“Wir werden auf Anhieb die Radiolandschaft verändern”

Veröffentlicht am 13. Dez. 2007 von unter News, Schweiz

ROGER SCHAWINSKI IM RADIOSZENE INTERVIEW:

Roger Schawinski_110Ende der 70er Jahre schrieb er mit Radio24 Schweizer Mediengeschichte. Von Italien aus brach er als erster das Schweizer Radiomonopol. In den 90ern startete er den lokalen TV-Sender TeleZüri und später den landesweiten Sender Tele24. Bis Ende 2006 war er Geschäftsführer des deutschen Privatfernsehsenders Sat.1. Jetzt kehrt Schawinski zurück zu seinen Anfängen. Mit Radio1 will er noch einmal die Schweizer Medienlandschaft verändern.

RADIOSZENE: Herr Schawinski, während alle von Web 2.0 oder Social Networks reden, wenden Sie sich wieder einem „alten“ Medium, dem Radio zu. Warum?

Schawinski: Das ist immer meine Art gewesen. Immer wenn alle in eine Richtung blicken, dann drehe ich mich um und schaue in eine Richtung, wo niemand mehr hinschaut. Ich glaube, Radio wurde in den letzten Jahren sehr stark vernachlässigt, ja beinahe vergessen. Da hat sich eine Entwicklung ergeben, die nicht sehr erfreulich ist. Damit sind Möglichkeiten da, das Ganze zu drehen und deshalb bin ich jetzt wieder zu meinem alten Medium Radio zurückgekehrt.

Schawinski zur Rückkehr ins Radiobusiness (mp3)

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RADIOSZENE: Sie verfolgen derzeit gleich mehrere Radioprojekte. Das wichtigste davon ist Radio1 in Zürich. Wie sieht der Zeitplan aus, wann wird Radio1 on Air gehen?

Schawinski: Wir werden Mitte Januar mit einem Testprogramm on Air sein; einem Soundcheck wie wir das nennen, weil wir noch das Studio bauen. Aber wir möchten die Leute auf unsere Frequenz aufmerksam machen und werden auch eine Werbekampagne starten. Mitte März geht es dann richtig los mit unserem Programm aus unseren neuen Studios aus dem Zentrum von Zürich.

Schawinski zum Sendestart von Radio1 (mp3)

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RADIOSZENE: Die Zielgruppe von Radio1 sollen die 30- bis 60-Jährigen sein. Wie wollen Sie eine so breite Zielgruppe programmlich unter einen Hut bringen?

Schawinski: Wir verwenden diese Begriffe nicht, irgendwelche Altersgrenzen. Wir sagen, wir machen ein Radio für Erwachsene. Alle, die sich erwachsen fühlen, werden angesprochen. Wir versuchen hier, ein Programm, eine Musik und eine Ansprache zu finden, die diese – zumindest in der Schweiz – arg vernachlässigte Bevölkerungsgruppe erreichen wird. In der Schweiz gibt es vor allem Radio für Junge, für Kids oder Senioren-Radio wie DRS 1 und die Mitte, diese ganz große Gruppe der Erwachsenen, ist absolut unterversorgt. Da werden wir versuchen, Abhilfe zu schaffen.

Schawinski zur Zielgruppe von Radio1 (mp3)

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RADIOSZENE: Sie haben Radio24 unlängst als „Dudelfunk“-Sender bezeichnet. Wie wird sich Ihr neues Radio von einem „Dudelfunk“-Sender unterscheiden?

Schawinski: Ich habe nicht Radio24 als Dudelfunk bezeichnet, sondern im Prinzip alle privaten Formatradios, wo man langsam das Gefühl hat, dass die Leute einfach genug haben von dieser Art von entseeltem Radio. Wir wollen versuchen, Radio mit Seele zu machen, mit Herzblut, mit Menschen, die Inhalte vertreten, die nicht irgendwelche von Beratern vorgegeben Musik abspulen, sondern die eine echte Beziehung haben zu allen Inhalten des Radioprogramms.

Schawinski zum Programm von Radio1 (mp3)

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RADIOSZENE: Können Sie schon etwas mehr – einige Details – zum Programm von Radio1 verraten?

Schawinski: Nein, das möchten wir in dieser Phase noch nicht, weil uns die Konkurrenz in dieser Phase sehr stark beobachtet und alles versuchen wird, uns zu imitieren. Der damalige Leiter von Radio24 hatte am Tag der Ankündigung unseres Senders schon gesagt: „Ja, die Musik können wir dann auch ändern.“, was nicht von unbedingt großem Selbstbewusstsein zeugt. Aber gewisse Dinge sind leichter zu imitieren, andere nicht. Wir haben die besten Stimmen der Schweiz bei uns anheuern lassen. Wir werden – wie ich glaube – die beste und qualitativ hochstehendste Musik haben und wir haben Ideen, die es im Schweizer Radioprogramm überhaupt noch nicht gibt.

