Was Saddam Hussein, Tim Renner und Johnny Cash mit dem Radio zu tun haben

Veröffentlicht am 01. Feb. 2004 von unter Bitter Lemmer

Bitter Lemmer

Die Absetzung von Saddam Hussein ist für Autofahrer etwa so wichtig wie der Rücktritt von Tim Renner für Musikradios. Es geht in beiden Fällen um Rohstoffe. Im ersten Fall um das Öl, aus dem Benzin zum Fahren gemacht wird. Im zweiten um Musik, aus der Hörer und Quoten gemacht werden. Da über den Irak schon viel geschrieben und geredet wurde, reden wir also über Tim Renner und die Musikindustrie. Und über Johnny Cash.

Universal ist die größte Musikfirma der Welt, und sie ist die größte Musikfirma Deutschlands. In Deutschland konnte Universal in den letzten krisenhaften Jahren Marktanteile hinzugewinnen. Das will etwas heißen, denn weltweit läuft kein Musikmarkt so schlecht wie der deutsche. In den letzten fünf Jahren (bis 2002) sanken die Umsätze mit Musik in Deutschland von mehr als 3 Milliarden US-Dollar auf unter 2 Milliarden US-Dollar (Quelle: IFPI). Ein Drittel ging verloren. Im Jahr 2003 gab es nach den Worten des Phono-Verbands-Vorsitzenden Gerd Gebhardt gar die schlimmsten Einbrüche aller Zeiten. Die Zahlen wird es im Frühjahr geben.

Die Musikindustrie nennt – wie immer – die Musikpiraterie als Hauptgrund. Wenn das so wäre – warum verlaufen die Umsatzkurven in Großbritannien und Frankreich ganz anders? In Großbritannien pendeln die Umsätze ohne erkennbaren Trend immer um 2,9 Milliarden US-Dollar. In Frankreich gab es bis zum Jahr 2000 Verluste, seitdem aber steigen die Umsätze wieder und liegen heute bei mehr als 2 Milliarden US-Dollar. Deutschland war vor fünf Jahren der wichtigste Markt für Musik in Europa. Heute sind Großbritannien und Frankreich deutlich stärker. Daß Universal sich besser als andere diesem Trend widersetzt hat, muß damit zu tun haben, daß diese Firma anders arbeitet und besser geführt wird (wurde) als andere. An den Musikpiraten liegt es sicher nicht.

„Obwohl der Markt deutlich geschrumpft ist, haben wir im vergangenen Jahr wieder an Umatz mit deutschen Künstlern hinzugewonnen, dem Markttrend getrotzt“, bilanziert Tim Renner seine Amtszeit in der offiziellen Presseverlautbarung zu seinem Ausscheiden. Den Erfolg erklärt er damit, daß er auch ungewöhnlichen und neuen Künstlern zum Erfolg verholfen hatte: „Ich glaube fest daran, dass der Markt auch Repertoire aus Szenen und Nischen braucht, um authentische Inhalte zu entwickeln“. Nun aber sollte Renner die Entwicklung des heimischen Repertoires den Sparplänen der internationalen Muttergesellschaft unterordnen – war dazu aber nicht bereit, wie Universal in dankenswerter Offenheit mitteilt. Ebenso offen kündigt Universal-Weltchef und Interims-Nachfolger Jorgen Larsen an, daß die Schwerpunkte sich verschieben werden – weg von den Nischen und Szenen, statt dessen „gezielt auf Mainstream und TV-Plattformen“.

Tim Renner war mit 39 Jahren der jüngste in der Riege der Plattenbosse. Er war außerdem der innovativste. Ausgerechnet der erfolgreichste deutsche Musikmanager muß sich jetzt der vielerorts grassierenden falsch verstandenen Controller-Logik beugen, die den Erfolg allein an ersparten Kosten, nicht aber an wachsenden Umsätzen mißt. Das ist übrigens eine Parallele zu mancher deutschen (und österreichischen) Radiostation.

Kommen wir an dieser Stelle zu den Radios. Radiosender machen keine Musik, sie machen Radio. Sie bedienen sich der Musik, die im Markt zu haben ist. Musik ist ein Rohstoff für Radiosender. Rohstofflieferant ist die Plattenindustrie. In der bunten Theorie bringen Plattenfirmen ständig neue tolle Musik heraus. Mit der laufen sie zu den Radiosendern und machen sie den Musikchefs schmackhaft. Die wiederum bekommen tollen aktuellen Nachschub für die Playlist. Der läßt sich an ganz viele Hörer verkaufen – und alle sind zufrieden, in der bunten Theorie. Die Realität ist aber leider grau. Die zuständigen Leute der Musikindustrie – die „A&R-Manager“ – hören Radio und suchen sich Künstler, die so klingen wie die, die gerade im Radio zu hören sind. Mit denen produzieren sie Musik, die es schon gibt und gehen damit zu den Radiosendern und sagen, sie hätten etwas, das so klingt, wie das, was es schon gibt. Ebenso grau ist die Reaktion manches Radiomenschen, der am liebsten von Sicherheit redet und darum dasselbe spielt wie immer, nur mit einem neuen Namen drauf. Noch grauer ist das gut behütete und bisweilen unter der Hand geraunte Geheimnis einer kleinen Handvoll Radioberater und Musikchefs, die sich die Einsätze bestimmter Titel gegen grauschwarzes Bares vergüten lassen. Das gilt ganz besonders für das graue Mittelmaß im Radiomarkt.

Jetzt ein Wort zu Johnny Cash. Der Mann starb vergangenen September im Alter von 71 Jahren eines natürlichen Todes. Cash war längst in einem Alter, in dem er für den durchschnittlichen deutschen A&R-Manager als unvermittelbarer Sozialfall gegolten hätte. Wer will schon alte Männer? Seine letzten Alben verkauften sich trotzdem exzellent. Posthum ist jetzt in den USA eine CD-Box mit weiteren bisher unveröffentlichten Songs erschienen. Ein alter Freund von mir – Musik-Afficionado mit besten Beziehungen zu diversen Import-Plattenhändlern – klagte mir vor einigen Tagen sein Leid darüber, daß es ihm bisher nicht gelungen sei, ein Exemplar zu ergattern. Die erste Auflage sei ausverkauft, es gebe Lieferschwierigkeiten, habe ihm sein Lieblingshändler erklärt. Es gibt Gründe dafür, daß Johnny Cash ein treues Publikum hat. So treu, daß eine bedauernswerte Kreatur vergeblich Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um den zu finden, dem er knappe 100 Euros dafür in die Hand drücken darf.

Aber vielleicht sind ja auch nur wieder die Musikpiraten schuld.


Lemmer

Christoph Lemmer arbeitet als freier Journalist in Berlin.

E-Mail: christoph@radioszene.de

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