RBB statt Nessie: Deutsches Sommertheater 2022

Veröffentlicht am 03. Okt. 2022 von unter Standpunkte

War die gewulffte RBB-Intendantin Patricia Schlesinger wirklich eine Verschwenderin – oder nur nicht böse genug?

Das Sommerloch schlägt jedes Jahr erbarmungslos zu, doch im Klimawandel trocknen die Nachrichtenflüsse noch mehr aus als sonst. Und nicht nur diese, weshalb das Ungeheuer Nessie nun wohl endgültig seinen schottischen See verlassen hat, sich auch keine Kaimane und Krokodile mehr in deutschen Baggerseen blicken lassen und dem Deutschen stattdessen empfohlen wird, in die Dusche zu pinkeln, um Wasser zu sparen. Der Deutschen dagegen nicht, ja wo kämen wir denn hin mit der Gleichberechtigung, wenn Frauen jetzt auch einfach im Stehen pinkeln dürfen wie die Männer? Achso, die dürfen ja eigentlich auch nicht mehr…

Bauernopfer?

Die ARD liefert im Sommer traditionell immer Sommer-Popcorn-Kino, um das Sommerloch mit weniger anrüchigen Themen zu stopfen. So auch dieses Jahr, doch diesmal mit einem zusätzlichen Double-Feature mit dem Titel „Warum bringen wir den Chef nicht um?“ Nein, nicht dem Film diesen Namens, sondern einem klassischen Western: Nachdem eine ihrer Häuptlinge in feindlichen Beschuss geriet, wandte der Stamm sich von ihr ab und warf sie fristlos aus demselben. Ja, sogar der ganze Sender wurde nun in Sippenhaft genommen und von Besprechungen ausgeschlossen.

Das Ganze erinnert stark an die Wulff-Affäre, wo man einen Bundespräsidenten für bestechlich hielt, weil er etwas zu kontaktfreudig auftrat, auch mal feierte, was Politiker auch heute nicht ungestraft dürfen, schon gar nicht (F)-innen. Doch am Ende war sein einziges offenkundiges Vergehen, dem Chefredakteur der BILD telefonisch gedroht zu haben, und dies dummerweise aktenkundig auf einen Anrufbeantworter gesprochen.

Vor Gericht gilt ja immer zunächst die Unschuldsvermutung, im Zweifel für den Angeklagten. Zumindest im Strafrecht, im Zivilrecht schlägt sich der Richter schon mal gerne auf die Seite des Klägers und ordnet Dinge an, die nicht mal der Käger verlangt hat. Doch hier wurde längst der Stab über Frau Schlesinger gebrochen und sie wie ein Hund vom Hof gejagt. Sich zu den Vorwürfen äußern konnte sie sich wochenlang gar nicht mehr, erst jetzt – was aber nur noch als „Rechtfertigungsversuche“ aufgenommen wird. Ihr Ruf ist ruiniert, egal, was die Untersuchungen in einigen Monaten erbringen werden.

Print vs. ÖRR – ein selbstgemachtes Problem der ARD

Das Klima in öffentlich-rechtlichen Anstalten ist nicht immer einfach – wer nicht gerne zu Siemens gehen wollte oder in den öffentlichen Dienst, fühlt sich hier meist auch nicht wohl. Auch nach außen treten einige Sender und vor allem ihre Rechtsabteilungen sehr aggressiv auf – der SWR wollte einst sogar Rundfunkgebühren auf von außen gar nicht zugängliche Webserver kassieren. Man hasste ja schließlich dieses komische Internet und jene, die es nutzen, von ganzem Herzen, da manche Mitbürger zukünftig dort mehr Zeit verbringen wollten und weniger vor der Glotze; zu einer Zeit, als es Facebook noch nicht gab und man dort deshalb bessere Qualität befürchtete als im abgemeldeten, aber nicht abmeldbaren Fernsehen.

