43 Jahre Zündfunk: Orientierung im Dschungel zwischen Pop und Politik

Veröffentlicht am 29. Jan. 2017 von unter Deutschland, Musik

Zündfunk-Logo (Bild: ©BR)Plötzlich waren sie da – die ersten Jugendangebote im deutschen Radio. Die Rede ist hier nicht von Wellen wie 1LIVE, FRITZ oder N-JOY. Nein, von deren fast vergessenen Vorläufern – den „Zielgruppensendungen für Jugendliche“ (so die damalige Diktion) aus den späten 1960er und 1970er Jahren: also „Radiothek“ (Westdeutscher Rundfunk), „Point“ (Süddeutscher Rundfunk), „Pop Shop“ (Südwestfunk), „Zündfunk“ (Bayerischer Rundfunk), „S-F-Beat“ (Sender Freies Berlin), „Hallo Twen“/„Drugstore 1421“ (Saar-ländischer Rundfunk),  „Treffpunkt“ (RIAS), „Teens Twens Top-Time“/„R-u-m-m-s“ (Hessischer Rundfunk), „Rizz“ (Radio Bremen), „Die Musicbox“ (Österreichischer Rundfunk) oder „Club“ (Norddeutscher Rundfunk).

Die Einführung dieser Formate erwies sich mit dem parallel einhergehenden Siegeszug der Pop- und Rockmusik sowie den tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen ab Ende der späten 60er Jahre als kluger Schachzug der Programmverantwortlichen. Man ließ den meist blutjungen Moderatoren mit ihren gegen Strich gebürsteten Sendeideen freien Lauf und holte die von der damaligen deutschen Programmwelt gelangweilten Teens und Twens scharenweise zum Radio. Dort liefen statt Schlagern und weichgespülter Tanzmusik nun anglo-amerikanische Songs vom Schlage Jimi Hendrix, The Doors, Pink Floyd und Deep Purple, aber auch erster ernstzunehmender Deutsch-Rock und kritische Liedermacher wie Hannes Wader, Reinhard Mey oder Franz Josef Degenhardt. Oft zwar nur via Mittelwelle, aber immerhin. Und die Hörer liebten den frischen Wind durch die unverbrauchten und aufmüpfigen Persönlichkeiten am Mikrofon, mussten sie bei der Wahl ihrer Musik nun nicht länger nur bei Radio Luxemburg, AFN oder BFBS einschalten. Die Resonanz auf die neuen Sendungen wuchs explosionsartig. Untersuchungen zur Reichweite der „WDR Radiothek“ förderten 1976 beispielsweise zutage, dass in Nordrhein-Westfalen jeder zweite zwischen 14 und 29 Jahren die Sendung mehrmals in der Woche einschaltete.

Die Zündfunk-Moderatoren Achim "60" Bogdahn (links) und Roderich Fabian bei einer Zündfunk-Party (Bild: BR)

Die Zündfunk-Moderatoren Achim “60” Bogdahn (links) und Roderich Fabian bei einer Zündfunk-Party (Bild: BR)

Neben dem Haupteinschaltimpuls „Musik“ sendete ein guter Teil dieser jungen Formate auch (mehr oder weniger ausgeprägte) Wortprogramme mit thematischen Schwerpunkten aus Politik, Jugendfragen, Soziales, Bildung, Gesellschaft und Kultur. Themen, die in den damals aufgeheizten Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs nicht selten für kontroverse Diskussionen in der Öffentlichkeit sowie in den Aufsichtsgremien der Anstalten sorgten. Regelmäßig wurde nach der Ausstrahlung unbequemer Inhalte lautstark die Absetzung einzelner Jugendsendungen oder die Verbannung von Programmmachern gefordert.

