Martin Pohlers: „Der allgemeine ‚Deutschtrend‘ spielt für unsere Hörer nahezu keine Rolle“

Veröffentlicht am 03. Dez. 2018 von unter Musik

Der Blick auf die Hörerreichweiten der ma Audio dürfte den Verantwortlichen von BAYERN 1 auch in diesem Jahr besonders geschmeckt haben: so grüßte die Infotainmentwelle im Freistaat laut den Ergebnissen der Frühjahrs- wie Sommer-Erhebung weiter von der Pole Position – vor ANTENNE BAYERN und dem hauseigenen Schwesterprogramm BAYERN 3. Ein Erfolg, den man sich in einem langen Prozess der Transformation vom eher traditionellen- in ein oldiebasiertes Musikformat hart erarbeitet hatte. Ein Geduldsspiel, mussten doch erst zahlreiche, den Hörern ans Herz gewachsene, Programmelemente wie Schlager oder Volksmusiksendungen auf andere (neu geschaffene) Formate wie Bayern plus und BR Heimat umgesiedelt werden. Was bei den Hörern – und sogar der bayerischen Politik – nicht immer geräuschlos hingenommen wurde. Letztlich jedoch hatten die Strategen am  Münchner Rundfunkplatz bei der Neuausrichtung des Traditionssenders vieles richtig gemacht.

BAYERN 1 ist historisch aus dem ersten, bis 1950 einzigen, Hörfunkprogramm des Bayerischen Rundfunks hervorgegangen. Der Programmreform vom 1. Januar 1974 verdankt es seine heutige offizielle Bezeichnung „BAYERN 1“. Der Sender richtet sich an eine Hörerschaft mittleren Alters, bietet neben dem Musikformat in der Kategorie Adult Contemporary einen ergiebigen Informationsanteil und umfassende, regionale Berichterstattung. Besonders hohe Hörerzahlen haben die Sendungen „Heute im Stadion“, die im Rahmen einer ausführlichen Fußballberichterstattung auch die Bundesligakonferenz der ARD übernimmt, und die sonntägliche Prominenten-Talksendung „Die Blaue Couch“.

Bei der Musik sind die Hits der 1980er-Jahre sowie die mit viel Kompetenz gestalteten Musikspecials am Abend – unter anderem moderiert von den Altmeistern Fritz Egner und Thomas Gottschalk – die herausragenden Programmelemente.

RADIOSZENE Mitarbeiter Michael Schmich sprach mit Musikchef Martin Pohlers über die Musikgestaltung bei BAYERN 1.

Martin Pohlers (Bild: ©BR/Markus Konvalin)

Martin Pohlers (Bild: ©BR/Markus Konvalin)

RADIOSZENE: Wie sind Sie zum Radio gekommen?

Martin Pohlers: Begonnen hat alles 1995, beim Kinderradiotag im Hessischen Rundfunk. Dort habe ich mit André Rothe zusammen die hr3 Sendung „Countdown“ moderiert.

Das war scheinbar nicht sooo schlecht, denn ich durfte bleiben und in den Schulferien verschiedenste Ferienjobs beim Hessischen Rundfunk machen. So bin ich dann irgendwann in der Musikredaktion von hr3 gelandet. Dort hat Lidia Antonini sich immer ganz viel Zeit für den „jungen Kerl“ genommen und mir geduldig und gewissenhaft gezeigt, was die Aufgaben in einer Musikredaktion sind und worauf es bei der Planung eines Musikprogramms ankommt.

RADIOSZENE: Welche Tätigkeitsfelder umfasst Ihr Aufgabengebiet?

Martin Pohlers: Ich bin als Leiter der Musikredaktion mit meinem Team  – Ulla Attenberger, Tom Glas und Uwe Gürtler – für das komplette Musikprogramm von BAYERN 1 zuständig. Schwerpunkt dabei ist die Planung der Musik für alle Sendungen. Lediglich Thomas Gottschalk und Fritz Egner wählen die Musiktitel für ihre Sendungen in Abstimmung mit der Musikredaktion selbst aus. Die Musik für alle anderen Sendungen plant die BAYERN 1 Musikredaktion. Darüber hinaus bin ich in Abstimmung mit der Programmleitung für die strategische Ausrichtung des Musikprogramms, für unsere Marktforschung und für den Kontakt zu Plattenfirmen und Künstlern zuständig. Hinzu kommt ein enger Austausch mit Programmgestaltung und Wortredaktion, um musikthematische Inhalte (zum Beispiel Künstlerinterviews) zu planen.

