Musik-Charts: „Ja, es gab tatsächlich manipulierte Zugriffe“

Veröffentlicht am 08. Okt. 2019 von unter Musik

Musik-Charts: „Ja, es gab tatsächlich manipulierte Zugriffe“Nicht erst seit den Vorwürfen um manipulierte Streaming-Werte im Sommer 2019 haben die “Offiziellen Deutschen Musikcharts“ innerhalb der Radioszene massiv an Bedeutung verloren. Waren für die Sender (zumindest) die Single-Top 100 über Jahrzehnte ein willkommener Gradmesser des bundesdeutschen Musikgeschmacks, so wartet heute kaum ein Musikchef mehr auf die wöchentliche Ausgabe der “Offiziellen Charts“. Warum auch, so sind beispielsweise seit der Beimischung von Streaming heute nahezu (gefühlt) die Hälfte der gelisteten Positionen mit Titeln aus dem Segment „Deutscher Rap“ belegt – innerhalb der Top 10 waren es zuletzt sogar bis zu 9 von 10 der platzierten Songs. Ein Genre, das bei den internen Musiktests der Sender bis auf wenige Ausnahmen (wie Bremen Next oder KissFM) weniger gute Bewertungen durch die Hörer erzielt. Und die restlichen platzierten Titel beziehungsweise Genres innerhalb der Charts liefern für die Programmgestaltung wegen ihrer Langzeitpräsenz keine wirklich aufsehenerregenden Erkenntnisse. 

Tanja Ötvös (Bild: Radio Hamburg)

Tanja Ötvös (Bild: Radio Hamburg)

Die Radioverantwortlichen konzentrieren sich bei der Sichtung neuer Trends längst an anderen Instrumentarien. Tanja Ötvös, Musikchefin bei Radio Hamburg: „Die ‘Offiziellen Charts‘ der GfK haben wir gekündigt. Zur Orientierung nutzen wir neben unserer eigenen Marktforschung, die absolute Priorität hat, vor allem die Spotify- und Shazam-Charts. Auch auf die iTunes-Verkäufe werfen wir einen Blick, stellen jedoch immer wieder fest, dass sich die dort platzierten Titel seltener in unserer Rotation wiederfinden. Seit einiger Zeit haben wir auch eine Airplay-Chart-Sendung am Samstagabend von 17.00 bis 19.00 Uhr im Programm, die sich aus den ‘Offiziellen Airplay-Charts‘ von MusicTrace ergibt“.

Zuletzt ziehen die Sender immer „hörbarer“ ihre Konsequenzen: so fällt laut einer Untersuchung von AirSupply seit Jahresfrist bei vielen Angeboten der Sendeanteil von Titeln aus den “Offiziellen Charts“ immer markanter ab. Umgekehrt stiegen überall die Werte für aktuell erschienene Titel, die nicht in den Charts vertreten sind, zum Teil deutlich an. Exemplarisch steht hier die Entwicklung bei SWR3 (6.00 bis 18.00 Uhr): Hier verfügte das Segment “Titel aus den aktuellen Charts“ in 2016 noch über einen Anteil von 37 Prozent, heute sind es 16 Prozent! Dagegen stieg der Anteil an aktuellen Songs, die nicht (oder noch nicht) in der “Offiziellen Charts“ vertreten sind von 8 auf 25 Prozent!

BVMIOffensichtlich aufgerüttelt durch die derzeitige Situation innerhalb der Single-Top 100 brütet eine Arbeitsgruppe des Bundesverbands Musikindustrie (BVMI) über alternative Zukunftslösungen des jetzigen Erhebungsverfahrens. Mit dazu beigetragen haben dürften auch die Vorwürfe über „massive Charts-Beeinflussungen“ durch Managements deutschsprachiger Rap-Interpreten. In diesem Zusammenhang stehen unter anderem Behauptungen im Raum, Hacker manipulierten gegen fünfstellige Eurobeträge durch Fake-Profile die Zahlen bei Streaming-Anbietern künstlich nach oben (vgl. “Der Rap Hack: Kauf Dich in die Charts! Wie Klickzahlen manipuliert werden“). Hier war von Beeinflussungen in großem Stil bis hin zur Geldwäsche die Rede. Vorwürfe, für die bislang keine definitiv schlüssigen Beweise vorliegen. Als wenig hilfreich erwies sich hier allerdings das hartnäckige Schweigen des Streaming-Dienstes Spotify, das sich weigerte zum Vorgang  überhaupt Stellung zu beziehen. Transparenz und offener Umgang mit den im Raum stehenden Vorwürfen sieht anders aus.

