„Wenn Radio zum Dialog wird, ist es am besten“

Veröffentlicht am 09. Apr. 2019 von unter Musik

Als Thomas Gottschalk Ende 1980 zum ersten Mal den Bayerischen Rundfunk verließ, sollte gleich eine ganze Riege junger, unverbrauchter Nachwuchsmoderatoren die Lücke in dessen damals überaus beliebter Sendung „Pop nach 8“ schließen. Unter den hoffnungsvoll angetretenen Bewerbern war auch der erst siebzehnjährige Claus Kruesken, der die strenge Casting-Jury mit einem offensichtlich eindrucksvollen Auftritt überzeugte – und als seinerzeit jüngster Radio-DJ Deutschlands verpflichtet wurde. Seit 1981 ist er inzwischen Mitarbeiter beim BR als Moderator, Programmgestalter und Redakteur mit den Schwerpunktthemen Musik, Lifestyle, Computer und Internet. Neben seiner Hörfunktätigkeit war er in den 80ern und frühen 90ern auch als Moderator verschiedenster Kinder- und Jugendsendungen in ARD und dem BR Fernsehen präsent.Masters of Music präsentiert von MusicMasterKruesken zählt heute zu den fachkundigsten Musik-Experten des Bayerischen Rundfunks. Seit dem 1. Juli 2003 ist er außerdem Musikkoordinator beim Kulturprogramm Bayern 2 – das bei der gerade erschienenen ma 2019 Audio I ein sattes Plus von 16 Prozent an Hörerzuwachs eingefahren hat (Tagesreichweite, Montag bis Sonntag).

Claus Kruesken: „Wenn Radio zum Dialog wird, ist es am besten“

Claus Kruesken (Bild: ©BR Lisa Hinder)

RADIOSZENE-Mitarbeiter Michael Schmich sprach mit Claus Kruesken über seine lange, bewegte Karriere beim Radio und seine Sichtweise über die Zukunft des Mediums.

 

„Den typischen Geruch von Technik und Studioboden habe ich geliebt“ 

 

RADIOSZENE: Herr Kruesken, wie haben Sie zum Radio gefunden? Sie kamen ja als ganz junges Blut zum BR …

Claus Kruesken: Radio und Fernsehen hatten mich schon in frühen Teenager-Tagen fasziniert. Natürlich war “Pop nach 8” mit Thomas Gottschalk jeden Abend Pflicht. Wie viele andere damals saß ich auch mit dem Kassettenrekorder vor dem Radio, drangsalierte die Eltern, dass sie gefälligst still zu sein hatten, wenn ich etwas aufnehmen wollte. Als ganz kleiner Bengel versuchte ich schon, mit Dieter Thomas Heck am Ende der ZDF-Hitparade mitzusprechen, wenn er sein Team herunterbetete bis zu „Regie: Truck Branss“. In Radiostudios war damals eher schwierig reinzukommen, dafür war ich bei vielen Fernsehaufzeichnungen in den Studios in Unterföhring dabei. Den typischen Geruch von Technik und Studioboden habe ich geliebt.

Im Sommer 1980 wurde bekannt, dass Gottschalk mit “Pop nach 8” zum Jahresende aufhören sollte. Neuen Stimmen sollte eine Chance gegeben werden, dazu lief eine Ausschreibung, ein Wettbewerb über die Fernsehzeitschriften. Ich war 16, viel zu jung, um mich für irgendetwas zu bewerben. Aber Informationen wollte ich: Was muss man da können, welchen Ausbildungsweg sollte ich beschreiten? Wie weitermachen nach dem Abitur. Auf meinen Brief an den BR (E-Mail gab es noch nicht, auch keine Privatsender, Mobiltelefone, ja noch nicht mal einen Anrufbeantworter hatte man zu der Zeit) bekam ich keine hilfreiche Antwort, nur einen Fragebogen und die Unterlagen zum Wettbewerb. Das ließ ich erst mal liegen – um dann nach ein paar Wochen mich doch zum Mitmachen zu entschließen: Mit einem Freund, der ein kleines Party-Mischpult besaß, nahm ich mein „Demo“ auf: Meine eigene kleine Sendung.

