Zeigt uns ein kleiner australischer TV-Kanal die Zukunft des Radios?

Veröffentlicht am 08. Feb. 2019 von unter James Cridland

James Cridland's Radio FutureWir wissen es: Nirgendwo gehen Veränderungen schneller vonstatten als im Fernsehen, zumindest wesentlich schneller als im Radio. Klassische Live-TV-Zuschauer gibt es immer weniger, während On-Demand-Dienste wie Netflix, Hulu, Stan oder iPlayer immer mehr an Zuspruch gewinnen. Kein Wunder also, dass TV-Plattformen neue Sachen ausprobieren.

Zu Jahresbeginn hat mein TV-Anbieter, ein australischer IPTV-Dienst namens Fetch TV, einen neuen Kanal hinzugefügt: einen True Crime-Sender namens Oxygen, betrieben von NBC Universal und anwählbar über Kanal 101.

Oxygen ist ein interessantes Modell, denn eigentlich ist es gar kein richtiger Fernsehkanal.

Klar, es sieht aus wie ein Fernsehkanal, es erscheint im EPG neben allen anderen Fernsehkanälen und es hat auch ein Programmschema – rund um die Uhr. Wenn ich mich abends durch die Kanäle zappe, zappe ich auch bei Oxygen vorbei. Man kann den Kanal einfach ganz normal gucken: Es kommt eine Sendung, und wenn die Sendung zu Ende ist, dann fängt eine andere an.

Tatsächlich aber ist Oxygen eine Sammlung von On-Demand-TV-Sendungen. In der elektronischen Programmzeitschrift existiert Oxygen als virtueller Kanal. Der EPG-Platz wird zur Promotion von Sendungen genutzt, die on-demand geschaut werden können. Und wenn man Oxygen beim Zappen erwischt, schaut man kein Live-TV, denn man erwischt – welch Zufall – eine Sendung immer am Anfang. Es ist also ein On-Demand-Dienst, kein Live-TV-Kanal. Die Inhalte werden danach ausgewählt, wie gut sie als On-Demand-Produkte punkten würden.

Was könnte das Medium Radio davon lernen?

Mal angenommen, man schaltet morgens das Radio ein und hört auf Anhieb seinen Lieblingssong. Gefolgt von Moderatoren, die live moderieren (na gut, zumindest sind sie im Studio und haben die Ansage vor fünf Minuten aufgenommen). Man hört einen Sender, der sich um 8.20 Uhr mit den Verkehrsnachrichten meldet. Und zwar nur um 8.20 Uhr, denn genau das ist die Zeit, in der du dich fertig machst, um zur Arbeit zu fahren. Einen Sender, der alles hat, was man von einem guten Sender erwartet: Moderatoren, die unterwegs im Autoradio das gestrige Fußballspiel kommentieren, gute Musik, aber nichts von alledem, was uns beim Radio ständig auf die Nerven geht: keine nicht zielgruppengerechten Werbespots, keine Überdudelei von abgedroschenen Hits…

Wenn gutes Musikradio ein Puzzle aus mehreren kurzen On-Demand-Bestandteilen wäre und kein vor sich hin dümpelnder Stream, auf den man keinen Einfluss hat – was würde das bedeuten?

Dieses „Puzzle“ könnte speziell für mich auf meinem Handy zusammengestellt werden. Und für dich, auf deinem Handy. Und eine Version des Puzzles würde es auch für diejenigen geben, die den Sender auf UKW hören, etwas weniger personalisiert, aber mit genau demselben Sound.

Ist die Zukunft des Radios möglicherweise eine Sammlung von On-Demand-Audio-Inhalten, die auf jeden Hörer maßgerecht zugeschnitten wird? Wobei der UKW-Sender auch als ein Hörer behandelt wird?

Das Wort Oxygen bedeutet Sauerstoff. Davon könnte das Radio auch durchaus ein wenig vertragen. Oder nicht?


James Cridland

James Cridland

Der Radio-Futurologe James Cridland spricht auf Radio-Kongressen über die Zukunft des Radios, schreibt regelmäßig für Fachmagazine und berät eine Vielzahl von Radiosendern immer mit dem Ziel, dass Radio auch in Zukunft noch relevant bleibt. Er betreibt den Medieninformationsdienst media.info und hilft bei der Organisation der jährlichen Next Radio conference in Großbritannien. Er veröffentlicht auch podnews.net mit Kurznews aus der Podcast-Welt. Sein wöchentlicher Newsletter (in Englisch) beinhaltet wertvolle Links, News und Meinungen für Radiomacher und kann hier kostenlos bestellt werden: james.crid.land.

 

Kommentar hinterlassen

Tags: , , ,