Radio. Download. Streaming. – Was ist Musik noch wert?

Veröffentlicht am 29. Aug. 2018 von unter Musik

Dr. Carl Mahlmann: “Die Chance, die Musikwirtschaft wieder auf den Weg nach oben zu bringen, hat unmittelbar mit dem Wert von Musik zu tun”

Es ist ein ewiges Streitthema – die Musik-Charts und ihre Bedeutung für das Radio. „Nein“, sagt die Musikchefin eines großen deutschen Privatsenders, „die Offiziellen Verkaufscharts haben für uns nur noch eine geringe Relevanz. Durch das wöchentliche Erscheinen sind diese mittlerweile am Veröffentlichungs-Datum schon fast veraltet, wir schauen uns da eher bei den iTunes-Charts, Spotify Rankings oder Shazam um, ob dort vielleicht Titel gut laufen die wir bis jetzt nicht berücksichtigt haben, die aber gut zu uns passen würden.“ Und man vertraut natürlich in erster Linie den Sender-internen Musiktests. Eine Meinung, der sich bei einer Umfrage durch MUSIKSZENE zahlreiche Musikverantwortliche der befragten Sender anschlossen. Haben also die „Offiziellen Deutschen Charts“ heute ihren Einfluss auf die Musikgestaltung der Sender verloren?  

Dabei spielten die Verkaufs-Hitparaden auch bis in die 1970er Jahre hinein für das Radio kaum eine Rolle. Damals galt eher das Motto: „Wir spielen keine Hits, wir machen sie“. Ursprünglich waren diese Bestenlisten eigentlich zunächst als Meßinstrument für den deutschen Markt der Musikboxen ins Leben gerufen worden. Über viele Jahre hinweg blieb das Fachblatt „Automatenmarkt“ die einzige Institution, die in Deutschland den Erfolg von Musiktiteln in Form von Chartlisten monatlich veröffentlichte.

Erst im Juni 1959 begann das vor zwei Jahren eingestellte Magazin „Musikmarkt“ ein solches Geschäft. Diese ebenfalls monatlich herausgegebenen Charts waren wirklichkeitsnäher und breiter aufgestellt, da sie nicht nur den Musikboxen-Erfolg zur Bewertung heranzogen, sondern auch den Notenverkauf, die Hörfunk-Einsätze sowie den Plattenverkauf in die Rangliste mit aufnahmen. Die erste Nummer 1 in den „Musikmarkt“-Hitparaden war im Juni 1959 übrigens der Titel „Die Gitarre und das Meer von Freddy Quinn.

Mit der sich Mitte der 1970er Jahre abzeichnenden Professionalisierung im Tonträgergeschäft führte der damalige Bundesverband Phono ein neues, wegweisendes Drei-Säulen-Modell bei der Erhebung der deutschen Musik-Charts ein, das lange Zeit Bestand haben sollte. Dabei wurde die Erhebung der Ergebnisse dem Baden-Badener Institut Media Control übertragen und die exklusiven Veröffentlichungsrechte erhielt weiterhin das Fachmagazin „Musikmarkt“. Die Vorgaben der Regularien sowie die regelmäßige Kontrolle der wöchentlich ermittelten Ergebnisse lag in den Händen der Phonoverbandes – heute Bundesverband Musikindustrie (BVMI). Alarmiert durch Manipulationsversuche in anderen Ländern (vor allem in den USA) installierte der Verband dafür eigens einen Kontrollausschuss, der die Einhaltung der Regeln sowie die ermittelten Ranglisten von Media Control akribisch überwachte.

Das rasante Wachstum im Tonträgermarkt in den 1980er Jahren und später zu Zeiten nach der deutschen Wiedervereinigung bescherte den Verkaufs-Charts einen bislang ungekannt hohen Stellenwert. Am Veröffentlichungstag der Ergebnisse warteten Musikbranche, Handel und Medien gespannt auf die Platzierungen der wöchentlichen Top 100 – wo eine Präsenz auf der Rangliste die Umsätze der Musikschaffenden massiv befeuerte. Spätestens zu diesem Zeitpunkt – Privatradio war zwischenzeitlich bundesweit auf Sendung und mit ihm erste formatierte Hörfunkkonzepte – schielten nun auch die Radiomacher bei der Bestückung ihrer Playlisten verstärkt auf die Platzierungen der deutschen Verkaufs-Hitparaden. Damals setzte sich die Formel durch: „Verkaufserfolg = Publikumserfolg, also müssen wir das auch senden!“ In den Jahren 1989 bis 2001 wurden sogar für die Ermittlung der Charts nicht nur der Verkauf der Tonträger, sondern auch die Funkeinsätze der Titel (zumindest teilweise) herangezogen. 