Und dann die Überraschung: Die Einladung zum „Moderatorium“, wie der BR das Casting nannte. Aus über 400 Einsendungen waren zehn Kandidaten/-innen ausgesucht worden. Zwei Tage durften wir mit der Studiotechnik üben, ganz viel übers Sendung machen reden, unter Live-Bedingungen eine Probesendung aufnehmen. Und dann wieder nach Hause gehen. Die große Verkündung, dass ich einer der fünf Auserwählten war, kam dann Anfang Dezember, vier Wochen später schon die erste Live-Sendung. Unser erstes Büro war so ziemlich genau ein Stockwerk über meinem jetzigen Redakteursarbeitsplatz.

Großes Hallo in der Schule, als am letzten Tag vor den Weihnachtsferien die Zeitungen voll waren mit „dem neuen Team für Pop nach 8“, und dann nahmen die Dinge ihren Lauf.

RADIOSZENE: Wer hat Sie entdeckt, wer waren Ihre Lehrmeister?

Claus Kruesken: Das Moderatorium wurde geleitet von Peter Machac und Thomas Brennicke, beide Redakteure der „Leichten Musik“, wie das damals hieß. Der viel zu früh verstorbene Brennicke hatte meine Leidenschaft für europäische Musik gefördert, er war damals unter anderem der Moderator der „Schlager der Woche“ – wo ich ihn schon in den 1980er Jahren gelegentlich vertreten durfte … Bis heute bin ich ja „Einspringer“ in der „BAYERN 3 Chartshow“, wie die Sendung heute heißt.

Die beiden sind die Entdecker. Ein wichtiger Lehrmeister war außerdem Jürgen Herrmann, dem ich in den Wochen vor meinem Sendestart viel über die Schultern schauen durfte. Auch nach seiner Pensionierung sind wir noch immer freundschaftlich verbunden.

RADIOSZENE: Sie haben bei BAYERN 3 eine lange Reihe an Shows moderiert und gleichzeitig die passende Musik dafür ausgesucht. Welche Vorzüge hat diese Praxis, die heute ja eher die Ausnahme darstellt?

Claus Kruesken: Das sind einfach unterschiedliche Welten: Die Autorensendung, bei der der Moderator gleichzeitig Programmgestalter ist – da ist der Moderator den Hörern, die seine persönliche Musikauswahl schätzen, sehr viel näher. Der Freund im Radio, der Besonderes empfiehlt. Auch früher schon etwas, was eher am Abend stattgefunden hat. Andererseits: Das polarisiert. Wer meine Musik nicht mochte, hat mich nicht gehört. In unserem heutigen Hitformat in BAYERN 3 ist für so etwas richtigerweise kein Platz mehr. Aber auch solche Nischen müssen grundsätzlich erhalten bleiben. Man kann sie auch im Bayerischen Rundfunk weiterhin finden: Die Kollegen vom „Zündfunk“ auf Bayern 2 machen da ganz großartige Sachen.

 

„Mich auf Dinge einlassen in der Musik, Neues entdecken, das hat mich schon immer getrieben, und das ist auch etwas, was mich bei meiner heutigen Arbeit leitet: Den Hörern Entdeckungen ermöglichen“

 

RADIOSZENE: Sie gelten als exzellenter Musikkenner. Welche Musik und Künstler haben Sie damals am meisten geprägt und beeindruckt?

Claus Kruesken: Ich war immer schon offen und neugierig für viel Verschiedenes. Mich auf Dinge einlassen in der Musik, Neues entdecken, das hat mich schon immer getrieben, und das ist auch etwas, was mich bei meiner heutigen Arbeit in der Bayern 2-Musikredaktion leitet: Den Hörern Entdeckungen ermöglichen.

