Appell von Viktor Worms: “Lokalfunk darf nicht sterben!”

Veröffentlicht am 23. Mrz. 2020 von unter Viktor Worms

Viktor Worms über das Thema Jugendradio der ARD-Sender: "Ihr müsst damit nicht Quote machen, sondern neugierig!"Ich habe es hier und an anderer Stelle immer wieder geschrieben, dass mein Herz dem Hörfunk gehört und besonders dem lokalen und regionalen Radio. Mein Leben habe ich bis heutemit überregionalem Radio (RTL) landesweitem Hörfunk (Antenne Bayern) mit bundesweitem Fernsehen (RTL, ZDF und ARD) zu tun und bin auch jetzt öffentlich-rechtlich wie privat in erster Linie in diesen Bereichen tätig. Hier und heute und gerade jetzt möchte ich mich für die stark machen, die eine wichtige Säule des Radios ausmachen „die Lokalen“.

Der Hörfunk war und ist ein Medium, das anders als Print und TV schnell und beweglich ist und von „live“ lebt. Radio war und ist aber vor allem nah und wie meine Ziehväter Frank Elstner und Helmut Markwort es mir beigebracht haben und ich es als Moderator aber noch mehr als Programmdirektor bei Antenne Bayern versucht habe umzusetzen, bei den Menschen. Es steht ihnen zur Seite, es kennt ihre Sorgen und es spricht mit ihnen auf Augenhöhe. Ich war, bevor ich mich selbstständig gemacht habe, als Trainer und Strategie Coach selten für den lokalen Hörfunk tätig. Hier und jetzt möchte ich mich für die „kleinen Radios“ einsetzen. Sie kämpfen in diesen Tagen, senden rund um die Uhr zum Teil aus den Wohnzimmern ihrer Mitarbeiter. Sie zeigen uns was der Hörfunk und die Begeisterung ihrer Macher wirklich können!

Radio ist Nähe, Radio ist Teil des Alltäglichen und das – was ich immer gesagt habe – eben nicht nur „der beste Mix“ und „die größten Hits“. Regionaler Hörfunk wird in dieser existentiellen Krise gebraucht als Sprachrohr der Verunsicherten, der Einsamen, als Live-Medium im Hier und Jetzt! Und gerade im „Hier und jetzt“ ist die regionale Säule des Hörfunks als Stimme der Regionen, die wir eh grad nicht verlassen dürfen, so wichtig wie nie. Menschen ziehen sich in Zeiten wie diesen zwangsläufig in kleinere Einheiten zurück. Deshalb darf der Hörfunk jenseits von Gewinnspielen des „Höher, schneller, noch teurer“ nicht sterben!

VBLReden wir über meine Heimat, reden wir über Bayern. In einem flammenden Appell hat sich der Verband Bayerischer Lokalrundfunk an die Landeszentrale, BLM, gewandt: „“Die Corona-Krise gefährdet die bayerischen Lokalradios in ihrer Gesamtheit. Einige Sender werden nicht in der Lage sein, ihren Sendebetrieb in den nächsten Monaten aufrecht zu erhalten.“ Stimmt! Das Land war immer stolz auf seine drei Säulen bestehend aus dem öffentlich-rechtlichen BR, dem landesweiten Privaten, meiner geliebten Antenne, und einer Vielzahl von regionalen und lokalen Radiostationen , die verteilt über den Freistaat den Menschen Spaß, Information und eben „das Nahe“ vermittelt haben.

Was hat der Worms plötzlich mit dem Lokalfunk? Ganz einfach: Wir haben damals fast alle Moderatoren für Antenne Bayern beim Lokalfunk abgeworben (Schuldig!) Schaut man sich nur mal die On-Air Liste des zur Zeit erfolgreichsten Programmes im Freistaat, Bayern 1, an so sieht man auch dort, wie wichtig Lokalsender für die ganze Hörfunklandschaft im Freistaat sind: Fast alle Moderatoren über den Tag hinweg kommen ebenfalls von kleinen Privatradios aus Augsburg, Nürnberg oder Regensburg.