Nach ihrer Blütezeit in den 1970er Jahren verschwanden die Jugendformate der ersten Stunde aus den unterschiedlichsten Gründen Stück für Stück von der Bildfläche: Senderfusionen bzw. -einstellungen (RIAS, SWF, SDR, SFB), Veränderungen im Zeitgeist der jungen Generation, nachlassendes Interesse durch das Aufkommen privater Konkurrenz sowie des Musikfernsehens – vor allem aber auch die erfolgreiche Einführung der UKW-Servicewellen und die damit verbundene (meist erfolglose) Findung nach passenden Sendeplätzen für die Jugendsendungen. Irgendwie, so hatte man den Eindruck, hatten sich die Konzepte überlebt und ausgedient.

Die allermeisten der damals so erfolgreichen Sendungen sind Geschichte. Überlebt hat lediglich der 1974 gegründete „Zündfunk“. Nicht als altbackener und ewig gestriger Dinosaurier, sondern als ein sich stetig neu erfindendes Szenemagazin für die „Engagierten“ und „Modernen Etablierten“ unter den Hörern des Bayerischen Rundfunks – sehr zum Wohle unter anderem auch für die Musik jenseits des Mainstreams.

Die Sendung positionierte sich auf dem Radiomarkt als Alternative mit Ecken und Kanten, indem sie sich auf eine Berichterstattung (auch) abseits des Massengeschmacks konzentrierte. Punk, Heavy Metal, Techno, Indie Rock fanden, wenn im Radio, dann im „Zündfunk“ zuerst statt. Trends wie die „Hamburger Schule“ mit Bands wie Blumfeld oder Tocotronic und deutschsprachiger Rap wurden frühzeitig aufgegriffen. Bei Umfragen von Musikzeitschriften wie Spex und de:Bug wird der „Zündfunk“ immer wieder auf vordere Plätze unter den beliebtesten Rundfunksendungen gewählt.

Als angenehmer Nebeneffekt für den BR erwies sich das Format als hausinterner Talentschuppen: so sammelten bekannte Medienpersönlichkeiten wie  Sandra Maischberger, Thomas Gottschalk, Lotto-Fee Franziska Reichenbacher oder die Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg, Dagmar Reim, ihre ersten Hörfunkerfahrungen beim „Zündfunk“.


RADIOSZENE sprach mit den Programmverantwortlichen Jan Heiermann (Redaktionsleitung) und Michael Bartle (Musikchef) über ein offensichtlich ewig junges Sendeformat.

Jan Heiermann (Bild: BR/Lisa Hinder

Jan Heiermann (Bild: BR/Lisa Hinder

RADIOSZENE: Der „Zündfunk“ ist das ARD-weit letzte Szenemagazin aus der Gründerzeit einschlägiger, seinerzeit junger Formate wie „Point“ (SDR) oder „Radiothek“ (WDR). Wie sehr hat sich der Charakter der Sendung über mehr als 40 Jahre hinweg verändert?

Jan Heiermann: Was einst als ‚Jugendfunk‘ begann, also als damals auch sehr modernes Einschaltprogramm von jungen Menschen für junge Menschen, hat sich naturgemäß stark verändert. Der klassische ‚Jugendfunk‘ hat sich zunächst als ‚Anwalt der Jugend‘ verstanden, aber auch als ihr Ratgeber. Es gibt im Archiv etwa einen Beitrag aus frühen Jahren, der genauestens schildert, wie man sich in einer Jugendherberge zu verhalten hat.

Danach kam eine Zeit, in der Szenekenner aus den Szenen für die Szene berichtet haben. Das war eine Zeit, als es noch keine Alternativ- bzw. Konkurrenzangebote in Form von Privatradio oder Internet gab und die öffentlich-rechtlichen Angebote die einzigen waren, auf die man auch als junger Mensch zugreifen konnte. Dies kennzeichnet etwa die Geburtsstunde der ersten Technosendung oder der ersten Computersendung im Bayerischen Rundfunk – beide vom ‚Zündfunk‘.

