DASDING: „Bei uns ist am Morgen jetzt die Show der Star“

Veröffentlicht am 09. Mrz. 2021 von unter Deutschland

DASDINGAlina Schröder ist seit Februar 2017 Programmchefin bei DASDING, dem jungen Radio des Südwestrundfunks. Das Angebot behauptet weiter seinen Platz in der baden-württembergischen und rheinland-pfälzischen Hörfunklandschaft – steht aber in hartem Wettbewerb mit dem Privatsender bigFM, der ebenfalls in beiden Bundesländern vertreten ist. Das öffentlich-rechtliche Jugendprogramm sieht sich aber auch in wachsender Konkurrenz mit digitalen Diensten wie Spotify, YouTube oder Netflix. 

Alina Schröder - Programmchefin von DASDING (Bild: ©SWR/Nico Neidhardt)

Alina Schröder – Programmchefin von DASDING (Bild: ©SWR/Nico Neidhardt)

Um in der Gunst junger Menschen weiter zu punkten sind neue, clevere Strategien gefragt. Im Gespräch mit RADIOSZENE-Mitarbeiter Michael Schmich erläutert Alina Schröder unter anderem die in 2020 angeschobenen Neuerungen in der DASDING Morningshow sowie ihre weiteren Strategien zur Bindung junger Hörer.  

 

„Bei uns ist am Morgen jetzt die Show der Star“

 

RADIOSZENE: Frau Schröder, zum Herbst des letzten Jahres starteten Sie eine umfangreiche Programoffensive. Ein Kernstück Ihrer Neuerungen ist eine „Morningshow WG“. Was steckt hinter dieser Idee?

DASDING Kriminalpodcast: 5 Minuten vor dem TodAlina Schröder: Die Offensive umfasst viele neue digitale Produkte, im Podcast- und Webvideobereich. Hier werden wir auch 2021 neue Formate für die verschiedenen Plattformen entwickeln. Aber richtig, auch das neue Morningshow-Konzept im Radio war Teil der Offensive. Wir haben in den letzten Jahren gemerkt, dass das klassische System zweier sich abwechselnder Doppelmoderations-Teams für ein junges Radioprogramm wie DASDING nicht ideal ist – aus verschiedenen Gründen, weder für die Hörer*innen noch für interne Abläufe. Letztlich lebt ein junges Programm auch davon, immer wieder neue Talente on Air zu bringen und ihnen einen geschützten Raum für Kreativität und Entfaltung zu geben. Und: DASDING hatte schon immer den Anspruch, auf Augenhöhe mit den jungen Hörer*innen zu sein. Heißt im Umkehrschluss: Bei uns moderiert niemand ewig. Bis wir eine Personality aufgebaut haben, geht unser Host oft schon neue Wege – was ja auch schön und der Sinn einer Talentschmiede ist. Deswegen ist bei uns am Morgen jetzt die Show der Star. Das macht uns flexibler und gleichzeitig können wir durch die verschiedenen Rollen in der virtuellen WG auf die verschiedenen Bedürfnisse der Hörer*innen eingehen.

Uns ist besonders wichtig, aktuelle, nachrichtliche Themen besser einordnen und erklären zu können. Gerade mitten in der zweiten Corona-Welle – als die WG startete – zeigte sich, wie wichtig es ist, diese Kompetenz im Team fest zu verankern. Der News-Host hat jeden Morgen die Aufgabe, die relevanten News zu sortieren, Gesprächspartner*innen zu recherchieren und Hintergründe zu erklären – mehr als klassische Radionachrichten es können. Außerdem liegt die Stärke einer Frühsendung in der Community-Interaktion. Auch hier können wir mit dem neuen Konzept intuitivere Wege finden: Zum einen dadurch, dass die Hörer*innen Teil der WG werden, aber auch dadurch, dass sie mit Sidekick Vanessa eine direkte Ansprechpartnerin haben. Zusammengehalten wird die WG von zwei persönlichkeitsstarken Hosts, die durch die Sendung führen, den Gesamtüberblick haben und alle(s) zusammenhalten.