Aber es waren auf jeden Fall Live-Momente, die mich nachhaltig beeindruckt haben. Das Glück, beim Start der „Purple Rain“-Tour von Prince in Detroit dabei zu sein, Sting mit der „Dream Of The Blue Turtles“-Tour in der Radio City Music Hall in New York zu erleben – mit Branford Marsalis am Saxophon und etlichen anderen hochkarätigen Musikern, aber auch von einer Sarah Vaughan mit „Send In The Clowns“ in der New Yorker Blue Note zu Tränen gerührt zu werden: Das sind einige der musikalischen Meilensteine in meinem Leben.

RADIOSZENE: Welche Musik steht heute weit vorne im Plattenregal?

Claus Kruesken: Die Frage sollte eher lauten: Haben sie noch ein Plattenregal? Ja, und ich gehe so gut wie gar nicht mehr dran. Im Digitalen ist vieles einfach schneller gefunden und gehört als an den Wänden meines Büros. Was stünde vorne? Das wechselt mit Laune und Tageszeit. Als professioneller Musikhörer komme ich manchmal kaum dazu, privat zu hören. Zuletzt lief das neue Album von Ry X auf Repeat bei mir. Ich bin ein großer Fan von John Mayer, der ja in Deutschland leider nur unter „ferner liefen“ auftaucht. Der schleicht sich bei mir immer wieder nach vorne mit seinen Sachen. Alt wie neu.

Claus Kruesken (Bild: ©BR Fabian Stoffers)

Claus Kruesken (Bild: ©BR Fabian Stoffers)

RADIOSZENE: Wie war dann Ihr weiterer Werdegang beim BR, welche Sendungen gestalten Sie heute?

Claus Kruesken: Da gab es Kinder- und Jugendsendungen auch im Fernsehen, eine Phase mehr in den späten 80ern bis Mitte der 90er Jahre. Auch heute moderiere ich noch auf BAYERN 3, wo ich einmal der jüngste Radio-DJ Deutschlands war. Danke, dass meine Kollegen/-innen mich heute als einen der Ältesten im Team immer noch dulden. Ich bin viel am Wochenende im Einsatz, springe gerne für ausgefallene Teammitglieder ein, und in schöner Tradition verbringe ich den Heiligen Abend von 18.00 Uhr bis Mitternacht im BAYERN 3-Studio mit einer einzigartigen Weihnachtssendung: Festlich aber doch fernab vom Kitsch, mit viel Liebe ausgesucht.

Seit 2003 bin ich für die Geschicke der Bayern 2-Musikredaktion verantwortlich. Jenen Jahrhundertsommer habe ich damals im Funkhaus verbracht, mit dem Aufbau eines Anfangsrepertoires. Das heißt, die meiste Zeit im BR sitze ich an einem Schreibtisch, nicht an einem Mischpult. Aber auch auf Bayern 2 kann man mich hören, wenn ich mal eine „Playlist“-Sendung oder eines der Metropol-Magazine im Rahmen der Reihe „Fernweh“ an Feiertagen übernehme.

RADIOSZENE: Welche Aufgaben umfasst Ihr Tätigkeitsfeld als Musikkoordinator bei Bayern 2?

Claus Kruesken: Ganz einfach: Mit meinen Chefs das (sehr weite, vielseitige) Format definieren, das Repertoire ständig frisch halten, die besondere Mischung gestalten und mein Team von Musikplanern und Moderatoren motivieren, unser Musikkonzept mit Spaß in die Tat umzusetzen.

 

„Heute laufen ganze Musikerkarrieren auf YouTube – völlig im Verborgenen vor dem Radio“

 

RADIOSZENE: Die Musik bei Bayern 2 ist bei einigen Sendeformaten ja sehr heterogen aufgestellt. Sie reicht von der Volksmusik bis zu den sehr progressiven Sounds im „Zündfunk“. An welches Publikum adressieren Sie die Musikausrichtung innerhalb der Magazinstrecken?