Seit der ‚Zündfunk‘ das Label ‚Jugendfunk‘ bzw. ‚Jugend‘ an die Kolleginnen und Kollegen von PULS, der jungen Welle des BR, abgegeben hat, versteht sich der ‚Zündfunk‘ als modernes Zielgruppenprogramm, dass sich nicht mehr über Alter definiert, sondern über eine Haltung, eine Ästhetik, eine popkulturelle Sozialisation. Heute berichten Szenekenner aus den Szenen für die Hörerinnen und Hörer, die nicht mehr notwendigerweise einer Szene angehören müssen. Sie halten sich aber auf diesem Wege über relevante Entwicklungen auf dem Laufenden. ‚Zündfunk‘ will Orientierung im Dschungel einer zunehmend unübersichtlichen Welt zwischen Pop und Politik bieten, ist also immer noch eine Art Navigator – aber ohne Ratgeberfunktion, dafür mit dem Anspruch, früh und dennoch mit Tiefgang  zu informieren. ‚Pop-Feuilleton‘ könnte man dazu wohl auch sagen, wenngleich das nur einen Teil dessen ausmacht, was der ‚Zündfunk‘ über die Jahre geworden ist. So hat für viele Hörerinnen und Hörer bzw. Nutzerinnen und Nutzer der ‚Zündfunk‘ durchaus die Qualität einer Community, in der sie sich frei nach Douglas Adams über Pop, das Universum und den ganzen Rest verständigen. Deutlich wird das etwa in ‚Zündfunk‘-Formaten wie der Ü-Wagensendung ‚Stadtwerke‘, die fünf mal im Jahr aus einer bayerischen Stadt sendet und dort Macherinnen und Macher, Künstlerinnen und Künstler und viele mehr mit ihren aktuellen Projekten zu Wort kommen lässt.

Zündfunk-Moderatorin Birgit Frank bei "Zündfunk on Tour" an der Ludwig-Maximilians-Universität München im Mai 2011 (Bild: ©BR/Denis Pernath)

Zündfunk-Moderatorin Birgit Frank bei “Zündfunk on Tour” an der Ludwig-Maximilians-Universität München im Mai 2011 (Bild: ©BR/Denis Pernath)

Flankierend dazu hat sich sehr viel in der Radioästhetik verändert – Einzelmoderation wurde durch Doppelmoderation ergänzt, die Produktionsästhetik der Beiträge wurde moderner und schneller, neben der Audioebene Radio kam die digitale Ebene des Internets und von Social Media hinzu – und all dies, ohne dass die Inhalte an Tiefe eingebüßt haben. Jedenfalls haben wir das immer versucht, und ich hoffe auch bis heute immer wieder geschafft. Aber über den Erfolg dieser Maßnahmen muss natürlich letzten Endes das Publikum entscheiden.

Nach der Einteilung in die gängigen Mediennutzungsmilieus zielt die Sendung wohl am ehesten auf die Gruppe der ‚Engagierten‘ und der ‚Modernen Etablierten‘ ab, wobei es immer auch Schnittmengen zu anderen, benachbarten Gruppen gibt, etwa den ‚Familienorientierten‘ oder den ‚Zielstrebigen‘ (siehe dazu: http://blogs.hr-online.de/mnt/).

RADIOSZENE: Zu welchen Zeiten und mit welchen Themenschwerpunkten ist der „Zündfunk“ heute auf Sendung?

Jan Heiermann: Der ‚Zündfunk‘ sendet Montag bis Donnerstag von 19.00 bis 20.00 Uhr und am Freitag von 19.00 bis 21.00 Uhr ein Magazin zu aktuellen Themen zwischen Pop und Politik. Das Format wird bestimmt durch eine Doppelmoderation sowie durch Interviews, Reportagen, Berichte, Kommentare, Essays und aktuelle Musik.

Am Samstag sendet die Redaktion ab 19.00 Uhr eine Stunde zu popkulturellen Schwerpunkten. Hier gibt es im Wechsel zwei Formate:

1) Zündfunk Playback‘ Eine Stunde, die legendäre Typen, legendäre Alben oder ein Genre vorstellt, das neu ist oder gerade wieder aufersteht. Die Bandbreite der Themen umfasst alles, was im Pop verhandelt wird, also Musik, Literatur, Film, Spiele, etc.

