Patrick Fuchs: „Die amerikanische Country-Szene ist vielschichtiger, als man in Deutschland glaubt“

Veröffentlicht am 05. Jul. 2018 von unter Musik

Country Music und das deutsche Radio – eine seit jeher schwierige Beziehung. Schade eigentlich, vor allem weil bei Mapping-Studien das Genre – zumindest in einigen Regionen wie Bayern oder Mitteldeutschland – eigentlich gar nicht so schlecht bewertet wird und auf eine durchaus hartnäckige Fanbasis verweisen kann.  Trotzdem findet Country in den Programmen kaum statt. Ein paar wenige Spezialsendungen bei Deutschlandfunk Kultur, MDR Sachsen-Anhalt, Schwarzwaldradio oder einigen Shows bei bayerischen Lokalradios – das war es schon via Terrestik. Berücksichtigung auf Playlisten? Einige Klassiker, ja – und vielleicht auch mal die eine oder andere Neuheit bei ARD-Programmen, ansonsten Fehlanzeige. 

Country Music und Bluegrass sind bereits seit geraumer Zeit aus dem Fokus deutscher Prorammmacher verschwunden. Was allerdings auch an der Tatsache festzumachen ist, dass die großen Musikfirmen selbst die Erfolgsveröffentlichungen aus den USA hier kaum mehr veröffentlichen oder gar Promotion dafür machen. Und – die hierzulande großen Protagonisten des Genres tot (Johnny Cash), in die Jahre gekommen (Willie Nelson, Kris Kristofferson) oder einfach zu satt sind (wie Garth Brooks), um sich in Europa zu Werbezwecken abzustrampeln. Das war allerdings schon einmal anders – als die Plattenkonzerne CBS/Sony, RCA, EMI und BMG ab den 1980er Jahren versuchten Good Old Germany mit brachialer Promotionpower von  der US-Country Music zu überzeugen. Was am Ende in dieser Form krachend misslang.

Letztlich fehlen den deutschen Radiomachern neben dem Repertoirewissen allerdings auch die Überzeugung und das Hintergrundwissen um die Country Music. Gerne werden in Zusammenhang mit dem Musikstil noch immer gerne Klischees wie Cowboys, Western und Trucker-Romantik bemüht, die tatsächlich nur sehr am Rande mit Country und Bluegrass – und schon gar nichts mit der Entstehung der Musik zu tun haben! Was für ein Irrglaube. In den Köpfen mancher „Musikexperten“ sind es gar Stile, die mit dem volkstümlichen Schlager vergleichbar seien. Dabei ist die Country Music sehr facettenreich und beschäftigt sich, genauso wie etwa Rock, auch mit tiefgründigen, sozialen und politischen Themen. Nachzuhören beispielsweise in Texten zahlreicher Interpreten. Da geht es um Loser, gesellschaftliche Mißstände, Frauenrechte und Umweltzerstörung. Oder in derzeit zahlreichen bissigen Songs um den amtierenden US-Präsidenten Donald Trump.

Unbemerkt von der deutschen Radiowelt hat sich in den letzten Jahren vor allem Bluegrass stilistisch enorm weiterentwickelt. Wie bei anderen Genres fließen verstärkt weitere Stilarten wie Pop, Rock, Folk und sogar Jazz ein und lassen damit ein neues, modernes Klangbild entstehen. Bands und Künstler wie The Dead South oder Sierra Hull öffnen Bluegrass mit ihrer ganz eigenen Ausstrahlung nun auch für ein junges Publikum, dem diese Art von Musik bislang völlig fremd war. Wichtige Crossover-Impulse in Verbindung mit Folk kommen zuletzt auch hörbar aus der europäischen Szene, die sich musikalisch nun durchaus auf Augenhöhe mit ihren nordamerikanischen Kollegen befindet. 