TOP 100 ChartsMit der seinerzeit immensen Bedeutung der Top 100 wuchs auch die Zahl der Beeinflussungsversuche von dritter Seite. Als Schwachpunkt bei der Ergebnisermittlung hatten findige Köpfe den sogenannten „Fragebogen“ ausgemacht, in den von den teilnehmenden Musikfachgeschäften ihre wöchentlichen Abverkäufe übertragen wurden. Die Durchsetzung von Einträgen neuer (bislang noch nicht platzierter) Titel in „Freifelder“ inspirierte die Musikbranche zu allerlei „kreativen“ (und gelegentlich auch grenzüberschreitenden) Aktionen. Dennoch: im Vergleich zu den bekannt gewordenen Beeinflussungen von Musik-Charts im Ausland blieben die deutschen Top 100 wohltuend sauber. Was – neben den besagten ständigen Anpassungen der Regeln und Kontrollen – vor allem am hohen Absatzniveau des deutschen Marktes sowie an der großen Anzahl teilnehmender Händler lag. Und einer wöchentlich wechselnden Stichprobe aus Handelsgeschäften, die für die Auswertung nach dem Zufallsprinzip herangezogen wurde. Punktuelle Beeinflussungsversuche liefen somit ins Leere. Zwar kamen immer wieder Manipulationsvorwürfe auf, während der zurückliegenden Jahre unter Federführung des Berliner Phonoverbandes wurden in der Öffentlichkeit allerdings nur zwei Fälle bekannt, hinter denen die Baden-Badener Chartermittler „begründete Anhaltspunkte“ für einen Verstoß gegen das Regelwerk feststellten: Im Jahr 2005 gab es offensichtliche Verdachtsmomente gegen den Musikproduzenten David Brandes (Gracia, Vanilla Ninja), später wurden Unregelmäßigkeiten bei der vom Fürther Musikunternehmen Kickson Anfang September 2016 veröffentlichten Titel „Love On Repeat“ erkannt. Laut BVMI seien im Zusammenhang mit besagter Single bei einem Downloadhändler gezielt Ankäufe getätigt worden.

Mit der digitalen Revolution veränderten sich in den 2000ern angesichts rapide sinkender physischer Absatzzahlen sowie neuer Verbreitungsquellen von Musik die Charts erneut von Grund auf. Seit dem 13. Juli 2007 wurden die Auswertungen auf sogenannte Werte-Charts umgestellt. Für die Chartplatzierung waren nicht mehr wie bisher die Anzahl verkaufter Tonträger beziehungsweise Downloads ausschlaggebend, sondern der von einem Produkt erzielte Umsatz. Auf Platz eins der Hitparade steht nun also nicht notwendigerweise das am häufigsten verkaufte Lied oder Album, sondern dasjenige, für das am meisten Geld ausgegeben wurde. Seit dem Jahre 2014 wird nun auch Musik-Streaming in die Berechnung der Singlecharts in Deutschland einbezogen. Seit Mai 2015 ist die Chartermittlung bereits am Freitag direkt nach dem Ende des Erfassungszeitraums abgeschlossen.

Seit dem Jahr 2013 werden die „Offiziellen Deutschen Charts“ durch das Marktforschungsunternehmen GfK Entertainment im Auftrag des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft erhoben. Media Control ist weiter im Hitparaden-Geschäft aktiv und veröffentlicht (ebenfalls wöchentlich) „Die unabhängigen deutschen Musik-Charts“ nach eigenen Erhebungskriterien. 


Dr. Carl Mahlmann hat als Marktforscher bei der EMI Electrola die deutschen Musikcharts nahezu sein gesamtes Berufsleben aktiv begleitet und strukturell mitgestaltet. Seit Ende der 70er Jahre saß er unter anderem als Prüfungsbeauftragter für sein Unternehmen im Chart-Ausschuss. Im Gespräch mit RADIOSZENE spricht er über die Hintergründe der Hitparaden-Ermittlung und die Auswirkungen von Streaming auf das Musikgeschäft.