2) ‚Zündfunk Listen!‘ Top Ten-, Top Hundred- und sonstige Listen beherrschen das Netz ebenso wie die analoge Welt. ‘Welche 10 Platten würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?’ ist ein echter Klassiker der Popkultur. Man kann die Welt perfekt in Listen darstellen, etwa mit den ’10 Tracks, die Hip Hop möglich machten’, den ’12 Bands, die ihr Euch für das Jahr 2018 merken solltet’, oder auch ’15 Meme, die den amerikanischen Wahlkampf entschieden haben’. Changierend zwischen ernst und humorvoll, aber immer gewohnt kenntnisreich, clustern und listen wir die Welt, wie sie uns und – hoffentlich – auch unserem Publikum gefällt.

Am Sonntag produziert die Redaktion zwischen 22.00 und 23.00 Uhr die Sendung ‚Zündfunk Generator‘. Die Welt, in der wir leben, wird immer schnelllebiger und komplexer. Was in der einen Woche unsere Schlagzeilen bestimmt hat, ist in der nächsten schon wieder von den Titelblättern und damit auch von unserem Aufmerksamkeitsradar verschwunden. Der Generator setzt dieser Entwicklung bewusst eine andere Stimme entgegen. Er nimmt sich Zeit, Themen, die der Redaktion wichtig sind, genauer zu betrachten. In Serien und monatlichen Schwerpunkten können einzelne Entwicklungen in einen größeren Zusammenhang eingeordnet und diskutiert werden. Dabei stellt der ‚Generator‘ Autoren, Künstler, Aktivisten und Philosophen vor und greift aktuelle gesellschaftliche Debatten auf, vertieft und beleuchtet sie aus verschiedenen Perspektiven. Es geht um Literatur und Gesellschaft, Pop und Politik, das Universum und den ganzen Rest.

Zündfunk-Moderatorin Birgit Frank bei "Zündfunk on Tour" 2011 (Bild: ©BR/Denis Pernath)

Zündfunk-Moderatorin Birgit Frank bei “Zündfunk on Tour” 2011 (Bild: ©BR/Denis Pernath)

Von Montag bis Sonntag zwischen 23.00 und 24.00 Uhr verantwortet die Redaktion außerdem die Sendereihe ‚Bayern 2-Nachtmix‘, die Stunde für anspruchsvolle Popmusik. Darin stellen die Musikmacher relevante Neuerscheinungen, Re-Releases oder auch von ihnen wiederentdeckte Pop-Perlen vor.

Darüber hinaus ist die Redaktion sowohl im Netz mit Inhalten vertreten als auch auf Facebook, Twitter, Instagram, Spotify und ähnlichen Streamingdiensten und Social Media-Plattformen. Im fünften Jahr organisiert sie den ‚Zündfunk Netzkongress‘, auf dem an zwei Tagen im Oktober Fragen nach dem (digitalen) Zustand unserer Welt beantwortet werden.

RADIOSZENE: In den 1970 Jahren bestimmten Themen wie der „Deutsche Herbst von 1977“ oder die Anti-AKW-Proteste die Sendeinhalte. Welche gesellschaftlichen Themen greifen Sie heute auf?

Jan Heiermann: Im Prinzip ist heute jedwedes relevante gesellschaftspolitische Thema auch ein Thema für uns. Das reicht von Big Data über die US Wahlen und Sexismus in der Popkultur bis zum politischen und außerparlamentarischen Rechtsruck in Deutschland und Europa. Wir versuchen allerdings bei aktuellen Themen einen besonderen Blickwinkel einzunehmen, eine spezielle Haltung zu entwickeln, einen schrägen Zugang zu generieren, um uns von Medien und Sendungen mit klassischerem (News-)Fokus klar abzugrenzen. Ein popkultureller Zugang bietet sich hier ab und zu an, ist aber kein Muss, ebenso der besondere AutorInnenblick in Radioessays im Magazin oder auch in der Sendung ‚Zündfunk Generator‘.

