Sandra Maischberger: „Ich profitiere bis heute vom Radio“

Veröffentlicht am 09. Okt. 2020 von unter Deutschland

Sandra Maischberger gehört zum erlesenen Kreis der Talk-Elite im deutschen Fernsehen. Im Gesprächsformat „maischberger.die woche“ beleuchtet die Journalistin seit Jahren jeden Mittwoch im Ersten aktuell brisante Themen. Seit Mitte/Ende der 1980er-Jahre moderiert die gebürtige Münchnerin im TV, eines ihrer ersten  Engagements war die BR-Jugendsendung „Live aus dem Schlachthof“ als Nachfolgerin von Günther Jauch. Es folgte eine lange Reihe zahlreicher Talksendungen, bei denen sie sich „einen hervorragenden Ruf als aufmerksame Interviewerin“ erarbeitete.

Sandra Maischberger (Bild: BR/60 Jahre Bayerischer Rundfunk)

Sandra Maischberger (Bild: BR/60 Jahre Bayerischer Rundfunk)

Ihr journalistisches Rüstzeug für ihre erfolgreiche Fernsehkarriere holte sich Sandra Maischberger als Radiomoderatorin beim Sender Bayern 2. Dort gestaltete sie die Indie-Musiksendung „Rock-Lock“, in deren Mittelpunkt eher außergewöhnliche Sounds und gepflegter  Musikjournalismus standen. Zu dieser Zeit arbeitete sie außerdem als freie Mitarbeiterin für diverse Zeitungen und Radiosender, darunter die Münchner Stadtzeitung, das Magazin Musikexpress und den Sender SWF3. Von 1987 bis 1989 besuchte sie die Deutsche Journalistenschule in München. 

Im September startete Maischberger einen eigenen wöchentlichen Podcast bei Spotify (“Der Sandra Maischberger Podcast“), bei dem sie mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft oder auch Sport spricht.


RADIOSZENE-Mitarbeiter Michael Schmich sprach mit Sandra Maischberger über ihre Zeit beim Radio und deren Bedeutung für ihre spätere TV-Karriere.

RADIOSZENE: Sie kamen Mitte der 1980er-Jahre zum Bayerischen Rundfunk. Wie wurden Sie für das Radio entdeckt?

Sandra Maischberger: Meine Mutter schob mir eines Morgens beim Frühstück während der Abiturprüfungszeit eine Anzeige aus der Süddeutschen Zeitung über den Tisch. Der BR suchte „Moderatoren und Discjockeys“. Ich hatte eine große Plattensammlung und habe mich beworben – mit einer Tonkassette, auf die ich zwischen ein paar Musikstücken „Anmoderationen“ aufgesprochen hatte. 

Sandra Maischberger (Pressefoto)

Sandra Maischberger

Im Sommer bekam ich die Einladung für ein dreitägiges „Moderatorium“, das unter anderem von Thomas Brennicke geleitet wurde – meinem Radiostar der wöchentlichen Hitparade. Das war schon ein Hauptgewinn! Wir waren etwa 10 junge Leute. Zwei bekamen im Herbst eine Chance – eine davon war ich. 

RADIOSZENE: Gab es so etwas wie einen Mentor für Sie beim Sender?

Sandra Maischberger: Der Leiter meiner ersten Sendung, Walter Meier, war ganz sicher ein Mentor – er hat mich als 19jähriges absolutes Greenhorn unter sanfter Anleitung machen lassen. Später war es im Jugendfunk Dieter Meyer-Simeth, mit dem ich mein erstes längeres Radiofeature machen konnte. Auch Wolfgang Aigner, der mich zur renommierten Morgensendung auf BAYERN 3 holte, hat sehr geholfen. 

 

„Dass man einen Satz, den man öffentlich spricht, sehr genau recherchieren und möglichst pointiert formulieren muss, habe ich im Radio gelernt“

 

RADIOSZENE: Durch welche Sender und Musik wurden Sie vor Ihrer Zeit beim Hörfunk beeinflusst?

Sandra Maischberger: Ich habe als Schülerin in Bayern natürlich keine Folge „Pop nach acht“ mit Thomas Gottschalk verpasst. Und natürlich die Hitparade, bei der ich immer Aufnahme- und Pausentaste auf meinem kleinen Grundig-Radio gedrückt hielt. Brennicke war so umsichtig, nie in die Titel zu quatschen, so dass wir Fans sie vollständig aufnehmen konnten. Danke nachträglich! 

RADIOSZENE: Ihrer erste Station beim Radio war die BAYERN 2-Sendung „Rock-Lock“ – Eine Musikshow- die heute schon fast in Vergessenheit geraten ist. Worum ging es in dieser Sendung?

Sandra Maischberger: "Mich laust der Affe" (Bild: ©BR)

Sandra Maischberger: “Mich laust der Affe” (Bild: ©BR)

Sandra Maischberger:  „Show“ ist schon mal das falsche Wort. Die „Rock-Lock“ war, vor dem „Zündfunk“ auf BAYERN 2, eine Stunde außergewöhnliche Musikauswahl mit längeren Musikjournalistischen und feuilletonistischen Wortanteilen. Gespielt wurde alles außer Mainstream.

RADIOSZENE: Welche weiteren Stationen beim Hörfunk haben Sie durchwandert?