Claus Kruesken: Das Spannende am Bayern 2-Publikum ist, wie heterogen es ist. Schon vom Alter her sprechen wir 30jährige genauso an wie 80jährige, und alles dazwischen. Ganz klar, dass ein 30jähriger mit anderer Musik groß geworden ist als ein 80jähriger. Und doch müssen wir einen gemeinsamen Nenner finden. Die gute Basis ist hier der Bereich Singer/Songwriter. Jemand der Simon & Garfunkel mag, dem kann ich auch bestimmte Songs von Ed Sheeran vorsetzen. Melodie ist wichtig als gemeinsames Merkmal, auch im Klang erkennbare Instrumente. Aber wir sind viel vielseitiger als das. Das Tollste an unserem Publikum, und das haben alle Bayern 2-Hörer gemeinsam, ist ihre Neugier. Ihre Bereitschaft, sich auf Dinge einzulassen, die sie noch nicht kennen. Themen – und Musik – interessant zu finden, von denen sie vorher noch nicht wussten, dass sie spannend sind, dass es sie überhaupt gibt. Unsere Hörer entdecken gern. Und da nehmen sie auch mal in Kauf, dass ihnen ein Song nicht gefällt – oder sie ein Beitrag dann doch nicht interessiert – weil Sie wissen, Bayern 2 liefert ihnen noch sehr viel mehr Entdeckenswertes.

So ist auch Vielfalt wichtig: Bei uns laufen mehr nicht-englischsprachige Songs als anderswo, ein deutscher Text darf auch Ecken und Kanten haben, und wir haben schon immer darauf geachtet, dass weibliche und männliche Stimmen halbwegs gleichmäßig im Programm auftauchen.

RADIOSZENE: Mit welchen Gefühlen und Erwartungen beobachten Sie die aktuelle Situation im Musikgeschäft? Hier hat sich seit Ihren Einstiegsjahren in den 1980ern ja vieles verändert …

Claus Kruesken: Zu meinen Anfängen hatte ich noch drei Plattenspieler um mich herum im Studio, heute könnte ich bei BAYERN 3 nicht mal mehr eine CD in einer Sendung einsetzen, so haben sich die Zeiten – gleich mehrfach – geändert.

Original Gottschalk-Mischpult von Bayern 3 (BIld: ©Hendrik Leuker)

Original Gottschalk-Mischpult von Bayern 3 (Bild: ©Hendrik Leuker)

Wie in allen Branchen wird das Geschäft heute viel professioneller, fundierter gemacht. Es gibt eine Datenbasis, die einem viel über den Markt verrät, nach der strategische Entscheidungen getroffen werden. Da ist mehr Business, weniger Bauchgefühl im Spiel als früher. Da wird noch gezielter am Hit gearbeitet als früher, bewährte Rezepte werden konsequenter wieder und wieder umgesetzt. Deswegen prägen bestimmte Sounds heute noch deutlicher die Hitradiolandschaft, als das früher der Fall war.

Andererseits haben Musiker heute die Möglichkeit, ohne Plattenvertrag sich einen Namen zu machen. Da laufen ganze Karrieren auf YouTube – völlig im Verborgenen vor dem Radio. Andererseits kommen auch große Namen an den Punkt, wo sie sich selbst vermarkten wollen – unbeeinflusst von Konzernentscheidungen.

Ganz wichtig: Livemusik ist wieder in den Vordergrund gerückt, weil damit dann doch mehr Geld zu verdienen ist als mit Bruchteilen von Cent-Beträgen im Streaming. Alles in allem ein spannender Mix, in dem viel Bewegung zu beobachten ist.