(Bild: Dr. Carl Mahlmann)

(Bild: Dr. Carl Mahlmann)

RADIOSZENE: Sie waren seit Mitte der 1970er Jahre als Marktforscher und Vertriebsplaner bei der EM Electrola in Köln tätig. Mit welchen konkreten Aufgaben waren Sie seinerzeit betraut? 

Dr. Carl Mahlmann: Das waren verschiedene Aufgaben im Zeitverlauf: Vertriebsadministration, Terminplanung, Marktforschung, Strategische Planung, Business Planning, Internet, später noch Aufgaben in der Digital Supply Chain (Asset Management).

 

„Die beiden wichtigsten Marktveränderungen im Musikgeschäft, das Internet und das massenhafte Selbstkopieren und illegale Downloaden, haben wir nicht rechtzeitig vorhergesehen“

 

RADIOSZENE: Haben Sie damals für die Kollegen der Veröffentlichungsabteilungen auch nach kommenden Trends geforscht?

Dr. Carl Mahlmann: Trends vorherzusagen ist aus meiner Erfahrung nicht möglich, sondern nur diese möglichst früh zu erkennen. Ich habe mich allerdings intensiv mit Marktprognosen befasst, zwei interne Prognose-Studien für EMI verfasst und unter anderem auch den „Prognosekreis“ beim Verband der Phonographischen Wirtschaft initiiert. Prognosen über kürzere Perioden sind machbar, in der Regel über 2 bis 3 Jahre. Längere Prognosezeiträume sind hingegen recht problematisch, weil immer unvorhersehbare Dinge geschehen. Die beiden wichtigsten Marktveränderungen in unserem Bereich, das Internet und das massenhafte Selbstkopieren und illegale Downloaden, haben wir nicht rechtzeitig vorhergesehen. Und die Prognose-Profis von PROGNOS in Zürich, mit denen wir seinerzeit zusammengearbeitet haben, übrigens auch nicht.

RADIOSZENE: Bei Beginn Ihrer Berufstätigkeit änderte der Bundesverband der Musikwirtschaft die Ermittlung der Musikcharts von Grund auf. Zuvor wurden die Bestenlisten in Regie des Fachblatts „Der Musikmarkt“ erhoben. Nun übernahm Media Control die wöchentliche Erhebung, gleichzeitig erhielten die Charts immer mehr Gewicht. Nach welchen Vorgaben wurden damals die Platzierungen ermittelt? 

Dr. Carl Mahlmann: Die ersten Charts von Media Control erschienen 1977. Ermittelt wurden die Charts zunächst anhand von wöchentlich ausgewerteten schriftlichen Fragebögen des Tonträger-Handels. Das Rangfolge-Kriterium waren die Verkaufsmengen der Titel pro Woche, so wie vom Handel über die Fragebögen gemeldet. Zwischen 1993 und 1997 wurde die Erhebung der Verkaufszahlen sukzessive von Fragebögen auf elektronische Datenerhebung über Phononet umgestellt.

RADIOSZENE: Mit der Einführung der CD sowie des Musikfernsehens, vielen neuen Trends und kreativen Künstlern hatte die Musikbranche in den 1980ern bis in die ersten Jahre nach der Wiedervereinigung eine wirtschaftlich sehr erfolgreiche Zeit. Die Charts hatten für Handel, Medien und Musikinteressierte eine enorme Bedeutung und wurden bald auf je 100 Platzierungen für Singles und Alben ausgeweitet. Sie saßen für ihr Unternehmen als Kontroller im Chart-Ausschuss. Gab es damals nicht viele Versuche die Platzierungen zu manipulieren?

