Lokalfunk-Porträt: Radio Ton macht die Musik

Veröffentlicht am 27. Aug. 2010 von unter Deutschland

Eingangsschild von Radio Ton

Eingangsschild von Radio Ton

Heilbronn auferstanden aus Ruinen. Am 04.Dezember 1944 wurde die Stadt am Neckar durch einen britischen Luftangriff völlig zerstört. Die kleine, wiederaufgebaute Altstadt mit der frühgotischen Kilianskirche (13.-15- Jhd.) lädt heute zum Verweilen ein. Die Brunnenfigur des Käthchens von Heilbronn, geschaffen von Dieter Läpple im Jahre 1965, lehnt sich an ein gleichnamiges historisches Ritterschauspiel von Heinrich von Kleist (1777- 1811), einem im 19. Jahrhundert populären Theaterstück, an. Seit November 1987 gehört auch ein Lokalsender zum alltäglichen Leben der Heilbronner – Radio Ton. Hendrik Leuker hat diese Station besucht.

Radio von der Pike auf

Klaus Höflinger (49) empfängt mich an einem Samstag in seinem Büro. In dem am Wochenende vergleichsweise fast leeren Funkhaus hält er als Programmleiter die Stellung. Seit dem Beginn von Radio Ton gehört der Oberösterreicher zum Inventar des Senders. Weil er in seinem erlernten Beruf als technischer Zeichner nicht glücklich wurde, drängte es ihn zum Radio. Seit dem 01.01.1988 bei Radio Ton festangestellt war er Redakteur, Moderator und Musikredakteur. 14 Jahre war er ununterbrochen im Programm zu hören. Im Jahre 2001 wurde er Leiter der Musik- und Internetabteilung. Nebenbei bildete er sich bei der Industrie- und Handelskammer zum Internetprogrammierer fort. Im Jahre 2005 wechselte er sodann in die an die Marketingabteilung angekoppelte Internetabteilung. 2007 wurde der altgediente Mitarbeiter für seine Umtriebigkeit und seine Sendertreue belohnt und avancierte zum stellvertretenden Programmleiter. Im Jahre 2008 folgte schließlich die Ernennung zum Programmleiter . „In meiner Position reicht eine 40-Stunden-Woche nicht aus.“ erklärt Höflinger seine Präsenz am Wochenende.

Programmleiter Klaus Höflinger in seinem Büro

Programmleiter Klaus Höflinger in seinem Büro

Die Suche nach dem besten Mix

Radio Ton startete am 25.11.1987 mit seinem Programm unter dem Namen „Radio Regional“ auf den Frequenzen 100, 1 MHz (Langenburg) und 103,2 MHz (Heilbronn) , damals quasi als akustischer Ableger der Lokalzeitung „Heilbronner Stimme“ mit Partnerverlagen (seinerzeitiger Gesellschaftsanteil 80 %). Unter der späteren Dachmarke sendete Radio T.O.N. (Tauber/Odenwald/Neckar) auf der Frequenz 103,5 MHz in Bad Mergentheim seit 1989. Im Jahre 1994 fand in Baden-Württemberg eine umfassende Neulizenzierung statt, aus der die Unterscheidung von Bereichssendern (Radio 7, Antenne 1 und Radio Regenbogen) und Lokalsendern resultiert, die die Radioszene im „Ländle“ prägt. Insgesamt wurden 44 Sender, meistens verlegerbetrieben, gelöscht , da diese 1986 lizenziert wurden und nicht mehr zum Zusammenhang passten. Das vormalige Radio Regional und Radio T.O.N. fusionierte zu Radio Ton.

Doch damit nicht genug der Änderungen für den Heilbronner Lokalsender: Die „Heilbronner Stimme“ musste ihren Mehrheitsanteil abgeben und hält heutzutage nur noch 26% der Anteile, verfügt aber zusammen mit der MOIRA Rundfunk (Rheinpfalz) und der fn – Fränkische Nachrichten (Mannheimer Morgen) über 75% der Anteile; unter den Kleinaktionären befinden sich Mitbewerber Antenne Radio aus Stuttgart, diverse weitere regionale Zeitungen und sogar die RTL Group (2% der Anteile).