Die Diskussionen innerhalb des BVMI um eine Neuausrichtung der Bestenliste konzentrieren sich dem Vernehmen nach vor allem um das Vorhaben, innerhalb der “Offiziellen Charts“ auch weitere Quellen des gängigen Musikkonsums abzubilden. Im Gespräch ist unter anderem auch die Einbeziehung der Radionutzung in Form der Airplay-Charts, deren Ergebnisse ja bekanntlich von 1989 bis 2001 schon einmal in die Verkaufshitparade einflossen.


Im Gespräch mit RADIOSZENE gibt Georg Sobbe, Leiter Marktforschung & Entwicklung beim BVMI, Auskunft über die angedachten Veränderungen bei den “Offiziellen Charts“.    

Georg Sobbe (Bild: ©Markus Nass)

Georg Sobbe (Bild: ©Markus Nass)

RADIOSZENE: Vor einigen Wochen gab es Vermutungen über Manipulationen bei Streaming-Zahlen, die ja auch für die Ermittlung der “Offiziellen Charts“ herangezogen werden. Haben sich, mit etwas Abstand gesehen, diese Verdachtsmomente bestätigt?

Georg Sobbe: Wenn Sie sich auf den im Video des Y-Kollektivs dargestellten Fall beziehen: Ja, es gab tatsächlich manipulierte Zugriffe. Die Prüfmechanismen der “Offiziellen Deutschen Charts“ haben jedoch gegriffen, der wesentliche Teil wurde unserem Chartermittler GfK zufolge erkannt, so dass der Einzug des Stücks in die Charts nicht funktioniert hat.

 

„Die ‘Offiziellen Deutschen Charts‘ sind das einzige umfassende und damit repräsentative Trendbarometer des gesamten Musikkonsums in Deutschland“

 

RADIOSZENE: Welche Schutzmaßnahmen von Seiten der Streaming-Anbieter und Chart-Ermittler gibt es zur Abwehr von Manipulationsversuchen?

Georg Sobbe: Der BVMI und die GfK Entertainment nehmen jeden Verdachtsfall sehr ernst und gehen entsprechenden Hinweisen unmittelbar und sofort nach, um rechtswidriges Vorgehen zu unterbinden und einen fairen und legalen Wettbewerb zu gewährleisten. Im Übrigen geht es ja um die Systeme der Streaming-Anbieter und die dort erhobenen Daten, und wir sind deshalb auch hier im Austausch. Bei hinreichenden Verdachtsfällen können die für die Charts zuständigen Gremien des BVMI im Einzelfall über Sanktionen entscheiden und zum Beipsiel Künstler/Titel aus den Charts ausschließen.

Anteile nationaler und internationaler Single-Produktionen an den Top 100 Charts 2009-2018RADIOSZENE: Kurz nach diesen Berichten wurde bekannt, dass innerhalb des BVMI über eine Reform der “Offiziellen Deutschen Charts“ nachgedacht wird. Ein Grund für Veränderungen soll auch die hohe Zahl an Stücken von Künstlern sein, die im Zuge von ihren Nummer 1-Platzierungen in den Album-Charts, zeitgleich die Single-Charts fluten. Hier gab es Fälle, dass 10 und mehr Album-Tracks in den Single-Charts vertreten waren. Spiegelt diese Praxis tatsächlich noch die derzeitige Musiknutzung innerhalb der Bevölkerung seriös wider?

