Eine Morningshow im Privatradio, ganz ohne Werbung

Veröffentlicht am 02. Feb. 2019 von unter James Cridland

James Cridland's Radio FutureIm letzten Jahr war Chris Evans der Moderator der meistgehörten Morningshow Europas: The Chris Evans Breakfast Show auf BBC Radio 2.

Die BBC ist größtenteils gebührenfinanziert. Umgerechnet rund 170 Euro muss ein Haushalt in Großbritannien hinblättern, wenn er einen Fernseher besitzt. Diese Rundfunkgebühr (und der Verkauf von TV-Sendeformaten an andere Rundfunkveranstalter) finanziert die ganze Sache. Werbespots oder Sponsoransagen gibt es auf BBC Radio 2 nicht. Die Welle ist völlig werbefrei – wahrscheinlich einer der Hauptgründe dafür, warum 14,6 Mio. Menschen jede Woche einschalten.

Chris Evans bei Virgin Radio (Bild: ©Virgin Radio)

Chris Evans bei Virgin Radio (Bild: ©Virgin Radio)

Aber vielleicht auch nicht ganz. Denn wenn es um die Vermarktung der eigenen Dienste über die eigenen Kanäle geht, ist die BBC ziemlich gut. Wenn man diese eigenen Kanäle nicht hätte und stattdessen einen ganzen Werbeetat bemühen müsste, würde das wohl ganz schön ins Geld gehen. Also hört man jede Menge Promotion für neue BBC-Fernsehshows und zahlreiche atemlose Interviews von namhaften BBC-Stars, die häufig ihr eigenes Anliegen unters Volk bringen wollen. Aber warum auch nicht, denn schließlich ist das keine Werbung als solche.

Breakfast without ad-breaks (Citylight-Bild: ©James Cridland)

Breakfast without ad-breaks (Citylight-Bild: ©James Cridland)

Chris Evans hat zum Jahresende bei der BBC aufgehört, moderiert aber weiterhin die Chris Evens Breakfast Show, nur eben jetzt auf Virgin Radio, einem der wohl kleinsten landesweiten Radiosender mit gerade einmal 414.000 Hörern.

Virgin Radio (tatsächlich eine Virgin-Marke, aber der Sender ist im Besitz von News Corp, einem Ableger von Robert Murdoch in Großbritannien) ist ein Privatsender. Aber die Chris Evans Breakfast Show ist völlig werbefrei. Dreieinhalb Stunden bester Sendezeit und nicht ein einziger Werbespot.

Was natürlich auch nicht so ganz stimmt, denn als Sponsor tritt hier Sky auf, einer der größten Fernsehveranstalter des Landes. Dieser Sponsor wird einige Male genannt, aber wenn man nach der ersten Show gehen kann, wird es vor allem jede Menge Promotion für neue Sky-Fernsehshows geben, und zahlreiche atemlose Interviews mit namhaften Sky-Stars, die häufig ihr eigenes Anliegen unters Volk bringen wollen. Aber Werbespots für Waschmittel, Würstchen, Isolierfenster oder was auch sonst immer? “In den nächsten 100 Jahren wird man die wohl vergeblich suchen”, meinte Chris in seiner ersten Show vielleicht ein wenig übermütig.

Breakfast without ad-breaks (Bild: ©James Cridland)

Breakfast without ad-breaks (Bild: ©James Cridland)

Ein schlauer Schachzug. Wenn es einen Grund gab, der die Hörer davon abhielt, mit ihrem Lieblingsmoderator den Sender zu wechseln, dann waren es wohl die Werbespots, die sie über sich ergehen hätten lassen müssen. Virgin Radio hat diesen Hinderungsgrund beseitigt. Warum eigentlich auch nicht?

Denn ganz ehrlich: Die Tatsache, dass die Morningshow ohne Werbespots auskommen muss, tut dem Sender gar nicht mal so weh: Ein erheblicher Gewinn wird durch das Marketing und den Wow-Effekt der großen Stars hereinkommen.

Schließlich hat auch die Online-Konkurrenz des Radios wesentlich weniger Werbung oder kommt ganz ohne aus. Daher ist es nichts weiter als clever, wenn man neu über das Geschäftsmodell Privatfunk nachdenkt. Es spricht für Virgin Radio, dass man gerade das tut.


James Cridland

James Cridland

Der Radio-Futurologe James Cridland spricht auf Radio-Kongressen über die Zukunft des Radios, schreibt regelmäßig für Fachmagazine und berät eine Vielzahl von Radiosendern immer mit dem Ziel, dass Radio auch in Zukunft noch relevant bleibt. Er betreibt den Medieninformationsdienst media.info und hilft bei der Organisation der jährlichen Next Radio conference in Großbritannien. Er veröffentlicht auch podnews.net mit Kurznews aus der Podcast-Welt. Sein wöchentlicher Newsletter (in Englisch) beinhaltet wertvolle Links, News und Meinungen für Radiomacher und kann hier kostenlos bestellt werden: james.crid.land.

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