Dr. Carl Mahlmann

Dr. Carl Mahlmann

Dr. Carl Mahlmann: Für die Charts seitens des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft war der Chart- und Marketing-Ausschuss verantwortlich, und dieser Ausschuss hatte drei beziehungsweise vier Prüfungsbeauftragte benannt, die sich um die Methodik und um die Validität der Charts gekümmert haben. In diesen Gremien war ich lange Zeit aktiv. Versuche, die Charts zu manipulieren, gab es immer mal wieder – wenn es funktioniert hätte, hätte man ja auch viel Marketing-Geld seitens der Labels und Vertriebsfirmen sparen können. Wir haben jedoch gemeinsam mit Media Control ein Paket von Maßnahmen erarbeitet, etabliert und permanent weiterentwickelt, welches Manipulationen unmöglich machte, wenn diese nicht auffallen sollten. Alle Auffälligkeiten wurden sofort analysiert und in begründeten Fällen neutralisiert. Und wenn eindeutige Versuche aufgefallen waren, hat sich der Bundesverband darum gekümmert, dass die entsprechenden Versuche umgehend eingestellt wurden.

RADIOSZENE: Von 1989 bis 2001 wurden auch Radio-Einsätze für die Erhebung der Top 100 herangezogen. Was waren die Gründe für diese Einbeziehung und warum wurde diese Praxis wieder abgeschafft?

Dr. Carl Mahlmann: Radio-Einsätze wurden nur für die Singles-Charts für die Positionen 51 bis 100 beigemischt. Der Grund dafür war, dass die Verkäufe für Singles sich seinerzeit deutlich verringert hatten und die Abdeckung der Verkäufe durch die vorhandenen Verkaufsmeldungen für höhere Platzierungen im Chart-Panel nicht mehr ausreichte, um valide Singles-Charts auch im Bereich der Positionen 51 bis 100 zu berechnen. Ab 2001 wurden auch Online-Retailer im Chart-Panel erfasst, damit stieg die Erhebungsmasse wieder an und man konnte auf die Rundfunk-Beimischung verzichten. Ein wichtiger Grund für den Verzicht auf Airplay war, dass die Funkeinsätze die Chart-Dynamik deutlich verringerten.

 

„Ein wichtiger Grund für den Verzicht auf Airplay in den Verkaufs Top 100 war, dass die Funkeinsätze die Chart-Dynamik deutlich verringerten

 

RADIOSZENE: In den USA fließen neben Verkaufszahlen und Streaming-Nutzung weiterhin Airplay-Daten in die Billboard-Charts ein. Airplay ist – wie Streaming – ja auch eine nachvollziehbare Art von Musiknutzung. Warum ist dieses Modell nicht auch in Deutschland möglich? 

Dr. Carl Mahlmann: Möglich ist dieses Modell schon, aber der Effekt der Airplay-Beimischung ist eine Verlangsamung der Charts. Die Radioprogrammierer orientieren sich an den Charts, in welche ihre eigenen Plays der letzten Woche einfließen. Titel, die bereits platziert sind, haben damit ein höheres Beharrungsvermögen auf Kosten neuer Titel. Damit verlieren die Charts beträchtlich an Dynamik und Tempo.

Das Radio in Deutschland ist konservativ in dem Sinne, dass die Sender eher etablierte Lieder spielen als neue Titel, die noch in keinen Charts aufgetaucht sind. Wenn Playlists weitgehend automatisch durch Programmierung generiert werden, sucht man die neuen Lieder oft vergeblich. Und viele Sender spielen ja überhaupt keine Neuheiten mehr von Künstlern, die nicht zu den Top-Stars zählen. Unter diesen Bedingungen haben es neue, junge Künstler mit ihren Liedern sehr schwer, im Radio Gehör zu finden. Diese jedoch sind für die Charts unentbehrlich.

RADIOSZENE: Wie repräsentativ bilden die Charts das tatsächliche Markgeschehen ab? 

Dr. Carl Mahlmann: Bereits früher wurden Veröffentlichungen mit einer bestimmten Preisuntergrenze nicht berücksichtigt. Die Preisuntergrenzen gibt es seit 2007 nicht mehr. Es werden Tonträger, Downloads und inzwischen auch Streamings erfasst, aber nur dann, wenn die Händler beziehungsweise Vertriebsorganisationen bei GfK Entertainment beziehungsweise Media Control Bestandteil des Chart-Panels sind. Nicht jeder Verkäufer von Musik ist auch für ein Chart-Panel qualifiziert. Das hat mit der Größe der Musikverkäufer zu tun (bei zu geringen Verkäufen geraten die Erfassungskosten zu groß), aber besonders mit der Kontrollierbarkeit der Musikverkäufer. Verkaufsmeldungen, die man nicht kontrollieren kann, können aus Gründen der Manipulationsabwehr nicht berücksichtigt werden.