RADIOSZENE: Benötigen junge Hörer zu dieser Zeit noch gezieltere Ansprachen und Themen? Wie veränderte sich die Themengewichtung dann im weiteren Tagesverlauf?

Alina Schröder: Ja, im Speziellen haben wir gemerkt, dass die Pandemie und der Umgang mit ihr eine besondere Ansprache verlangen. Wir ermöglichen unseren Hörer*innen Klarheit über die aktuellen Entwicklungen. Dazu gehört es auch, wissentlich oder unwissentlich verbreitete Falschmeldungen offenzulegen. Unsere Hörer*innen leiden massiv unter den Auswirkungen: Ihr Leben hat sich stark verändert, in einer Zeit, in der sie selbst noch in der Orientierungsphase sind. Sie haben Angst um ihre Jobs, ihre Zukunft oder fragen sich, wie sie ihr Studium finanzieren können. Gleichzeitig spüren sie den Stillstand in der Kulturszene: keine Konzerte, kein Kino, geschlossene Clubs. Mit Freund*innen treffen geht nicht mehr, die Angst vor Isolation steigt. Hier ist eine zielgruppengerechte Ansprache, die genau diese Ängste aufgreift und ernst nimmt, aber weder Panik verbreitet noch die Gefahren unterschätzt, enorm wichtig. Auch weil die Jüngeren immer wieder öffentlich als unvernünftig verurteilt wurden. Aber auch unabhängig von Corona ist eine gezielte Ansprache unabdingbar. Nur so stellen wir Nähe her, können Relevanz vermitteln und sind glaubwürdig für unserer Hörer*innen. In einer immer fragmentierteren Welt hat es auch ein Radioprogramm ohne zielgruppenzentrierte Ansprache schwer.

Und zur anderen Frage: Nein, die Veränderungen am Morgen hatten auf die anderen Strecken keine größeren Auswirkungen. Weder die Zeiten noch die inhaltlichen Schwerpunkte mussten in größerem Ausmaß angepasst werden.

 

„In einer immer fragmentierteren Welt hat es auch ein Radioprogramm ohne zielgruppenzentrierte Ansprache schwer“

 

RADIOSZENE: Wie heterogen und tolerant sind die Erwartungshaltungen der Generationen Y und Z an ein junges Hörfunkformat von heute? Welche Themen sind bei Ihren Hörern derzeit besonders hoch im Kurs?

DASDING Podcast Deep&DummAlina Schröder: Natürlich sind die Erwartungshaltungen unterschiedlich – gerade bei einer Zielgruppe, die viele Bildungsschichten umfasst, den urbanen wie ländlichen Raum einbezieht und die bei 14 beginnt und mit 30 endet – wobei viele unserer Hörer*innen auch Anfang 30 sind. Da ist es schwer, alle „zu umarmen“. Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten – bei der Musik angefangen aber auch inhaltlich. Jüngste Ergebnisse aus verschiedenen Umfragen zeigen, dass zu den größten Interessensgebieten der unter 30-Jährigen weiterhin das Thema “Beziehungen/Freundschaften” gehört, aber auch Job und Reisen stehen oben auf der Liste. Diese drei Themen sind allerdings schon lange die Top3. Was in den letzten Jahren immer wichtiger wurde ist das Thema “Natur & Umwelt”. Da merken wir inzwischen die Einflüsse von Fridays for Future beziehungsweise einem ressourcenbewussteren Lebenswandel bei der jüngeren Generation. Durch einen immer höheren Anteil an jungen Menschen in Deutschland aus Einwandererfamilien spielen auch Identität, Zugehörigkeit und Kultureinflüsse eine immer größere Rolle. Aber auch bei den großen Themen haben wir dann wieder die Herausforderung: Ein 17-Jähriger mit kurdischen Wurzeln wurde vermutlich anders sozialisiert als eine 27-Jährige, die in Russland aufgewachsen ist. Ein 14-jähriger Schüler reist anders als eine 29-jährige Berufstätige. Im Radio hat DASDING daher eine Kernzielgruppe, die Anfang/Mitte 20 ist und weder in elitären noch in prekären Verhältnissen lebt. Sie ist der erste Orientierungspunkt bei der Themenauswahl und -umsetzung. Das Online-Angebot wiederum kann viel spitzer Formate für verschiedene Zielgruppen anbieten.