Die starke Frequenz 100,1 MHz vom Standort Langenburg , die in der ganzen Nordhälfte Baden-Württembergs und in Teilen von Mittel- und Unterfranken gut gehört werden kann, musste dem gerade geschaffenen Bereichssender Antenne 1 aus Stuttgart überlassen werden. Diese Situation forderte das neu kreierte Radio Ton heraus: Das Team im Funkhaus an der Heilbronner Allee suchte nach der passenden musikalischen Grundlage: Ein Mix, der zum neuen Sender passte. „Früher war der Mix ein Hin und Her.“, räumt Höflinger selbstkritisch ein. „Auch bei uns war mal das Beste aus den 80ern, 90ern und heute – wie oft anzutreffen – zu hören. Wir wollten aber weg von den Jahrzehnten. Ich bin der Ansicht, dass der Hörer selbst entscheiden muss, was für ihn gut und schlecht ist. Wir machen genau das Gegenteil von dem, was die meisten machen. Wir wollen mit Absicht Ecken und Kanten setzen.“, gibt sich Höflinger selbstbewusst.

Herausgekommen ist dabei der Claim „Der beste Mix aus Rock und Pop“. Aber nicht so, wie andere Stationen Rock und Pop verstehen: „Zu Rock gehören zum Beispiel auch Hardrock von AC/ DC und Deep Purple. Nicht zu oft, wir wollen in der Woche schließlich nicht fünfmal das Gleiche spielen. Pop bedeutet bei uns wenig Dance und die richtige Mischung aus „neu“ und „alt“. Bei der Sängerin Lady Gaga („Paparazzi“) wird genau ausgewählt, welcher Titel gespielt wird. Nicht jeder Charthit kommt zum Einsatz, die Melodie steht im Vordergrund und nicht der Rhythmus. Dazu findet man auf unseren Playlists Tina Turner, a-ha aus Norwegen oder Robbie Williams“, erläutert Höflinger den Claim.

„Unsere Musikfarbe ist nicht so neu und dancig wie bei SWR 3, aber auch nicht so alt und oldielastig wie bei SWR 1. Wir sind dazwischen,“, gibt Höflinger die Positionierung seines Senders in punkto Musikauswahl vor. Dabei deutet er auf von ihm ausgedruckte Playlists vom 08. Februar 2010, die zwei Tage nach meinem Besuch zum Einsatz kommen sollten: „Sie finden auf den Playlists 1-2-mal Titel aus den 70ern, dann 2-mal die 80er, zweimal die 90-er und 2-mal Recurrent- Titel (aus den letzten 10 Jahren; d. Verf.).“ Aber wohlgemerkt, die Reihenfolge ist nur beispielhaft, keine zwanghafte Anleitung. Das Gefühl für Musik , Rock und Pop, steht im Vordergrund, nicht die Jahreszahl des Erscheinens des gespielten Titels auf MP 3-Datei im Studio.

Moderator Ulli Diehr im Studio

Moderator Ulli Diehr im Studio

Interaktion mit dem informierten Hörer

„Wir wollen Qualitätsradio bieten. Das enge Formatradio wollte ich ablegen und zum guten Radio zurückkehren. Zu meiner Strategie gehört, dass auch im Anschluss an „Radio Ton am Morgen“ mit Andreas Rauh (5-10 Uhr) , unserer erfolgreichsten Sendung, die Hörer mit lokaler Information weiter an uns gebunden werden. Dafür senden wir täglich 22 lokale Nachrichtenblöcke, regionale und lokale Information kommen in der Morningshow halbstündlich, dann stündlich von 10-17 Uhr sowie wiederum halbstündlich von 17-19 Uhr.“, bringt Höflinger den Stellenwert von lokalen Nachrichten in seinem Sender auf den Punkt.

