Harald Schmidt: „Radio ist schnell, seine Macher wortgewandt und früh aus den Federn. Das eint uns“

Veröffentlicht am 30. Jul. 2019 von unter Deutschland

Um den Entertainer Harald Schmidt ist es seit seinem letzten regelmäßigen TV-Engagement beim Pay-Sender Sky in der Öffentlichkeit ruhiger geworden. Mit der Einstellung der „Harald Schmidt Show“ verkündete Schmidt seinen Rückzug aus dem Fernsehgeschäft und beendete damit eine zwanzigjährige Epoche von Late-Night-Shows, die zwischen 1995 und 2014 eng mit seinem Namen verbunden war. In Vergessenheit geraten scheint „Dirty Harry“ indes nicht: noch immer werden die Folgen des damaligen Kult-Formats durch seine Fangemeinde erstaunlich häufig im Internet besucht und nachbetrachtet.

Harald Schmidt moderiert den 4. Deutschen Patientenkongress Depression (Bild: ©Swen Reichhold)

Harald Schmidt moderiert den 4. Deutschen Patientenkongress Depression (Bild: ©Swen Reichhold)

Und auch nach seinem Abschied von der Mattscheibe ist der 61-Jährige weiter als  Schauspieler („Das Traumschiff“), Kolumnist (Spiegel Online) oder Schriftsteller aktiv. Ab September 2019 präsentiert sich Schmidt wieder als Comedian an sechs Abenden auf der Bühne des Stuttgarter Staatstheaters mit der Show-Serie „Echt Schmidt“.


RADIOSZENE-Mitarbeiter Michael Schmich sprach mit Harald Schmidt über seine Beziehung zum Radio und die ehrenamtliche Mission als Schirmherr der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

RADIOSZENE: Herr Schmidt, was bedeutet Radio für Sie?

Harald Schmidt: Radio ist schnell, seine Macher wortgewandt und früh aus den Federn. Das eint uns.

RADIOSZENE: Ihr hoher Bekanntheitsgrad ist in erster Linie der langen Fernsehkarriere geschuldet. Auftritte beim Hörfunk waren eher geringer. Hat Sie das Medium weniger gereizt? Oder haben die Radiomacher damals einfach Ihr Talent übersehen?

Harald Schmidt: Ich habe ja lange Radio gemacht, zum Beispiel beim SWR moderiert oder auch beim WDR die Kultsendung “Unterhaltung am Wochenende” mit bestritten. Von 1986 bis 1991 habe ich Sketche für diverse Sender produziert. Das war erfolgreich. Nur ließ dann die neue Herausforderung Fernsehen wenig Freiraum mehr. Aber ich war immer wieder gern zu Gast bei verschiedenen Hörfunksendern.

RADIOSZENE: Moderatoren des damaligen SWF „Pop Shops“ erhielten in den 1970er-Jahren von einem gewissen Harald Schmidt aus Nürtingen regelmäßige Musikwünsche für Songs des Countrysängers Johnny Cash. War dies die Musik, die Sie in Ihrer Jugendzeit beeinflusst hat?

Harald Schmidt: Als ich Johnny Cash 1970/71 für mich entdeckte, da standen bei meinen Mitschülern Rockbands wie Led Zeppelin oder T-Rex hoch im Kurs. Country und Cash gingen damals gar nicht. Aber das legendäre Knast-Konzert „Johnny Cash at San Quentin“, das erste in einem Gefängnis aufgenommenen Live-Album, ist dennoch lange meine Lieblingsplatte geblieben. Und ich finde sie bis heute überraschend gut. Ich erinnere mich gern, dass mich der als Radiomoderator bekannt gewordene Jürgen Kuttner einmal im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Play Loud!“ eingeladen hatte, um über Musik zu plaudern. Ich durfte eine Lieblings-Schallplatte vorstellen und in voller Länge spielen. Und da habe ich natürlich das legendäre Gefängniskonzert von Johnny Cash mitgebracht. Heute höre ich eher klassische Musik, gerne zum Beispiel die Hipster-Klänge gregorianischer Chöre. Merken Sie was?

