen zu haben, um ein Gespür für die lokale Musik zu bekommen. Dadurch entstehen auch persönliche Kontakte, die ich bis heute pflege. Zum Beispiel bei der aktuellen Musik des Libanon. Auch wenn viele Musiker und Musikerinnen durch die Krisen und Kriege im Land zwischenzeitlich woanders leben, verlieren wir uns nicht aus den Augen. Natürlich werden wir auch von Promotion-Agenturen ständig mit neuer Musik bemustert. Sehr wichtig ist auch der Besuch internationaler Musik-Events wie der WOMEX, Europas größtem Meeting für globale Musik. Ebenso die Babel Music XP, eine Messe in Marseille, wo man viele neue Künstlerinnen, Künstler und Bands kennenlernt und auch zum Interview treffen kann. Auch die sozialen Medien sind hilfreich. Vor ein paar Jahren hat die berühmte spanische Musikerin Amparo Sanchez ein Video einer indigenen Sängerin aus Guatemala namens Sara Curruchich gepostet. Ich war begeistert und habe dieses Thema gleich journalistisch verarbeitet. Vor kurzem hatte Sara Curruchich ihr erstes Konzert in Deutschland, beim Fusion Festival in Mecklenburg-Vorpommern.

RADIOSZENE: Die großen Labels waren in der Vergangenheit eher zurückhaltend, wenn es hierzulande um die Durchsetzung und Vermarktung von Weltmusik ging. Hat sich dieser Zustand geändert?

Jay Rutledge: Viele der neuen globalen Musikstile finden aktuell Eingang in den Mainstream-Markt. Die großen Plattenfirmen Sony, Universal, Warner, und wie sie alle heißen, hatten jahrzehntelang keine Büros in Afrika. Jetzt, da Künstler wie Burna Boy, Wizkid oder Tems mit internationalen Stars wie Drake, Beyonce oder Ed Sheeran arbeiten, lohnt sich ein Engagement in Afrika. Es ist eine Art Run auf junge Künstlerinnen und Künstler aus Afrika ausgebrochen. Die großen Labels wollen Geld verdienen, sie investieren, wenn es was zu holen gibt. Es geht hier nicht um Kunst, Faszination für einen speziellen Sound, einen großartigen Gitarristen oder Koraspieler, Tradition, lokale Relevanz und so weiter. Es geht um Klicks. 

„Es ist eine Art Run auf junge Künstlerinnen und Künstler aus Afrika ausgebrochen. Die großen Labels wollen Geld verdienen, sie investieren, wenn es was zu holen gibt. Es geht um Klicks“

Dagmar Golle: Bei Afrobeats ist das eine tolle Entwicklung. Auch der südafrikanische Cellist und Sänger Abel Selaochoe hat einen Vertrag bei Warner bekommen. Und das mit Musik zwischen Klassik und südafrikanischen Traditionen! Aber generell lässt sich dieser Trend nicht auf globale Musik im Allgemeinen übertragen. Die Bereitschaft, sich mal auf was Neues einzulassen oder gar auf „Weltmusikalisches“, ist in den letzten zehn Jahren – abgesehen von Afrobeats – deutlich gesunken.

Dagmar Golle und Sebastian Horn von den Bananafishbones (Bild: © BR / Lisa Hinder)
Dagmar Golle und Sebastian Horn von den Bananafishbones (Bild: © BR / Lisa Hinder)

Ich werde meist von kleinen, unabhängigen Labels bemustert, die ihrerseits sehr kreative Strategien entwickeln müssen, um überleben zu können. Ein dänisches Folklabel namens „Gofolk“ zum Beispiel wurde vor etwas über 20 Jahren von einem hauptberuflichen Architekten gegründet. Er hat seinen Beruf nie aufgegeben.

RADIOSZENE: Mit welchen musikredaktionellen Elementen unterstützt der „Weltempfänger“ das Genre?

Jay Rutledge: Der „Weltempfänger“ ist eine der wenigen Sendungen, in denen Musik aus der ganzen Welt noch stattfindet. Die Sendung bietet die Möglichkeit, die Welt über Musik besser kennenzulernen. Sie ermöglicht uns, andere Kulturen über den Zugang Musik besser zu verstehen. In Zeiten, in denen alle in Parallelgesellschaften nebeneinander her leben, ist das immer wichtiger. Wir müssen im Dialog bleiben, statt uns in Kleinst-Bubbles zu verschanzen. Das gemeinsame Lagerfeuer darf nicht ausgehen.

Dagmar Golle: Neben dem „Weltempfänger“ mache ich auch immer mal Beiträge für das Hörfunkprogramm Bayern 2. Zu Neuerscheinungen internationaler Künstlerinnen und Künstler, die im Interview auch über gesellschaftliche und politische Themen sprechen. Auf diese Weise bekommt das Bayern 2-Publikum einen umfassenderen Einblick in die Kultur des jeweiligen Landes. Wir versuchen, uns innerhalb des Senders dafür stark zu machen, dass es gerade in Zeiten der Globalisierung wichtig ist, Menschen mitzunehmen und sie zu verstehen, statt sie auszugrenzen. Und wir arbeiten an der zunehmend wichtigen Erweiterung des Bayern 2-Musikrepertoires. Für unsere Vielfalt sind wir 2021 mit dem Radiokulturpreis der GEMA ausgezeichnet worden. Das hat uns in der Musikredaktion sehr stolz gemacht.

RADIOSZENE: Sehen Sie mittelfristig Chancen, Weltmusik noch nachhaltiger ins Bewusstsein der Menschen zu transportieren? Was kann das Radio hierbei noch zusätzlich leisten?

Jay Rutledge mit Manu da Coll, Schlagzeuger von LaBrassBanda (Bild: © Jay Rutledge / privat)
Jay Rutledge mit Manu da Coll, Schlagzeuger von LaBrassBanda (Bild: © Jay Rutledge / privat)

Jay Rutledge:  Die Globalisierung geht immer weiter. 25 Millionen Menschen haben in Deutschland einen Migrationshintergrund. Tendenz steigend. Ich versuche mal, es mit einem Beispiel zu sagen: Wenn Superstars aus der Türkei für ein Konzert nach Deutschland kommen, könnte der öffentlich-rechtliche Rundfunk das doch zum Thema machen. Als 1998 Ibrahim Tatlises zu Harald Schmidt kam, erklärt der Superstar gerührt: „Ich freue mich zu wissen, dass in diesem schönen Deutschland die Türken mit den Deutschen zusammenleben und dabei sind. Das ist für mich ein großes Glück.“ Die Hunderttausende in Deutschland lebenden Türken, die diese Sendung gesehen haben, werden sich allesamt wahrgenommen und respektiert fühlen. Und die Deutschen konnten sehen, welch große Ehre es für Ibrahim Tatlises – der in der Türkei alles erreicht hat – war, im deutschen Fernsehen aufzutreten. Mehr davon!

„Musik hat ihre eigene Sprache und sie geht direkt ins Herz“

Dagmar Golle: Musik erzeugt Emotionen, sie lässt einen gedanklich verreisen und Sorgen sowie negative Gedanken vorübergehend verschwinden. Ich finde, gerade in Zeiten, die stärker denn je von Abgrenzung und Feindseligkeit geprägt sind, ist es umso wichtiger, die weltweite Musik sprechen zu lassen. Genau das machen wir auf Bayern 2. Ohne erhobenen Zeigefinger, denn Musik hat ihre eigene Sprache und sie geht direkt ins Herz.

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