Deutscher Rap im Radio – Zu Unrecht immer noch unterrepräsentiert?

Veröffentlicht am 22. Aug. 2019 von unter Musik

Noch immer genießt der deutsche Rap eine Art Außenseiterdasein – zumindest in der zentralisierten Medienlandschaft. Im Fernsehen ist er unterrepräsentiert und im Radio größtenteils auch. Das Klischee, die Musik sei oft gewaltverherrlichend, frauenverachtend und einfach nur hohl, wird das Genre nur schwer los. Verwunderlich eigentlich, wendet man den Blick doch einmal den Streamingdiensten oder Videoplattformen zu. Dort gehören die RapSongs zu den meistgeklickten und -gehörten Liedern deutscher Interpreten. Und geht man nach den Verkaufszahlen, so dominiert der Deutschrap auch immer wieder die Musikcharts der letzten Jahre. Die Musiker werden, vor allem bei den jungen Hörern in den sozialen Medien, wie Weltstars gefeiert.

Deutschrap im Radio ist eine Seltenheit. Aus guten Gründen oder eher zu Unrecht? (Bild: Abbildung 1: unsplash.com © Eric Nopanen)

Deutschrap im Radio ist eine Seltenheit. Aus guten Gründen oder eher zu Unrecht? (Bild: ©Eric Nopanen/unsplash.com)

Warum also spielen immer noch so wenige Radiosender in Deutschland deutschen Rap? Dieser Frage gehen wir nach. 

 

Der Deutsche Rap boomt

Deutscher Rap boomt hierzulande seit einigen Jahren wie kein anderes Musikgenre. Fast wöchentlich erscheinen neue Akteure auf der Bildfläche. Sie erlangen vor allem über die Videoplattform YouTube und über Streamingdienste, wie Spotify oder Deezer innerhalb kürzester Zeit nationale Berühmtheit. 

Dass der Deutschrap auch wirtschaftlich von Bedeutung geworden ist, zeigen die offiziellen Album-Jahrescharts:

  • Wie auch 2017, war das erfolgreichste Album der letzten Jahre „Helene Fischer“ von der gleichnamigen Schlagersängerin. 
  • Auf den Plätzen zwei und drei folgten allerdings gleich die Deutschrapper Bonez MC & RAF Camora mit dem Album „Palmen aus Plastik 2“ sowie der Gzuz mit „Wolke 7“. 
  • Weiterhin wurden die Rapper Nimo, Bausa, die 187 Straßenbande sowie Rin alle samt mit Gold-Schallplatten ausgezeichnet. Sie verkauften also entweder mindestens 100.000 Alben oder 200.000 Singles. Unter den fünf meist gestreamten Künstlern bei Spotify waren 2017 ebenfalls drei deutsche Rapper: RAF Camora, Bonez MC und Kollegah.
Ausverkaufte Konzerte und Umsätze mit Alben sprechen für sich: Der Deutschrap boomt. (Bild:©Nicholas Green/unsplash.com)

Ausverkaufte Konzerte und Umsätze mit Alben sprechen für sich: Der Deutschrap boomt. (Bild:©Nicholas Green/unsplash.com)

Auch ein Blick auf die Umsatzanteile der einzelnen Repertoiresegmente am Gesamtumsatz 2018 spricht Bände. Nach Angaben des Bundesverbands Musikindustrie e. V., machte der HipHop in Deutschland, unter den auch der Deutschrap subsummiert wird, der wohl den entscheidenden Anteil beiträgt, ganze 16,2 Prozent aus. Nach Pop und Rock stellt er somit das drittgrößte Repertoire in Deutschland dar. Zum Vorgängerjahr deutlich zugelegt, so ist es auf der Website des Bundesverbands Musikindustrie e. V. so auch wörtlich nachzulesen, habe der “Hip-Hop mit einem Zuwachs von 3,6 Prozentpunkten. Der Umsatzanteil von 16,2 Prozent stellt mit Blick auf die vergangenen zehn Jahre einen neuen Rekordwert dar.”

