“Schluss mit dieser Sch… Technik!” – Der lange Tod des IRT

Veröffentlicht am 01. Aug. 2020 von unter Standpunkte

Institut für Rundfunktechnik IRT

Und wieder einmal haben Juristen zerstört, was Ingenieure aufgebaut haben: Das IRT in München Freimann wird abgewickelt, etwa 100 Angestellte “stehen dem Arbeitsmarkt wieder zur Verfügung”, der in Corona-Zeiten so schon nichts zu bieten hat. Auch wenn lange verhandelt wurde, war das Ende unausweichlich.

Auf Sch… Technik zu schimpfen, ist im ehemaligen Land der Dichter, Denker und Erfinder längst landestypisch geworden. Eher untypisch ist dabei dieser “Mecker-Ossi” – nicht vom Fluchen her, das ist durchaus authentisch O-Ton Ost, doch vom mangelnden Technikverständnis: In der DDR wurde gerade wegen der nicht beliebig verfügbaren Resourcen getüftelt und Technik-Kenntnisse waren hoch geschätzt; da war so etwas zumindest vor der Wende undenkbar, und dies nicht nur mangels eines Media-Markts. Der Scherz-Anruf kam deshalb auch erst nach der Wende – von Radio RPS aus Sachsen.

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Im Westen wurde die Technik dagegen schon lange nur verflucht. Nicht nur die Atomkraft, wo es ja berechtigt ist, auch Mobilfunk (natürlich organisierten sich die Bürgerinitiativen völlig inkonsequent gerne per Hotline ausgerechnet im D2-Mobilfunknetz…), aktuell 5G, wo zuletzt dem Bayerischen Rundfunk mehrere Sendemasten in Brand gesetzt werden, um die Umgebung großzügig mit Dioxin aus dem verbrannten PVC zu verseuchen und das böse DAB+ lahmzulegen – 5G war ja gar nicht auf den betreffenden Sendemasten. Darunter einer in München-Freimann, beim IRT.

Besonders beliebt ist es, per Internet über Technik zu meckern, sodass sich die Technikhasser das über ihr neues Markenhandy ansehen können. Aber auch schon früher wollten zwar alle zurück zur Natur, aber keiner zu Fuß.

Deshalb war es zwar eine große Enttäuschung, aber nicht wirklich verwunderlich, als ich in einem Journalistenseminar von einer Gruppe ZDF-Volontärinnen dafür verachtet wurde, dass ich im Gegensatz zu ihnen weiß, wie ihr Medium funktioniert. Für sie waren dagegen Kameras, Mikrofone, Sender und Fernseher alles nur Sch… Technik.

Das ZDF ist nun auch Schuld daran, dass das IRT schließen muss: Es kündigte den Gesellschaftervertrag. Offiziell, weil das IRT ja für Radio und Fernsehen entwickelt, das ZDF aber kein Radio macht. Tatsächlich einfach, um Geld zu sparen, das in Lizenzen für Traumschiffe und Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen besser angelegt erscheint. Moderne Sendetechnik braucht man als Fernsehsender dagegen nicht.

Nach dem Aussteigen des ZDF hätten wenigstens nord- und/oder westdeutscher Rundfunk dabei bleiben müssen, um das IRT weiter finanzieren zu können, doch beide waren in Sachen Digitalisierung mit dem bayrischen Rundfunk viele Jahre über Kreuz, wollten DAB nicht, sondern lieber DVB-T Radio oder ihre 100 kW-UKW-Sender behalten. Von daher ist es nicht wirklich verwunderlich, dass sie nun dem IRT den Stinkefinger zeigten.

Von daher wäre es fast besser gewesen, wenn der Anwalt, der sich goldene Wasserhähne von den abgezweigten MPEG-Lizenzgebühren in sein Eigenheim einbauen ließ, unentdeckt geblieben wäre und dies auch heute noch tun könnte. Dann würde das IRT noch weiter bestehen. Dass man dort diesen Aderlaß entdeckt hatte, hat dagegen das eigene Ende besiegelt. So traurig der Tod von Gerhard Stoll vor 10 Jahren war, so blieb es ihm wenigstens erspart, dieses blamable Ende seiner Arbeit miterleben zu müssen…


Wolf-Dieter RothÜber den Autor:
Wolf-Dieter Roth, Dipl.Ing. Nachrichtentechnik, ist Radiofan seit der Kindheit und war in den Datennetzen über Festnetz und (Amateur-) sowie Mobilfunk schon aktiv, als 1200 und 9600 Bit/s als “schnell” galten und man gewohnt war, die eingehenden Daten live mitlesen zu können. Beruflich ist er in Elektronik, Internet- und Funktechnik, Fachjournalismus, PR und Marketing zu Hause.

 

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