Als Thema geht hier viel, es nur muss etwas mit unser aller Leben zu tun haben. Was die Qualität der Sendung ausmacht, ist der jeweilige Blickwinkel und die Herangehensweise der Autorin oder des Autors. Die Macher der Sendungen bringen in der Regel ein großes Hintergrundwissen in ihrem Spezialgebiet mit und wagen dabei auch akustische, essayistische Experimente. Die Sendereihe wurde immer wieder mit Preisen ausgezeichnet, zuletzt etwa mit dem Ernst-Schneider-Preis, dem Deutschen Sozialpreis oder dem Journalistenpreis Informatik des Landes Saarland.

RADIOSZENE: Welches Moderatorenteam steht hinter der Sendung? Aus der Sendung ist bekanntlich eine gute Zahl bundesweit prominenter Namen wie Sandra Maischberger oder Dagmar Reim hervorgegangen. Und mit Roderich Fabian ist ja noch immer ein langgedienter Moderator aus der Gründerzeit aktiv …

Jan Heiermann: Neben den genannten Namen sind natürlich viele ehemalige Kolleginnen und Kollegen dem BR treu geblieben. Mercedes Riederer etwa ist die Chefredakteurin im Hörfunk, Klaus Kastan BR-Sportchef, Alexander Schaffer ist Programmredaktionsleiter von Bayern 2, Ulrike Ebenbeck leitet das Feature auf Bayern 2. 

Achim Bogdahn während der Zündfunk-Sendung am 29. März 2014 live aus dem Quelle-Gebäude in Nürnberg (Bild: BR/Zündfunk)

Achim Bogdahn während der Zündfunk-Sendung am 29. März 2014 live aus dem Quelle-Gebäude in Nürnberg (Bild: BR/Zündfunk)

Heute sind es zahlreiche Namen, die während der Woche im Doppel, an den Wochenenden einzeln, die Sendung moderieren. Neben Roderich Fabian sind im ‚Nachtmix‘ etwa noch Thomas Meinecke, Sabine Gietzelt, Judith Schnaubelt, Angie Portmann aus dem früheren Team zu hören, im Magazin auch noch Bärbel Wossagk, Noe Noack, Ralf Summer und Achim Bogdahn. Neu hinzugekommen sind Stimmen wie Tobias Ruhland, Helen Malich, Ann-Kathrin Mittelstrass, Caro Matzko, Franziska Storz und noch einige mehr. Sie alle moderieren den ‚Zündfunk‘, sitzen aber auch für andere Redaktionen hinter dem Mikro oder stehen für BR Fernsehen vor der Kamera. Der ‚Zündfunk‘ war einst Talentschmiede und ist es auch heute noch.

Dazu kommen aber auch die CvDs und Producer, die im Hintergrund die Sendung planen, redaktionell und dramaturgisch betreuen, Manuskripte redigieren, Beiträge und Sendungen akustisch veredeln, in Livesendungen Regie führen, und nicht zu vergessen die ReporterInnen, das Sekretariat und die Programmassistenz. Insgesamt umfasst das Team etwa 45 hauptsächlich freie MitarbeiterInnen, die mit unterschiedlicher Intensität am Gesamtkonzept Zündfunk arbeiten.

Michael Bartle (Bild: ©BR)

Michael Bartle (Bild: ©BR)

RADIOSZENE: Natürlich war Musik wohl auch ein entscheidender Einschaltimpuls für zahlreiche Hörer. Nach welchen Kriterien wählen Sie heute die Musik aus?

Michael Bartle: Wichtig ist zunächst: Unsere Musik ist im Magazin wie im Nachtmix ‚handpicked‘, es gibt keine computer-generierte Rotation, unsere täglichen Musikmacher suchen sich ihre Musik selbst aus und haben jahrelang Erfahrung darin. 