RADIOSZENE: Vor zwei Jahren haben Sie am Vorabend mit “Dein Abend – Dein Update“ eine tägliche Infoschiene eingerichtet, in der das Tagesgeschehen aufgearbeitet wird. Andere junge Programme bedienen die Hörer zu dieser Zeit bereits mit reinen Musikangeboten. Hat sich dieses neue Format bewährt?

Alina Schröder: Das ist tatsächlich ein Spagat. Wir wissen aus fundierten Gesprächen mit unserer Zielgruppe, dass die Bedürfnisse am Abend sehr unterschiedlich sind: Etwa die Hälfte wünscht sich Musik und Unterhaltung. Die andere Hälfte sucht am Abend nach Informationen und einen höheren Wortanteil. Das hängt oft damit zusammen, dass der Medienkonsum tagsüber (meist jobbezogen) sehr unterschiedlich ist. Wer tagsüber im Büro schon stündlich News gehört hat, hat am Abend weniger das Bedürfnis nach Informationen – und umgekehrt. Mit “Dein Abend – dein Update“ haben wir uns bewusst für eine informative Strecke entschieden, auf die aber mit “DASDING Play“ und dem “Weekend Warm-Up Mix“ auch Sendungen mit einem Schwerpunkt auf Musik folgen. Seit Einführung der Infostrecke ist der Podcast-Markt explodiert und es gibt etliche Angebote, die das Nachrichtengeschehen des Tages zusammenfassen. Diese Entwicklungen spielen natürlich auch für uns eine Rolle. Daher müssen wir uns genau anschauen, welcher Ausspielweg für unsere Hörer*innen bezüglich nachrichtlicher Tageszusammenfassungen am Sinnvollsten ist. Grundsätzlich haben wir den Anspruch das Informationsbedürfnis unserer jungen Zielgruppe am Abend zu stillen – und das so nah wie möglich am Mediennutzungsverhalten der Zielgruppe.

RADIOSZENE: Ist nach Ihren Erkenntnissen das Interesse junger Hörer an ernsthaften Themen – also jenseits von Musik, Games und Entertainment – mit der Corona-Pandemie gewachsen?

Alina Schröder: Das begann schon vor Corona, beispielsweise mit Fridays for Future. Auch wenn die Bewegung längst nicht alle jungen Menschen tangiert, so steigt wie beschrieben das Interesse an „Natur und Umwelt“-Themen kontinuierlich. Hinzu kommt, dass die Jüngeren Themen wie (Alltags-)Rassismus, diskriminierende Sprache, Gender- und Generationsgerechtigkeit deutlich im Fokus haben und sich verständlicherweise einen aufgeklärteren Umgang damit wünschen. Viele machen sich aber auch Sorgen um ihre Jobs. Welche Berufe wird es in 20 Jahren noch geben? Kann ich mir mit meinem Gehalt die Miete leisten? Welchen Platz nehme ich in der Gesellschaft ein? Wie kann ich meine (kulturelle) Identität frei ausleben? Alles Fragen, die unglaublich relevant sind. Durch Corona haben sich einige dieser Fragen verstärkt. Und da kam dann noch die Angst dazu: Angst vor einer Erkrankung der (Groß)Eltern, Angst vor Jobverlust, Angst vor Vereinsamung. Hier gilt es als junges Programm Antworten zu finden und Orientierung zu geben, manchmal auch einfach zuzuhören oder abzulenken.

 

„Hintergrundwissen und Informationen zu Künstler*innen, Alben und Songs spielen weiterhin eine große Rolle“

 

RADIOSZENE: Naturgemäß spielen bei jungen Menschen Berichte und News aus der Musikszene eine sehr wichtige Rolle. In welchem Umfang bedienen Sie dieses Interesse im Programm?

