Olaf Hopp: Nationale DAB+ Verbreitung ist Turbo-Booster für UKW-Radiomarken

Veröffentlicht am 12. Feb. 2020 von unter Deutschland

Eine der größten Überraschungen im vergangenen Jahr war die Entscheidung des Medienrats der Medienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein, die Frequenz 97,1 MHz , die seit fast einem Vierteljahrhundert ENERGY Hamburg nutzen durfte, an den Alternative-Sender FluxFM zu vergeben (RADIOSZENE berichtete). Ob ENERGY tatsächlich im August abgeschaltet werden muss und wie es 2020 mit der Radiomarke deutschlandweit und digital weitergeht, fragten wir den Geschäftsführer von ENERGY Deutschland.


RADIOSZENE: Herr Hopp, bevor wir über das große Ganze sprechen. Wie geht es ENERGY? Wie verlief das Geschäftsjahr 2019?

Olaf Hopp (Bild: ©ENERGY)

Olaf Hopp (Bild: ©ENERGY)

Olaf Hopp: Größtenteils sehr zufriedenstellend. Wir produzieren mit unseren sehr kreativen und engagierten Teams ein ausgezeichnetes Programm, das im letzten Sommer mit einem Hörerzuwachs von fast 25% belohnt wurde, und haben auch wirtschaftlich wieder sehr solide agiert.

RADIOSZENE: Eine schlechte Nachricht erreichte ENERGY allerdings aus Hamburg.

Olaf Hopp: In der Tat ist die Entscheidung der MA-HSH, uns die UKW-Lizenz ab August 2020 nicht wieder zuzusprechen sehr unerfreulich, um nicht zu sagen sehr enttäuschend und nicht nachvollziehbar. Wir senden seit fast 25 Jahren lokal aus Hamburg für Hamburg, sind gesellschaftlich auf verschiedenen Ebenen sehr stark engagiert und beschäftigen in Hamburg 29 sozialversicherungspflichtige Mitarbeiter. All dies zu ignorieren und der Stadt ihr einziges privates Jugend-Hit-Radio zu nehmen, ist für uns alle schlicht unverständlich.

Wir haben nach Prüfung des Lizenzbescheids Rechtsmittel eingelegt und hoffen, dass das Gericht unserer Sicht der Dinge und Argumentation folgt, damit ENERGY Hamburg weiter für seine rund 800.000 Hörer, die uns pro Monat hören, senden darf.

RADIOSZENE: Kommen wir zu einer positiven Meldung: Der Weg ist frei für den zweiten nationalen DAB+ Multiplex. ENERGY ist neben seinen vielen Lokalprogrammen bereits seit 2011 auch mit einem Programm auf dem ersten bundesweiten DAB+ Multiplex vertreten. Was sagen Sie zum geplanten Start des zweiten Bundesmux?

Olaf Hopp: Ich halte dies für sehr gut. DAB+ ist die Hörfunk-Übertragungstechnologie der Zukunft und wird UKW in den kommenden Jahren sukzessive ablösen. In Europa ebenso wie in Deutschland. Und da Deutschland einer der größten europäischen Werbemärkte ist, gibt es eine Vielzahl guter Gründe, einen zweiten nationalen und erstmals rein privaten DAB+ Multiplex an den Start zu bringen.

RADIOSZENE: Welche guten Gründe wären dies beispielsweise?

Olaf Hopp: Zunächst einmal werden 16 neue, von Flensburg bis nach Rosenheim durchgehend zu empfangende Hörfunkprogramme der Radiolandschaft einen erneuten Attraktivitätsschub geben. Und das, dies kann jeder bestätigen, der im Auto bereits über einen hybriden Empfang von DAB+ und UKW verfügt, in einer nochmals deutlich besseren Sound-Qualität als dies ohnehin schon bei UKW der Fall ist.

Und da ab Ende 2020 nur noch Autoradios verkauft werden dürfen, die sowohl UKW als auch DAB+ empfangen und auch die Haushaltsausstattung mit stationären DAB+ Geräten weiter ansteigt, wird die Marktdurchdringung von DAB+ in den nächsten zwei bis drei Jahren auf über 50% anwachsen.

RADIOSZENE: Welche Programme und Formate erwarten Sie denn auf dem 2. Bundesmux?

Olaf Hopp: Zunächst einmal kommen einige der regionalen UKW-Programme, für die aufgrund ihrer starken und bekannten Marken eine nationale Verbreitung sinnvoll sein könnte, in Frage.

Betrachten sie die Entwicklung der Hörerzahlen von UKW-Programmen, die auch auf dem 1. nationalen DAB+ Multiplex zu hören sind. Wir haben mit ENERGY im letzten Jahr fast 25% zugelegt, Klassik Radio konnte in den letzten Jahren ein Hörerplus von 70% verzeichnen, Sunshine live hat die Zahl seiner Hörer in den vergangenen vier Jahren mehr als verdoppelt und Radio BOB! konnte sie fast vervierfachen.

Die nationale DAB+ Verbreitung ist ein wahrer Turbo-Booster für UKW-Radiomarken.

