Ständiges Streben nach Kontrolle oft unangebracht

James Cridland's Radio FutureIn Europa gibt es ein neues Urheberrechtsgesetz. Es zielt auf Firmen wie Google ab, die Presseorganen künftig Geld zahlen sollen, wenn sie mehr als nur die Überschrift eines Artikels auf Nachrichten-Websites veröffentlichen.

In Frankreich, dem ersten Land, das diese neuen Regeln umsetzte, hat Google bereits reagiert, indem man auf Snippets oder Thumbnail-Bilder völlig verzichtet. Daraufhin proben wiederum die Presseunternehmer den Aufstand, weil sie dadurch Traffic verlieren, und mit Traffic sehen sie auch ihre Einnahmen aus Werbung und Abos schwinden.

Medienanalyst Thomas Baedkal hat hierzu ausführlich auf Twitter Stellung bezogen. Er halt das gesamte Gesetz für sinnlos. Viel Geld würde sich ohnehin damit nicht verdienen lassen, führt er an. Was jedoch noch viel wichtiger ist: Im Wesentlichen verlangen die Nachrichtenlieferanten auf diese Weise Geld von anderen Leuten, damit diese anderen Leute die Artikel von wiederum anderen Leuten umschreiben. Und das tun die meisten Nachrichtenmedien doch ohnehin schon. 

Keiner weiß dies besser als Podcaster, die ihre Inhalte oft genug ohne jegliche Quellenangabe in der Zeitung wiederfinden. Ausführliche Beispiele gibt es genug, etwa die britische Zeitung Daily Star, die von Podnews abkupferte. Aber auch in Australien ist es passiert. Und nach meiner Vermutung ist das nur die Spitze des Eisbergs.

Tunein Logo (Bild: ©Tunein)

Die Parallele im Radio: Derzeit entfernen immer mehr Rundfunkanbieter ihre Streams aus externen Apps, um ihre Hörer zur Nutzung von sendereigenen Apps zu zwingen. Die BBC ist das jüngste Beispiel. In Großbritannien ist man nicht mehr auf TuneIn vertreten. Dadurch wurde vielen wertvollen Diensten einfach der Saft abgedreht. So kann man mit einem Alexa-Lautsprecher zwar noch die BBC hören, aber zum Beispiel nicht mehr als Radiowecker einstellen. 

Viele Sender beschweren sich darüber, dass TuneIn ihre Streams „klauen“. Immer wenn ich das höre, kann ich nur den Kopf schütteln. Denn schließlich rührt TuneIn damit die Werbetrommel für den betreffenden Sender. Die Hörerschaft wird direkt auf die eigenen Server des Senders geleitet, und der Sender kann die auf diese Weise generierten Daten nach wie vor auswerten. Und wer dann als Sender eine noch bessere App anbieten möchte, kann es ja tun und damit wesentlich besseres Datenmaterial generieren als TuneIn es jemals könnte. 

Es ist weitgehend sinnlos, sich aus den Aggregator-Apps zurückzuziehen. 

Denn wenn man es einmal logisch weiterdenkt: Wer sich aus TuneIn zurückzieht, sollte lieber vielleicht auch noch seine UKW-Frequenz drangeben. Schließlich bringt die noch viel weniger Daten.

Wenn schon, dann Konzentration auf eine eigene App, und diese eigene App sollte vor allem bei der Benutzererfahrung ansetzen. Hebt zum Beispiel euren On-Demand-Content für die eigene App auf, fügt Informationen und sonstige Funktionen hinzu. Mit anderen Worten: Sorgt dafür, dass man euren Sender am liebsten über eure App hört. Denn dann bringt eine App Nutzen für alle Beteiligten und wird nicht als Gängelei der Hörerschaft verstanden.

Das, was im Radio wirklich zählt – die beste Unterhaltung für die besten Hörer – wird von den Digitalstrategen in ihrer fehlgeleiteten Jagd nach Kontrolle nur allzu oft übersehen. 

Radiohörer entscheiden sich nur selten für die zweitbeste Lösung. Das gilt auch für Apps.


James Cridland
James Cridland

Der Radio-Futurologe James Cridland spricht auf Radio-Kongressen über die Zukunft des Radios, schreibt regelmäßig für Fachmagazine, berät eine Vielzahl von Radiosendern und veröffentlicht den täglichen Podcast-Newsletter podnews.net. James hat über 30 Jahre bei Radiosendern in Großbritannien, Australien und Kanada gearbeitet; bei Virgin Radio UK entwickelte er die weltweit erste Radio-Streaming-App. Er lebt in Brisbane, Australien. https://james.cridland.net