Außerdem setzt man bei Radio Ton rege das in Baden-Württemberg mögliche Frequenzsplitting ein. Für lokale Information verfügt Radio Ton über Studios in Bad Mergentheim, Aalen, Reutlingen und natürlich in Heilbronn selbst (im Mutterfunkhaus). Diese Studios produzieren selbständig Content- Nachrichten und Interviewbeiträge, anschließend senden sie diese nach Heilbronn. Dort werden sie zentral bearbeitet und auf gleiche Länge geschnitten. Jedes einzelne Sendegebiet bekommt durch das lokale Splitting somit sein eigenes Nachrichtengefäß zu Gehör gebracht.

Auch werden ganze Sendestrecken auseinandergeschaltet. So ist z.B. über die Frequenzen im Neckaralbgebiet (siehe unten) ein Regionalprogramm zu hören, während im größeren Teil des Sendegebiets das Hauptprogramm von Radio Ton läuft. Entsprechend können Werbekunden Werbung für alle Sendegebiete oder nur ein ganz bestimmtes Sendegebiet buchen.

Radio Ton verfügt über eine technische Reichweite von 4 Millionen Hörern, die im Sendegebiet leben und über 10 Jahre alt sind. „Wir sind privater Marktführer im Sendegebiet Heilbronn/Franken. Unser Hauptkonkurrent ist der Bereichssender Antenne 1 aus Stuttgart. Radio Regenbogen aus Mannheim, welches in Heilbronn und im westlichen Sendegebiet gleich gut zu empfangen ist, hat es aufgegeben, in unseren Gewässern zu fischen. Die einzige Chance, die es für uns gibt, besteht darin, uns mit kurz und knackig präsentierten lokalen Informationen gegen die Großen zu behaupten. Man muss hierzulande bedächtig und vorsichtig Programmneuerungen einführen. Die Schwaben sind schon ein anderer Volksstamm als z.B. die Berliner. Sie lieben es nämlich nicht aufgeregt und schrill.“

Moderator Ulli Diehr

Moderator Ulli Diehr

Dem Hörer kommt man in der schwäbischen Provinz auch näher als im großstädtischem Ambiente. „Beispielhaft wären unsere Ski-Openings zu nennen, bei denen wir mit 500 pistenbegeisterten Hörern die nahe Bergwelt erkunden. Desweiteren denke ich an unseren Tourbus, der z.B. beim Top 1000- Hitmarathon zu Ostern durch das Ländle fährt und Stimmkarten einsammelt. Dabei können die Hörer durch ihre Beteiligung an der Hörerhitparade Karten für ein Musical gewinnen. Wir haben auch schon Konzerte von programmaffinen Pop-Gruppen wie „Ich+ Ich“ präsentiert oder Auftritte des schwäbisch-türkischen Comedian Bülent Ceilan. Mit Interaktionen und Präsentationen erreichen wir einerseits Hörerbindung, andererseits kommen wir mit den Hörern über unser Programm ins Gespräch.“, erklärt Höflinger den Sinn des Engagements seines Senders über das eigene Programm hinaus.

„Dabei sollte auch das emotionale Gefühl entstehen: Radio Ton ist unser Lokalsender.“ Aber Höflinger macht sich grundsätzlich keine Illusionen: „Ich glaube nicht, dass sich die meisten Hörer bei einem Radiosender Gedanken machen, woher der sendet. Es geht eher um die Frage, ob das Radio gut oder schlecht ist. Also bestehen wir letztlich nur von der Programmgestaltung her vor unseren Hörern.“

Förderer der heimischen Wirtschaft

Dass ein privater Lokalsender mehr vermag, als Musik und lokale Information zu senden, stellt Radio Ton durch verschiedene Sendereihen unter Beweis. „Wir hatten eine Sendereihe namens Wirtschaftswunderregion. Darin wollten wir Firmen, sowohl Global Players als auch Hidden Champions, unseren Hörern vorstellen, indem wir ihren Unternehmensbereich im Radio abbilden. Zweimal am Tag, um 11.30 Uhr und um 16.30 Uhr, wurden Firmen innerhalb redaktioneller Beiträge von etwa 1:30 Minuten Länge porträtiert. Wir werden diese Aktion nicht mehr in gleicher Form wiederholen, sondern arbeiten an einem PR-Konzept, dass sich Firmen nunmehr eigenständig in Hörclips darstellen können.“, kündigt Höflinger an.