Heute werden Tonträger auch bei Konzerten, direkt über  Indie Labels oder Versandketten verkauft. Konzertverkäufe und Verkäufe von Versendern werden erfasst, sofern die entsprechenden Verkaufsorganisationen den Regeln des Chart-Panels genügen können beziehungsweise genügen wollen. Insgesamt war und ist es immer der Anspruch der Branche, mit den Charts so viel wie möglich vom tatsächlichen Marktgeschehen abzubilden – solange dabei Chart-Manipulationen ausgeschlossen werden können.

RADIOSZENE: Seit dem 13. Juli 2007 wurden die Auswertungen auf sogenannte Werte-Charts umgestellt. Für die Chartplatzierung ist nicht mehr wie bisher die Anzahl verkaufter Tonträger beziehungsweise Downloads ausschlaggebend, sondern der von einem Produkt erzielte Umsatz (Wert). Welche Vorzüge hat dieses Verfahren, welche Nachteile? 

Dr. Carl Mahlmann: Die Umstellung auf die Werte-Charts hat eine eigene Geschichte: Es hatte sich vorher ein kleineres Label beim Kartellamt über die Preisuntergrenzen beschwert, die angeblich einige Produkte dieses Labels für die Charts ausgeschlossen hätten. Diese Preisuntergrenzen wurden eingeführt, um Billig-Produkte – meist Zweit- und Drittveröffentlichungen – aus den Charts auszuschließen, denn die passen nicht in eine zentrale, nationale Bestenliste. Das Kartellamt reagiert auf Preis-Problematiken immer recht aufmerksam, so auch hier. Es kam zu einer Vorab-Untersuchung – noch nicht zu einem Verfahren. Die Musikindustrie und der Verband hatten seinerzeit kein Interesse, die Charts in der Öffentlichkeit mit einem Kartellamtsverfahren zu belasten. Daher versuchten wir, uns mit dem Kartellamt auf ein Verfahren zu einigen, das Billig-Produkte in den Charts weiterhin ausschließt, aber nicht in die Preissetzung eingreift. Unser Vorschlag war die Umstellung vom Mengenkriterium auf das Wertkriterium, das heißt nicht die Verkaufsmenge, sondern der Umsatzwert der Verkäufe bestimmen das Chart-Ranking. Chart-relevant ist dann also, was der Verbraucher für den Musikkonsum ausgibt. Damit waren keine Mindestpreise mehr in der Chartregulation notwendig und billige Produkte tauchten trotzdem in den Charts nicht auf. Das Kartellamt hat damals dem Werte-Verfahren zugestimmt, es wurde umgestellt, und seitdem gibt es die Werte-Charts. Man könnte jetzt in der Tat prüfen, ob man inzwischen nicht wieder auf das Mengenkriterium “zurückstellen” kann, da Budget- und Midprice-Tonträger keine so zentrale Rolle mehr spielen.

 

„Die Streaming-Nutzer haben eine höhere Affinität zur RAP-Musik als die Käufer klassischer Tonträger“

 

RADIOSZENE: Seit 2014 beinhalten die Single-Charts neben physischen Verkäufen und Downloads auch die Liedabrufe via Streaming. Was wohl offensichtlich zu Folge hat, dass in manchen Wochen „gefühlt“ die Hälfte der Platzierungen aus dem Bereich Rap/HipHop stammen oder im Zuge des Einstiegs eines Rap-Künstlers auf Platz 1 der Album Top 100 bis zu 12 Songs aus einem Album gleichzeitig in den Single-Charts landen. Macht eine solche Praxis überhaupt noch Sinn – oder ist diese Situation einfach einer gewissen Marktsituation beziehungsweise -schwäche geschuldet? 

