Die am 10. Juli veröffentlichten Mediapulse-Zahlen zur Radionutzung im ersten Halbjahr 2025 sorgen für neue Dynamik in der Debatte um die UKW-Abschaltung. Während die SRG deutliche Verluste bei der Reichweite verzeichnet, gewinnen viele private und ausländische Sender hinzu – insbesondere solche, die weiterhin über UKW empfangbar sind.
SRG bleibt Marktführerin – verliert aber an Reichweite
Knapp sechs Monate nach der UKW-Abschaltung der SRG-Radiosender weist die SRG in allen Sprachregionen noch immer einen Marktanteil von 53 Prozent aus. Das entspricht einem Rückgang um 6 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahressemester – ein Rückgang, den die SRG als „im Rahmen der Erwartungen“ bezeichnet. So habe die digitale Umstellung auch im Auto deutlich Fahrt aufgenommen, heißt es in der offiziellen Mitteilung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.
In der Deutschschweiz bleibt SRF mit einem Marktanteil von 46,2 Prozent führend. Besonders betroffen von der Reichweitenreduktion sind laut SRG die Programme SRF 1 und SRF 3, die bis Ende 2024 noch via UKW gesendet wurden. Radio SRF 3 zählt neu noch 658’000 Hörerinnen und Hörer täglich, was einem Rückgang von rund 27 Prozent entspricht.
Privatradios mit Zuwächsen – Verband warnt vor 2026
Gleichzeitig melden Schweizer Privatradios im Durchschnitt ein Plus von 10 Prozent bei der Hörerreichweite. Noch deutlicher ist der Anstieg bei ausländischen Sendern, die weiterhin über UKW empfangbar sind: Sie legten laut Mediapulse um 20 Prozent zu – in absoluten Zahlen ein Zuwachs von mehr als 100.000 Schweizer Hörerinnen und Hörern.
Der Verband Schweizer Privatradios (VSP) sieht in diesen Zahlen ein klares Warnsignal für die geplante UKW-Abschaltung der Privaten Ende 2026. Man müsse davon ausgehen, dass sich viele Hörer:innen dann ebenfalls vom Schweizer Radioangebot abwenden – insbesondere unterwegs im Auto, wo der Umstieg auf digitale Empfangsgeräte oft noch nicht erfolgt sei.
Reichweitenverluste gefährden Werbefinanzierung
Während die SRG aufgrund ihrer Gebührenfinanzierung mit Reichweitenverlusten wirtschaftlich umgehen kann, sind Privatradios unmittelbar auf stabile Hörerzahlen angewiesen. „Ein Rückgang wie bei der SRG hätte für private Sender katastrophale Folgen“, warnt der VSP. Der private Werbemarkt sei ohnehin rückläufig – weitere Einbrüche bei den Reichweiten könnten die Existenz einzelner Sender gefährden.
Der Verband fordert daher eine politische Lösung, um die UKW-Verbreitung über 2026 hinaus zu ermöglichen. Drei entsprechende Motionen liegen dem Nationalrat bereits vor.
Digitalisierung schreitet voran – aber nicht flächendeckend
Laut der aktuellen DigiMig-Erhebung erfolgen bereits 87 Prozent der Radionutzung in der Schweiz digital. Dennoch bleibt ein erheblicher Teil der Nutzung – vor allem im mobilen Bereich – auf UKW angewiesen. Der VSP spricht sich daher nicht gegen den technischen Wandel aus, warnt aber vor einem übereilten Abschalten der analogen Infrastruktur.
Politik muss technische Realität und wirtschaftliche Lage berücksichtigen
Die SRG betrachtet ihre Reichweitenverluste als Bestätigung eines langfristig angelegten Transformationsprozesses und verweist auf den gemeinsamen Fahrplan zur UKW-Abschaltung, der 2014 zwischen SRG, Privatradios und dem Bakom beschlossen wurde. Die Privatsender hingegen fordern eine differenzierte Betrachtung: Eine Abschaltung dürfe erst dann erfolgen, wenn sie wirtschaftlich verkraftbar sei.
Ob der Abschalttermin Ende 2026 bestehen bleibt oder noch einmal verschoben wird, dürfte in den kommenden Monaten intensiv diskutiert werden – sowohl im Parlament als auch innerhalb der Branche.