Alina Schröder: Hintergrundwissen und Informationen zu Künstler*innen, Alben und Songs spielen weiterhin eine große Rolle. Gerade ein junges Programm wie DASDING hat ja einen hohen Anteil an Newcomer*innen in der Rotation. Das bedeutet automatisch, dass wir viel erklären und über neue Acts berichten – im Tagesprogramm und weiterhin in unseren Musikspezialsendungen am Abend mit “DASDING Play“, aber auch der “DASDING Sprechstunde“. Musikjournalistische Inhalte finden allerdings längst über all unsere Plattformen hinweg statt. Hier sind unsere digitalen Ausspielwege wichtiger denn je: Interview-Formate wie Song-Tindern auf YouTube und Snapchat, hintergründige Artikel auf DASDING.de, zugespitzte Themen bei BRUST RAUS oder Reportage/Doku-Formate wie Straight Outta.

Wichtig – egal ob im Radio oder im Netz – ist uns die Einordnung: Warum trendet diese Rapperin gerade? Was vermittelt der Künstler in seinem neuen Album? Was ist Promo, was ist „real“? Was steckt hinter gewissen Lyrics? Kann künstlerische Freiheit enden und wenn ja, wo? Diese Hintergrundinformationen, die durch gute Recherchen und viel Wissen über die Szene entstehen, sind essenziell für guten, jungen, öffentlich-rechtlichen Musikjournalismus.

RADIOSZENE: Welche Musiktrends stehen bei Ihren Hörern aktuell besonders hoch im Kurs?

Alina Schröder: Bei unseren Hörer*innen ist Slap-House immer noch sehr beliebt. Also Housemusik mit einer auffälligen Basslinie, die gegen den eigentlichen Beat läuft. Mit VIZE haben wir hier aktuell sehr populäre Vertreter aus Deutschland. Und (standardmäßig) mögen unsere Hörer*innen HipHop in allen Facetten. Durch den großen Popappeal, der im letzten Jahr eher noch größer als kleiner geworden ist, ist das Musik, die sehr vielen gut zugänglich ist.

RADIOSZENE: Mit Blick auf die Playlisten bei DASDING berücksichtigen Sie auch deutschen Rap/HipHop mit einem hörbaren Anteil. Im vergangenen Jahr waren vor allem Veröffentlichungen aus dem Segment Pop-Rap erfolgreich. Aber auch Rapperinnen tauchten vermehrt in den Bestenlisten auf. Mit Texten, die eher weniger die üblichen Klischees bedienten. Sondern Beziehungs- und Alltagsprobleme aufarbeiten. Und, die musikalisch schon mehr Pop als Rap sind. Kommt Ihnen diese Entwicklung bei der Musikgestaltung entgegen? Oft standen in der Vergangenheit die Textinhalte einer Ausstrahlung im Wege …

Alina Schröder: Das sollte man differenziert betrachten: Nicht erst seit letztem Jahr vermischen sich Genres mehr und mehr. Popsongs bedienen sich an HipHop-Strukturen, HipHop Songs werden poppiger, im Sinne von “weicher”. Und in HipHop-Songs kommen seit ca. 1,5 Jahren auch mehr und mehr die Gitarren zurück.

DASDING Straight Outta

In den letzten Monaten kamen vermehrt Songs (sowohl national als auch international) mit relativ klassischen RnB-Strukturen auf den Markt. Genau die haben tatsächlich oft weibliche Interpretinnen und deren Texte handeln oft von Themen, die unseren Hörer*innen sehr nah sind. Beziehungen allgemein, Trennung, Einwanderungsgeschichte, Weggang des Vaters. Insofern ja, das ist für unsere Musikplanung eine schöne, weil in verschiedener Hinsicht gut passende Facette. Dennoch haben wir auch Interpretinnen im Programm, die an sich gut zu uns passen, von denen wir aber auch nicht alle Texte abbilden. Genauso wie es immer noch viele neue Songs im Deutschrap gibt, deren Inhalte wir nicht vertreten können und wollen. Daran hat sich nichts geändert.