Markus Gilg (Bild: RADIO SCHWABMÜNCHEN)

Markus Gilg (Bild: RADIO SCHWABMÜNCHEN)

Eine guter Freund aus alten Antenne-Tagen, Markus Gilg, hat vor nicht allzu langer Zeit seiner Heimat in Schwaben mit eigenem Geld und einer gehörigen Portion Wahnsinn ein kleines lokales Programm, „Radio Schwaben“ und jungen Leuten eine Ausbildungschance geschenkt. Ich gehörte auch zu denen, die das für Harakiri gehalten haben. Gilg ist einer von Vielen, sein Programm, nur empfangbar über DAB+, und das Netz. Es ist eines der kleinsten im Freistaat und jetzt droht das Aus. Seine jungen Kollegen haben angeboten, ohne Honorar weiterzusenden, damit er nicht zumachen muß.

Georg Dingler (Bild: Radio Gong 96.3)

Georg Dingler (Bild: Radio Gong 96.3)

Habe mich gerade mit einem meiner ältesten Freunde, Georg Dingler, Radio-Urgestein und Geschäftsführer von Gong 96.3 in München, unterhalten. Radio Gong ist einer der großen Programme in Bayern, fast schon Abonnementsieger des „Deutschen Radiopreises“ und sicher wirtschaftlich auf festeren Füßen als die Kollegen 40 Kilometer weiter westlich in Schwaben und auch er sagte mir: „Niemand weiss, wohin die Reise für die Kleinen geht und je nachdem, wie lang und intensiv diese Corona-Krise für die gesamte Wirtschaft sein wird, was dies für den Hörfunk und die Radiovielfalt in Bayern und anderswo wirklich bedeutet“.

Tatsache ist, gerade bei den Lokalradios wie bei meinen Freunden in Schwabmünchen – bei der erfolgreichen Konkurrenz in Augsburg (RT 1) wird es nicht viel besser sein – wird die Decke ganz dünn und wenn nichts passiert, war es das mit dem Drei-Stufen-Modell im bayerischen Lokalfunk. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in NRW oder bei vielen anderen kleineren Stadtsendern in der Republik in diesen Tagen so viel besser aussieht.

Antworten habe ich auch nicht wirklich aber den dringenden Appell an die Politik und die Landesmedienanstalten: Wenn es geht, helft diesen engagierten, begeisterten Radiomachern in den lokalen Märkten, ihre Werbekunden, z.B, kleine und mittlere Gewerbetreibende in der Region können es nicht, da sie selber ums Überleben kämpfen. Vielleicht braucht es ja auch völlig neue Phantasien? Vielleicht gibt es ja Solidarität auch unter den Radiomachern – egal ob öffentlich-rechtlich oder landesweit privat? Wie wäre es denn mit einem Solidarfonds, durch den kurzfristig die, die’s haben, denen, denen das Wasser bis zum Hals steht, aushelfen? Im Profi-Fußball wird so etwas gerade diskutiert, angeregt von der DFL, also den Vereinen, die genügend Liquidität im Kreuz haben. Radio ist ein Spiegel der Gesellschaft, jetzt kann es ihr trotz Konkurrenz ein Miteinander vorleben. Die Politik, die Aufsicht und die Gemeinschaft aller Anbieter ist gefragt.

Ich gehöre zu den Träumern, die sagen: aus dieser existentiellen Krise können wir als Gesellschaft gestärkt hervorgehen. Das gilt genauso für unsere Programme und ihre Inhalte. Wir alle – unsere ganze Gesellschaft – braucht gerade jetzt die Vielfalt, sie braucht die Nähe, die Direktheit und das Vertrauen, die direkte Ansprache und das Radio als publizistischen Kümmer- und Kummerkasten. „Erhaltet die Vielfalt und lasst Euch was einfallen!“ Wenn Ihr zuschaut, dann steht am Ende ein Verlust von Arbeitsplätzen, publizistischer Vielfalt und regionaler Identität in den Medien.

„Fernsehen ist ein Möbelstück – Radio ist Phantasie!“


Über den Autor

Viktor Worms (Bild: WMP)

Viktor Worms (Bild: WMP)

Viktor Worms moderierte die ZDF Hitparade, war Programmdirektor bei ANTENNE BAYERN und ZDF-Unterhaltungschef. Er war in den vergangenen Jahren als Strategie- und Moderationscoach u.a. tätig für REGIOCAST, ZDF und das Bayerische Fernsehen, DRadio Wissen, bigFM, ROCK ANTENNE sowie die ARD.ZDF Medienakademie. Er ist seit 2015 Jurymitglied des Deutschen Radiopreises. Neben seiner Tätigkeit als TV Producer ist er Vorstand der Hugo-Tempelman-Stiftung sowie Beirat der Tabaluga Kinderstiftung.

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