Schawinski zu weiteren Programmdetails (mp3)

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RADIOSZENE: Werden Information und Nachrichten bei Radio1 eine wichtige Rolle spielen?

Schawinski: Ja, Information, aber nicht nur vordergründige Information, sondern auch Hintergründe, auch längere Wortsendungen und Einschätzungen. All das soll das Radio wieder zu einem wichtigen Medium werden lassen und nicht nur zu einem Abspielort von immer denselben CD-Titeln.

Schawinski über die Rolle der Nachrichten bei Radio1 (mp3)

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RADIOSZENE: Warum haben Ihre Radiopläne in der Schweizer Medienlandschaft so hohe Wellen geschlagen?

Schawinski: Ich bin natürlich der Radiopionier der Schweiz. Jahrelang habe ich mich jetzt nicht mehr um Radio gekümmert. Radio ist verkümmert in der Zeit. Und jetzt plötzlich ist Radio wieder aktuell, es ist auf den Titelseiten der Zeitungen und deshalb wird nicht nur Radio1 profitieren, sondern die ganze Branche wird hoffentlich eine Renaissance erleben.

Schawinski zum Medienecho (mp3)

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RADIOSZENE: Warum hat sich das Radio in den letzten Jahren so entwickelt, wie es sich entwickelt hat?

Schawinski: Ich glaube, diese Richtung Formatradio, die so vor etwa zehn Jahren eingesetzt hat, da kamen irgendwelche Berater, die nicht ganz verdaute Rezepte aus Amerika nach Deutschland gebracht haben, die wurden dann noch weniger verdaut in die Schweiz gebracht. Das Resultat ist dann sehr bescheiden und auf Dauer auch unbefriedigend. Das muss man nochmals ganz neu angehen, muss neu zu denken versuchen. Und genau das tun wir.

Schawinski über Formatradio (mp3)

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RADIOSZENE: Was sind Ihre Erwartungen für Radio1 in Bezug auf Reichweiten und Wirtschaftlichkeit?

Schawinski: Ich glaube, wir werden das erste Premium-Radio in der Schweiz machen, in der größten und wirtschaftlich wichtigsten Region der Schweiz. Da werden wir – glaube ich – auf Anhieb eine Resonanz haben. Auch heute ist der Bekanntheitsgrad, obwohl wir noch keinen Werbe-Franken ausgegeben haben, schon sehr sehr hoch. Wir werden dann das Radio sehr stark bewerben. Ich glaube, wir werden auf Anhieb die Radiolandschaft verändern. In den letzten Jahren gab es kaum Verschiebungen. Hier wird etwas von Anfang an sehr schnell passieren. Bis wir dann ganz an die Spitze kommen, Radio1 sollte einmal die Nr. 1 werden, wird es einige Zeit dauern

Schawinski über die Ziele von Radio1 (mp3)

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RADIOSZENE: Reagiert die Werbewirtschaft auf Ihre Radiopläne, mit Ihrer Zielgruppe, die über die 50 hinausgeht, skeptisch?

Schawinski: Nein, bisher eigentlich sehr große Zustimmung. Die Werber selbst fühlen sich angesprochen, dass sie endlich wieder ein Radio hören, das sie auch selbst schätzen. Diese künstliche Guillotine-Grenze von 49, wie sie im Fernsehen sehr scharf eingehalten wird, gilt für das Radio weniger. Ich glaube, dass da die Vernunft einsetzen wird und man uns stark buchen wird. Wir haben sogar für die Testphase, wo wir wirklich nur Musik spielen, erstaunlicherweise schon sehr viele Buchungen erhalten. Das zeigt, dass wir sehr großen Goodwill bei der Werbeindustrie genießen.

Schawinski über erste Reaktionen der Werbewirtschaft (mp3)

[podcast]https://www.radioszene.de/wp-content/uploads/2007/12/10_schawinski_werbewirtschaft.mp3[/podcast]

RADIOSZENE: Neben Radio1 haben Sie noch weitere Radioprojekte: eines im Aargau und Radio Süd-Ost. Werden diese Sender Ableger von Radio1 oder werden das ganz eigenständige Programme und Formate?

Schawinski: Das werden ganz eigenständige Programme sein, weil die Konkurrenzsituation in den Regionen ganz anders ist. Dort gibt es nur ein regionales Radio. Das muss sich naturgemäß ganz anders präsentieren, als ein Radio, das sich innerhalb einer Konkurrenzsituation nur an eine Zielgruppe wendet.

Schawinski über weitere Radioprojekte (mp3)

[podcast]https://www.radioszene.de/wp-content/uploads/2007/12/11_schawinski_andereradioprojekte.mp3[/podcast]

RADIOSZENE: Herr Schawinski, danke für das Gespräch.

RADIOSZENE/WR

Links:
Roger Schawinski macht wieder Radio
Radiopionier Roger Schawinski

Radio1



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