Macht Podcasting dem Radio langsam Konkurrenz?

Veröffentlicht am 29. Apr. 2018 von unter James Cridland

James Cridland's Radio Future: Macht Podcasting dem Radio langsam Konkurrenz?Vor kurzem hat Edison Research seine neue Podcast-Nutzerstatistiken veröffentlicht. Die Ergebnisse wurden zu den meistzitierten zum Thema Podcasting und dienen nach über zehn Jahren Datenerhebung inzwischen auch als gutes Mittel zur Trendbeobachtung. Als Teil dieser Daten veröffentlichte Edison Research eine aktualisierte Share of Ear-Studie, die Zahlen zu den Anteilen an Audio liefert, die die Amerikaner an ihr Ohr lassen. Der Radioanteil umfasst 58% des gesamten Audiokonsums (MW/UKW/SiriusXM), Podcasting nur 4% des Gesamtanteils.

Nun könnte man sagen, dass der Podcast-Anteil mit seinen 4 Prozent ja doch mickrig sei. Die Forschung jedoch behauptet euphorisch, dass sich der Anteil des Podcast-Konums in vier Jahren verdoppelt haben wird, Zyniker könnte dies mit der Feststellung abtun, dass 2 x 0 immer noch 0 ist.

In den meisten Fällen ist das Radiohören jedoch eine automatische Nebensache. Starten Sie Ihr Auto, starten Sie gleichzeitig auch Ihr Radio. Auch der Radiowecker weckt Sie mit einem Radioprogramm. Es ist zu aufwendig, extra Playlisten für das Büro oder den Laden zu erstellen, damit Radio auch dort mehr Zuhörer gewinnt.

Podcasts sind anders: Sie werden bewusst ausgewählt und angefordert. Da sie eher aus Sprachbeiträgen als Musik bestehen, haben sie in der Regel die volle Aufmerksamkeit der HörerIn. Sie werden meist über Kopfhörer und nicht über Lautsprecher genossen – also ein sehr unterschiedliches Hörverhalten. Die Share of Ear-Studie ist aufschlussreicher, wenn es um die eigentlichen Podcast-HörerInnen geht. Für Leute, die in den letzten 24 Stunden einen Podcast gehört haben, machen Podcasts ein Drittel des gesamten Audiokonsums aus. Rundfunk (MW/UKW/SiriusXM) dagegen nur 30%.  Demnach haben Podcasts offenbar einen negativen Einfluss auf das Radiohören. Je mehr Podcasts wir entdecken, die wir mögen, umso mehr geht es auf Kosten des Radiokonsums.

Einige Radiogruppen haben dafür eine Strategie: Sie verkaufen Werbung auf Beidem. In Australien ist es bereits so: NOVA ist eine Partnerschaft mit Acast eingegangen – und SCA verwaltet das PodcastOne-Inventar. Letzte Woche hat sich in den USA Wondery mit dem DAX von Global zusammengetan, um Werbung auf Wondery-Podcasts in Großbritannien zu schalten.

Einige Radio-Netzwerke haben auch eine inhaltliche Strategie: Die Australier Hamish und Andy haben letztes Jahr die Ausstrahlung ihrer PM-Drive-Show auf SCA-Radiostationen eingestellt, sind aber weiterhin als Podcast über PodcastOne zu hören. Kurze Inhalte von Radiostationen wie z. B. Nachrichtenbulletins sind auf den meisten intelligenten Lautsprechern verfügbar. Das britische Unternehmen Global produziert “Best-of”-Podcasts für Hörer der Chris Moyles Show auf Radio X; Australiens NOVA Entertainment fördert und monetarisiert viele neue Sendungen ausschließlich als Podcasts.

Allerdings habe ich das Gefühl, dass viele Rundfunkanstalten die Vorteile des Podcasting noch gar nicht nutzen. Das müssen ggf. Radiostudios angemietet, Verträge mit Content-Lieferanten gemacht und Sponsoren gefunden werden. Die Umformatierung von sendefähigem Audiomaterial für die Verwendung als Podcast ist ebenfalls eine Möglichkeit (noch einfacher ist es mit vorproduziertem Material); aber auch die Produktion von guten, lokalen Inhalten, die zwar nicht für Rundfunk produziert wurden aber ein anderes Publikum anziehen könnten, könnte gut funktionieren.

Podcasting bietet also echte Chancen – sowohl bei zusätzlichen Erlösen und der Vermarktung als auch bei der Zukunftssicherung der gesamten Radiobranche. Ich würde gerne erfahren, welche Rundfunkunternehmen Podcasting richtig verstanden und trotzdem nicht den Sprung gewagt haben.


James CridlandDer Radio-Futurologe James Cridland spricht auf Radio-Kongressen über die Zukunft des Radios, schreibt regelmäßig für Fachmagazine und berät eine Vielzahl von Radiosendern immer mit dem Ziel, dass Radio auch in Zukunft noch relevant bleibt. Er betreibt den Medieninformationsdienst media.info und hilft bei der Organisation der jährlichen Next Radio conference in Großbritannien. Er veröffentlicht auch podnews.net mit Kurznews aus der Podcast-Welt. Sein wöchentlicher Newsletter (in Englisch) beinhaltet wertvolle Links, News und Meinungen für Radiomacher und kann hier kostenlos bestellt werden: james.crid.land. Kontakt: james@crid.land oder @jamescridland.


Lokalrundfunktage NürnbergAktueller Hinweis:
James Cridland können Sie übrigens im Juli persönlich treffen, denn er wird auf den Lokalrundfunktagen 2018 in Nürnberg die Keynote halten.

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