RADIOSZENE: Nach Medienberichten haben Sie mit dem Kapitel Fernsehen endgültig abgeschlossen. Auf welchen anderen künstlerischen Ebenen sind Sie heute tätig?

Harald Schmidt: Ich mache schlicht das, was mich interessiert und Freude beziehungsweise Sinn schenkt: als Schauspieler (auch im Fernsehen), Entertainer, Ideengeber, Autor und Kolumnist, Cappuccino-Schlürfer, Spaziergänger, Lebenspartner und Vater.

Und last but not least unterstütze ich Projekte wie das Zentrum gegen Vertreibungen und die Stiftung Deutsche Depressionshilfe, um auf diese wichtigen Themen medial aufmerksam zu machen.

RADIOSZENE: Angenommen Sie dürfen eine Radiosendung nach Ihren eigenen Vorstellungen frei gestalten, wie würde sich diese Show anhören?

Schirmherr Harald Schmidt

Schirmherr Harald Schmidt

Harald Schmidt: Als Schirmherr der Stiftung Deutsche Depressionshilfe interessiere ich mich für das Thema psychische Gesundheit. Wenn mehrere Sender an einer solchen Syndication Interesse zeigen würden, darüber würde ich gern mal mit nachdenken. Eine solche Produktion sollte auf jeden Fall Radio und Online/Podcast intelligent verbinden, um sich auch im Netz zu verteilen und neue Zielgruppen zu erschließen – und natürlich um nachhörbar zu sein.

RADIOSZENE: Seit 2008, also von Beginn an, unterstützen Sie die Deutsche Depressionshilfe mit dem Ziel, die Situation depressiv Erkrankter zu verbessern. Sie sind bei der Öffentlichkeitsarbeit aktiv und moderieren den Patientenkongresses Depression. Im Rahmen dieser Veranstaltung erfolgt auch die Verleihung eines Medienpreises. Unter welchen Voraussetzungen können sich hier die Radiosender engagieren?

Harald Schmidt: Die Jury des Deutschen Medienpreis Depressionshilfe wählt medienübergreifend das journalistisch und fachlich Beste aus. Auch in diesem Jahr haben drei Radiosender den Sprung unter die TOP 10 geschafft. Auffallend viele Thementage oder -wochen sowie kanalübergreifende Aktionen über Radio und Online, die in verschiedenen Darstellungsformen die Erkrankung beleuchten, wurden vorgelegt. Bei der letzten Preisverleihung hat es zwar kein Radiosender aufs Sieger-Treppchen geschafft, aber davor holte sich das Jugendradio des Bayerischen Rundfunks PULS sogar Platz 1! 

RADIOSZENE: Die Stiftung bewirbt mit Ihrer Stimme den Patientenkongress auch über einen Radiospot. Warum war Ihnen und der Stiftung hier der Radioeinsatz so wichtig?

Harald Schmidt: Die Stiftung ist gemeinnützig und hat keine Mediagelder zur Verfügung. Dankenswerterweise strahlen viele Radiosender diesen Social Spot beispielsweise in Werbelücken aus. Dank an die beteiligten Radioverantwortlichen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen – und dem Team von Radio SAW und Yvonne Malak von myradio, die uns bei Produktion und Konzeption unterstützt haben.

Radio spricht die Interessenten sehr individuell an – ein bisschen so, als würde ich die Hörer persönlich und einzeln zur Teilnahme einladen. Wir haben via Radio vor allem die Bundesländer in Anfahrtsnähe des Kongressortes in Leipzig angesteuert. Aber wir wissen, dass zu unserem bundesweiten Patientenkongress am 21. und 22. September auch viele Betroffene und Angehörige von Nord bis Süd anreisen. Wenn Sender von Schleswig-Holstein bis Bayern mit der einen oder anderen Ausstrahlung mithelfen wollen, wäre das ernsthaft hilfreich. 

 

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