Dr. Carl Mahlmann: Man kann über Sinn oder Unsinn streiten, aber die Einbeziehung des Streamings ist nichts weiter als eine Reaktion auf den veränderten Musikmarkt. Es werden weitaus weniger Alben (CDs, DVDs, noch einige LPs) und Downloads gekauft, dafür werden in größerem Umfang Streamingdienste gebucht. Dass sich Streaming eher in den jüngeren Altersklassen findet, darf ja kein Ausschlusskriterium sein. Und im Streaming-Geschäft gibt es keine eigentlichen Singles mehr, sondern einzelne Musiktitel, und da können eben durchaus vielgestreamte Songs in zweistelliger Anzahl aus einem einzigen aktuellen Album stammen. Natürlich verlieren das Album-Konzept und auch das klassische Singles-Konzept damit an Bedeutung, aber das ist eine Folge der Digitalisierung und der veränderten Nutzungsgewohnheiten der Verbraucher. Auch die Dominanz des RAP-Genres hat mit dem Verbraucherverhalten zu tun: Die Streaming-Nutzer haben eine höhere Affinität zur RAP-Musik als die Käufer klassischer Tonträger. Wenn man als Chart-Provider ein Hitgeschäft wirklichkeitsgetreu abbilden will, kommt man um solche Effekte wie die oben genannten nicht herum.

Dr. Carl Mahlmann

Dr. Carl Mahlmann

RADIOSZENE: Die Systembeschreibung der „Offiziellen Deutschen Charts“ umfasst zwischenzeitlich 43 Seiten – ein „Meisterwerk deutscher Ingenieurskunst, das nur mit einem entsprechenden Hochschulabschluss zu bewältigen“ sei, wie „Welt am Sonntag“ schreibt. Und gelegentlich selbst für Branchen-Interne kaum mehr verständlich ist. Braucht man ein solch kompliziertes Regelwerk – oder andersrum gefragt: sind die Charts zu kompliziert zu verstehen? 

Dr. Carl Mahlmann: Ach ja, es macht etwas Mühe, sich durch die Chart-Systematik zu lesen, aber ich habe selbst viel an diesen Texten gearbeitet und habe mit Ingenieurskunst wirklich nichts zu tun. Vor mir liegt das Manual eines digitalen Recorders, mit 32 DIN-A-4-Seiten auch nicht viel kürzer. Das Manual meiner Video-Kamera umfasst 35 Seiten, das Benutzerhandbuch meines Laptops 85 Seiten, dasjenige meines TV-Geräts 44 Seiten. Warum ist das so? Weil die Beschreibungen und Anleitungen auf möglichst viele Fragen, die mehrfach vorkommen, Antworten geben müssen. Man kann ja nicht immer bei jedem Problem ein Fachgremium zusammenrufen, welches dann das Problem eben mal löst. Gerade bei den schnelllebigen Charts kann eine aktuelle Auswertung nicht einfach zwei oder drei Tage zurückgehalten werden, da geht es um Stunden. Wir haben deshalb versucht, alle öfters vorkommenden Probleme möglichst vorab zu regeln, so dass eine individuelle Abstimmung nur in wenigen Ausnahmefällen nötig ist. Und diese Regelungen müssen natürlich gut überlegt sein, weil Chart-Regeln in “Fachkreisen” mit Argusaugen beobachtet, geprüft und kommentiert werden. Wehe, es unterläuft den Beteiligten dabei ein Fehler! Also ist es in jedem Falle angebracht, etwaige Problemfälle vorab in Ruhe zu diskutieren, eine vernünftige Regelung zu finden, eindeutig zu formulieren und diese dann detailliert und sauber zu dokumentieren, im Zweifelsfall lieber etwas zu genau als zu vage. Diese ausführliche Dokumentation wurde immer mal wieder ob ihres Umfangs kritisiert, aber sie hat uns in vielen, zum Teil äußerst problematischen Fällen sehr geholfen. Und so ist die Systembeschreibung mit der Zeit auf den aktuellen Umfang angewachsen – nicht eine Ausgeburt der Regelwut der Chart-Kommissionen, sondern eine Spiegelung des Geschehens draußen im Markt, verbunden mit einem hohen Anspruch an “Wahrheit in den Charts”.

 

„Popmusik ist Unterhaltung und richtet sich zu recht vorwiegend an das Herz und nicht an den Kopf“

 

RADIOSZENE: Die Top 100 waren über viele Jahre auch ein wichtiger Gradmesser für die Medien, besonders auch für die Programmgestaltung beim Radio. Diesen Stellenwert haben die derzeitigen BVMI-Charts verloren. Stattdessen orientieren sich die Sender lieber bei YouTube, Shazam, Streaming- und Airplay-Charts oder anderen Tools. Auch aus den wöchentlichen Bestenlisten wird nur noch wenig on air zitiert. Eine Entwicklung die nachdenklich stimmt? 

