Das Funkhaus: ein Auslaufmodell?

Veröffentlicht am 23. Apr. 2019 von unter James Cridland

James Cridland's Radio Future

Vor kurzem war ich auf der NAB Show in Last Vegas, zum ersten Mal seit drei Jahren. Früher stieg im immer Riviera ab, ein erstklassig heruntergewirtschaftetes Hotel mit Kasino, das aber zwei Vorteile hatte. Erstens: Bis zum Convention Center waren es nur ein paar Schritte. Zweitens: Der englische Pub im Erdgeschoss war fast schon wie zu Hause (Betonung auf „fast“). Ach ja, und drittens: Es war billig.

Aber das Riviera wurde vor einigen Jahren abgerissen, und inzwischen stehen schon wieder die Baukräne dort. Das Convention Center expandiert. Dort, wo einst ein schäbiges Hotel mit miesem WLAN stand, entstehen in Kürze The West Halls, die demnächst noch mehr Ausstellern Platz bieten werden.

Ausgewichen bin ich auf ein neues Hotel: das LINQ, nur eine Monorail-Haltestelle vom Convention Center entfernt. Nicht so opulent und chic wie das Wynn, dafür aber einigermaßen zivilisierte Preise. Das beste am LINQ ist die europäisch aufgemachte Straße, die vom Strip abzweigt, an der man einige ganz passable Restaurants findet. Wenn man dort sitzt, vergisst man für einen Moment, dass man sich in diesem schrecklichen Moloch namens Las Vegas befindet.

Die meiste Zeit verbrachte ich im Audio-Bereich der NAB Show. Dabei stellte ich eine kleine Veränderung fest: Der Trend bei den Herstellern geht immer mehr zu Geräten für den Heimstudiobedarf, anstelle von Riesenanlagen für Funkhäuser. Offenbar tragen so zumindest einige Hersteller der Tatsache Rechnung, dass sich das Arbeitsumfeld für die Macher von guten Audioproduktionen verändert. Wir brauchen keine erstklassigen Studios in Toplage mehr. Ein schneller Internet-Anschluss tut es auch.

Nehmen wir als Beispiel einmal Rhod Sharp, einen Moderator bei BBC Radio 5 Live. Rhod ist seit guten 25 Jahren auf ein- und demselben Sendeplatz, in der Nacht. Und einen Großteil davon hat er moderiert, während er in seinem Haus aus dem 18. Jahrhundert im US-Bundesstaat Massachusetts sitzt. Alles, was er braucht, ist ein Mikrofon, ein paar Monitore, eine Datenverbindung… und vielleicht ‘nen Kaffee.

Und es gibt einige Geschichten von Radiosendern und Radiomachern, die heilfroh sind, nicht mehr ins Studio zu müssen. Filippo Solibello zum Beispiel, ein Radiomacher bei der italienischen RAI, sieht ein Studio quasi als Gefängnis. Er macht seine Show am liebsten auf der Straße. Mit einem Mikrofon, einem Laptop und einer WLAN-Verbindung.

Tatsächlich existieren bereits viele Stationen – reine Internet-Sender, aber auch einige Vertreter, die man auf UKW oder DAB hört – die ohne eigenes Sendezentrum auskommen: Jede Sendung wird beim Moderator zu Hause gemacht.

Der große Vorzug beim Radio ist die menschliche Connection und das geteilte Erlebnis, womit Spotify nicht einmal ansatzweise mithalten kann. Und gerade dieser menschlichen Connection und dem geteilten Erlebnis ist nicht gedient, wenn man Moderatoren in ein grell beleuchtetes Studio einschließt, wo sie über Kim Kardashian quasseln oder Filmstars interviewen. Warum also nicht einfach rausgehen und zu neuen kreativen Ufern aufbrechen, sei es live oder fast live. Überall im Sendegebiet.

Jetzt da die Equipment-Hersteller den Trend zu Heimstudios bereits aufgeschnappt haben, sollten wir vielleicht alle darüber nachdenken, wie wir Radio machen und wie wir damit auch in Zukunft noch relevant bleiben (siehe auch NAB 2019: Radiomachen mit dem Smartphone in der Cloud).


James Cridland

James Cridland

Der Radio-Futurologe James Cridland spricht auf Radio-Kongressen über die Zukunft des Radios, schreibt regelmäßig für Fachmagazine und berät eine Vielzahl von Radiosendern immer mit dem Ziel, dass Radio auch in Zukunft noch relevant bleibt. Er betreibt den Medieninformationsdienst media.info und hilft bei der Organisation der jährlichen Next Radio conference in Großbritannien. Er veröffentlicht auch podnews.net mit Kurznews aus der Podcast-Welt. Sein wöchentlicher Newsletter (in Englisch) beinhaltet wertvolle Links, News und Meinungen für Radiomacher und kann hier kostenlos bestellt werden: james.crid.land.

 

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