Die Mainstream-Medien berichten vom Aufstieg des Hip-Hops und vor allem eben des Deutschraps allerdings immer noch kaum. In Talkshows sind vorwiegend Figuren, wie Helene Fischer zu Gast. Die meisten Feuilleton-Print-Redaktionen schreiben in altbekannter Manier über das neue Album von der Toten Hosen oder vielleicht über die neue, spektakuläre Show von Rammstein. Selbst im Radio läuft eher Mark Forster oder Ed Sheeran, statt dass RAF Camora oder Rin zu hören sind.

Die Frage, woran genau das eigentlich liegt, muss spätestens nach genannten Zahlen gestellt werden. Sollten nicht zumindest öffentlich-rechtliche Stationen in der Radiolandschaft wie Fritz oder 1Live ihr Programm vielfältiger gestalten? Schließlich sollten diese Stationen die Vielfalt der Musiklandschaft widerspiegeln. Das gehört immerhin zum öffentlich-rechtlichen Auftrag

 

Rund um die Musik

Das Problem der Radiostationen mit dem Deutschrap ist nicht einfach zu greifen. Es liegt dennoch nahe, davon auszugehen, dass der Deutschrap noch immer einen schlechten Ruf genießt. Ähnlich wie die Killerspieldebatte (“Killerspiele produzieren Attentäter”) verhält es sich auch mit dem Deutschrap.

Weil in vielen Texten deutscher Rapper von Drogen, Gewalt und Prostitution die Rede ist, so die Kritiker, bekäme eine ganze Generation eine gefährliche Vorstellung der Realität. Die Rapper seien schlechte Vorbilder und wer ihren Texten lausche, geriete auf die schiefe Bahn. Immer wieder wird, im Zuge etwa von Gewaltverbrechen und Kleinkriminalität vor allem unter Kindern und Jugendlichen, auch über den Deutschrap diskutiert. Der Musik wird eine Mitschuld an mangelnden Moralvorstellungen zugesprochen.

Auch das Posen gehört zum Deutschrap. Allerdings ist das nur eine von zahlreichen Facetten. (Bild: ©Anastase Maragos/unsplash.com)

Auch das Posen gehört zum Deutschrap. Allerdings ist das nur eine von zahlreichen Facetten. (Bild: ©Anastase Maragos/unsplash.com)

Leider, muss man ehrlich sagen, kommen die Vorstellungen nicht von ungefähr. Denn anders als von Positivbeispielen aus der Welt des Deutschraps, werden Skandale in den Mainstream-Medien größtenteils mit offenen Armen begrüßt und so auch unter die Leute gebracht. Zuletzt kann wohl der Echo-Skandal um die Rapper Kollegah und Farid Bang als bestes Beispiel dienen.

Mitte April 2018 bekamen die beiden den Echo in der Kategorie HipHop/Urban National. Zum ausgezeichneten Album der Künstler wurden daraufhin allerdings Kritik laut, da einige Textzeilen stark antisemitisch angehaucht sind. Als Reaktion darauf entbrannte eine Grundsatzdiskussion um den Preis und die Auswahlkriterien, worauf der ECHO in seiner bisherigen Form eingestellt wurde.

All diese Vorkommnisse sind verständlich und angesichts der damals kritisierten Textpassagen der beiden Rapper vertretbar. Schwierig wiederum wird es, wenn ausgehend davon Generalisierungen stattfinden, die einer Kunstform Unrecht tun und ihr massiv schaden können. In einem Interview mit dem Magazin Cicero etwa äußerte sich der BAP-Sänger Wolfgang Niedecken zu der Sache folgendermaßen:

“Ich kenne mich in diesem Genre Gangstarap nicht aus. Ehrlich gesagt geht mir das am Hintern vorbei. Da sind keine Melodiebögen drin. Es ist pures Macho-Gepose. Im Gangstarap sind [die Texte] hasserfüllt, um die entsprechende Zielgruppe zufriedenzustellen.”