RADIOSZENE: Welche Instrumente setzen Sie den immer populärer werdenden Streaming-Diensten und Angeboten wie YouTube entgegen?

Alina Schröder: Ich weiß gar nicht, ob es darum geht, „etwas entgegen zu setzen“. Letztlich sind diese Plattformen für uns Distributionswege und bieten uns die Chance unsere Inhalte zu verbreiten – und zwar genau da, wo viele junge Menschen eh sind. Aber klar, gerade Spotify bietet inzwischen sehr viel eigenen Content. Hier müssen wir, im Idealfall gemeinsam als ARD, schlaue Wege finden und Strategien entwickeln, nicht an Reichweite zu verlieren und relevant zu bleiben. Am besten gelingt das, so trivial das klingen mag, mit guten Inhalten. Deswegen haben wir beispielsweise in den letzten Monaten drei neue Podcasts gestartet, die auf hohem Niveau unterschiedliche Themen abdecken und weitere werden folgen. Unser Anspruch muss es sein, dass diese Formate auf dem derzeit wahnsinnig umkämpften Podcast-Markt eine Chance haben zu den beliebtesten in den jeweiligen Genres zu werden. Wir wissen wie wir zielgruppen- und plattformgerechten Content produzieren – das müssen wir (noch besser) nutzen. Hier schlägt der SWR seit vergangenem Jahr insgesamt neue Wege ein: Klares Ziel ist es mehr Menschen unter 50 Jahren über digitale Ausspielwege zu erreichen. Dazu gehören natürlich auch Drittplattformen – idealerweise mit einer Konversionsstrategie, also dem Plan, Menschen auch wieder auf die Erstplattformen des SWR und ARD zu ziehen. Das wird für DASDING als junges Programm allerdings nicht so leicht.

 

„Klares Ziel ist es mehr Menschen unter 50 Jahren über digitale Ausspielwege zu erreichen“

 

RADIOSZENE: Viele Programmchefs beklagten zuletzt eine oft schwierige Suche nach Moderatoren. Können Sie diese Probleme auch bei den jungen Formaten bestätigen? Über welche Kanäle rekrutieren Sie neue Stimmen?

Alina Schröder: DASDING hat schon immer versucht, eigene Talente aufzubauen und zu fördern. Als junger Sender des SWR sollten wir das auch weiterhin tun, auch wenn sich natürlich immer wieder starke externe Bewerber*innen durchsetzen. Letztlich kommt es viel mehr darauf an, welches Talent zu welcher Strecke oder welcher inhaltlichen Ausrichtung passt. Beim Rekrutieren fahren wir dreigleisig: interne Talente aufbauen, ausschreiben, auch externe Talente kontaktieren – je nachdem welche Stelle wir zu besetzen haben. Ob es schwerer wird? Um ehrlich zu sein, bin ich noch nicht lange genug Programmchefin um das wirklich aus eigener Erfahrung beurteilen zu können. Wir standen noch nie vor der Situation, eine Sendung nicht besetzen zu können, weil wir keine passende*n Moderator*innen gefunden haben.

RADIOSZENE: Bei den AC-Programmen spielt der Humor (in vielerlei Hinsicht) eine tragende Rolle. Dies scheint bei jüngeren Formaten weniger ausgeprägt zu sein. Zumindest ist der Comedy-Anteil bei Jugendsendern oft eher gering. Sind Jugendliche oder junge Menschen schwerer zum Lachen zu bringen oder fehlt es hier an passenden Konzepten und Personalities?

Alina Schröder: Comedy im jungem Radio-Segment halte ich wirklich für wahnsinnig schwer. Bei Testings fällt fast alles durch, Hörer*innen sind schnell genervt von geskripteten Comedys und Humor ist ja eh so ne Sache. Wir haben vor zwei Jahren tatsächlich alles aus dem Programm geschmissen, weil die Kritik vernichtend war. Letztes Jahr sind wir das Thema dann aber noch mal anders angegangen: Es entstand die Idee aus Memes, also quasi Bildwitzen, Comedy-Jingles zu machen. Ich war am Anfang extrem skeptisch, weil Memes eben vom Bild leben und es das im Radio bekanntermaßen so leicht nicht gibt, aber das Team hat einen Weg gefunden, Memes ins Radio zu übersetzen und letztlich mündete die Idee sogar in einer Radiopreis-Nominierung in der Kategorie Comedy. Also es zeigt sich: Innovative Konzepte haben eine Chance – auch in einem sehr anspruchsvollen Segment wie junger Radio-Comedy.