Wenn Sie ausrechnen, wieviel mehr nationale Werbeerlöse steigende Hörerzahlen aus den Werbekombis von AS&S und RMS bringen, ist es ein einfacher Dreisatz, die Mehrkosten in Relation zu den Umsatzpotentialen zu setzen. Denn bei einem nur marginal steigenden nationalen Nettowerbemarkt sinkt der eigene Markt- und damit Erlösanteil zwangsläufig, wenn andere Sender überproportional wachsen.

Und dies kostet langfristig unter dem Strich deutlich mehr Geld, als die Investition in einen neuen nationalen Ausspielweg erfordert. Nebenbei sind die technischen Verbreitungskosten für DAB+ aufgrund des niedrigeren Stromverbrauchs günstiger als bei UKW. Man könnte auch sagen, DAB+ ist das ´klimafreundliche grüne Radio´.

RADIOSZENE: Würde ENERGY denn auch mit einem weiteren Programm auf dem 2. Bundesmux on Air gehen?

Olaf Hopp: In der Tat beschäftigen wir uns gerade mit der Frage ob, und wenn ja für welche unserer Programme dies interessant sein könnte.

RADIOSZENE: Das klingt ja alles sehr positiv. Haben sie noch weitere Ideen für den 2. Bundesmux?

Olaf Hopp: Ich gehe davon aus, dass auch Marken und Firmen, die Radio bislang als Werbemedium nutzen, diese neue Kommunikationsplattform für sich entdecken, um in den Dialog mit ihren Kunden und Konsumenten zu treten. Musik für die Zielgruppe, gepaart mit werblichen und redaktionellen Produktinformationen kreieren ein neues und smartes Interaktionslevel für eine Vielzahl von Unternehmen.

Durch die erteilte Plattformlizenz besteht zum ersten Mal in der Geschichte des deutschen Radios die Möglichkeit, nur mit einer rundfunkrechtlichen Zulassung ausgestattet, eine Übertragungskapazität mieten zu können, ohne sich in einem Ausschreibungsprozess um die Zuweisung einer solchen bewerben zu müssen.

RADIOSZENE: Neben dem erwarteten Schub für DAB+ hält wohl auch der Podcast-Boom 2020 an – aber taugen Podcasts inzwischen auch als Geschäftsmodell?

Olaf Hopp: Ich sehe Podcasts primär als Tool, um das Profil der eigenen Marke und seiner Produkte oder der Moderatoren zu schärfen und zu akzentuieren. Dabei denke ich nicht nur an Audiomarken.

Podcasts dienen sicher auch als Geschäftsmodell, allerdings erscheint mir der Grad der Skalierbarkeit limitiert, denn gut gemachte Podcasts erfordern viel Aufwand und inhaltliche Tiefe für jede einzelne Produktion.

Podcasts automatisiert zu erstellen, ist meiner Meinung nach nicht praktikabel. Hier gilt wie beim linearen Radio, dass Menschen es besser machen als Algorithmen. Beides lebt von den Personen dahinter, ihren Emotionen und ihrer Ausstrahlung.

RADIOSZENE: Wo sehen sie für die Branche ihrer Meinung nach den größten Nachholbedarf in den kommenden Monaten?

Olaf Hopp: Weiterhin vor allem bei den Rahmenbedingungen für einen fairen Wettbewerb. Der neue Medienstaatsvertrag enthält aus meiner Sicht noch zu viele Allgemeinplätze und unscharfe Formulierungen.

Hier sehe ich im weiteren Verlauf die Medienanstalten in der Verantwortung, ihre Satzungen so zu formulieren, dass sie klare Regeln vorgeben und wenig Interpretationsspielraum zulassen. Zudem müssen die Aufsichtsbehörden mit ausreichend effektiven Regulierungsinstrumenten ausgestattet sein.

Man darf nicht müde werden, immer wieder zu appellieren, dass im Umgang mit den sogenannten GAFAs Lösungen gefunden werden, die alle Marktteilnehmer den gleichen Regeln unterwerfen und insbesondere das Problem der Gatekeeperfunktion berücksichtigen. Der diskriminierungsfreie Zugang und die gleichberechtigte Auffindbarkeit aller Audio-Angebote müssen unmissverständlich gesetzlich verankert sein. Hier wünsche ich mir einen noch engeren Schulterschluss der Betroffenen, privater wie öffentlich-rechtlicher Sender sowie aller Interessenvertretungen.

RADIOSZENE: Zum Schluss noch kurz ein Rückblick – welche Entwicklung oder welches Ereignis haben sie aus 2019 besonders in Erinnerung?

Olaf Hopp: Ich begrüße sehr die breite Front an Medienunternehmen, Behörden und Verbänden, die sich gegen Hass und Diskriminierung im Internet aussprechen.

Wir selbst haben ja hierzu auch eine bundesweite Kampagne ins Leben gerufen. Respektvoller Umgang miteinander im Netz ist obligat. Wir müssen Haltung gegen jegliche Form von Verunglimpfung, Diskriminierung und Ausgrenzung zeigen. Medien haben hier eine ganz besondere gesellschaftliche Verantwortung. Wir alle müssen Zivilcourage zeigen und Verfehlungen konsequent melden. Hier gilt: Null Toleranz.

RADIOSZENE: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Hopp.

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