Und weiter kommentiert er: “Im Radio gibt es Formatbestimmungen, nach denen man sich richten muss, wenn man gespielt werden will. Hauptsächlich spielen da allerdings kommerzielle Erwägungen eine Rolle, mit denen man eingeschränkt wird. Dieses Genre Gangstarap findet deswegen nicht im Radio, sondern im Internet statt. Je mehr dort provoziert und gedisst wird, desto toller finden die Jugendlichen das.”

Unglücklicherweise sind Niedeckens Aussagen pauschalisierend und stark vereinfachend. Zum einen sind Unterscheidungen und Differenzierungen innerhalb des Genres Deutschrap bis heute nur schwer möglich – selbst von Brancheninternen und Akteuren. Zum anderen ist es eine vage These, zu behaupten, alle Texte in diesem Genre seien “hasserfüllt”. Gleichzeitig diffamiert Niedecken eine ganze Zielgruppe an vornehmlich Jugendlichen, indem er behauptet, diese lasse sich durch Hass zufriedenstellen und fände mehr Provokation und Gedisse grundsätzlich toll. 

Zu guter Letzt zieht er einen falschen Schluss aus einer richtigen Behauptung, indem er den Grund dafür, dass das “Genre” Gangstarap im Radio nicht stattfindet, in kommerziellen Erwägungen sieht. Allerdings sollte klargeworden sein, dass vor allem (Gangsta-)Rap für einen großen Anteil des Gesamtumsatzes der deutschen Musikindustrie verantwortlich ist.

Der Grund für die Unterrepräsentation des Deutschraps im Radio ist ein anderer: Radiosender wollen sich tatsächlich einfach nicht in die Gefahr bringen, als gefährlich wahrgenommenen Musikern eine Plattform zu bieten. Und somit ins Visier wiederum der Mainstream-Medien genommen zu werden. Betrachtet man es so, hat Niedecken letzten Endes doch recht. Denn die Angst vor einer abspringenden Hörerschaft aufgrund “böser Musiker” ist natürlich auch die Angst vor weniger Umsatz. Doch das systematische Ignorieren einer populären Kunstform kann jedoch nicht die endgültige Lösung sein.

 

Von falschen Vorstellungen und authentischen Musikern

Ein großes Problem dürfte sein, dass guter oder „echter“ Deutschrap weitestgehend noch unzureichend definiert wird. Die ersten Rapper, über welche deutsche Medien berichteten, sind heute als Urgesteine der Szene bekannte Gruppen wie Fanta 4, Die Beginner oder auch Fettes Brot. Mit vielen der derzeit beliebten Deutschrapper haben diese Künstler musikalisch nicht mehr viel zu tun. Die Beats haben sich stark geändert und die Inhalte auch.

Was von außen wie Märchen klingt, ist die Realität vieler Rapper, die mitunter in sozial schwachen Verhältnissen groß wurde. Diese Authentizität kommt bei den Fans gut an. (Bild: ©Jan Střecha/unsplash.com)

Was von außen wie Märchen klingt, ist die Realität vieler Rapper, die mitunter in sozial schwachen Verhältnissen groß wurde. Diese Authentizität kommt bei den Fans gut an. (Bild: ©Jan Střecha/unsplash.com)

Anders als in den USA, wo Hip-Hop und Rap ursprünglich herkommen, ist in Deutschland vielen Menschen nicht klar, dass diese Musik von der Straße stammt. Sozial schwache und benachteiligte junge Menschen aus der Bronx versuchten damals mit der Musik ihren Weg aus dem Elend zu finden. Dass die Texte dementsprechend hart und nicht verklärt sind, ist verständlich.

Dieses Selbstverständnis gibt es in Deutschland jedoch nicht. Spätestens seit Anfang der 2000 Jahre hat sich die RapLandschaft vor allem durch eine wachsende Szene in Berlin breiter aufgestellt. Die “Kids von der Straße” machen auch in Deutschland in Tradition amerikanischer Rapper Musik und repräsentieren diese Kulturform dementsprechend. Viele, die in ihren Texten vom Straßenleben, von Gewalt und Prostitution erzählen, sind auch hier in einem Umfeld aufgewachsen, in dem dieses Leben die Realität war oder noch immer ist. Der Ton, den sie anschlagen, ist der Ton der Straße. Das nennt sich Authentizität und sollte nicht ignoriert werden.