Noch immer fehlen den deutschen Radiosendern bei Country eben die Spezialisten, die den Hören dieses komplexe Genre kompetent vermitteln. Kenner wie Walter Fuchs, der seit vielen Jahrzehnten gegen zahlreiche Vorurteile – vor allem aus dem Lager der Kollegen und Vorgesetzten ansendet. Sein ehemaliger SWF-Kollege Elmar Hörig wollte Fuchs für sein hartnäckiges Engagement gar einmal sogar „aus dem Sattel schießen“. Der Country-Kenner dürfte mit seinen 82 Jahren und fast 50 Jahren Dienstjahren der älteste, regelmäßig aktive Moderator innerhalb der deutschen Rundfunklandschaft sein. Für seine große Fangemeinde produziert er seine wöchentliche Show beim bundesweiten Schwarzwaldradio als Selbstfahrer im heimischen Bühler Studio.

Seit seiner ersten Sendung beim damaligen Südwestfunk im Jahre 1970 hat sich der bekennende Badener den Ruf des führenden deutschen Country-Experten erarbeitet, schrieb zahlreiche einschlägige Fachbücher, referierte bei der Friedrich-Ebert-Stiftung über die sozialen und politischen Hintergründe der Country Music und rief 2003 in Bühl das zwischenzeitlich führende europäische Bluegrass-Festival ins Leben. Neben zahlreichen Auszeichnungen wurde Walter Fuchs im Jahre 1974 für seine Verdienste um die Country Musik zum Ehrenbürger von Tennessee ernannt.

Naheliegend, dass sein Sohn Patrick sein musikalisches Erbe fortführt. Neben seiner hauptberuflichen Tätigkeit als Kontrabassist bei den Essener Philharmonikern entwickelte er sich über die Jahre zu einem äußerst profunden Beobachter der internationalen Bluegrass-Szene. Seit Sommer 2015 ist Patrick Fuchs künstlerischer Leiter des Internationalen Bühler Bluegrass Festivals.


Im Gespräch mit RADIOSZENE-Mitarbeiter Michael Schmich gab Patrick Fuchs tiefe Einblicke in die lebendige Welt der Bluegrass- und Country Music.

RADIOSZENE: Herr Fuchs, wie haben Sie zur Bluegrass Music gefunden?

Patrick Fuchs: Wenn man als Sohn eines Country-Experten aufwächst hat man zwangsläufig früh Kontakt mit vielem was Nordamerika musikalisch zu bieten hat: Country, Rock‘n‘Roll, Jazz, Blues, Folk, Bluegrass, Cajun, Swing …

So richtig gefunkt hat‘s bei mir Anfang der Nuller-Jahre bei regelmäßigen Besuchen in den USA. Die Bluegrass-Avantgarde im „Station Inn“, ein traditioneller Treffpunkt für Bluegrass-Interessierte, in Nashville live zu erleben und zu hören wie die Grenzen des Genres spielerisch überwunden werden, war ein prägendes Erlebnis. Wenn es plötzlich mehr nach Stéphane Grappelli als nach Bill Monroe klang, war ich überrascht und  begeistert.

 

„Bluegrass ist folklore-basierte Popmusik“

 

RADIOSZENE: Geben Sie uns doch eine Definition was sich hinter Bluegrass verbirgt und wo die Grenzen zur allgemein bekannten Country Music liegen? 

Patrick Fuchs: Bluegrass wird oft als eine Art akustische Country Music bezeichnet, entstanden im Südosten der USA aus den Old-Time-Stringbands der 20er und 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Durch den ursprünglichen Verzicht auf elektrische Instrumente, die enorme Virtuosität der Spieler und den hohen improvisatorischen Anteil in den Stücken unterscheidet sich Bluegrass aber sehr deutlich von zeitgenössischem Country. 

Manche Bluegrassfreunde sprachen auch schon mal vom „Jazz der Country Music“. Heutige Country Music ist von Schlagzeug, E-Bass, E-Gitarren, Keyboards und natürlich der Pedal-Steel-Gitarre geprägt. Also vom Setting her deutlich näher beim Rock als beim Bluegrass. 

Einen amerikanischen Arbeitskollegen habe ich im vergangenen Jahr gefragt, wie er denn Bluegrass heute definieren würde. Nach kurzem Nachdenken sagte er: „Bluegrass ist folklore-basierte Popmusik.“ Mit diesem Begriff kann ich mich sehr gut anfreunden. 

RADIOSZENE: Gibt es Vergleichswerte wie groß der Anteil von Bluegrass an Country ausmacht?