Weiterführende Informationen:
- Mediapulse: Robuste Radionutzung trotz UKW-Teilabschaltung
- Radio-Nutzungszahlen 1. Semester 2025
- Verband Schweizer Privatradios (VSP)
- SRG: Radio-Nutzungszahlen weiterhin im Rahmen der Erwartungen
Pressemeldung des VSP vom 10. Juli 2025
UKW-Abschaltung gefährdet Schweizer Radiolandschaft – Privatradios fordern Verlängerung
Am Mittwoch, 10. Juli hat die Mediapulse die Hörerzahlen des ersten Halbjahres 2025 veröffentlicht. Die erstmals aufgrund der Messdauer verlässlichen Zahlen zeigen massive Reichweitenverluste bei den SRG-Programmen seit der UKW-Abschaltung. SRF3 verzeichnet in der Deutschschweiz einen Einbruch von 27%, Couleur 3 in der Romandie ein Minus von gar 46%. Im Weiteren zeigen die Zahlen eine Hörerverschiebung – mit Zuwächsen von 10% bei den Schweizer Privatradios und 20% bei den Auslandradios.
Ein beträchtlicher Teil der Hörerschaft weicht somit auf Programme aus, nur weil diese noch über UKW empfangbar sind. Bei der geplanten UKW-Abschaltung der Schweizer Privatradios Ende 2026 ist deshalb davon auszugehen, dass die Hörerschaft erneut zu den noch über UKW empfangbaren Auslandradios umschaltet oder sich vom Radiokonsum beispielsweise im Auto gar abwendet, da der Kauf eines digitalen Radiogeräts nicht in Frage kommt. Ein Hörerzahleneinbruch bei den Privatradios, auch schon geringer als jetzt bei der SRG hätte existenzielle Folgen, da durch die fehlenden Reichweiten die Werbeumsätze der Privatradios einbrechen würden. Der Verband Schweizer Privatradios fordert daher dringende politische Entscheidungen, um sicherzustellen, dass Schweizer Radiosender auch nach 2026 weiterhin über UKW senden können. Die bereits im Nationalrat eingereichten Motionen zur UKW-Verlängerung unterstreichen die Wichtigkeit dieses Anliegens. Die stark gesunkenen Hörerzahlen bei der SRG erfordern eine neue Sicht auf den Abschaltprozess von UKW.
2014 haben die privaten Radioverbände, die SRG und das BAKOM die Arbeitsgruppe Digitale Migration (AG DigiMig) gegründet, um gemeinsam Massnahmen und einen Zeitplan zum Umstieg von UKW auf DAB+ auszuarbeiten. Zu Recht hat der Bundesrat das erste UKW-Abschaltdatum von Ende 2024 auf Ende 2026 verschoben. Und die jetzt veröffentlichten Hörerzahlen, mit den massiven Reichweiteneinbrüchen von durchschnittlich 25% bei den von UKW getrennten SRG-Programmen zeigen erneut, dass der Abschaltzeitpunkt von UKW – ohne die Digitalisierung in Frage zu stellen – nochmals verschoben werden muss.
Die Einführung von DAB+ verlief erfolgreich und hat das Ziel der Diversifizierung der Radiolandschaft in der Schweiz erfüllt. Eine Studie der Universität Neuchâtel aus dem Jahr 2023 zeigt, dass sich die Zahl der terrestrisch ausgestrahlten Radiosender vervierfacht hat.
Die Zukunft der Radioverbreitung ist somit digital. Die Vorgaben des Bundes dürfen jedoch nicht dazu führen, dass Regionalradios verschwinden, die für das öffentliche Leben und das Demokratieverständnis in Gemeinden, Regionen und Kantonen unerlässlich sind.
Es wäre erfreulich gewesen, wenn sich die Hörerzahlen bei den SRG-Programmen nach einem halben Jahr seit der UKW-Abschaltung zumindest teilweise erholt hätten. Dies ist jedoch nicht eingetreten und dürfte in absehbarer Zeit auch nicht stattfinden. Die Hörerschaft hat sich mehrheitlich bereits entschieden, ob sie sich ein digitales Radiogerät anschaffen möchte oder nicht. Daran würde auch ein Abschalten der Privatradios Ende 2026 wenig ändern. Es ist auch illusorisch zu glauben, dass weitere Werbekampagnen UKW-Hörende zum Umstieg auf digitale Geräte bewegen.
Zudem zeigt der hohe Zuwachs von über 100’000 Schweizer Hörerinnen und Hörern von ausländischen Radiosendern, dass sich ein grosser Teil der Hörerschaft bei Programmen bedient, die noch über UKW empfangbar sind. Eine komplette Abschaltung von UKW Ende 2026 hätte einzig den Effekt, den Konsum von Auslandradios weiter zu befeuern, was nicht im Sinne des Medienplatzes Schweiz sein kann.
