Brexit im Radio: Die Briten schalten die Mittelwelle ab

Veröffentlicht am 11. Jan. 2018 von unter RadioFuture

Brexit im Radio (Bild: James Cridland)Auch dieser Monat wird Schlagzeilen über das Ende des Radios liefern – diesmal können wir den Briten für einen AM-Brexit die Schuld in die Schuhe schieben.

Die Klagen über das Ende des Radios kennen Sie. Letztes Jahr hörten wir, dass in Norwegen die UKW-Übertragung für fast alle Sender abgeschaltet und durch DAB+ ersetzt wurde. Diesmal tun die Briten ihr Bestes, um der Presse nutzlose Schlagzeilen zu liefern: Die BBC schaltet dreizehn Mittelwellen-Lokalsender in ganz England ab. (Von den kommerziellen Sendern ist keine Rede.)

Es gibt eine Menge Missverständnisse darüber, was in Europa vor sich geht – also versuche ich, ein wenig Klarheit zu schaffen.

Die europäische Radiolandschaft ist in Sachen Multiplattformen die stärkste der Welt. Als Beispiel könnten wir BBC Radio Humberside nennen – eine der Stationen, die ihren Mittelwellensender verlieren wird. Es ist eine Nachrichten- und Reportage-Station im Norden Englands, die in ihrem Sendegebiet 760.000 Menschen (und einen Marktanteil von 11%) erreicht.

BBC Radio Humberside sendet(e) auf 1485 kHz und 95,9 MHz. Im Fernsehen wird die Station über Audiokanal ausgestrahlt (Kanal 722); man findet sie auf dem Radioplayer und der BBC iPlayer-App und sie ist als DAB Digitalradio zu empfangen.

digitalradio in Großbritannien UKDAB Digitalradio ist das Thema eines der Missverständnisse. Während in Nordamerika das “Digitalradio” als reines Online-Radio gilt, kennen Europäer und Australier es als eine weitere Sendeplattform. DAB ist fast genau das gleiche wie Mittelwelle und UKW – es ist Rundfunk via kleiner Box mit Antennenempfang. Es ist kein Mobiltelefon, kein Datentarif und keine SIM-Karte nötig. Es ist nur Rundfunk – Radio, wie wir es kennen.

Wie die gezeigten Beispiele erkennen lassen, ist daher der Verlust des Mittelwellensenders für BBC Radio Humberside kein Erdbeben, wie es die Pessimisten herbeireden, damit wir uns Sorgen machen. Immerhin ist die Station noch auf einer Reihe anderer Plattformen verfügbar.

Für jede Radiostation, mit der ich zusammengearbeitet habe, ist in der Tat meine Strategie, Live-Stationen auf so viele Arten von Lautsprechern wie möglich unterzubringen. Obwohl ich die TuneIn-App regelmäßig kritisiere, sollten Radiostationen dort vertreten sein – ebenso wie auf ihrer nationalen Aggregator-App und möglichst vielen anderen Plattformen.

Die Zukunft der Mittelwelle sehe ich nicht sonderlich rosig. Stattdessen muss ich sagen: Es wird immer schwieriger, Mittelwellen-Empfänger zu bekommen, denn für Musik ist der Klang einfach zu schlecht und in der U-Bahn stören zahlreiche Interferenzen.

Das Abschalten der Mittelwelle ist nicht das Ende der Welt – weder in Großbritannien noch in vielen anderen Ländern: Denn die HörerInnen haben viele verschiedene Möglichkeiten, Radio zu hören. Solange wir sie regelmäßig daran erinnern, wird der Brexit einer selten gehörten und minderwertigen Übertragungsform wahrscheinlich leicht zu verkraften sein.


James CridlandDer Radio-Futurologe James Cridland, spricht auf Radio-Kongressen über die Zukunft des Radios, schreibt regelmäßig für Fachmagazine und berät eine Vielzahl von Radiosendern immer mit dem Ziel, dass Radio auch in Zukunft noch relevant bleibt. Er betreibt den Medieninformationsdienst media.info und hilft bei der Organisation der jährlichen Next Radio conference. Er veröffentlicht auch podnews.net mit Kurznews aus der Podcast-Welt. Sein wöchentlicher Newsletter (in Englisch) beinhaltet wertvolle Links, News und Meinungen für Radiomacher und kann hier kostenlos bestellt werden: james.crid.land. Kontakt: james@crid.land oder @jamescridland.

 

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