Berater im Radio: notwendiges Übel oder sinnvolles Korrektiv?

Veröffentlicht am 06. Nov. 2010 von unter Deutschland

apb Tutzinger RadiotageInge Seibel-Müller (Hörfunker.de) sprach auf den Tutzinger Radiotagen 2010 mit Radiomoderator Patrick Lynen, der sich als Coach Gleichmut zugelegt hat nach dem Motto: “Take it or leave it”.

Patrick Lynen gehört zu Deutschlands bekanntesten Radiomoderatoren, zumindest im Kollegenkreis. Sein Urteil ist in der Radiobranche gefragt, seine Radio- und Volontärsseminare schnell ausgebucht. Sein “Wundervolles Radiobuch” mit hilfreichen Tipps und konkreten Beispielen für moderne Moderation im Radio, erstmals 2003 aufgelegt, ist bereits in dritter aktualisierter Auflage erschienen. Lynens Stimme kennt man auch vom Fernsehen. Für die Harald-Schmidt-Show hat er jahrelang die Sendungsopener gesprochen, ebenso für Jörg Pilawas Maus-Show in der ARD.

Patrick Lynen ist nicht nur Moderator, er ist auch Coach und Trainer mit eigener Beratungsfirma. Berater aber sind umstritten bei Deutschlands Radiomoderatoren…

Bei HR 1, dem 1. Programm des Hessischen Rundfunks, wo er seit Februar 2008 zwei Wochen im Monat die Morgensendung moderiert, fühlt sich Patrick Lynen wohl, aber noch nicht endgültig angekommen. Was ihn wirklich reizen würde, wäre die Moderation in einem Talk Radio nach britisch-amerikanischem Vorbild, einem Radioformat, das es in Deutschland überhaupt nicht gibt. “Das würde ein gigantischer Erfolg, ich verstehe nicht, warum keiner in Deutschland sich da ran wagt”, bedauerte Lynen bei seinem Auftritt auf den Tutzinger Radiotagen 2010 im Oktober. Dabei denkt er an eine “soapartige Abbildung” des Tagesgeschehens und wohl weniger an die “Scharfmacher am Mikrofon“, von denen DRadio Wissen erst kürzlich berichtete, dass der klar zu spürende Rechtsruck in Amerikas öffentlicher Meinung, Moderatoren wie Glenn Beck und Rush Limbaugh zu verdanken sei. RechtspopuläreTalk-Radio-Moderatoren, die großen Einfluss auf die Meinung der Wähler in Amerika haben. Ihre Einschaltquoten rangieren mittlerweile weit über denen der Musiksender.

Ein deutsches Talk Radio nach britisch-amerikanischem Vorbild. Das wäre der Knaller, glaubt Patrick Lynen.

Für das Moderatorenpanel bei den Tutzinger Radiotagen war Lynen neben weiteren Radioprofis wie Sabine Schneider von Hitradio FFH und Daniel Ebert von Radio BOB! die ideale Besetzung, denn Lynen ist nicht nur Moderator, er ist auch Coach und Trainer mit eigener Beratungsfirma. Berater aber sind oft ein rotes Tuch für Deutschlands Radiomoderatoren. Ihnen schreiben sie es zu, dass die Sender sich immer mehr angleichen, das Format ihre Persönlichkeit einenge und ihre Kreativität beschränke. So blieb es nicht aus, dass der Einfluss der Berater auf die Entwicklung der Moderatorenpersönlichkeiten in Deutschland immer wieder thematisiert und für die Radiotage 2011 auf die Vorschlagsliste gesetzt wurde.

Verständlicherweise wehrt sich Lynen, wenn Berater grundsätzlich in einen Hut gesteckt werden: “Feedback bedeutet auch mir was. Fremdwahrnehmung, die dich spiegelt, vermittelt notwendige Impulse von außen, im Idealfall feinfühlig begleitend.” Für Lynen gibt es geschmackliche Grenzen, die er nicht unterschreitet, aber er nenne auch Dinge beim Namen, die weh tun. “Das”, so Lynen, “gehört zu einer Persönlichkeit. Und der Mut, nicht allen alles recht machen zu wollen.”

Undogmatisch und mit Gleichmut – O-Ton Lynen: “Ich rege mich selbst bei schwierigsten Kandidaten nicht mehr auf” – , so will Hessens Morgenmoderator als Coach und Trainer seinen Kollegen Impulse und eine Botschaft mit auf den Weg geben. Das unterscheide ihn von vielen anderen Trainern, die sagen: “So macht man das – und nicht anders!” Und von vielen, die noch immer meinen: “Du darfst über vieles reden, aber nicht über 1:30 Minuten.” Damit, so Lynen, züchte man “AC-Schnecken”. AC steht als Abkürzung für “Adult Contemporary”, zeitgenössische Erwachsenenmusik, Deutschlands meistgespieltes Radioformat.

“Der Sender soll sich verankern, die Botschaft soll rüber kommen und der Hörer zu Wort. Das geht nicht in 1:30”, meint Lynen. Programmchefs gibt er mit auf den Weg: “Es braucht ein transparentes Umfeld, wo man nicht nur vermutet, was der Programmchef will. Es muss Luft bleiben zum Atmen und man braucht einen Rahmen, der klar absteckt, wohin die Reise geht, sonst sende ich für eine diffuse Zielgruppe, für die Redaktion, für mich oder meine Freundin.”

Links
Patrick Lynen: “Was hab ich da bloß wieder angestellt?!”
Lynen.de
Hörfunker.de

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