Patrick Fuchs: Das ist schwer zu beantworten, da sich die Bluegrass-Szene seit vielen Jahren schrittweise von der Country Music emanzipiert. Allen voran die IBMA, die International Bluegrass Music Association, die seit 2013 ihre Jahrestagung und das damit verbundene mehrtägige Festival von Nashville/Tennessee nach Raleigh/North Carolina verlegt hat. Dort zählte man im September 2017 über 220.000 Besucher an fünf Tagen. Ein Rekord!

Vom 7. bis 10. Juni hat gerade wieder das „CMA Fest“ in Nashville stattgefunden. Eine jährliche Veranstaltung der Country Music Association, die früher „Fan Fair“ hieß. Die Live-Auftritte von ca. 300 Countrystars auf 11 Bühnen lockten an vier Tagen über 280.000 Menschen in die Stadt. Auch das ein Rekordbesuch. Die CMA spricht von 10 Prozent Zuwachs im Vergleich zum Vorjahr und freut sich über ein zunehmend jüngeres Publikum. Countrystars wie Kenny Chesney oder Garth Brooks füllen alleine immer noch ganze Stadien in den USA. 

Das gibt es im Bluegrass so nicht. Bluegrass ist in Nordamerika immer noch durch eine ausgeprägte Festivalkultur gekennzeichnet. Ein Bluegrass Festival findet dort im Freien statt, die Besucher sitzen auf ihren Campingstühlen und viele haben auch ihre Instrumente dabei. Vor Beginn oder in den Pausen jammen die Besucher in kleinen Gruppen, teilweise auf dem Parkplatz. „Parking lot picking“ ist ein feststehender Begriff dafür. 

Eines der größten Festivals ist das „Merlefest“ in North Carolina, das seit 1988 jedes Jahr zehntausende Bluegrassfans anzieht. Zuletzt sollen es über 75.000 gewesen sein. Das seit 1974 auf über 2600 m Höhe in den Bergen Colorados stattfindende Telluride Bluegrass Festival hat schon vor Jahren aus organisatorischen und ökologischen Gründen die Besucherzahl auf max. 10.000 begrenzt. Beide Festivals legen übrigens Wert darauf, nicht nur Bluegrassbands zu präsentieren, sondern auch Künstler, die man eher unter „Americana“ einsortiert. Brandi Carlile oder die Tedeschi Trucks Band zum Beispiel. Auch Emmylou Harris und Johnny Cash sind schon beim Telluride Bluegrass Festival aufgetreten. 

RADIOSZENE: Wo liegen die Anfänge von Bluegrass?

Patrick Fuchs: Die Wurzeln des Bluegrass liegen eindeutig im Südosten der USA, in der Old-Time-Music die in den Bergen Virginias und North-Carolinas gepflegt wurde. Diese Art „amerikanische Hausmusik“ beinhaltete wiederum viele Elemente der Volksmusik europäischer Einwanderer. 

Der Begriff „Bluegrass“ leitet sich übrigens vom Namen der Band Bill Monroes ab. Der aus Kentucky stammende Monroe hatte seine Band „Blue Grass Boys“ genannt. Nach einem für Kentucky typischen, bläulich schimmernden Rispengras.

 

„Bluegrass ist keineswegs musikalisch limitiert, aber das Klangbild ist für viele ungewohnt“

 

RADIOSZENE: Ist das Genre nicht von vorneweg durch die Instrumentierung, also ohne Keyboards oder Drums, musikalisch etwas limitiert?

Patrick Fuchs: Inzwischen arbeiten einige Bluegrassbands mit Percussion und Schlagzeug. Darunter auch Stars wie Dailey & Vincent und die Steep Canyon Rangers. Bluegrass ist keineswegs musikalisch limitiert, weder mit noch ohne Schlagzeug, aber das Klangbild ist für viele ungewohnt. Die vielen aktuellen Einflüsse aus Folk- und Rockmusik machen den Bluegrass jedoch vielseitiger und auch zunehmend „salonfähig“. Wir erleben das in jedem Jahr beim Internationalen Bühler Bluegrass Festival, dass Besucher sagen: „Bluegrass fand ich eigentlich immer etwas uncool. Aber das, was ich hier heute gehört habe, war ja richtig toll!“

Als Festivalleiter besuche ich das ganze Jahr über sehr viele Liveauftritte, nicht nur von Künstlern aus dem Bluegrass- und Folk-Bereich. Ich behaupte, dass es in unserer elektronisch dominierten Welt eine große Sehnsucht nach handgemachter Musik auf akustischen Instrumenten gibt.