 

Wo Deutscher Rap stattfindet

Deutscher Rap im Radio – Vorwiegend im Abendprogramm

Das Morgenprogramm dürfte bei den meisten Radiosendern am wichtigsten sein. Auf dem Weg zur Arbeit im Auto oder während des Frühstücks schalten die meisten Menschen das Radio ein. Der Höhepunkt der Radionutzung ist 08:30 Uhr, dann nimmt die Hörerzahl stetig ab, bis sie gegen 18:00 Uhr noch einmal kurz, aber kaum relevant, ansteigt. So gelten die Moderatoren in den Morgenshows in der Regel als die heimlichen Stars der Sender. 

Musik, die morgens läuft, wird also von den meisten Menschen gehört. Andere musikalische Nischen werden im deutschen Radio meistens ins Abendprogramm abgeschoben – dazu zählt auch der Deutschrap. Immerhin gibt es dazu spezielle Sendeformate: 

  • Neu und gut“ bei Radio Fritz als allgemeines Format zu Künstlern, die auf StreamingPortalen bereits bekannter geworden sind (20 bis 22 Uhr).
  • Visa Vies “Irgendwas mit Rap” bei Radio Fritz als genrespezifische Sendung zum Rap (mittwochs, 20 bis 22 Uhr). 

Vor den Sendungen wird sogar ein Warnhinweis eingespielt. Er klärt darüber auf, dass in diesen Sendungen Musiktitel gespielt werden, die explizite Lyrics enthalten und mitunter verstörend, beleidigend oder sogar verletzend wirken könnten. Es handele sich dabei um Stilmittel des Raps. Wer damit Probleme habe, sollte vielleicht lieber umschalten.

Weder bei den öffentlich-rechtlichen Frequenzen, noch im Privatradio wird man also morgens beim Frühstück harten Deutschrap hören können. Zum Frühstück, so die konservative Einstellung, soll eben etwas leicht Verdauliches auf den Tisch.

Privatradiosender und die Hörerbindung

Während es bei den öffentlich-rechtlichen Stationen kaum noch Gründe gegen Deutschrap am Morgen gibt, kann man es bei den privaten Formatradios irgendwie noch verstehen. Schließlich geht es hier noch viel mehr um die Hörerbindung. 

Die Sender finanzieren sich durch Werbung und diese muss nun einmal verkauft werden. Deshalb wird die Musik auch kaum redaktionell ausgewählt. Einzig und alleine die Relevanz zählt. Privatradios sehen es also viel weniger als ihre Pflicht oder Möglichkeit, Hits zu produzieren, als sie zu spielen. Es wird recherchiert, welche Songs bei Spotify, iTunes, Shazam und in den USA oder Großbritannien am erfolgreichsten sind und anschließend eine entsprechende Auswahl getroffen. Darüber hinaus gibt es Telefonbefragungen, die den kleinsten gemeinsamen Nenner der Hörer herausfiltern sollen. 

Heraus kommt ein Genremix, in dem Deutschrap trotz seiner wachsenden Popularität untergeht. Er ist zu anstrengend, zu kontrovers. Er kann nicht alle Hörer bis zum nächsten Werbeblock ans Radio fesseln. Phänomene, wie Bones MC und RAF Camora bleiben Ausnahmeerscheinungen.

 

YouTube und Streamingdienste

Auf Videoplattformen und hier vor allem auf YouTube sowie bei Musikstreamingdiensten, wie Spotify, sind die deutschen Rapper dagegen absolut keine Ausnahmeerscheinungen. Wo die Hörerschaft aktiv selbst entscheidenden kann, was sie anklicken und hören möchte, dominiert der Deutschrap über zahlreichen anderen Musikvideos und Streamingzahlen. Der Song “Kokaina” der Deutschrapper Miami Yacine wurde bis heute auf YouTube fast 150 Millionen Mal geklickt (Stand: August 2019). Dagegen tritt Helene Fischers “Atemlos durch die Nacht” mit noch nicht einmal 60 Millionen Aufrufen deutlich zurück.