 

„In den letzten Jahren ist es aber mehr und mehr Aufgabe geworden, für unsere Verhältnisse junge Hörer für das Programm zu begeistern“

 

RADIOSZENE: BAYERN 1 hat sich in den letzten Jahren bei den Reichweiten deutlich verbessert, liegt auf Augenhöhe mit dem privaten Mitbewerber Antenne Bayern. Welchen Anteil hat dabei die Musik?

Martin Pohlers (Bild: ©BR/Markus Konvalin)

Martin Pohlers (Bild: ©BR/Markus Konvalin)

Martin Pohlers: Die Musik ist ein ganz wichtiger und zentraler Punkt, wenn es um die Veränderung von BAYERN 1 in den letzten Jahren geht. Die Quoten von BAYERN 1 waren nie schlecht! In den letzten Jahren ist es aber mehr und mehr Aufgabe geworden, für unsere Verhältnisse junge Hörer für das Programm zu begeistern. BAYERN 1 war durch sein Format über viele Jahre vor allem bei einer eher älteren Zielgruppe extrem erfolgreich. Nachdem die Kollegen von BAYERN 3 ihr Programm deutlich jünger ausgerichtet haben, war es unser Ziel, BAYERN 1 als Massenwelle für die Generation der „Babyboomer“ zu etablieren. Deshalb haben wir die Musik so verändert, dass wir mit dem jetzigen Programm auch Hörer ab 40 Jahren begeistern können.

RADIOSZENE: Der hörbare Markenkern Ihres Musikprogramms sind die Songs der 1980er-Jahre. Nach welchen Kriterien nehmen Sie hier Titel in die Rotation auf – nur die großen Hits oder auch weniger bekannte Stücke? 

Martin Pohlers: Wir orientieren uns bei der Auswahl der Songs natürlich an den Vorlieben unserer Hörer. Klar, viele Nummer 1-Hits aus den 80ern sind auch heute noch beliebt und können aus Sicht des Hörers gar nicht oft genug im Radio laufen – Sie glauben gar nicht wie oft in Wunschsendungen Titel gewünscht werden, die sowieso mehrfach pro Woche im Programm laufen. Es gibt aber auch Songs, die mal auf Platz 1 waren, heute aber nicht mehr so gefragt sind. Rick Astley ist so ein Beispiel. Seine großen Hits aus den 80ern finden bei uns nur noch ganz selten statt, da unsere Hörer diese Songs mehrheitlich nicht mehr mögen. Darüber hinaus gibt es dann aber auch Titel, die nie in den Top 10 waren, trotzdem aber äußerst beliebt sind.

RADIOSZENE: Die Bedeutung von Musiktests ist bei vielen Sendern enorm. Wie sehr beeinflusst die Musikforschung Ihre Arbeit?

Martin Pohlers: Für uns ist die Musikforschung auch ein wichtiger Bestandteil der Programmplanung. Wie eben schon gesagt, gab es in den letzten Jahrzehnten unzählige große Hits, die man alle regelmäßig einsetzen könnte, wenn man sich nur an Chartpositionen orientieren würde. Wir wollen aber nicht nur schauen, ob ein Titel erfolgreich war, sondern die Titel einsetzen, die ein möglichst großer Teil unserer Hörer heute noch mag und gerne im Radio hört. Die Chart-Platzierung, die ein Song irgendwann mal erreicht hat, gibt uns darüber keine Auskunft. Durch die Marktforschung können wir die Beliebtheit des Songs aber sehr gut abfragen. Wir nutzen die Ergebnisse der Forschung als Basis für unsere Musikplanung und differenzieren auch die Einsatzhäufigkeit der Titel mit Hilfe der Beliebtheit. Letztendlich sehen wir die Forschung als unterstützendes Tool. Sie ersetzt aber nicht die jahrzehntelange Erfahrung unserer Musikredaktion. Welche Titel in welcher Abfolge laufen entscheidet immer der jeweilige Musikplaner der Sendung.

RADIOSZENE: Die Zahl deutschsprachiger Titel im Programm von BAYERN 1 ist eher überschaubar. Mögen die Hörer in Bayern weniger deutsche Musik?

Martin Pohlers: Das ist in der Tat eine sehr spannende Erkenntnis der letzten Jahre. Der allgemeine „Deutschtrend“, den es seit ein paar Jahren gibt, spielt für unsere Hörer nahezu keine Rolle. Im Gegenteil. Unsere Hörer freuen sich über eine gewisse Dosis an aktueller Musik, aber gerade bei den aktuellen, deutschsprachigen Songs schießt das negative Feedback extrem nach oben.

 

„Ablehnung ist durch Charts nicht messbar“

 

RADIOSZENE: Im Programm finden sich auch einige aktuelle Songs. Nach welchen Vorgaben treffen Sie hier Ihre Playlist-Entscheidung? Charts-Platzierung oder Anmutung?