RADIOSZENE: Wie erfolgreich sind derzeit Country und Bluegrass im US-amerikanischen Radiomarkt?

Patrick Fuchs: Ehrlich gesagt: Das ist für mich schwer einzuschätzen, da die Hörerzahlen nur von einem Bruchteil der Sender erfasst werden. Allerdings scheint das Interesse am Genre ungebrochen hoch zu sein: von rund 14.000 lizenzierten US-Radiostationen bedienen über 4.000 Sender ein Country-Format. 2008 waren es noch 2.900 Angebote. Der „Share Of Total Listening“, den Country Music laut den zuletzt veröffentlichten Zahlen generierte lag bei rund 14,5 Prozent. Also ein durchaus respektabler Wert. 

RADIOSZENE: Könnten also Bluegrass-Songs auch in Pop-Formaten des Radios gespielt werden?

Patrick Fuchs: Songs von progressiven Bluegrassbands durchaus. Ich denke da an „The Middle“ von Trampled By Turtles oder „The City“ von The  Lil‘ Smokies. 

Aber ich bin da etwas zurückhaltend mit meiner Einschätzung, da die sogenannten Popformate auf eine Dauerberieselung mit musikalisch Vertrautem ausgerichtet sind. Den Radiohörer mit etwas zu konfrontieren was er nicht kennt gilt vielleicht immer noch als zu riskant. Privaten Rundfunkbetreibern, die von Werbekunden abhängig sind, und deshalb einer bestimmten musikalischen Erwartungshaltung ihrer Hörer gerecht werden wollen, mache ich da keinen Vorwurf. 

Aber die gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Sender haben es in den letzten Jahrzehnten versäumt ihre Hörer vielseitig musikalisch zu bilden und ihnen die Angst vor Ungewohntem zu nehmen. 

Eine Ausnahme bildet für mich das Programm von Deutschlandfunk Kultur, wo nicht nur in nächtlichen Spezialsendungen sondern auch im Tagesprogramm eine wohltuende musikalische Vielfalt herrscht. Ich bin allerdings ein Radiohörer, der sich gerne überraschen lässt, der sich freut, wenn nach Ed Sheeran ein alter Blues gespielt wird, oder auf die Foo Fighters ein Song von Johnny Cash folgt. 

 

„Die gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Sender haben es in den letzten Jahrzehnten versäumt ihre Hörer vielseitig musikalisch zu bilden und ihnen die Angst vor Ungewohntem zu nehmen“ 

 

RADIOSZENE: Welchen Stellenwert hat Americana?

Patrick Fuchs: Americana ist ja kein eigener Musikstil sondern ursprünglich eine Marketing-Idee, eine Kategorie für Musik, die zwar Elemente von Old-Time, Bluegrass, Blues, Gospel oder Country in sich trägt, aber nicht eindeutig in diese Schubladen passt. 

Inzwischen ist es gelungen unter der Überschrift „Americana“ viele und auch sehr namhafte Künstler einzusortieren und zu anhaltendem Erfolg zu verhelfen. Willie Nelson taucht mit seinem neuen Album „Last Man Standing“ im Billboard-Magazin in der Americana/Folk-Hitparade auf, nicht in den Country-Charts. Auch Alben von John Denver und James Taylor tummeln sich da. Wogegen eine Elvis-Presley-Platte gerade erst wieder in die Country-Charts eingestiegen ist. Das ist schon bemerkenswert.

Interessant ist auch, dass sich in der sich zunehmend von der Country Music abgrenzenden amerikanischen Bluegrass-Szene gerade der Begriff „Grassicana“ etabliert. Vielleicht um die Bedeutung des Bluegrass im „American-Roots-Music“-Kanon besonders zu unterstreichen. Ich weiß nicht, ob das auf die Dauer hilfreich ist.

RADIOSZENE: Seit geraumer Zeit ist die Szene sehr in Bewegung. Junge Bands und Interpreten drängen in den Vordergrund. Findet hier gerade eine Art Wachablösung statt?