Läuft harter Rap, wird im Radio umgeschaltet – so die Befürchtung vieler Privatsender. Dabei könnten Radiohörer sich an das Genre gewöhnen. (Bild: ©Courtney Corlew/unsplash.com)

Läuft harter Rap, wird im Radio umgeschaltet – so die Befürchtung vieler Privatsender. Dabei könnten Radiohörer sich an das Genre gewöhnen. (Bild: ©Courtney Corlew/unsplash.com)

Einige Kritiker argumentieren gegen diese Entwicklung, dass der Deutschrap gegenwärtig ganz einfach auf einer Erfolgswelle reite. Die Künstler in den sozialen Medien seien nur ein Phänomen, das bald ein anderes Phänomen ablösen wird. Das Absurde dabei ist, dass genau das schon vor Jahren gesagt und prophezeit wurde. Künstler gewinnen goldene Schallplatten, während das Radio sie – völlig oder zumindest bis in die späten Abendstunden – einfach ignoriert.

 

Es geht auch tagsüber mit Rap

Die passenden Künstler als Grundlage nehmen

Radiosender, die stark damit hadern, Deutschrap zu spielen, müssen nicht gleich mit jenen einsteigen, der vor allem als Street- und Gangsterrap wahrgenommen werden. Ein Blick auf Streamingzahlen (und teilweise auch auf die Chartplatzierungen) verrät, dass es auch andere Künstler mit interessanteren, reflektierteren und für alle Altersgruppen geeigneten Texte gibt. Diese können als Grundlage genommen werden, um Hörer mit dem noch immer unterrepräsentierten Genre vertrauter zu machen. Zu zeigen, was Deutschrap sein kann und vor allem auch, was er eben nicht nur ist. Passt sich das Bild in den Köpfen an und wird es korrigiert, wächst auch die Spanne an Möglichkeiten, Deutschrap breiter aufgefächert zu spielen. 

Es geht dabei nicht darum, ausschließlich ohnehin im Mainstream angekommene Künstler wie beispielsweise Marteria und Casper zu spielen. Daneben gibt es vielmehr auch noch andere deutsche Rapper, die positiv aus der Masse herausstechen, im Radio aber dennoch unterrepräsentiert sind. Und das obwohl sich in ihren Texten nicht alles nur um Drogen, Geld und leichtbekleidete Frauen dreht. Einige Radiosender haben das tatsächlich schon verstanden und trauen sich, Neues zu wagen.

Alternative Sender und Formate

Seit April 2019 gibt es mit “DIGGA.FM” das erste Vollradioprogramm, bzw. den ersten Radiosender Berlins, der 24 Stunden täglich nur Deutschrap spielt. Die Hörer können seitdem kostenlos online oder über die App ausschließlich deutschsprachige Hiphop- und Rapmusik streamen. Neben den offiziellen deutschen Hiphop-Charts besteht dort die Möglichkeit, stündlich Oldschool-Songs zu spielen und frischen Content sowohl männlicher als auch weiblicher Newcomer zu unterstützen.

Der Privatsender “ByteFM“, der weitgehend online stattfindet und versucht auch jede noch so kleine musikalische Randerscheinung abzubilden, bietet dem Deutschrap ebenfalls eine Plattform. Da die Hörer auch mit Abseitigerem konfrontiert werden und nicht auf Krampf vom Abschalten abgehalten werden müssen, können nur niedrigere Gehälter gezahlt werden. Nur ein grundsätzliches Umdenken im Umgang mit Deutschrap kann diesen Zustand ändern.

Referenzen offenerer Sender nutzen 

Beteiligte oder Unbeteiligte an Sendern, die dazu gebracht werden sollen, dem Deutschrap eine Chance zu geben, können die Aktivität und Offenheit anderer Sender nutzen, um Überzeugungsarbeit zu leisten. Klappert man offenere Sender, wie DIGGA.FM, ByteFM oder auch “Fritz” ab, lässt sich mit diesen Referenzen auf andere Stationen zugehen. Es kann Geduld erfordern, bis ein Sender verinnerlicht, dass der Deutschrap mehr Repräsentation verdient, doch dann kann es sich zweifellos auszahlen.