Also startete die ARD eine „Internet-Offensive“ – einen Internet-Angriffskrieg. In deren Rahmen wurden dann merkwürdigerweise Printjournalisten – nicht etwa Onliner oder gar kommerzielle Rundfunkmitarbeiter – zum neuen Feind des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks und seitdem gibt es auch regelmäßig umgekehrt investigative Untersuchungen dieser Medien gegen den ÖRR. Schon, um sich für die Attacken zu revanchieren und dessen Rechtsabteilungen mit „wichtigen Themen“ zu beschäftigen in der Hoffnung, so weitere Aktionen gegen Mitarbeiter abzuwenden, die ihre Recherchen eigentlich gar nicht dem ÖRR widmen wollten, sondern anderweitig vollauf ihren Job zu tun gehabt hätten, bis man ihnen die dazu notwendigen Arbeitsmittel kurzerhand unterm Hintern weg klagte. Tatsächlich mögen die Sender zwar passive Zuschauer, aber keine aktiven Mitarbeiter, nicht bei sich und erst recht nicht anderswo angestellt oder gar freiberuflich tätig –

„Journalisten? Da hätten Sie auch den Pförtner fragen können, die haben bei uns nichts zu sagen!!!“. (Eva Maria Michel, Westdeutscher Rundfunk Köln)

 

Bis 2000 war das Verhältnis zwischen gedruckter Presse und Rundfunk entspannt. Man wurde gelegentlich mal über seine Arbeit interviewt und wenn man dazu extra ins Studio fahren musste, gab es sogar ein Honorar. Doch seitdem schreibt man umgekehrt öfter über den ÖRR, ob man will oder nicht, und wird selbst eher nicht mehr interviewt. Und so wurde nun der ÖRR zum diesjährigen Sommerloch-Thema. Wobei mittlerweile auch intern nachgeholfen wird, wenn es denn schon mal läuft und so redaktionelle Probleme des NDR ebenfalls öffentlich beachtet werden.

Die Dienstwagen-Affären

Plötzlich entdeckte man da nämlich höchst investigativ so einige Dinge, die eigentlich längst bekannt waren. So hat der bayrische Rundfunk beispielsweise eigene Tankstellen auf seinem Gelände, weil der Fuhrpark eines öffentlich-rechtlichen Senders doch so einige Ü-Wagen enthält, die dann auch nachts mal wieder aufgetankt werden müssen ­– Reportagen einfach mit dem Handy zu filmen, war früher ja nun mal schlicht nicht möglich. Wer das beim Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk heute versucht, wird damit übrigens auch nicht glücklich und macht sich nicht nur im Sender Feinde, sondern wird auch vom „Internet“ gestalkt, das er im Gegensatz zu seinen Chefs doch gerade einbinden und nicht ausgrenzen und bekämpfen wollte.

Natürlich können dort auch Mitarbeiter mit Tankkarte ihre Privatautos auftanken, wenn sie sie auch dienstlich nutzen, und manche haben auch Dienstwagen. Amüsant, wenn sie diese und die im Kofferraum eingebaute Musikanlage dann vor einem Biergarten so auf voller Lautstärke dem interessierten Publikum vorführen wie die Jugend ihre Anlagen auf dem Aldi-Parkplatz – nur dass dann der Wirt empört diese Veranstaltung flugs beendet, weil ihm die Milch sauer wird und die Gäste davonlaufen.

Und natürlich haben die Intendanten besondere Dienstwagen. Schließlich hat die Tagesschau jahrelang mindestens fünf Minuten ihrer Sendezeit erfolgreich damit bestritten zu zeigen, wie Helmut Kohl irgendwo mit einer Staatslimousine vorfuhr und dieser schließlich entstieg – ja, das dauerte bei Kohl nun mal so lange. Doch es weckt natürlich die Begehrlichkeit, selbst auch so repräsentativ vorzufahren. In mondscheinblau, was auch immer das sein mag, aber nicht unbedingt im Mondschein.