Sandra Maischberger: Ich habe beim „Zündfunk“ und im Zeitfunk gearbeitet. Zuletzt habe ich die Morgensendung auf BAYERN 3 moderiert, sie für andere Moderatoren auch redaktionell betreut. Aufgehört habe ich erst, als ich 1993 nach Hamburg zog. Dort habe ich mich zwar beim NDR vorgestellt, wurde aber leider nicht genommen.

RADIOSZENE: Wie viel freie Hand hatten Sie damals bei Musikauswahl und Programmgestaltung?

Sandra Maischberger: Bei der „Rock-Lok“ durfte jede/r Moderator/in seine Musik selbst auswählen. Ich habe zum Beispiel eine Sendung mit Undergound-Bands aus Italien bestritten, eine mit Aufnahmen vom Jazz-Festival in Montreux, eine mit unbekannten Film-musiken. Nur wenn ich mit meinen liebsten schwarzen Funk-Titeln ankam, verdrehten die Kollegen manchmal die Augen – das war ihnen zu eingängig. Ich durfte es trotzdem spielen. Bei der Frühsendung auf BAYERN 3 war die Musikauswahl – zu meinem großen Leidwesen – von der Abtteilung „Leichte Musik“ festgelegt. Da fing die Sendung morgens um 6:00 Uhr auch mal gerne mit einem unerträglichen Pseudo-Country-Stück an. 

RADIOSZENE: Bereits Ende der 1980er-Jahre rief das Fernsehen in Form der wöchentlichen Jugendsendung „Live aus dem Schlachthof“ – ein engagierter Mix aus jungen Themen und progressiver Musik. Ein Format, das gelegentlich aneckte, provozierte. Im Grund die Verlängerung des „Zündfunks“ im Fernsehen. Vermissen Sie heute nicht mehr solcher Angebote in TV und Radio?

Sandra Maischberger: Beim Radio kann ich es nicht beurteilen, weil ich inzwischen fast nur noch Deutschlandfunk höre – wo übrigens sehr gut und kontrovers gestritten wird!. Im TV finde ich durchaus provokative Programme – zum Beispiel „quer“ im Bayerischen Fernsehen, die Publikumssendungen im WDR und rbb oder „ttt“ im Ersten. Bei Funk gibt es ebenfalls viele sehr spannende Formate – die sind kürzer, aber nicht weniger provokativ. An eine Mischung von Musik und Diskussion, die in den 80ern modern war, glaube ich nicht – das ist heute nicht mehr zeitgemäß. 

Sandra Maischberger: "Live aus dem Alabama; Untertitel: Best of Alabama"

Sandra Maischberger moderierte Ende der 1980er neben “Live aus dem Schlachthof” auch in der Morgensendung des Radiosenders Bayern 3.

RADIOSZENE: Das Radio während Ihrer Zeit oder Sendungen wie „Live aus dem Schlachthof“ (beziehungsweise „Live aus dem Alabama“) sorgten damals für regelmäßigen und hochkarätigen Moderatoren-Nachschub für das Fernsehen. Diese Quellen scheinen über die Jahre immer weniger zu sprudeln. Schauen die TV-Verantwortlichen bei der Nachwuchsfindung heute weniger auf den Hörfunk?

Sandra Maischberger: Das kann ich leider nicht beurteilen, weil ich zu wenig im Blick habe, wer sich im Radio profiliert und damit empfiehlt. Heute gibt es aber ja das Internet. Wenn ich programmverantwortlich wäre, würde ich mich vor allem auch dort umsehen. 

 

„Ohne den Deutschlandfunk am Morgen kann ich nicht in den Tag starten“

 

RADIOSZENE: Wie sehr haben Sie bei Ihrer weiteren Fernsehkarriere vom Radio profitiert?

Sandra Maischberger: Ich profitiere bis heute. Dass man einen Satz, den man öffentlich spricht, sehr genau recherchieren und möglichst pointiert formulieren muss, habe ich im Radio gelernt. Das schnelle Reagieren auf neue Nachrichten, der Umgang mit vielen sehr unterschiedlichen Gesprächspartnern, das Zuhören als oberste Maxime – mit diesem Handwerkszeug aus den ersten Jahren operiere ich heute noch.

RADIOSZENE: Wie ist es heute um Ihren persönlichen Medienkonsum bestellt? Eher Radio, TV oder Online-Medien?

Sandra Maischberger: Alles – Zeitungen, TV, Radio, Podcast, YouTube, Instagram, Twitter, Streaming – je nach Lebenslage. Wenn ich mich in eine Sache aber wirklich vertiefen will, dann geht das nur durch Lektüre.

RADIOSZENE: Was bedeutet das Radio generell für Sie?

Sandra Maischberger: Ohne den Deutschlandfunk am Morgen kann ich nicht in den Tag starten – den höre ich überall, wo ich bin, inzwischen auf meinem Handy über die App. Weil ich seit 30 Jahren kein Auto mehr habe, höre ich danach kaum noch Radio. Dafür aber inzwischen vermehrt Podcasts, die mich in ihrer Vielfalt begeistern. 

RADIOSZENE: Wie sehr hat sich aus Ihrer Sicht das Radio über die Jahre verändert? Was macht es heute besser, was vermissen Sie?

Sandra Maischberger: Da ich nur noch wenig höre – siehe oben – sollte ich mir hier ein Urteil verkneifen!  

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