RADIOSZENE: Der Musikmarkt bietet aktuell zwar eine riesige Zahl an neuen Songs und Künstlern, gleichwohl fehlt es an Nachhaltigkeit. Nur wenige neue Pop- und Rockkünstler schaffen es heute auch über das zweite oder dritte Album hinweg sich als feste Größe zu etablieren. Wie Adele oder Ed Sheeran. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Claus Kruesken: Ich bin optimistisch, dass es auch in Zukunft die ganz Großen geben wird. Adele und Ed Sheeran sind Ausnahmetalente, die diese Bezeichnung auch verdienen: Ausnahme. Ab und zu kommt so eine Ausnahme zum Vorschein, die zu entdecken, zu fördern, zu pflegen, ist nach wie vor die Aufgabe der Musikindustrie. Solange es da nicht nur Geschäftsleute gibt, sondern Menschen mit Leidenschaft für Musik, wird das auch passieren.

 

„Livemusik ist wieder in den Vordergrund gerückt, weil damit dann doch mehr Geld zu verdienen ist als mit Bruchteilen von Cent-Beträgen im Streaming“

 

RADIOSZENE: Das Musikfernsehen ist immer weniger existent, die Musikfachpresse verliert an Bedeutung … ist das nicht DIE Chance für das Radio, sich wieder als Musikempfehlungsmedium zu positionieren?

Claus Kruesken: Das ist etwas, was wir mit der Musik auf Bayern 2 durchaus für uns in Anspruch nehmen – in ganz vielfältiger Weise: Von regionalen Talenten im Heimatsound bis zur Vielfalt der Weltmusik, mit unserem wöchentlichen Musikfavoriten über Albenempfehlungen der „kulturWelt“ bis hin zu vielen einzelnen Songs, die wir für vorstellenswert halten. Der „Zündfunk“ hat bei uns auch eine enorme Empfehlungskompetenz, im jüngeren Sektor findet man die bei Puls. BAYERN 3 tut das in seinem Kontext, in dem es Tracks mit Hitpotenzial sehr früh auf die Playlist nimmt. 

Aber letztlich sucht sich natürlich jeder sein Empfehlungsmedium: Das kann dann eben auch eine New Tracks Playlist auf Spotify oder Apple Music sein. Und da man heute alles sofort hören kann, haben es Printmedien schwieriger, die mir nicht das sofortige Hören ermöglichen, wenn ich durch eine Besprechung auf ein Album neugierig geworden bin.

RADIOSZENE: Lange Jahre haben Sie im Fernsehen auch Wissenschafts- und Kindersendungen moderiert. Wie kam es zu diesem Engagement, welche Sendungen haben Sie gestaltet?

Claus Kruesken: Ich hatte mich im BR für eine Sache beworben – keine Ahnung mehr, was das war. Mein später langjähriger Redakteur, Peter Kölsch, hatte mich aus diesen Bewerbungen herausgefischt und mir nach einem Casting eine Kindersendung angeboten. „Da schau her“ hieß die erste Sendung, für die ganz Kleinen. Später haben wir mit „Computerzeit“ die erste populäre Sendung rund um dieses neue, aufstrebende Thema gemacht: Mit dem C64 war der Computer plötzlich in die Privatwohnungen eingezogen, Computerspiele waren in, neue technische Möglichkeiten taten sich auf, die wir spannend und interessant vermitteln wollten. Später kam „Flip Flop“, eine Kinderspielshow, und auch bei „Live aus dem Alabama“/„Live aus dem Schlachthof“, dem renommierten Jungendprogramm des BR war ich dabei … to name a few.

RADIOSZENE: Wie sehr hat sich das Radio seit Ihren Anfangsjahren verändert?