Patrick Fuchs: Von Wachablösung würde ich nicht sprechen. Die alten US-Bluegrass-Stars wie Del McCoury, Doyle Lawson oder Peter Rowan haben nach wie vor ihr Publikum und werden von allen  jungen Bluegrassmusikern sehr verehrt. 

Die jüngeren Bluegrass- und Folkmusiker sind heute instrumental exzellent ausgebildet und haben schon früh Kontakt mit anderen musikalischen Genres. Teilweise kommen sie vom Berklee College of Music in Boston. Eine renommierte Hochschule, an der in der Vergangenheit viele bekannte Jazz- und Rockmusiker ausgebildet wurden. Darunter Quincy Jones, Al di Meola, Charlie Mariano, Bill Frisell, Diana Krall, Melissa Etheridge – um nur einige zu nennen. Seit ungefähr 10 Jahren kann man dort auch typische Bluegrassinstrumente wie Banjo und Mandoline studieren. 

Die 26jährige Mandolinenvirtuosin Sierra Hull ist eine Absolventin des Berklee College, ebenso die 25jährige Gitarristin und Sängerin Molly Tuttle. Beide wurden im vergangenen Jahr von der IBMA als Instrumentalisten des Jahres ausgezeichnet und werden die Zukunft des Bluegrass mitprägen.

RADIOSZENE: Offenbar ist auch stilistisch einiges im Umbruch: Wie bei anderen Genres  fließen vermehrt neue Stile in die Musik ein – wie Pop, Folk oder Jazz. Dies scheint den Bluegrass sehr zubeflügeln. Bedeutet dies nicht auch eine Zerreißprobe mit den Traditionalisten?

Patrick Fuchs: In Europa: ja. Viele europäische Bluegrassfreunde, die teilweise auch selbst aktiv diese Musik pflegen, sind mißtrauisch gegenüber Veränderungen. Sie wollen oft, dass Bluegrass so klingt und gespielt wird wie vor 70/80 Jahren. Dabei vergessen sie, dass gerade der Begründer der Bluegrass Music, Bill Monroe, ein sehr experimentierfreudiger Musiker war, der mit seinen extrem begabten Bandmitgliedern schließlich aus der Old-Time-Music und einem Hauch Gospel und Blues etwas Neues schuf. Sogar eine Akkordeonspielerin war kurzzeitig in seiner Band.

In den USA beobachte ich zwei unterschiedliche Strömungen. Zum einen die Rückbesinnung von oft jüngeren Musikern auf altes Liedgut, zum Beispiel auf Traditionals aus den Appalachen oder auf die Songs der Old-Time-Legende Charlie Poole. Zum anderen die Integration von Rock- und Pop-Elementen sowie von elektronischen Hilfsmitteln, wie beispielsweise Effektgeräten, in den Bluegrass. Dies geschieht überwiegend in den nördlichen Bundesstaaten der USA und spricht ein junges studentisches Publikum an. Die Musik wird dann gerne als Jamgrass oder  Rockygrass bezeichnet. Die Band Greensky Bluegrass ist ein bekanntes Beispiel für diese Entwicklung. Aber auch der inzwischen in Nashville ansässige junge Gitarrist Billy Strings.

 

„Viele europäische Bluegrassfreunde sind mißtrauisch gegenüber Veränderungen“

 

RADIOSZENE: Auch die europäische und deutsche Bluegrass Szene scheint sehr rege. Ist Bluegrass auch hier auf dem Weg in Richtung Mainstream?

Patrick Fuchs: Die europäische Bluegrass Szene ist sehr heterogen. Da gibt es überall aktive Musiker und viele verschiedene Zirkel in denen überwiegend traditioneller Bluegrass gepflegt wird. Das ist in Tschechien und Deutschland sehr ausgeprägt. Natürlich ist da überall Bewegung drin, aber neue Impulse kommen meines Erachtens eher von Musikern aus Folk, Rock oder Jazz, die anfangen, sich mit Bluegrass zu beschäftigen. 

Wenn man Mainstream als das definiert, was eine Mehrheit kennt und konsumiert, dann sehe ich Bluegrass sehr weit vom Mainstream entfernt. Wenn es um die Akzeptanz von Bluegrass als einen wichtigen Teil amerikanischer Musikgeschichte geht, da sehe ich Fortschritte. 

