Weihnachtsradio-Metamorphose in GB

Veröffentlicht am 22. Dez. 2018 von unter James Cridland

James Cridland's Radio FutureIn den USA ist es relativ weit verbreitet, dass Radiosender in der Vorweihnachtszeit plötzlich auf Weihnachtsmusik umstellen. Man wird eines Morgens wach und dein Lieblingssender spielt auf einmal nichts anderes mehr als Rockin’ Around The Christmas Tree oder All I Want For Christmas Is You.

Irland hat einen Sender namens Christmas FM, der ungefähr einen Monat lang auf speziell dafür freigegebenen UKW-Frequenzen sendet und Geld für wohltätige Zwecke sammelt.

Auch in Australien betreibt ARN von Ende November bis kurz zu den Weihnachtstagen online den Zusatzkanal “Elf Radio”, abrufbar über die eigene iHeartRadio-App.

In den vergangenen Jahren sind auch in Großbritannien Weihnachtssender aus dem Boden geschossen, allerdings nur als Zusatzangebote auf DAB und online. Der Hot-AC-Sender Heart betreibt ein Weihnachtsradio auf DAB, viele Lokalsender tun es ihm gleich.

Allerdings gab es in Großbritannien nie irgendwelche „Format-Flip-Aktionen“. In der Regel fügen die Sender Weihnachtssongs zu ihrem normalen Musikmix hinzu. In der letzten Novemberwoche lassen sie es zunächst langsam angehen und steigern die Dosis allmählich, bis man in der Weihnachtswoche bis einschließlich 26. Dezember den Weihnachtssongs kaum noch entrinnen kann. Und dann verschwinden sie wieder in der Versenkung bis zum nächsten Jahr.

Teilweise ist dies der staatlichen Reglementierung zu verdanken. Man kann eben nicht ohne Weiteres seine Musikzusammenstellung ändern. Teilweise hat es aber auch – wie so vieles im Radio – Tradition.

Aber all das wurde in diesem Jahr gekippt, denn Magic Radio, ein landesweiter Soft-AC-Sender, hat sich zu einem bedeutenden Schritt durchgerungen: dem ersten Weihnachts-Format-Flipping in der Geschichte des britischen Radios.

magic radio 100% Christmas

Ein mutiger Schritt, der viel Presse bekam und dem Sender auch einige zusätzliche Hörer bescheren könnte, die bislang nie einen reinen Weihnachtssender auf UKW gehört haben. Es könnte aber auch einige Leute abschrecken. Die Auswirkungen einer drastischen Sound-Änderung bei einem Sender für die Dauer eines ganzen Monats wäre ein faszinierendes Forschungsthema.

Die Einschaltquoten in Großbritannien werden quartalsweise ermittelt, wobei über Weihnachten keine Zahlen erhoben werden. Es ist also unwahrscheinlich, dass man jemals Aufschluss über die vollen Auswirkungen dieses Format-Flips bekommt, weil alles außerhalb des Erhebungszeitraums stattfindet. Aber neugierig bin ich schon. Und die Leute bei den Sendern der Bauer-Gruppe wahrscheinlich auch.

Und noch was: Ich traue mich zu sagen, dass es durchaus einen Markt für einen Sender geben könnte, der überhaupt keine Weihnachtsmusik spielt. Vor allem in Großbritannien, wo die Weihnachtskultur weniger schmalzig und sentimental ausgeprägt ist als in den USA. Ehrlich gesagt, würde ich lieber einen solchen Sender einschalten. Obwohl… ach Quatsch.

Es ist die Zeit zum Geben und zum Empfangen. Und die Zeit der Format-Flips. Eigentlich eine interessante Zeit.

 

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James Cridland

James Cridland

Der Radio-Futurologe James Cridland spricht auf Radio-Kongressen über die Zukunft des Radios, schreibt regelmäßig für Fachmagazine und berät eine Vielzahl von Radiosendern immer mit dem Ziel, dass Radio auch in Zukunft noch relevant bleibt. Er betreibt den Medieninformationsdienst media.info und hilft bei der Organisation der jährlichen Next Radio conference in Großbritannien. Er veröffentlicht auch podnews.net mit Kurznews aus der Podcast-Welt. Sein wöchentlicher Newsletter (in Englisch) beinhaltet wertvolle Links, News und Meinungen für Radiomacher und kann hier kostenlos bestellt werden: james.crid.land.

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