Claus Kruesken: Durch den Wandel in der Technik ist Radio sehr viel schneller geworden. Eine kurz getaktete Abfolge von Soundelementen, wie ich sie heute ganz schnell fahren kann, wäre früher nicht möglich gewesen. Eine Sendung der 1980er-Jahre würde einem geradezu lächerlich langsam vorkommen. Dieser Wandel hat aber auch viel mehr Aufgaben in die Hände der Moderatoren verlagert. Interviews schneiden, sendefertig machen, das geschieht heute am Schreibtisch im Rahmen der Sendevorbereitung. Früher mussten Studiotermine gebucht werden, Technikerinnen und Techniker haben Bänder tatsächlich physisch geschnitten. Heute editieren wir nur noch Soundfiles.

Peter Illmann (Bild: ©HarryStahl.com)

Peter Illmann (Bild: ©HarryStahl.com)

Vielleicht eine Anekdote aus dem Juni 1982, da war ich gerade mal anderthalb Jahre dabei: Die Rolling Stones traten zweimal im Münchner Olympiastadion auf. In der Nacht vor dem ersten der beiden Konzerte bekamen mein Kollege Peter Illmann und ich die plötzliche Möglichkeit, Mick Jagger zu interviewen. Für das zweite Konzert waren noch nicht genug Tickets verkauft. Man hoffte, durch ein exklusives Interview das Ganze noch mal anzuschieben. Großer Glücksfall: Ich hatte von einem anderen Interview (Karat!) noch ein Aufnahmegerät vom BR zu Hause. Unser Gespräch mit dem Megastar fand gegen 3.00 Uhr morgens in einer Suite im Hilton Hotel am Englischen Garten statt. Ein Erlebnis, das uns genug Adrenalin ins Blut pumpte, um die folgenden 15 Stunden durchzustehen.

Das war nun ein Feiertag. Wir hatten keine Studiotermine, wir hatten keines dieser lebenswichtigen Formulare, den Bandlaufzettel, mit dem man so eine Produktion erst abwickeln konnte. Im Laufe dieses Tages haben wir uns von anderen Schneideterminen minutenweise Reste zusammengeschnorrt, Technikerinnen haben für uns auf ihre Pausen verzichtet, fremde Redakteure vertrauten uns und leisteten die unerlässliche Unterschrift auf der Bandschachtel, sodass wir tatsächlich am Abend senden konnten. Heute hat man immer eine Aufnahmemöglichkeit mit seinem Smartphone, die Audios sind ruckzuck ins Schnittsystem überspielt, und dann hat man die Aufnahmen ganz schnell bearbeitet. Was damals einen Tag gedauert hat, habe ich heute in einer Stunde alleine erledigt.

 

„Wenn es uns gelingt, wie bei Hase und Igel, immer schon da zu sein, wenn unsere Hörerinnen und Hörer in der neuen Kommunikationswelt irgendwo ankommen, dann mache ich mir um Radio keine Sorgen“

 

RADIOSZENE: Was bedeutet Radio grundsätzlich für Sie?

Claus Kruesken: Radio bedeutet für mich, mit Menschen in Austausch zu treten. Es ist keine Einbahnstraße, denn unsere Hörer haben vielfältige Möglichkeiten mit uns in Kontakt zu treten, uns Feedback zu geben und sich an unserem Programm zu beteiligen. Wenn Radio zum Dialog wird, ist es am besten – etwas das Streamingdienste nicht leisten können.

RADIOSZENE: Haben Sie eine Vorstellung wie sich Hörfunk und die Musikszene in den nächsten Jahren entwickeln werden?

Claus Kruesken: Wir müssen uns auf unsere Stärken konzentrieren und dazu gehört, für unsere Hörer als Menschen wahrnehmbar zu sein. Wir lernen, ihnen da zu begegnen, wo sie sich in ihrer Mediennutzung heute aufhalten. Das ist nicht mehr nur ein Radiogerät oder eine App, das sind auch Podcasts und Assistenzsysteme wie Amazon’s Alexa. Wenn es uns gelingt, wie bei Hase und Igel, immer schon da zu sein, wenn unsere Hörerinnen und Hörer in der neuen Kommunikationswelt irgendwo ankommen, dann mache ich mir um Radio keine Sorgen. 

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