Valerie Weber: „Das Gerät Radio wird nicht überleben“

Valerie Weber, Vorsitzende der Geschäftsführung der Antenne Bayern Group, zeichnet in einem aufschlussreichen Interview mit der Süddeutschen Zeitung ein schonungsloses Bild vom Zustand des Privatradios – und von seiner Zukunft. Im Gespräch macht die langjährige Radiomacherin deutlich: Der technische Wandel, verändertes Mediennutzungsverhalten und wirtschaftlicher Druck bedrohen das klassische Live-Radio – strukturell wie inhaltlich.

Valerie Weber (Bild: © ANTENNE BAYERN GROUP / Stefan Knig)
Valerie Weber (Bild: © ANTENNE BAYERN GROUP / Stefan Knig)

Valerie Weber: Privatradios stehen vor existenzieller Zeitenwende

„Dem Radio generell geht es gut, Audio boomt. Aber der Wirtschaft geht es nicht so gut – und das spüren Privatradios“, stellt Weber nüchtern fest. Besonders der drastische Einbruch der Werbeeinnahmen zum Jahresende 2024 habe viele Sender hart getroffen. Zwar ziehe die Buchungslage langsam wieder an, aber „eine Situation wie Ende 2024 kann schnell bedrohlich werden“, warnt sie.

Doch es sind nicht nur wirtschaftliche Faktoren, die das Privatradio unter Druck setzen. Die technische Fragmentierung der Ausspielwege – UKW, DAB+, Streaming, Social Media – verschärft die Situation zusätzlich. Der Hörer weicht zunehmend auf Smart Speaker, Smart TVs oder direkt auf Streamingdienste aus. Weber beschreibt das als fundamentale Herausforderung: „Unser Hauptkonflikt ist: Das Gerät Radio, das viele Menschen morgens aus Gewohnheit einschalten, wird vermutlich nicht überleben.“

Insbesondere in den einst so wertvollen Hörmomenten des Morgens – Schlafzimmer und Badezimmer – verliere das klassische Radio zunehmend an Relevanz: „Wenn die sich mit ihrem Handy wecken lassen und im Bad keine ihrer teuren Lautsprecher verbauen wegen der Luftfeuchtigkeit, fehlen uns wertvolle Minuten ihrer Zuwendung.“

Weber plädiert daher für eine inhaltliche und emotionale Neuausrichtung des Radios: „Wir sind live bei den Hörerinnen und Hörern, teilen gemeinsam diese wilde Welt, reden mit ihnen darüber.“ Das Persönliche sei die große Chance des Mediums, gerade im Kontrast zu algorithmusgetriebenen Plattformen. „Radio ist prädestiniert dafür, weil Sender und Hörer eine Community bilden.“

Dabei müsse das lineare Programm neue Wege gehen – auch bei den Nachrichten. Antenne Bayern hat seine Newsstruktur bereits angepasst: Eine erste Meldung aus Bayern, ein schwieriger Block in der Mitte, ein Social-Media-Thema am Ende. Ziel: „Die Hörer nicht zu verschrecken, sondern mitzunehmen.“

Auch gesellschaftliche Verantwortung gehört für Weber zum Selbstverständnis eines Privatsenders. „Wenn wir diese Verantwortung nicht wahrnehmen, sind wir eine Abspielstation für Musik und Nachrichten. Damit hätten wir verloren.“

Der Weg in die Zukunft sei offen – und ungewiss. KI-gestützte Audio-Assistenten könnten schon bald das klassische Radio überflüssig machen. Doch Weber sieht darin auch eine Chance: „Die Frage wird sein, wer es erfindet.“

Der Appell von Valerie Weber ist deutlich: Nur wer auf echte Menschlichkeit, Relevanz im Alltag und konsequente Nutzerbindung setzt, wird im Wettbewerb mit personalisierten Medien bestehen. Privatradios müssen ihr Profil schärfen – und dürfen ihren emotionalen Live-Kern nicht preisgeben.

Das komplette SZ-Interview ist hier nachzulesen (€)