Sven Hieronymus – 15 Jahre bei RPR1: „Der Depp bin immer ICH!“

Sven Hieronymus ist ein echter Rheinland-Pfälzer: bodenständig, familienorientiert, Stadiongänger beim Fußballclub Mainz 05, authentisch, Karneval im Blut, als Musiker und Comedian fleißig unterwegs in der Region – und über die Grenzen des Bundeslandes hinaus bekannte Radiostimme bei RPR1. Eine kreative und quirlige Type mit hohem Glaubwürdigkeitspotential. Und damit Teil einer (leider) schwindenden Spezies im Radio.

Sven Hieronymus (Bild: © RPR1.)
Sven Hieronymus (Bild: © RPR1.)

Seine dialektgefärbte Moderation und wallende Rockermähne sind längst zum Aushängeschild von RPR1. und Markenzeichen des 57-Jährigen geworden sind. Die damals Verantwortlichen taten also gut daran, den gebürtigen Mainzer vor 15 Jahren für den südwestdeutschen Privatsender zu verpflichten.

Bei RPR1. ist Hieronymus zuständig für Comedy sowie die wöchentliche Abendsendung „Rockertreff“ mit formatsprengenden, sehr harten Tönen. Beide Formate haben sich über die Jahre zu beliebten Erfolgsmodellen im Programm gemausert. In diesen Tagen blickt Sven Hieronymus auf stolze 400 Sendungen „Rockertreff“ zurück – ein Konzept, das von Programmdirektoren vergleichbarer Wellen schon im Ansatz als suspekt abgelehnt würde.

Bei RPR1. hat die Show eine gute Zahl an Chefs überlebt, was primär Hieronymus zuzuschreiben ist. Seine Passion neben dem Radio setzt das Multitalent ab September 2025 auf den Bühnen der Region mit dem Soloprogramm „50 Jahre lange Haare“ fort.

Im Rahmen der Serie „Radioköpfe“ spricht der „Rocker vom Hocker“ mit RADIOSZENE-Mitarbeiter Michael Schmich über seine Karriere, Comedy und seine Sichtweise auf die aktuelle Situation des Mediums.


Radio ist mehr Phantasie für den Hörer

RADIOSZENE: Herr Hieronymus, Ihre Vita wirft beim Nachlesen ein umfangreiches Portfolio an Beschäftigungen aus: Comedian, Sänger, Radiomoderator, Schauspieler, Autor … über einen Mangel an Aktivitäten können Sie sich offenbar nicht beklagen.Wie bekommen Sie alles unter einen Hut?

Sven Hieronymus: Nicht immer einfach, das muss ich mir selbst zugestehen. Und ja, es geht an die Substanz, vor allem wenn man älter wird. Auf der anderen Seite hilft es immens, dass man das tut, was man tun möchte und für was man glaubt auf die Welt gekommen zu sein. Das lässt Stress oder Terminkollisionen leichter handeln.  

RADIOSZENE: In diesem Jahr feiern Sie gleich zwei Jubiläen: 15 Jahre RPR1 und 400 Sendungen „Rockertreff“, die Sie gerade absolviert haben. Zum Radio haben Sie in 2010 allerdings relativ spät gefunden. Zuvor waren Sie in der Region als Musiker und Comedian auf der Bühne. Wie sehr haben diese Tätigkeiten als „Rampensau“ beim Einstieg ins Radio geholfen?

Sven Hieronymus (Bild: © RPR1.)
Sven Hieronymus (Bild: © RPR1.)

Sven Hieronymus: Angefangen habe ich als Metal Drummer meiner Band Saint Vania. Dann sind vor 35 Jahren die Se Bummtschacks aus einem Partygag heraus entstanden. Es sollte eine einmalige Sache werden, hat aber nicht geklappt, da die Leute es total geil fanden was wir da taten! Es wird für immer ihr Geheimnis bleiben… Am Anfang habe ich da auch noch getrommelt, dann bin ich aber für zwei, drei Songs vorne ans Mikro und dann hieß es „Ey, Alter, wenn Du da vorne bist ist die Stimmung viel geiler. Bleib da!“ Und SO bin ich dann Sänger geworden. Und ja, ich denke eine Rampensau war ich schon immer und das hat sicherlich an dieser Stelle nicht geschadet. Was mir beim Radio sicher auch entgegen kam, war, dass ich rhetorisch immer ganz gut war – und eine gewisse Schlagfertigkeit will ich mir auch nicht absprechen. Da helfen vierzig Jahre Bühnenerfahrung definitiv. 