Plakat von Radio Ton

Plakat von Radio Ton

Zwar sind Wirtschafts- und Finanzkrise in aller Munde, bei Radio Ton versucht man, einer schlechten Stimmung im Ländle entgegenzusteuern und Unternehmern, Verbrauchern und Arbeitnehmern Perspektiven aufzuzeigen. „Außerdem haben wir aus gegebenem Anlass immer wieder Thementage wie zum Ökostrom und zum Fall der Mauer. Ein Langzeithörer bekommt somit zu einem bestimmten Thema einen neuen Zugang, indem wir acht Kurzbeiträge von einer Länge bis zu 2 Minuten über den Tag verteilt senden.“, erklärt Höflinger. Ein akustischer Mosaikstein wird somit auf den nächsten Stein gesetzt. Das Gesamtbild entsteht beim Medium Radio immer noch im Kopf der Hörer.

Besonderheiten im Nachtprogramm

Im Gegensatz zu den bayerischen Lokalsendern haben baden-württembergische Stationen keine Möglichkeit, sich abends in hörerschwachen Zeiten an ein Mantelprogramm anzuschließen. Ein solches wird von der zuständigen Landesmedienanstalt Lfk in Stuttgart nicht angeboten. „Ab 20 Uhr senden wir in der Regel ein eigenes computergesteuertes Programm. Vor etwa 20 Jahren gab es eine Art gemeinsames Nachtprogramm mit anderen Sendern. Damals wurden auch noch CDs und Platten aufgelegt.“, erinnert Höflinger an die zwar junge, aber schon rückständige Vergangenheit. Nicht nur die Technik hat sich seither geändert. „Die Konkurrenzsituation lässt heute ein Zusammenlegen der Nachtprogramme nicht mehr zu.“, stellt Höflinger fest.

Mein persönliches Fazit

Radio weiter denken. Hin zu Qualitätsradio mit Informationsblöcken und zu einem ausgewogenen und wohldosierten Mix aus Rock und Pop, weg vom Formatradio. Wer meint von Nord bis Süd werde im deutschen Privatrundfunk eine Soße gespielt, hat seit 10 Jahren keinen Privatfunk mehr gehört. Das war einmal. In diesem Zusammenhang sind bei Radio Ton gute Ansätze feststellbar. Einschränkend muss aber festgestellt werden, dass ein Regionalsender in der Fläche wie Radio Ton eine solche Innovation erheblich leichter durchsetzen kann als ein hitorientierter Sender in einem Ballungsraum.

Dieser Bericht wurde im Februar 2010 von Hendrik Leuker recherchiert und veröffentlicht in RADIO KURIER 08/2010.

Kontakt und Frequenzen

Radio Ton-Heilbronn / Franken
Allee 2
74072 Heilbronn
Tel: 07131 / 650-0
Fax: 07131 / 650-100
Email: info@radioton.de
Internet: www.radioton.de (Livestream nur in Mono)
Studios befinden sich in Heilbronn, Bad Mergentheim, Reutlingen und Aalen.

Die leistungsstärksten Frequenzen:

Standort MHz (Sendeleistung in kW)
Bad Mergentheim 103,5 MHz (20)
Heilbronn 103,2 MHz (25)
Aalen 107,1 MHz (20)
+weitere 10 Kleinstsender in Heilbronn / Franken, dem Neckaralbgebiet und in Ostwürttemberg.

Empfangsberichte werden gegen Rückporto bestätigt.

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