Dr. Carl Mahlmann: Das sehe ich weniger als Folge der Charts denn als Folge der drastischen Veränderungen im Musikgeschäft in den letzten 15 oder 20 Jahren. Nachdem die Umsonstversorgung mit Musik in weiten Teilen der (jüngeren) Bevölkerung um sich gegriffen und die Hälfte der Marktsubstanz vernichtet hat, sind die Auswirkungen seit längerem auch bei den Musikschaffenden, bei den Künstlern, angekommen. Vor allem die jüngeren Künstlergenerationen leiden darunter, es können nur noch sehr wenige (im Vergleich zu früher) vom Musikschaffen leben. Auf das Livegeschäft können nur Diejenigen ausweichen, die bereits etabliert sind, und das gelingt jüngeren Künstlern in viel geringerem Maße. Also fehlen inzwischen viele jüngere Musikschaffenden, fehlt ein Großteil der Kreativität der jüngeren Generationen. Und damit verlieren auch die Neuheiten inklusive der Neuheiten in den Charts an Attraktivität, besonders im Hinblick auf ein jüngeres Publikum. Am Ende sind dann die Charts nicht mehr so spannend, wie sie es einmal vor 30, 40, 50 Jahren waren. Dass sich die Radiosender zum Ausgleich an Streaming- und Airplay-Charts orientieren, klingt in diesem Zusammenhang etwas merkwürdig: Die Streaming-Umsätze gehen ja in die Charts ein und oben wurde die dadurch verursachte RAP-Lastigkeit ja auch beklagt. Und wenn sich das Radio an den eigenen Radio-Charts orientiert, ist das etwa so, als wenn eine hungrige Schlange den eigenen Schwanz verzehrt.

 

RADIOSZENE: Musik aus Deutschland beziehungsweise Musik in deutscher Sprache wird mit Blick auf die Verkäufe immer erfolgreicher, spiegelt sich aber nur unzureichend in den Radioprogrammen wider. Haben Sie dafür eine Erklärung? 

Dr. Carl Mahlmann: Ach, das war seit 1945 schon immer so und davor war das Radio staatlich gelenkt. Bei vielen Experten im Medienbereich gilt Musik mit deutschen Texten – bis auf wenige Ausnahmen mit entsprechenden anspruchsvollen Autoren – als bieder, provinziell, simpel, flach und billig. Nun, man versteht die deutschen Texte eben sofort – so mancher englischsprachige Text hat keinen Deut mehr kulturellen Tiefgang, wird aber nicht als solcher erkannt. Und überhaupt warum müssen Musiktexte immer Tiefgang haben? Popmusik ist Unterhaltung und richtet sich zu recht vorwiegend an das Herz und nicht an den Kopf. Sich mit den großen Fragen der Zeit auseinandersetzen kann man zur Genüge in der Schule, der Universität, den Volkshochschulen, der Kirche, in Seminaren etc. In den letzten Jahren ist deutschsprachige Schlagermusik erfreulicherweise in weiten Teilen der Bevölkerung wieder hoffähig geworden – vielleicht kommt diese Botschaft irgendwann ja auch bei den Radioprogrammierern an. Spätestens dann, wenn sich auch dort die Generationswechsel nicht mehr aufhalten lassen.

RADIOSZENE: Laut der Halbjahresbilanz 2018 des Bundesverband der Musikindustrie, BVMI, liegt inzwischen Audio-Streaming im Vergleich mit dem Absatz von CD und Schallplatte klar vorne. Gleichzeitig wurde bekannt, dass die Einnahmen der Branche im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um zwei Prozent gesunken sind. Kann Streaming auf Dauer die Rückgänge aus dem physischen Absatz und Download ausgleichen? 