Die beiden Kinofilme „O Brother where art thou“ und „The Broken Circle“ in denen Bluegrass eine wichtige Rolle spielt, haben viele Menschen in Europa neugierig auf diese Musik gemacht. 

RADIOSZENE: Wird Country Music  in Deutschland allgemein noch immer als ein eher traditioneller bis reaktionärer Musikstil wahrgenommen?

Patrick Fuchs: Als Steve Earle während des letzten US-Präsidentschaftswahlkampfs in Deutschland auftrat, trug er einen Bernie-Sanders-Sticker am Hemd. Das und seine klaren politischen Statements haben beim Publikum Begeisterung ausgelöst. Die amerikanische Country-Szene ist vielschichtiger, als man in Deutschland glaubt. Es ist auch sehr schwierig, sich ein umfassendes Bild zu machen, wenn man ausschließlich auf vereinzelte Medienberichte angewiesen ist. 

Die bekannteste amerikanische Country-Band in Deutschland – auch bei Menschen, die keinen Bezug zu Country Music haben – sind immer noch die Dixie Chicks. Aber nicht aus musikalischen Gründen – der schlechte Stadionrock, den sie live anbieten, ist das Eintrittsgeld nicht wert – und auch nicht weil sie sich vor vielen Jahren in einem Nebensatz kritisch über den amerikanischen Präsidenten geäußert haben, sondern weil die Reaktionen darauf in bestimmten Kreisen in den USA so heftig waren. Von öffentlichen Beschimpfungen, CD-Verbrennungen bis zum Radioboykott war da alles dabei. Diese Reaktionen sind in Deutschland bis heute präsent und werden als Beleg dafür genommen, dass die Anhänger einer bestimmten Musik konservativ und reaktionär sind. 

Sierra Hull, Patrick Fuchs, Ethan Jodziewicz

Sierra Hull, Patrick Fuchs, Ethan Jodziewicz

Leider hat sich das aus den USA übernommene „Cowboy-Image“  – und es war auch dort schon ein reiner Marketinggag der Schallplatten- und Filmindustrie – im Zusammenhang mit Country in vielen Köpfen festgesetzt. Weder Jimmie Rodgers, noch Hank Williams noch Johnny Cash waren Cowboys. Und wenn sie mal einen Hut aufhatten, dann vergleiche ich das gerne mit der heutigen Mode, überall eine (Woll-)Mütze zu tragen. Nicht jeder der eine Mütze trägt, ist ein Skilehrer … Ich habe übrigens kein Problem damit, wenn sich die Menschen einen Hut aufsetzen und Linedance machen. Das macht Laune. Aber die Qualität der Musik und der Texte tritt dann eben in den Hintergrund. Gleiches gilt für musikalische Veranstaltungen in diversen Westernstädten.

Schade ist, dass Country Music in deutscher Sprache dem deutschen Schlager zugeordnet wird. Die Anfänge von Truck Stop mit Country auf Deutsch – eine Analogie zu Udo Lindenbergs Beginn mit Rockmusik und deutschen Texten – waren ja beachtlich. Die Texte von „Ich möcht‘ so gern Dave Dudley hör‘n“ oder „Das Mädchen wird schöner mit jedem Glas Bier“ waren realitätsnah und hatten Witz. Ich mag sie bis heute. 

Ich war überrascht, wie viele Menschen im vergangenen Jahr die Auftritte von Kiefer Sutherland in Deutschland besucht haben. Ja, er ist ein bekannter Schauspieler, und er liebt Country Music. Als Sänger ist er unterdurchschnittlich. Vielleicht ist es ja das Bekenntnis eines Prominenten zu einer bestimmten Musik, das die Leute auf die Musik aufmerksam macht und ermutigt? Dass seine Lieder regelmäßig in Deutschland im Radio gespielt werden, ist mir nicht bekannt.  

 

„Es reicht nicht im Radio, nur seiner eigenen Begeisterung über die Musik Raum zu geben oder die aktuellen Top Ten der Country Charts zu verlesen“

 

RADIOSZENE: Country ist bis auf einige wenige Ausnahmen weitgehend aus den deutschen Radioprogrammen verschwunden. Zuletzt haben auch WDR 4 und SWR 4 einschlägige Spezialsendungen gestrichen. Liegt es am mangelnden Hörerinteresse, am fehlenden Mut der Senderverantwortlichen oder an kompetenten Moderatoren?