RADIOSZENE: Konzerte und Events vor Ort waren im Konzept von DASDING traditionell nahezu unverzichtbar. Wie kompensieren Sie die derzeit durch Corona bedingten Ausfälle von Veranstaltungen und Hörerkontakten?

Alina Schröder: Wirklich kompensieren kann man das nicht – das ist bitter. Diese Kontakte auf Festivals und Konzerte sind so wichtig, fürs Team wie für DASDING-Hörer und Userinnen. Natürlich hat auch DASDING versucht das Beste aus der schwierigen Situation zu machen: mit AutoKino-Konzerten, einer mehrstündigen, crossmedialen Southside-Sondersendung, kleinen Events, Spiele-Sessions, Festival @Home-Aktionen, Wohnzimmer-Acts, SWR-Kulturschwerpunkten wie „Zusammenhalten für die Kultur“ et cetera. Aber das ist am Ende Schadensbegrenzung – die wirklichen Begegnungen fehlten. Allerdings hat die neue Situation neue Kreativität freigesetzt, von der wir langfristig profitieren können. Trotzdem hoffe ich einfach, insbesondere für die Veranstaltungsbranche, dass dieses Jahr schon wieder etwas mehr gefeiert werden kann, ob in Clubs, auf Konzerten oder auf Festivals, das wäre so wichtig!

 

„DASDING ist schon lange kein rein lineares Radioproramm mehr“

 

RADIOSZENE: Ein weiterer, sehr wichtiger Teil Ihrer Programmoffensive ist die Vorantreiben Ihrer digitalen Strategie. Schon der Blick auf die Senderwebseite zeigt auf, wohin die Reise geht. Die digitale Fortentwicklung scheint Ihnen sehr am Herzen zu liegen ….

Pancake PolitikAlina Schröder: DASDING ist schon lange kein rein lineares Radioproramm mehr. Zum Glück wurde bei DASDING von Beginn an verstanden wie wichtig die digitalen Ausspielwege sind und deswegen als erstes wirklich crossmediales Angebot des SWR aufgebaut. Aber das beschränkte sich lange auf sendungsbegleitende Inhalte und letztlich immer auf die Marke DASDING. So hat DASDING schon lange einen Insta-Account, einen Facebook-Account, einen Twitter-Account et cetera. Das ist perspektivisch aber zu wenig, um im Netz zu überleben und vor allem sehr gezielt Inhalte anzubieten, um auf dem hoch umkämpften Markt eine Chance zu haben. Daher müssen wir spitzere Angebote schaffen, wie die angesprochenen Podcasts oder unsere Angebote auf YouTube oder Instagram. Das sind oft Produkte, die quasi nichts mehr mit dem linearen Programm zu tun haben. Damit wollen wir Menschen ansprechen, denen DASDING im Zweifelsfall gar nichts sagt, weil sie kein Radio hören, DASDING nicht empfangen können oder mit der Marke einfach noch keine Berührung hatten. So kann DASDING als Content-Netzwerk verstanden werden, das den Anspruch hat, mit vielen verschiedenen Angeboten junge Menschen zu erreichen.