Unsere absolut wichtigsten, musikjournalistischen Kriterien sind Relevanz und Qualität. Hat uns der Künstler sprachlich-textlich, soundästhetisch und musikalisch etwas Neues mitzuteilen? Steht sein Sound exemplarisch für Zeitläufte? Bringt er die Popmusik oder sein Genre voran? Oder ist er, wenn schon nicht innovativ, ein Meister seines Faches, versiert in seinem Genre? Ist die Band gerade in Bayern zu sehen – also der Faktor ‚Nähe‘? Oder – auch das ist möglich und wichtig im Medium Radio – ist es einfach ein guter Popsong, einer der emotionalisiert, Laune macht? 

Der Großteil – etwa zwei Drittel – unserer Musik ist neu und nicht älter als sechs Monate. Es ist uns trotzdem absolut wichtig, sowohl in den musikjournalistischen Moderationen als auch in der Songauswahl, immer wieder die Verbindungslinien, die Roots, die Vorbilder offenzulegen, Bezüge herzustellen, Popgeschichte erlebbar zu machen – sowohl in den alltäglichen Sendungen als auch mit Sendereihen wie ‚The history of rock’n’roll as told in our radio show‘. Oder tolle Songs aus den fast sieben Jahrzehnten hervorzuholen und neuen Hörerinnen und Hörern vorzustellen.

Eine Rolle bei der Musikauswahl spielen außerdem natürlich auch die Konzerte, die wir präsentieren, unser ‚Album der Woche‘ oder die Künstler, die wir einladen. 

RADIOSZENE: Wie sehr beeinflussen Zeitgeist und aktuelle Musiktrends die Inhalte Ihrer Sendungen? 

Michael Bartle: Natürlich beeinflussen aktuelle Musiktrends und der Zeitgeist in hohem Maße unsere Musikauswahl – die Zeitschrift ‚Spex‘ hatte ja mal den schönen Claim ‚Musik zur Zeit‘. Wenn man also eine Zeit verstehen will, dann muss man versuchen, auch alle neuen popkulturellen Äußerungen und Zeichensysteme zu verstehen. Aber wir haben und nehmen uns die Zeit, Hypes einzuordnen, nicht auf jeden Zug aufzuspringen und neue Trends für unsere Hörer zu sortieren. 

RADIOSZENE: Gibt es Aussagen, wie stark sich der Musikgeschmack ihrer Hörer über die Jahre verändert hat?

Michael Bartle: Wir haben im August 2016 von der Medienforschung des Bayerischen Rundfunks eine große Onsite-Befragung unter den Hörern machen lassen. Musik ist demnach für unsere Hörer der allererste Beweggrund, den ‚Zündfunk‘ einzuschalten. Und sie vertrauen uns da in hohem Maße. Wie sich der Musikgeschmack unserer Hörer verändert hat, lässt sich nur schwer erforschen, es gibt dafür zu wenige Daten aus den 1990er Jahren. Aber so viel lässt sich aus der Onsite-Befragung ablesen: Wir gewinnen jede Menge neuer Hörer. 22 Prozent sind zwischen 14 und 29 Jahre alt. Ein Drittel hat uns in den letzten fünf Jahren neu entdeckt. Bei 15 Prozent ist die Liebe noch ganz frisch, denn sie kennen uns erst seit einem Jahr.

RADIOSZENE: Wie grenzen Sie sich musikalisch von der Haus-eigenen Jugendwelle PULS ab?

Michael Bartle: Hauptsächlich in der Adressierung an eine Zielgruppe, die bei uns deutlich älter ist. PULS bedient in viel stärkeren Maß Musikgenres für sehr junge Hörer – etwa deutschen Hip Hop oder populäreren, jungen House und Elektronik. PULS sendet auch den ganzen Tag und hat wie eine Welle ein computer- und rotationsgestütztes Musikformat. Auch die Förderung junger bayerischer Bands mit Formaten wie der ‚Startrampe‘ ist hauptsächlich und sehr gut bei PULS aufgehoben. Genres für ältere Pop-Fans wie Country, Americana, aber auch Punk finden bei PULS nicht in dem Maße wie bei uns etwa im ‚Nachtmix‘ statt. Überschneidungen gibt es dagegen bei neuen, heißen und innovativen Genres wie Trap, Post-Step, etc. Da mag es manchmal sogar eine immer kollegiale Konkurrenzsituation geben, wer etwas als erster ‚entdeckt‘.