Absolut ungehörig für eine Intendantin, wie nun aufgedeckt wurde, obwohl es fast alle Intendanten und -innen so halten und einen vom Hersteller stark rabattierten gut ausgestatteten Audi nutzen, der normalerweise tatsächlich Politikern angeboten wird. Die Gelder der Zuschauer werden hierfür nicht überstrapaziert, vielmehr dürfen Audi- und VW-Käufer diesen Politiker- und Intendanten-Rabatt mitfinanzieren. Die haben sich bislang aber komischerweise noch nicht beschwert.

Nur die Chauffeure der Dienstwagen sind teuer. Aber besser so, als wenn ein übermüdeter selbst fahrender Intendant einen Unfall baut. Bei den Moderatoren ist dagegen inzwischen erlaubt, dass diese selbst fahren ­– im Studio. Nur nicht selbst die Musik auswählen, das durfte nur Gottschalk.

Amigo-Wirtschaft?

Dann haben sich einige Leute bei der Messe Berlin und beim RBB gegenseitig empfohlen. Einer davon mit einem Namen, der wieder mal meinem ähnelt, aber im Gegensatz zum Fall des ebenfalls ähnlich benamten früheren Vorsitzenden von BLM und KJM blieb mir bislang der Vorwurf erspart, von diesen Geldern etwas abbekommen oder gar ein Bundesverdienstkreuz abgestaubt zu haben. Und so, wie es bislang aussieht, geriet all das auch gar nicht zum Nachteil der Senderfinanzen, ja nicht mal zum Nachteil anderer Architekturbüros und Immobilienfirmen. Diese Vorwürfe erwiesen sich mittlerweile als irrelevant. Trotzdem gaben alle Beteiligten inzwischen freiwillig ihre Positionen auf, bevor sie dazu so gezwungen werden wie die geschasste Intendantin.

Ja war denn der Ausbau der RBB-Chefbüros keine Geldverschwendung? Das kann ich nicht beurteilen, aber auch wenn es wohl nicht billig war, so luxuriös sieht das ehemalige Büro von Frau Schlesinger eigentlich nicht aus. Nur wesentlich aufgeräumter als meins, was auch kein Wunder ist, weil es deutlich größer ist. Oder ist das Ganze etwa ein gelungener Coup von Joko & Klaas?

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Aber da habe ich in der Privatwirtschaft, in „normalen“ Verlagen, ganz andere Dinge erlebt. So ließ sich ein angekündigter neuer Geschäftsführer erstmal sein zukünftiges Büro aufwendig mit Zirbelholz auskleiden, ohne sich danach jedoch jemals vor Ort blicken zu lassen. Als er dann teuer abgefunden wurde, gingen prompt mein Job und die meiner Redaktionskollegen über die Wupper bzw. den Lech, obwohl unsere eingesparten Gehälter weder zur Finanzierung des teuren Holzwegs noch der Abfindung des Geschäftsführers auch nur ansatzweise ausreichten.

Doch sind Redakteure immer die ersten, die in Verlagen alle paar Jahre rausfliegen, wenn das Geld knapp zu werden scheint – Empfang, Sicherheitsdienst, Layout und Produktion haben meist bessere Chancen. Chefs dagegen nicht unbedingt: Der vorherige Geschäftsführer, der in einem normalen, bescheidenen Büro residiert hatte und hinter uns Redakteuren gestanden war; uns nicht wie von der Verlagsleitung angeordnet war, alle kündigen wollte, wurde dann, ohne sich noch von uns verabschieden zu können, heimlich in der Mittagspause wie ein Verbrecher abgeführt und dufte das Firmengelände nie wieder betreten.

Häppchen für die Polizeipräsidentin

Mogeleien bei Spesenabrechnungen sind dagegen stets ein Kündigungsgrund. Mir erschließt sich zwar nicht, wieso die Intendantin die Berliner Polizeipräsidentin privat zu ihrer Wohnungseinweihung eingeladen haben sollte – etwa, um in guter Erinnerung zu bleiben und eine bequemere Zelle zu erhalten, wenn die staatsanwaltschaftlichen Untersuchungen nun zu ihrem Nachteil enden? So unpassend all dies war, sieht es doch eher danach aus, dass Schlesinger hier Wohlwollen für ihren Sender erreichen wollte.