Martin Pohlers: Die komplette Musikredaktion sitzt einmal pro Woche in unserer „Abhörsitzung“ zusammen und hört die Neuerscheinungen und aktuellen Songs der letzten Wochen durch. Bei den finalen Playlist-Entscheidungen geht es in erster Linie um Sound und Anmutung. Chart-Platzierungen haben für unsere tägliche Arbeit mittlerweile kaum noch eine Bedeutung, denn die Charts bilden nur ab, wer etwas konsumiert, weil es ihm gefällt. Ablehnung ist durch Charts nicht messbar. Außerdem bilden die Charts immer einen Gesamteindruck ab und sind nicht so detailliert auf eine bestimmte Zielgruppe zugeschnitten wie wir mit unserem Programm.

RADIOSZENE: BAYERN 1 sendet in seiner Abendschiene diverse hochkarätige Musik Specials. Alle mit Bedacht zusammengestellt und von echten Spezialisten wie Fritz Egner, Thomas Gottschalk oder Tom Glas moderiert. Wie wichtig sind diese Shows für das Gesamtprogramm und wie intensiv werden sie von den Hörern genutzt?

Martin Pohlers: In unseren Abendsendungen nehmen wir uns bewusst die Zeit, jeden Abend einen Musikstil, der zu unserem Format und unserer Marke passt, zu vertiefen. Diese Sendungen bieten uns die Möglichkeit, unsere musikalische Bandbreite noch intensiver abzubilden. Dadurch unterstreichen die Abendsendungen auch noch mal ganz klar unsere musikalische Ausrichtung. Diese geht eben nicht mehr Richtung Schlager oder Volksmusik, sondern wir sind das Programm, in dem zum Beispiel die „80er“, „Classic Rock“ oder auch prominente Musik-Personalities wie Fritz Egner und Thomas Gottschalk ihren Platz haben.

Durch das Hörerfeedback merken wir, dass jede Sendung ihre eigenen Fans hat. Vor allem auf „Classic Rock“ und natürlich Thomas Gottschalks „Radioshow“ ist das Hörerfeedback besonders hoch.

RADIOSZENE: Wie wichtig sind musikredaktionelle Inhalte generell für BAYERN 1? Mit welchen Inhalten positionieren Sie sich hier?

Martin Pohlers: Für musikredaktionelle Inhalte gilt im Grunde das Gleiche wie für alle anderen Inhalte: Sie müssen für den Hörer relevant sein. Bei der Musik kommt noch dazu, dass die Inhalte auch einen Bezug zur Musik im Programm und unserem Format haben sollten. Es macht beispielsweise wenig Sinn, regelmäßig Newcomer als Interviewgäste einzuladen, wenn unser Schwerpunkt die 80er sind. Dafür heben wir dann aber die Hand, wenn Herbert Grönemeyer, Eros Ramazzotti oder Rod Stewart ins Studio kommen wollen.

RADIOSZENE: Wie haben sich aus Ihrer Sicht die Radio- und Musiklandschaft über die Jahre verändert?

Martin Pohlers: Die größte Veränderung ist in meinen Augen vor allem die Tatsache, dass es heute wesentlich mehr Möglichkeiten gibt, Musik zu beziehen. Durch die technischen Veränderungen der letzten Jahre ist es auch wesentlich einfacher geworden, Musik zu konsumieren. Man muss nicht mehr aufwändig eine Kassette aufnehmen oder im Plattenladen um die Ecke eine LP oder CD kaufen. Dadurch ist es für den Nutzer natürlich auch deutlich leichter, mal schnell das Medium zu wechseln. Wenn also das, was BAYERN 1 an Musik abliefert nicht so gefällt, hat man heute viel schneller eine Alternative greifbar als noch vor 10 Jahren. Glücklicherweise ist unsere Verweildauer aber auf hohem Niveau relativ stabil. Heißt, wer sich für BAYERN 1 entscheidet, hört uns auch vergleichsweise lange. 

 

„Bei den finalen Playlist-Entscheidungen geht es in erster Linie um Sound und Anmutung“

 

RADIOSZENE: Welche besonderen Herausforderungen muss sich BAYERN 1 beziehungsweise das Radio allgemein in der Zukunft ganz besonders stellen, um konkurrenzfähig zu bleiben?

Martin Pohlers: Es wird in Zukunft immer wichtiger sein, die Marke – in unserem Fall BAYERN 1 – nicht mehr nur als reine Radiomarke zu sehen. Um konkurrenzfähig zu sein, muss die Marke künftig auch auf anderen Kanälen wie Homepage, soziale Netzwerke, Events usw. etabliert sein. 

 

 

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