Gewohnheit: des Radios größte Stärke und sein größter Feind

Veröffentlicht am 16. Mai. 2019 von unter James Cridland

James Cridland's Radio FutureAls Redner auf Konferenzen weise ich in der Regel immer wieder darauf hin, wie beliebt das Medium Radio ist. 9 von 10 von uns hören Woche für Woche immer wieder rein, egal ob man in New York, Paris, Mailand oder Castrop-Rauxel wohnt (ich kann jetzt nicht alles mit harten Zahlen belegen, aber der Durchschnitt dürfte stimmen).

Podcasts? Allenfalls 2 von 10, in manchen Ländern sogar noch weniger.

In Anbetracht aller Veränderungen in der Medienlandschaft ist dies geradezu verblüffend: Warum schlägt sich das Radio so gut? Einer der Hauptgründe ist meines Erachtens die Macht der Gewohnheit. Schließlich haben wir immer Radio gehört. Man ist daran gewöhnt, dass sich morgens der Radiowecker einschaltet und dass in der Küche meistens das Radio läuft. Es ist Gewohnheit, quasi ein Automatismus, dass man im Auto auf dem Weg zur Arbeit routinemäßig den Radioknopf drückt. Oder es ist schon an, nachdem man den Zündschlüssel dreht.

Zu dieser Rolle hat das Radio in den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts gefunden, als man aufhörte, Sendungen zu produzieren, die der Hörer gezielt einschaltete, so zum Beispiel Kabarett, Quizsendungen, den Landfunk oder Kochrezepte für die Hausfrau. Radio wurde stattdessen zu einem konsistenten, durchhörbaren Angebot. Man hörte immer das gleiche Musikgenre, die gleiche Machart, wann immer man auch einschaltete. Dieselben Leute, jeden Tag zur gleichen Zeit, Woche für Woche, Monat für Monat.

Genau deshalb erweisen sich Versuche, das Radio zu entthronen, als so schwierig: Man muss gegen die Macht der Gewohnheit ankämpfen. Jene Gewohnheit, die uns auch Kaffee trinken, Zigaretten rauchen oder Bier trinken lässt. Und eben diese Gewohnheit ist ein harter Gegner.

In der vorletzten Woche kam die Nachricht, dass der von der New York Times gemachte Podcast The Daily es inzwischen auf 2 Millionen Downloads pro Tag bringt. Damit liegt The Daily zwar immer noch weit abgeschlagen hinter der Morning Edition von NPR mit 14,9 Millionen Hörern pro Woche, aber bemerkenswert ist dennoch, dass The Daily eine gewisse Schwelle überschritten hat und für manche Leute bereits zur Gewohnheit geworden ist. Es gibt einen bestimmten Prozentsatz der US-Bevölkerung, die nicht mehr Radio hören, sondern routinemäßig die seltsame Intonation eines Michael Barbaro über sich ergehen lassen. Sie haben sich überzeugen lassen von einem aufwändig durchgestylten Podcast, der genauso lang ist, wie sie für ihren Weg zur Arbeit brauchen.

Gewohnheit könnte auch die Erklärung dafür sein, warum das Radio es in manchen Ländern bei jüngeren Zielgruppen so schwer hat. Sie mögen vielleicht noch genauso zahlreich reinhören, verbringen aber wesentlich weniger Zeit mit diesem Medium. Und wenn manche Leute behaupten, dass manche Zielgruppen erst in das Phänomen Radiohören „hineinwachsen“ müssen, kann ich darauf nur entgegnen, dass das nicht stimmt. Jede Statistik, die ich gesehen habe, besagt, dass jüngere Zielgruppen im weiteren Verlauf ihres Lebens eben nicht wie von Zauberhand bewegt ihre Gewohnheiten ändern, sondern im Vergleich zu ihren Eltern auch weiterhin weniger Radio hören werden.

Die Macht der Gewohnheit war der beste Freund des Radios in den letzten 50 Jahren und hatte das Medium dazu verholfen, im Kampf gegen Walkman, MTV und andere neue Technologien zu bestehen. Aber die Gewohnheit könnte in den kommenden Jahren ebenso auch zum schlimmsten Feind des Radios werden, da interessanter Content, an den man sich gewöhnen kann, auch anderswo auftaucht. Durch mitreißend gute Programmbeiträge und eine innovative Verbreitung können wir unseren Beitrag dazu leisten, dass die Gewohnheit Radiohören auch in Zukunft erhalten bleibt.


James Cridland

James Cridland

Der Radio-Futurologe James Cridland spricht auf Radio-Kongressen über die Zukunft des Radios, schreibt regelmäßig für Fachmagazine und berät eine Vielzahl von Radiosendern immer mit dem Ziel, dass Radio auch in Zukunft noch relevant bleibt. Er betreibt den Medieninformationsdienst media.info und hilft bei der Organisation der jährlichen Next Radio conference in Großbritannien. Er veröffentlicht auch podnews.net mit Kurznews aus der Podcast-Welt. Sein wöchentlicher Newsletter (in Englisch) beinhaltet wertvolle Links, News und Meinungen für Radiomacher und kann hier kostenlos bestellt werden: james.crid.land.

 

 

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