Dennoch eine sehr peinliche Angelegenheit, die nun wirklich an die Vorwürfe gegen die Wulffs erinnert, sich als „Schickeria“ präsentieren und unmäßig feiern zu wollen, und hier könnte es sogar zutreffen, aber trotzdem: Hat der ÖRR nicht größere Problemstellen, menschlich und finanziell, als ein Abendessen mit Edel-Häppchen und Veuve Cliquot? War Frau Schlesinger für öffentlich-rechtliche Compliance-Maßstäbe wirklich korrupt, verschwenderisch und abgehoben? Oder einfach nur zu nett und naiv?

Die Distanz zwischen den Redakteuren, ob frei oder angestellt und den Chefs ist nun größer denn je: Niemand außerhalb der Chefetage ahnte beim RBB, was sich da zusammenbraute außer jenen, die die Sachen durchgestochen haben. Doch den Ärger bekommen natürlich die ab, die jetzt noch da sind und selbst nichts für die Vorfälle können und nicht die Intendantin, die man geräuschvoll entsorgt hat.

Den Bock zum Gärtner gemacht

Was ich jedoch gar nicht nachvollziehen kann, ist dass nun ausgerechnet die Anstalt mit dem aggressivsten Auftreten, der abgehobensten Führung und dem höchsten Intendantengehalt die Vorfälle im RBB untersuchen soll.  Was soll dies bringen? Entweder wird man hier nach dem Motto „Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus“ über Vergehen hinwegsehen oder umgekehrt die Leiche fleddern, um selbst besser dazustehen und sich vielleicht gar Teile des gefallenen Senders einzuverleiben. Eine gerechte, unabhängige Analyse der Vorgänge im RBB sollte lieber eine Institution vornehmen, deren Job es bereits ist, die Geldflüsse in den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk zu kontrollieren: Die KEF. Auch, wenn diese dann nicht eines Tages aus der Causa Schlesinger eine Degeto-Produktion mit teuren, gesponserten Autos, schönen Frauen und intendanten Intriganten, pardon, intriganten Intendanten fabrizieren wird. Die Staatsanwaltschaft sowie externe Anwaltskanzleien untersuchen die Causa Schlesinger zudem bereits.

Doch die Planwagen-Karawane im deutschen Sommerloch ist längst weitergezogen: Die Zeitung mit den vier Buchstaben testete, ob ihre Leser ihre Artikel etwa ungehörigerweise doch bis zum Ende lesen – oder nur die namensgebenden BILDer ansehen und diese empört umgehend auf Facebook teilen, so wie sich das gehört für einen deutschen Wutbürger. Die Zeitung gewann diese Wette und die entstandene Diskussion um einen berühmten ostdeutschen Schriftsteller – nein, dieser war es nicht – ging praktischerweise übergangslos weiter auf Kosten der ARD, obwohl sie ein kommerzieller Verlag ausgelöst hatte.

Nur auf die Schlagzeile „Sender zieht Schlussstrich – ARD zeigt keine Rosamunde-Pilcher-Filme mehr“ warten wir bislang vergeblich. Weder BILD noch Böhmermann wollten sich bis zum Redaktionsschluss erbarmen.

Stefan Sichermann, bitte übernehmen Sie!

Wild ist der Westen, schwer ist der Beruf!

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Wolf-Dieter RothÜber den Autor:
Wolf-Dieter Roth, Dipl.Ing. Nachrichtentechnik, ist Radiofan seit der Kindheit und war in den Datennetzen über Festnetz und (Amateur-) sowie Mobilfunk schon aktiv, als 1200 und 9600 Bit/s als „schnell“ galten und man gewohnt war, die eingehenden Daten live mitlesen zu können. Beruflich ist er in Elektronik, Internet- und Funktechnik, Fachjournalismus, PR und Marketing zu Hause.

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