Mit regionalen Angeboten wie den DASDING vor Ort-Accounts; mit themenspezifischen Angeboten wie Pancake Politik (gemeinsam mit dem Hauptstadtstudio in Berlin), BRUST RAUS, Sack Reis (gemeinsam mit der Auslandsredaktion des SWR) oder 5 Minuten vor dem Tod; mit Personality-fokussierten Podcasts wie Deutschland3000 (gemeinsam mit funk und den jungen Wellen der ARD) oder Deep&Dumm sowie sehr jungen Angeboten auf Snapchat oder TikTok. Aber auch mit breiter angelegten Angeboten wie dem Radioprogramm oder dem DASDING Meme-Team Insta-Kanal. Dadurch entstehen dann Netzwerkeffekte (auch innerhalb des SWR und der ARD), die sich zur Etablierung neuer Formate nutzen lassen. Genauso gehört es dann auch dazu, dass Formate wieder eingestellt werden, wenn sie von den User*innen nicht wie gewünscht angenommen wurden. Es entsteht immer wieder Freiraum für Neues. Aber auch hier gilt: Der Inhalt muss stimmen und unserem Auftrag gerecht werden. Das ist immer das wichtigste.

RADIOSZENE: Vor allem die Produktion neuer Podcast-Reihen signalisiert ein offensichtlich gesteigertes Interesse an diesen Angeboten. Wie intensiv werden die Serien bei den Nutzungszahlen angenommen?

Alina Schröder: Die Plattformen liefern uns unterschiedliche Zahlen, die dann noch sehr genau analysiert werden müssen. Wir kommen auf sehr gute sechsstellige Abrufzahlen monatlich, aber stehen natürlich noch am Anfang mit unserem Podcast-Portfolio. Letztlich wird auch nicht nur ausschlaggebend sein, wie viele Menschen wir erreichen, sondern wen. Also können wir unseren Userkreis durch die neuen Angebote vergrößern oder „fischen wir immer im selben Teich“. Das zu beantworten ist sehr komplex. Das Wichtigste ist, dass wir relevante Angebote schaffen, die die Menschen erreichen, für die sie konzipiert wurden. Und je spitzer man wird, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass riesigen Reichweiten damit zu erzielen sind. Ein gutes Beispiel sind da auch unserer regionalen Insta-Angebote. Natürlich werden wir beispielsweise mit @wirsindmainz niemals eine sechsstellige Abonnenten-Zahl erreichen. Wenn doch, dann wäre das Angebot entweder zu alt oder nicht mehr regional genug.

RADIOSZENE: Seit 2020 bieten Sie eine überarbeitete App mit zahlreichen neuen Funktionen. Unter anderem haben die Hörer die Wahl, per Klick bestimmte Songs auszutauschen. Machen die Hörer von diesen neuen Möglichkeiten rege Gebrauch? Welche Erkenntnisse für die Programmgestaltung ziehen Sie aus diesen Erkenntnissen?

Alina Schröder: Die App wurde sehr gut angenommen und wir bekommen viel positives Feedback auf die neuen Features. Wir haben bei der Entwicklung, die ja gemeinsam mit SWR3 stattfand, bewusst die Bedürfnisse der User*innen in den Mittelpunkt gestellt. Das hat sich gelohnt: Allein im August 2020, also als sie an den Start ging, wurde die neue App direkt so viel genutzt wie die alte Version im gesamten Jahr 2019.

Wir merken, dass die User*innen die Möglichkeiten der Selbstbestimmung gerne nutzen. Welche Funktionen sich als die beliebtesten herausstellen und welche eher ein Nice-to-Have sind, dazu kann ich noch nicht so viel sagen, weil sich eher langfristig zeigen wird, was die User*innen wirklich annehmen.

RADIOSZENE: Wie stark macht sich im Bereich der jungen Radios der allgemein Trend nach einer verstärkten zeit-souveränen, nicht-linearen und personalisierten Audiomöglichkeiten bemerkbar? In welchem Umfang verschiebt sich bereits das Verhältnis zwischen linearer und digitaler Nutzung? In der ma 2020 IP Audio erzielt DASDING ja sehr respektable Ergebnisse …

Alina Schröder: Um auf User*innen-Seite schon von „bemerkbar“ zu sprechen, ist es noch zu früh. Die neue App, die jenes zeitsouveräne, nicht-lineare, personalisierte Hören ermöglicht, ist zu frisch am Markt, um spürbare Ergebnisse zu bekommen, aber wie angesprochen: Die hohe Akzeptanz der App bei den jüngeren Hörer*innen freut uns natürlich und zeigt das Bedürfnis nach individuellen Nutzungserlebnissen. Nach wie vor laufen aber auch die diversen Webstreams (zum Beispiel Chillout oder Musikentdecker) sehr gut, was uns zeigt, dass nicht-lineare Angebote auch in Zukunft ein wichtiger Bestandteil unseres Angebots sein müssen.