Georg Sobbe: Eine gerade umgesetzte Maßnahme bezieht aktuelle Release-Strategien ein und, wie man vorab veröffentlichte Singles im Vergleich zu Albumtracks werten könnte. Hier geht vor allem darum, die Vielfalt des Musikmarkts in den Charts noch besser abzubilden. Deshalb wurden die Regeln für die Zulassung von Singles- und Albumtracks für die Single-Charts angepasst. Seit dem 2. August 2019 (Chartwoche 32/2019) werden in den “Offiziellen Deutschen Top 100 Single-Charts“ vor allem die Titel gezeigt, die besonders im Fokus stehen. Das sind die bereits vor einem Album-Release veröffentlichten Singles und optional ein sogenannter Fokustrack aus dem Album. Für die ersten beiden Chartwochen ab der Album-Veröffentlichung werden alle anderen Titel des Albums für die Single-Charts ausgeschlossen.

Anteile nationaler und internationaler Produktionen an den Top 100 Single- und Longplay-Charts 2018RADIOSZENE: Wie weit sind diese Denkprozesse über die Neugestaltung der Bestenlisten gediehen? Zu lesen war, dass auch erneut über eine Einziehung von Radioeinsätzen diskutiert wird. Was zumindest eine sehr nachvollziehbare Form der Musiknutzung darstellt. Ist Airplay tatsächlich eine Option für die “Offiziellen Charts“?

Georg Sobbe: Zum einen lassen wir von MusicTrace ja eigene Airplay-Charts ermitteln. Zum anderen gilt: Wir haben für die Weiterentwicklung der “Offiziellen Deutschen Charts“ abseits von Wertecharts und Aktualität keine Denkverbote. Es geht für die Branche darum, die Charts plattformübergreifend so zu platzieren, dass der Fan abgeholt wird. Klar ist aber, wie gesagt, dass wir weiterhin wertbasierte Charts haben werden. Die Integration weiterer Nutzungskanäle laufend zu prüfen, gehört zum Standardprozedere der Gremien. Stand heute gibt es jedoch keine konkreten Neuerungen zu verkünden.

 

„Es geht für die Branche darum, die Charts plattformübergreifend so zu platzieren, dass der Fan abgeholt wird“

 

RADIOSZENE: Wie weit hat sich über die Jahre das Nutzungsprofil der “Offiziellen Charts“ verändert? Lange dienten die Bestenlisten als verlässlicher Gradmesser für Handel, Musikkonsumenten und Medien. Zumindest aus weiten Kreisen der Radiosender haben die Charts in der jetzige Form an Bedeutung verloren…

Georg Sobbe: Die “Offiziellen Deutschen Charts“ sind das einzige umfassende und damit repräsentative Trendbarometer des gesamten Musikkonsums in Deutschland, das alle verfügbaren wertbasierten Formate und Kanäle unter Einhaltung hoher Qualitätsstandards erfasst, vom physischen Tonträger bis zum Premium-Stream. Seit dem Relaunch 2015 hat die Marke weiter an Bedeutung gewonnen, wie unter anderem die stetig wachsenden Besucherzahlen der Seite www.offiziellecharts.de zeigen. Auch der neu eingeführte #1-Award für die Alben- und Single-Charts ist von den Künstlerinnen und Künstlern sehr positiv aufgenommen worden und wird gerne via Social Media verbreitet. Zudem nutzt Media/Saturn seit zwei Jahren die Albencharts wieder auf den Plakaten in ihren Häusern, damit die Käuferinnen und Käufer sich daran orientieren können. Die Singlecharts veröffentlicht MTV exklusiv freitags auf ihrer Webseite und am Samstag in einer Sendung. Und wie in der Vergangenheit werden wir auch weiterhin laufend daran arbeiten, sie für alle Adressaten relevant zu halten, wie oben erwähnt.

RADIOSZENE: Die “Offiziellen Airplay Charts“, die ja auch im Auftrag der BVMI erstellt werden, müssen sich früher oder später auf neue technische Formate einstellen. So arbeiten bereits die ersten Sender in Deutschland mit personalisierten Sendeformen, bei denen die Nutzer individuell unter verschiedenen Musikangeboten wählen können. Wie wollen Sie diese Herausforderungen künftig technisch messen?

Georg Sobbe: In der Tat nicht ganz trivial, aber die erfolgreiche Integration des Audio-Streamings hatte eine ähnliche Dimension.

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