Jan Heiermann, Leiter Zündfunk, Bayerischer Rundfunk (Bild: ©BR/Lisa Hinder)

Jan Heiermann, Leiter Zündfunk, Bayerischer Rundfunk (Bild: ©BR/Lisa Hinder)

RADIOSZENE: Welche Rolle spielen beim „Zündfunk“ die sozialen Medien und das Internet generell bei der Einbindung der Hörer. 

Jan Heiermann: Eine sehr große Rolle. Der ‚Zündfunk‘ war gegenüber technischen Neuerungen, die sich selbstredend auf die journalistische Praxis auswirken, schon immer aufgeschlossen. Die Reaktion war etwa Mitte der 1990er-Jahre eine der ersten im BR mit eigener Homepage. Mit dem Auftauchen von Streamingdiensten wie Spotify erkannte die Redaktion früh deren Potential und die Herausforderung für klassische Medien, die damit verbunden waren. Als Resultat ist der ‚Zündfunk‘ dort seit langem mit eigenen Inhalten präsent. Social-Media-Dienste wie Facebook oder Twitter spielen ebenfalls eine große Rolle. Auch hier war die Redaktion zu einem frühen Zeitpunkt engagiert, und die Rückkanäle vom Publikum in die Redaktion stellen dabei bis heute wertvolle Kommunikationswege dar. Die digitale Entwicklung steht dabei aber erst am Anfang. Ich bin davon überzeugt, dass Journalisten die neuen Entwicklungen wahrnehmen und zu nutzen wissen müssen, um nicht vom Publikum abgehängt zu werden. Die Inhalte müssen sich dabei aber auch stets den veränderten Darreichungsanforderungen anpassen. Die zur Zeit eher technikgetriebene digitale Entwicklung ist sicherlich mit die größte Herausforderung für den Journalismus der Zukunft. Dabei gilt es auch stets, die kritische Distanz zu wahren und einen angemessenen Umgang mit neuen Technologien einzufordern und zu pflegen. Letzten Endes sollte es uns auch dadurch gelingen, die technische Entwicklung in den Dienst der Inhalte zu stellen.

RADIOSZENE: Wie eingangs erwähnt ist der „Zündfunk“ das einzig verbliebene Magazin seiner Art. Warum hat sich das Konzept so lange gehalten oder anderhersrum gefragt: warum sind bei anderen Sendern Formate wie „Pop Shop“, „Point“ oder „Radiothek“ verschwunden?

Jan Heiermann: Ich weiß nicht, warum die anderen Formate heute so nicht mehr existieren. Ich denke, dass man dabei jeweils die Publikumsstruktur der einzelnen Sendegebiete oder auch Besonderheiten in den Landesrundfunkanstalten berücksichtigen muss. Ich kann nur sagen, dass wir den für Medien langen Lebensweg, den diese Redaktion bereits gegangen ist, auch dafür genutzt haben, uns ständig zu verändern und uns den neuen Entwicklungen in der Medienwelt zu stellen, und der Bayerische Rundfunk hat das bis heute als eine Qualität anerkannt. Aus dem Jugendfunk wurde ein Szenemagazin; aus frühen ‚jugendlichen‘ Höreransprachen wurde eine lockere, aber für ein erwachseneres Publikum passende Doppelmoderation; aus einstigen musikalischen Spezial- oder Genresendungen wurden Mixe; aus früher Radioästhetik wurde eine moderne. Alles hatte seine Zeit und Berechtigung, und der ‚Zündfunk‘ hat meiner Meinung nach stets interessante Antworten auf aktuelle Fragen gefunden – inhaltlich wie formal. Vielleicht ist die stete Veränderungsbereitschaft ja einer der Gründe, warum dieses Programm nie altbacken und überholt, sondern immer zeitgemäß klingt. Ich halte dies jedenfalls für einen plausiblen und schönen Gedanken.

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