Patrick Fuchs: Ein kompetenter Redakteur beziehungsweise Moderator ist zwingend notwendig, um Musik wie Country oder Bluegrass den Radiohörern näher zu bringen. Ein kurzer Ausflug in die Entstehungsgeschichte, zeitgeschichtliche Einordnung, ein paar verbriefte Anekdoten – das alles macht es für den Hörer spannend. Es reicht jedenfalls nicht, nur seiner eigenen Begeisterung über die Musik Raum zu geben oder die aktuellen Top Ten der Country Charts zu verlesen.

Götz Alsmann, der wirklich viel über populäre Musik weiß, hat vor vielen Jahren im Fernsehen einen wichtigen Satz gesagt: „Es gibt auch in Deutschland musikalische Nebenwelten, die in den öffentlich-rechtlichen Medien nicht abgebildet werden, in denen aber nennenswerte Umsätze bei Plattenverkäufen und Konzertveranstaltungen getätigt werden.“ Ich denke, dieser Satz gilt auch heute noch.

Für große Plattenfirmen/internationale Medienkonzerne sind diese kleinen „Märkte“, diese musikalischen Nischen eher uninteressant. Sie setzen darauf, massetaugliche Produkte in die Musikredaktionen und damit „unter die Leute“ zu bringen. Was die meisten Verantwortlichen dabei vergessen: Alle Minderheiten zusammen bilden auch eine Mehrheit. 

RADIOSZENE: Liegt das geringe Interesse der Sender eben auch daran, dass – zumindest in Deutschland – praktisch alle Veröffentlichungen bei kleinen Labels erscheinen und die Radiomacher den Country Markt kaum kennen?

Patrick Fuchs: Wie oben beschrieben, werden die Bedürfnisse der individuellen Musikliebhaber, die zum Beispiel American Roots Music oder Weltmusik lieben, von großen Firmen eher nicht befriedigt. Das ist die Chance für kleine Labels und kleine Vertriebe. „Trikont“ in München ist sicher ein prominentes Beispiel, aber auch ein junges Label wie „Devil Duck“ in Hamburg macht sich um die Verbreitung von Musik abseits des Mainstream verdient. Es lohnt sich immer, die Augen und Ohren offen zu halten. Zumal heute viele Musiker ihre Alben im Eigenverlag vertreiben. 

RADIOSZENE: Welche Künstler, Gruppen und Veröffentlichungen würden Sie den Radiomachern derzeit ans Herz legen?

Patrick Fuchs: Da sind zunächst die Künstler zu nennen, die es in den vergangenen Jahren zu Recht bis ins Feuilleton der großen deutschen Tageszeitungen geschafft haben: Also Alison Krauss, die Punch Brothers und die Old Crow Medicine Show. 

The Dead South aus Kanada hatten in den vergangenen Jahren schon etwas Medienpräsenz in Deutschland. Sie sind auf dem besten Wege zu einer Kultband zu werden. Die Band Front Country aus Kalifornien macht eine Stringband-Musik, die sich als „progressive Roots-Pop“ beschreiben lässt. Sehr hörenswert! 

Interessant sind die jüngsten Alben von Greensky Bluegrass (USA) und Trampled By Turtles (USA). Die australische Band Mustered Courage pflegt seit Jahren einen schönen poppigen Bluegrass. Die Berliner Band St. Beaufort hat soeben ihr zweites Album („Trails & Guns“) veröffentlicht: Angenehmer Bluegrass-Folk. Und das Kölner Duo Stereo Naked veröffentlichte im April 2018 mit Roadkill Highway ein richtig gutes Folk-Pop-Album. Der Song Yodel my Name ist cool, witzig und radiotauglich.

Michael Schmich

Das könnte dich auch interessieren:
Spartenradio mit digitaler Zukunft: TruckRadio
Radiolegende Walter Fuchs: Ein Glücksfall für die Country Music
Walter Fuchs: Schwarzwaldradio holt sich SWF3-Legende

Kommentar hinterlassen

Tags: , ,