Und letztlich spielt der bereits angesprochene Bereich „Podcast“ eine immer größere Rolle. Wir konzentrieren uns nicht mehr ausschließlich darauf, neue Hörer*innen mit einem linearen Programm zu erreichen, sondern über ein vielfältiges, digitales Angebot auf die Marke DASDING beziehungsweise seine Angebote aufmerksam zu machen und so auch den/die eine*n oder andere*n an unser Radioprogramm zu binden. Ich halte es für wichtig, die lineare und digitale Nutzung nicht immer nur gegenüberzustellen, sondern die positiven Effekte beider Nutzungswege erfolgreich miteinander zu kombinieren. Das Radioprogramm ist weiterhin die Basis unserer Arbeit und der größte Garant dafür, täglich unglaublich viele junge Menschen mit unseren öffentlich-rechtlichen Inhalten zu erreichen. Dennoch müssen wir mit unserem Angebot auf das veränderte Mediennutzungsverhalten bei den Jüngeren reagieren. Wir beobachten genau diese Tendenzen und reagieren entsprechend mit unserem Portfolio.

 

„Ich halte es für wichtig, die lineare und digitale Nutzung nicht immer nur gegenüberzustellen, sondern die positiven Effekte beider Nutzungswege erfolgreich miteinander zu kombinieren“

 

RADIOSZENE: Welche programmlichen und digitalen Inhalte benötigen die jungen Hörfunksender, um für Jugendliche auch in Zukunft nachhaltig attraktiv zu sein?

Alina Schröder: Wie gesagt: Ich bin der Überzeugung, dass das Radio für DASDING noch lange der reichweitenstärkste Ausspielweg bleiben wird und ich glaube, wer erfolgreiche, junge, lineare Angebote für tot erklärt, irrt. Klar sinken die Verweil- und Hördauer bei Jüngeren schneller. Aber die Marken bleiben extrem wichtig im Alltag unserer User*innen. Auch DASDING schöpft seine Kraft vermutlich noch auf lange Zeit aus dem Linearen. Und gerade 2020 haben wir unter anderem durch die Corona-Pandemie noch einmal gemerkt, wie wichtig dieses Medium ist – auch oder gerade für die jüngere Zielgruppe. Heißt im Umkehrschluss, dass aktuelle, regionale und zielgruppenfokussierte Themen in Kombination mit Unterhaltung und einem schlüssigen Musikkonzept insbesondere im Radio weiterhin attraktiv und Kern unserer Arbeit bleiben. Hier haben wir kommerziellen Anbietern viel voraus und das sollten wir weiterhin nutzen.

Trotzdem oder gerade deswegen werden wir den Weg Richtung Content-Netzwerk weiter konsequent und mutig ausbauen, indem wir Online-Produkte schaffen, die sich von DASDING emanzipieren und eigene Communitys erreichen. Und genau das ist unbedingt notwendig, um neue und andere junge Menschen als bisher zu begeistern, um öffentlich-rechtliche Inhalte dorthin zu bringen, wo die junge Zielgruppe ist und letztlich damit unserem Auftrag gerecht zu werden. Hier liegt noch viel Potential im Digitalen, das wir mit strategischer Formatentwicklung abgreifen sollten. Das wollen und können wir nur gemeinsam mit unseren Partnern im SWR, wie beispielsweise dem SWR X Lab, der ARD und funk. Und das Schöne dabei ist: Es macht großen Spaß neue Formate zu entwickeln, neue Plattformen zu erobern und immer wieder junge Talente – im digitalen wie im linearen – zu entdecken, die dann ihren Weg gehen und die Medienlandschaft in Deutschland nachhaltig bereichern.

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