RADIOSZENE: Was bedeutet Radio heute für Sie? Hat sich dieser Bezug über die Jahre verändert?

Sven Hieronymus: Ich fand Radio schon immer geil. Viel geiler als Fernsehen. Radio ist mehr Phantasie für den Hörer. Du kanntest früher zwar die Stimmen der Moderatoren, wusstest aber nichts über sie, noch nicht einmal wie sie aussahen. Gut, wahrscheinlich bin ich auch deshalb beim Radio gelandet, weil ich fürs Fernsehen nicht hübsch genug war Ich habe als Kind schon meine eigenen „Metalsendungen“ zu Hause in meinem Kinderzimmer gemacht. Hab mir Nachrichten und Verkehr ausgedacht und meine Lieblings-Metalsongs mit meinem Ghettoblaster abgespielt. Da es sowas nicht gab, habe ich es halt selbst gemacht. 

RADIOSZENE: Wer hat Sie damals für RPR1. entdeckt?

Sven Hieronymus:  Entdeckt haben mich tatsächlich damals die Morningshowmoderator*innen Kunze und Nadja. Sie waren bei einem Nightwash-Auftritt in Mannheim eingeladen, den ich moderierte. Und sie waren SO begeistert von dem, was ich da tat, dass sie mich am nächsten Tag dem Programmchef empfohlen haben. Und zack, da bin ich immer noch. Danke Kunz und Nadja!

RADIOSZENE: Sie sind nun seit 15 Jahren eine prägende Stimme und Persönlichkeit bei RPR1, heben sich beim Moderationsstil markant ab von der (oft auf Durchhörbarkeit ausgerichteten) Tonalität vieler Radiomoderatoren. Liegt hier das Erfolgsgeheimnis?

Sven Hieronymus: Ja, da ist sicher was dran. Vielen Hörer*innen sagen: „Der Rocker ist ein Typ. Der ist authentisch. Der ist so wie er ist!“ Das muss man nicht mögen, das ist klar, aber das ist ja bei allem so, wenn man eine Meinung und eine Haltung hat. Dass ich mich auch inhaltlich und sprachlich absetze oder absetzen darf, ist dem Sender zu verdanken und hat nichts damit zu tun, dass die Kolleg*innen das nicht könnten. Ich darf halt um 22:00 Uhr Sachen machen oder sagen, die tagsüber nicht möglich wären. Deshalb ist ein Vergleich mit Kolleg*innen unfair. Ich habe andere Voraussetzungen. Aber, das macht halt auch einen Teil der Sendung aus, wobei mir auch hier zu kurz kommt, dass mein Co-Moderator Dr. Rock einen großen Anteil an dem Erfolg der Sendung hat! 

„Die Sprengung von Grenzen […in meiner Sendung… ] ist sicher auch ein Teil des Erfolgs“

RADIOSZENE: Ihre wöchentliche Hardrock-/Metalshow „Rockertreff“ – jeden Donnerstag 22.00 bis 24.00 Uhr – erwartet man eigentlich eher bei einem Rock-Spartensender. Zumindest wenn man das sonstige RPR1.-Abendprogramm als Maßstab nimmt. Offenbar konnten Sie über die Jahre aber eine vielköpfige Fangemeinde an das Format gewinnen. Welche Art von Rockmusik und welche weiteren Inhalte präsentieren Sie in dieser Sendung?