 

Rap im US-amerikanischen Radio und in Großbritannien

In den USA steht es um den Rap im Radio deutlich anders. Dort läuft das Genre im Radio rauf und runter – tagsüber und nachts. Und der britische Sender “BBC One Xtra” zum Beispiel hat regelmäßige Grime-Cyphers im Programm und sich somit sogar auf Nischen spezialisiert. Die Auseinandersetzung mit Rap findet hier den ganzen Tag über statt. Und zwar auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. 

Rapper wie Travis Scott laufen im englischsprachigen Radio rauf und runter. In Deutschland hat Rap einen ganz anderen Status. (Bild: ©Joel Muniz/unsplash.com)

Rapper wie Travis Scott laufen im englischsprachigen Radio rauf und runter. In Deutschland hat Rap einen ganz anderen Status. (Bild: ©Joel Muniz/unsplash.com)

Warum das dort funktioniert, lässt sich recht einfach beantworten: BBC operiert als Sender für das ganze Land. Der Sender hat somit eine ganz andere Positionierung, als deutsche Radiosender und kann also sowohl den Mainstream, als auch die vermeintliche Minderheit der Musiknerds erreichen.

Eine deutlich lokalere Radiolandschaft wie in Deutschland fährt dagegen eine deutlich defensivere Programmpolitik – zumindest bislang.

 

Die Jungen nicht verlieren

Mehr Diversität

Ändern wird sich das erst, wenn auch hierzulande Sender zur Überzeugung kommen, dass mehr Diversität nicht unbedingt bedeutet, dass die Hörerschaft abnimmt. Vielleicht wird es kurzzeitige Einbrüche geben, wenn Sender sich an neue Musik trauen, die vielleicht auch polarisiert. 

Doch genau das wiederum bringt die Sender auch ins Gespräch. Auf Dauer kann der Diskurs nicht in abwehrender Weise geführt werden, weil er sonst an Glaubwürdigkeit verliert. Verlieren werden Sender stattdessen unbestreitbar eine junge Generation nachkommender potenzieller Radiohörer, die derzeit eben lieber streamen und YouTube frequentieren. Weil sie hier alles finden, was sie hören möchten.

Positionierung und Einordnung

Damit öffentlich-rechtliche Sender etwas mehr Sicherheit in Bezug auf die Hörerbindung bekommen, könnte ein wirksamer Ansatz sein, eine intensivere Auseinandersetzung mit der Musik anzustreben. Harte Sprache, die harte Inhalte vermittelt, muss im Radio nicht unbedingt problematisch sein. Es ist allerdings notwendig, dass man sich als Sender dazu positioniert oder die Künstler und Inhalte deren Lieder in einen Kontext bringt. Nur dann können sie auch so verstanden werden, wie sie gemeint sind. Und vielleicht sogar dabei helfen, Probleme unserer Gegenwart neu zu betrachten und zu verhandeln.

Besser formulieren als Marcus Staiger, ehemaliger Labelbetreiber des berühmten Royal Bunkers, der sich mit dem bereits angesprochenen Antisemitismus im Deutschrap intensiv auseinandergesetzt hat, lässt es sich kaum: 

“Denn betrachtet man Rap nicht nur als Spiegel der Gesellschaft, sondern auch als Möglichkeit, die eigene Lebenswelt und Erfahrung sichtbar zu machen, so bietet sich hier die Chance für eine umfassende und ehrliche Diskussion. Diese kann allerdings nur dann erfolgreich geführt werden, wenn man die andere Erzählung gelten lässt und weniger den Tabubruch verurteilt, sondern endlich einmal auch nach dem Warum fragt. Dass die Antworten auf die grundlegenden Fragen der Gegenwart von vielen Rappern falsch beantwortet werden, ist ohne Zweifel, führt aber nicht dazu, dass die Fragen falsch sind. Würde man sich allerdings ernsthaft mit diesen Fragen auseinandersetzen, müsste man sich eben auch die Mühe machen, nach den richtigen Antworten zu suchen.”

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