Dr. Carl Mahlmann: Im Prinzip ja, aber dazu wäre es nötig, die Streaming-Preise an den Wert der gestreamten Musik anzuheben und alle Beteiligten in einem viel größerem Umfang an den Streaming-Einkünften zu beteiligen. Bislang ist es so, dass sich die großen Internet-Plattformen im Wesentlichen aus zweierlei Töpfen finanzieren: Aus Werbeeinnahmen im weiteren Sinn und aus dem Verkauf von User-Daten. Das sind die einzig funktionierenden Geschäftsmodelle von Google, Facebook, Twitter, Instagram & Co. Und das trifft auch auf die Streaming-Portale zu: Bei den gegenwärtigen Abo-Gebühren kann keines dieser Portale nur aus dem Verkauf der Musik langfristig existieren. Allerdings sagt der Musikkonsum eine Menge über den jeweiligen Musiknutzer aus, und so ist es auch kein Wunder, dass sich die großen Portale inklusive Amazon inzwischen sehr für Streaming von Musik interessieren. Dabei geht es also nicht um die Einnahmen aus Musikabos – die hätten Google, Amazon etc ganz gewiss nicht nötig. Aber es geht um noch fehlende, sehr aussagekräftige Informationen zu Profilen und Verhalten der Verbraucher. Die Verbraucher lassen sich also durchleuchten und dürfen dafür Musik fast zum Nulltarif konsumieren, nur die Musikschaffenden werden mit Mini-Beträgen abgefunden und haben so gut wie nichts davon. Wenn das Musikgeschäft auf der Basis von Musikstreaming langfristig funktionieren soll, darf die Musik nicht mehr quasi als Zugabe verschenkt werden. Ob ein solcher Schwenk in den nächsten zehn Jahren möglich sein wird – da habe ich meine Zweifel.

 

„Die Verbraucher von Streaming lassen sich durchleuchten und dürfen dafür Musik fast zum Nulltarif konsumieren, nur die Musikschaffenden werden mit Mini-Beträgen abgefunden und haben so gut wie nichts davon“

 

RADIOSZENE: Hat sich die Wertigkeit von Musik – nicht nur als Wirtschaftsgut – im Laufe der Jahre grundsätzlich verändert?

Dr. Carl Mahlmann: Ja natürlich. Nachdem um die Jahrtausendwende die Umsonstversorgung von Musik bei vielen Verbrauchern zum Normalfall wurde und der Markt um die Hälfte seines Wertes “beraubt” wurde, hat sich etwas grundsätzlich im Musikgeschäft verändert. Ein Gut, dass plötzlich in großem Umfang kostenlos zu bekommen ist, verliert drastisch an Wert – ich denke, dazu bedarf es keiner Erklärung. Ein Glas Wasser aus der Wasserleitung kann mit einem stillen Mineralwasser aus dem Getränkemarkt nicht mithalten. Und die neueren Angebotsformate für Musik tragen gewiss nicht zu einer Umkehr bei. Was ist ein Lied wert, wenn man es in einem Abo zusammen mit Millionen anderer Tracks für einen Preis von ein paar Cents pro Tag jederzeit abrufen kann?

RADIOSZENE: Neben den Problemen und Verlusten durch den digitale Wandel hatte/hat die Branche ja auch mit kreativen Schwächeperioden, dem Ausbleiben von beständigen Umsatzbringern und hausgemachten Management-Fehlern zu kämpfen. Wohin führt nach Ihrer Meinung der Weg der Musikwirtschaft? 

Dr. Carl Mahlmann: Einzelne kreative Hochs und Tiefs hatte die Branche schon immer, und schon immer wurden solche Tiefs beklagt. Die Managements in der Branche sind nicht besser und nicht schlechter als vor 20 oder 40 Jahren. Geändert hat sich, dass die Beteiligten am Musikgeschäft viel weniger für ihre Leistungen bekommen, zumal die Musikschaffenden, von denen nur noch sehr wenige von ihrer Musik leben können – siehe oben. Und weil das so ist, muss man sich auch nicht wundern, wenn die kreativen Leistungen gleichermaßen weniger werden – woher sollen sie denn kommen? Diejenigen, die früher vom kreativen Musikschaffen gelebt hatten, mussten sich ja längst mit anderen Berufsentwürfen befassen. Die Chance, die Musikwirtschaft wieder auf den Weg nach oben zu bringen, hat unmittelbar mit dem Wert von Musik zu tun. Dazu wäre es nötig, den Preis von Musik wieder auf ein Niveau zu heben, welches mit der Leistung einhergeht, diese Musik zu schaffen. Sofern Musik zukünftig mehr und mehr als Vehikel benutzt wird, um personenbezogene Daten der Musiknutzer herauszuziehen und zu Geld zu machen, wird das Musikgeschäft am Ende nur noch ein Anhängsel für die Internet-Giganten sein können.

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