Sven Hieronymus: Die Sendung hat ja den Untertitel „Rock & Talk“. Das heißt, wir haben in über 90 Prozent der Sendungen Gäste im Studio. Und da ist alles dabei, was Dr. Rock und ich spannend finden. Musiker, Comedians, Buchautoren, Extremsportler oder andere „Verrückte“. Der Musikanteil ist klar Rock und Metal. Du kannst keine Metalsendung machen und dann keinen Metal spielen, was ja andere zum Teil machen. Das nimmt dir dein Publikum nicht ab. Es war Voraussetzung für die Sendung, dass wir die Musik selbst bestimmen, sonst hätte es nie funktioniert.

RPR1-Rockertreff-Shirt (Bild: © Sven Hieronymus)
RPR1-Rockertreff-Shirt (Bild: © Sven Hieronymus)

Da wir eine der wenigen Metalsendungen im deutschen Radio und Metalfans die Treuesten der Treuen sind, sind sicherlich nicht zu Letzt auch die Quoten so gut. Aber, das musst Du auch jeden Donnerstag wissen: Lass nicht nach, bleib dran, gib alles was du hast. Mein Motto als Künstler ist: „Wer glaubt etwas zu sein, hat aufgehört etwas zu werden!“

RADIOSZENE: Der Sender lässt Ihnen offensichtlich viele Freiheiten bei der Gestaltung der Show. Ein Glücksfall für einen ausgewiesenen Metalfan und Musiker wie Sie?

Sven Hieronymus: Aber Hallo! Was Dr. Rock und ich da donnerstags immer machen, ist ja zum Teil echt grenzwertig und wir denken oft: „So, das wars, Grenze mal wieder überschritten, morgen schmeißen sie uns raus!“. Tun sie aber nicht. Aber diese Sprengung von Grenzen ist sicher auch ein Teil des Erfolgs. Wir machen das, was wir machen wollen und was wir für uns vertreten können – und RPR1. lässt uns machen. Eigentlich unglaublich und dafür wir sind wir dem Sender auch SEHR dankbar. Wenn wir da Donnerstags vor den Mikros sitzen, unsere Lieblingsmusik spielen, Bier trinken und Spaß haben, denken wir oft: „Wie geil ist das denn?!“ Und wir bekommen auch noch Geld dafür  

RADIOSZENE: Haben Sie einen Überblick, welche Klientel die Sendung bevorzugt hören?

Sven Hieronymus: Zum größten Teil sicher Metalheads, wie oben schon beschrieben. Wir bekommen jetzt aber immer öfter mit, dass es auch Menschen gibt, die die Musik nicht mögen, aber die Talks total spannend finden und deshalb die Sendung hören. Hat auch was. Und wir hören ganz oft von Gästen, dass sie die Art, wie wir Interviews führen, total geil und ungewöhnlich finden. Was ja auch ein nettes Kompliment ist. Doro Pesch zum Beispiel war jetzt schon fünfmal zu Gast und schreibt uns immer wieder mal eine WhatsApp, wo sie gerade ist und dass sie die Sendung hört. Sie hatte uns auch im Dezember letzten Jahres auf Ihr Konzert in Wiesbaden eingeladen und uns live auf der Bühne explizit begrüßt. Da haben Dr. Rock und ich gedacht, wir wären nochmal Fünfzehn

Viele Hörer*innen schreiben uns auch, welchen Stellenwert unsere Sendung für sie hat, und dass sie KEINE Sendung verpassen und selbst im Urlaub – am anderen Ende der Welt – es schaffen die Sendung zu hören und uns Fotos schicken, wie sie nachts am Strand sitzen und die Sendung hören. Wie geil ist das denn?  

RADIOSZENE: Hand aufs Herz: hatten Sie nie Sorge, dass man die Sendung wegen einer zu großen Ferne zum übrigen RPR1.-Format vom Programmplan nimmt?

Sven Hieronymus: Jede Woche Im Ernst, mittlerweile wissen wir beide, also der Sender und wir, was wir voneinander haben und genießen das. Ich kann mir nicht vorstellen, warum wir diese erfolgreiche Symbiose beenden sollten.

„Hol die Menschen doch einfach DA ab wo sie sind“

RADIOSZENE: Bei Ihren Comedybeiträgen greifen Sie gerne auf Alltagsthemen wie „Alte Männer auf Mofas“, „Ferienende“ oder „Katzenmuttis“ zurück. Sind das die Erfolgsformeln, um die Hörer in Rheinland-Pfalz zum Lachen zu bringen?