Die SRG, deren Finanzierung größtenteils über Gebühren erfolgt, kann sich einen Rückgang der Zuhörerzahlen leisten, ohne dass dies direkte Auswirkungen auf ihre Einnahmen hat. Für private Radiostationen hätte ein Reichweitenverlust, selbst geringer als derzeit bei der SRG, katastrophale Folgen, da sowohl Werbetarife als auch Werbeverkäufe direkt von der Hörerreichweite abhängen. Die Privatradios befinden sich bereits in einem rückläufigen Werbemarkt, weitere Werbeausfälle wären für Betrieb und Personal nicht tragbar.
Es liegt nicht im Interesse der privaten Radiostationen, die Doppelverbreitung über UKW und DAB+ unbegrenzt weiterzuführen. Eine Abschaltung von UKW soll jedoch erst erfolgen, wenn sie für private Radioveranstalter wirtschaftlich tragbar ist. Aktuelle Prognosen der Radiostationen zeigen, dass die finanziellen Risiken durch den Reichweitenverlust bei einer UKW-Abschaltung Ende 2026 größer sind als die Einsparungen, die durch die Abschaltung der UKW-Sendeanlagen erzielt werden können. Kritisch ist weiterhin der Ausbau der Fahrzeuge mit DAB+. Hier würde eine UKW-Verlängerung ermöglichen, dass die Zahl
DAB+-tauglicher Autoradios durch den üblichen jährlichen Verkauf von rund 240’000 Neuwagen in der Schweiz kontinuierlich steigen kann.
Der VSP setzt sich entsprechend dafür ein, dass Politik, Behörden und Radioveranstalter einen Weg finden, die bestehende UKW-Verbreitung über 2026 hinaus zu verlängern. Wenn die privaten Radiostationen bereit sind, die Doppelverbreitung noch einige Jahre fortzuführen und zu finanzieren, gibt es keinen Grund, ihnen das zu verwehren. Aktuell liegen dem Nationalrat bereits drei Motionen zur Weiterführung von UKW vor, was die Dringlichkeit einer Lösung deutlich signalisiert.
Update vom 27. August 2025
Positionspapier der Schweizer Privatradioverbände VSP und RRR gegen die geplante UKW-Abschaltung Ende 2026
Die neusten und erstmals verlässlichen Hörerzahlen des ersten Halbjahres 2025 der Mediapulse zeigen nach der UKW-Abschaltung der SRG massive Hörerverluste bei den SRG-Programmen. Die Anzahl effektiver Radiohörerinnen und -hörer, die weiterhin über UKW Radio hören, wurde deutlich unterschätzt. Die zuvor durchgeführten Publikumsbefragungen vermittelten ein falsches Bild.
10 Gründe, weshalb UKW Ende 2026 noch nicht abgeschaltet werden darf:
- Die unerwartet hohen Reichweitenverluste von bis zu 49% bei SRG-Programmen verlangen eine Kursanpassung im UKW-Abschaltprozess
- Eine UKW-Abschaltung bei den kommerziellen Privatradios würde zum Einbruch der Werbeeinnahmen und zu einem Stellenabbau führen.
- Ein beträchtlicher Teil der Schweizer Hörerschaft ist bereits zu ausländischen UKW-Programmen gewechselt und wird dies bei einer vollständigen UKW-Abschaltung umso mehr tun – oder ganz auf Radio verzichten.
- Immer noch 1,7 Mio. Autos in der Schweiz sind ohne DAB+ – was wesentlich zum Reichweitenverlust bei der SRG beigetragen hat. Es braucht mehr Zeit, damit der DAB+ Empfang in Autos über Neuwagenverkäufe kontinuierlich zunimmt.
- Die Hörerzahlen der SRG haben sich seit der Abschaltung nicht erholt und werden sich aufgrund der geringen Umrüstungsbereitschaft der Bevölkerung auch nicht erholen.
- Die UKW-Verlängerung ist nicht gegen die SRG gerichtet – auch die SRG soll weiterhin über UKW senden dürfen.
- Die Privatradios stellen den Digitalisierungsprozess nicht in Frage, aber die UKW-Abschaltung darf erst erfolgen, wenn sie für Private wirtschaftlich tragbar ist.
- Kein anderes Land hat UKW komplett abgeschaltet – auch Norwegen nicht.
- Die Privatradios wollen UKW weiterfinanzieren – es gibt keinen Grund, ihnen dies zu verbieten.
- Der Bund erzielt Einnahmen mit der UKW-Verbreitung.
Aus all diesen Gründen setzen sich die unterzeichnenden Verbände dafür ein, dass Politik, Behörden und Radioveranstalter eine Lösung finden, um die bestehende UKW-Verbreitung bis zum Ende der Konzessionsperiode 2034 zu verlängern. Den Radioveranstaltern soll es dabei individuell freistehen, ihre Funkkonzession schon früher zurückzugeben, sofern eine Fokussierung auf DAB+ wirtschaftlich tragfähig ist.