Sven Hieronymus: Wie sagt meine Tochter immer: „Ja, Papa ist lustig, aber halt Boomer Humor!“ Das nehme ich als Kompliment, denn schließlich bin ich ja auch Boomer. Hol die Menschen doch einfach DA ab wo sie sind. Und wir sind ja eine veraltete Gesellschaft. Comedy erlebt man jeden Tag. Der Unterschied ist nur, der Eine erkennt das und der Andere nicht. Und vor allem, mach dich über dich selbst lustig, und so wenig wie möglich über Andere. DAS ist MEINE Art von Humor. Ich bin der Depp.

RADIOSZENE: Welches Programm präsentieren Sie auf Ihren Solotouren?

Sven Hieronymus: Meine Programme spiegeln mein Leben wider. Definitiv. Und es sind immer „echte“ Geschichten. Und es ist nicht so ein typisches Comedyprogramm, sondern eher ein kleines, lustiges Theaterstück mit Anfang und Ende. Und wie gesagt: Der Depp bin immer ICH!

RADIOSZENE: Sie vermitteln am Mikrofon – nicht nur mundartlich – ein hohes Maß an Bodenständigkeit und Verbundenheit zum Sendegebiet. Wünschen Sie sich mehr solche Typen im deutschen Radio?

Sven Hieronymus: Ich bin wer ich bin. Das ist – wie oben schon beschrieben – sicher ein „Erfolgsgeheimnis“ von mir, wenn es sowas überhaupt gibt. Ich bin authentisch, weil ich bin wie ich bin. Und wenn die Menschen das mögen, dann freut mich das sehr. Wenn nicht, ist es auch Ihr gutes Recht. Ich komme von hier, ich lebe hier und ich werde hier auch sterben. Und Du kannst die Leute nur DA abholen wo sie sind, wenn du auch DA bist.

Sven Hieronymus (Bild: © RPR1.)
Sven Hieronymus (Bild: © RPR1.)

Ja, ich fände es toll, wenn es mehr „Typen“ im Radio gäbe, beziehungsweise wenn man den Moderator*innen mehr Platz lassen würde, aber das liegt nicht in meiner Entscheidungsgewalt und da bin ich auch ganz froh drüber 

RADIOSZENE: Wie häufig präsentieren Sie sich im Dienste von RPR1. live vor Ort im Sendegebiet?

Sven Hieronymus: Live vor Ort für RPR1. bin ich tatsächlich selten… mhm… das müsst ich wohl mal monieren…

RADIOSZENE: Was gefällt Ihnen derzeit am 101jährigen Radio? Wo haben Sie Kritik? Was wünschen Sie sich?

Sven Hieronymus: Radio ist zeitlos und hat sogar das Fernsehen und Social Media überlebt. Das spricht schon mal sehr FÜR das Radio. Ich finde es immer noch das spannendste Medium, weil man Menschen NUR mit Sprache und Musik erreicht ohne eine Visualisierung, was Platz für die eigene Phantasie der Hörer*innen lässt. 

Ich wünsche mir, dass die Programmmacher wieder mutiger werden und auch Typen wie Dr. Rock und mir den Platz einräumen und die Möglichkeit geben sich auszuprobieren. Deshalb am Schluss: Nochmal vielen Dank, dass RPR1. den Mut hatte, den Rockertreff zu installieren und uns Bekloppte das machen lässt, was wir da tun. DAS gibt es leider viel zu selten! Keep on rockin!

Weiterführende Informationen

Adbnlocker erklannt

Anzeigen sind manchmal lästig – wir wissen das...

Aber der Betrieb von RADIOSZENE wird ausschließlich durch Werbung finanziert. Nur so können wir die Plattform kostenlos anbieten und die laufenden Kosten decken. Deshalb möchten wir dich darum bitten, deinen Adblocker für diese Seite zu deaktivieren. Herzlichen Dank für die Unterstützung!

Ich habe meinen Adblocker jetzt deaktiviert