Webradio: Boom bei Neustarts nationaler Online-Submarken

Veröffentlicht am 24. Jan. 2017 von unter Deutschland

Die deutsche Radiowelt hat in 2016 schwer aufgerüstet – zumindest bei der Zahl ihrer sog. „Online-Submarken“ im Internet. Vermeldete der „Webradiomonitor 2016“ für das Vorjahr lediglich 257 Sparten-Streams, so sind dies laut einer aktuellen Zählung durch RADIOSZENE zu Beginn 2017 bereits 456 Angebote. Wobei es sich hier um eine Nettoausweisung handelt, was heißt, dass identische Angebote, die bei verschiedenen Stationen wie bei ENERGY oder den Radio NRW-Lokalsendern zu hören sind, nur ein Mal gezählt wurden. Und: es wurden nur Angebote deutscher Programme gezählt, die über UKW oder DAB+ verbreitet werden.

In der Tat hat die nationale Radiobranche zuletzt intensiv an einer Ausweitung ihrer Spartenangebote gearbeitet. Nahezu täglich wurde gegen Ende des Vorjahres die Vielfalt durch neue kuratierte Streams bereichert. Wobei die Impulse naturgemäß von den Privatsendern ausgingen, den öffentlich-rechtlichen Anstalten sind bei Einrichtung zusätzlicher Angebote weiter die Hände gebunden.

Zu den besonders aktiven Verbreitern von Subchannels zählen Radio ENERGY (25 Angebote), Klassik Radio (26 Angebote), Radio BOB!, ANTENNE BAYERN, HITRADIO RT1, RPR1., Radio Regenbogen oder FluxFM.

Bernhard Bahners (Bild: @radio.de)

Bernhard Bahners (Bild: @radio.de)

Unter dem Strich sind dies stolze Zahlen. Worin ist nun dieser außergewöhnlich hohe Zuwachs an neuen Streams begründet? Bernhard Bahners, Geschäftsführer beim Hamburger Webradio-Aggregator radio.de: „Die Strategie das Markenerlebnis eines Senders ins Internetradio zu verlängern sehen wir schon seit einigen Jahren. Durch die konsolidierte Ausweisung der Senderreichweite in der agma IP wird diese Strategie noch wichtiger für die Sender. Darüber hinaus gibt es aber auch durchaus unterschiedliche Ansätze im Webbereich. Radio Hamburg und die REGIOCAST beispielsweise bauen eigenständige Marken auf, die deutschlandweit, also über die klassischen regionalen Einzugsgebiete der Sender hinweg funktionieren, und nicht auf den ersten Blick an die Sender gekoppelt sind.

Die Projekte greifen dabei natürlich auf die Programm- und Musikexpertise der jeweiligen Teams zurück. Eine weitere Strategie verfolgt FFH, um mit den Subchannels die Markenbekanntheit von FFH zu stärken und nur im zweiten Schritt die Reichweite. Hier ist eine klare Konkurrenz zu Spotify und den anderen Streamingdiensten zu sehen, denn auch im Streamingbereich genießen die Nutzer am liebsten von Kennern kuratierte Musik. Und diese Kernkompetenz der Radiomacher kann man gerade im Web hören und erleben, wenn die Zwänge der klassischen Rotationen abgelegt werden.”

Die musikalische Vielfalt der Angebote ist mitunter beachtlich, reduziert sich allerdings bei vielen der großen AC-Dampfer oftmals auf eine weitgehend identische Fragmentierung – also 80er Stream, Dance/Party, Deutsch-Pop, Oldies, aktuelle Hits usw. Hier ging der hanseatische Marktführer Radio Hamburg andere Wege und startete in 2016 eine große Zahl neuer Streams wie „Das neue Moll“, „Koffein Kick“, „Verzerrt aber Freundlich“ oder „Dinner für zwei“ – musikalisch eindeutig auf ein urbanes Publikum ausgerichtet und originell etikettiert.

RADIOSZENE sprach mit Gunnar Lahmann, der bei Radio Hamburg für die neuen Angebote verantwortlich zeichnet.

RADIOSZENE: Radio Hamburg hat 2016 ein ganzes Bündel neuer Musik Streams eingeführt. Form und Inhalt der Kanäle unterscheiden sich doch sehr von den Angeboten der Mitbewerber. Welche Idee streckt hinter dieser Ausrichtung?

Gunnar Lahmann (Bild: ©Radio Hamburg)

Gunnar Lahmann (Bild: ©Radio Hamburg)

Gunnar Lahmann: Als wir uns im letzten Jahr entschieden haben mit einem eigenen Portfolio von Streams an den Start zu gehen, wollten wir nicht den dreissisgten 80er Jahre Stream aufsetzen. Wir haben uns vielmehr selbst gefragt, in welcher Situation wir welche Musik hören. Danach haben wir die Streams gestaltet. Wir glauben daran, dass Musik immer Lebenssituationen begleitet und unsere Streams sich diesen Situationen anpassen müssen. Da wir alle aus Hamburg kommen, sind die Streams auch aus der Sicht von Hamburgern entwickelt worden. Es gibt z.B. zum Einstimmen auf die Heimspiele des HSV und St. Pauli zwei Streams, die die Fan-Musik der Vereine spielen. Es gibt aber auch Kanäle, die nur Künstler aus Hamburg wiedergeben. Wir merken, dass diese Streams den Lokalpatriotismus sehr gut bedienen und gerne genutzt werden. Die Identifikation ist hier sehr hoch.

RADIOSZENE: Wie viele Streams beziehungsweise welche thematischen Kanäle veranstalten Sie und an wen sind sie adressiert?

Gunnar Lahmann: Zur Zeit haben wir 20 Mood-Streams am Start. Wir denken jedoch darüber nach, dieses Angebot zu erweitern. Musik ist so vielfältig, wie das Leben selbst. Da ist noch viel Potential. Die Angebote richten sich an alle Menschen in unserem Sendegebiet. Wichtiger ist hier jedoch, dass sich die Musik der Nutzungssitutation des Hörers anpasst. Der Fokus liegt also nicht so sehr in der Definition der Zielgruppe, sondern mehr in der Definition der Nutzungssituation. Benötigt jemand Musik zum Aufstehen, zum Essen, zum Kuscheln mit dem Partner oder eben beim Sport. Ob die Zielgruppe dann groß genug ist, sehen wir an den Zugriffen. Wenn nicht, wird der Stream eben ausgetauscht.

RADIOSZENE: Wer hat dieses Angebot entwickelt und wie häufig werden die Musikpools aktualisiert?

Gunnar Lahmann: Unsere Musikredaktion entwickelt die Streams. Das Tracking der Tools erfolgt täglich. Die Updates erfolgen zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Bei den Streams für den HSV oder St. Pauli ändert sich ja nicht so viel, während ein Stream wie „Good Vibes‘ monatlich optimiert wird.

RADIOSZENE: Nachdem es bei Radio Hamburg längere Zeit praktisch nur wenige dieser Angebote gab, sind nun zahlreiche Streams verfügbar. Wie wichtig sind diese Sub-Channels zwischenzeitlich für Radio Hamburg und die Branche allgemein?

Gunnar Lahmann: Wir sind hier aus meiner Sicht immer noch in der Testphase und probieren noch viel aus. Wie sich dieses Produkt auf unsere Markenbekanntheit und Erlöse auswirken wird, vermag ich heute noch nicht zu sagen. Wir sehen jedoch, dass wir gerade im regionalen Markt bereits sehr gute TKPs mit unseren Simulcast-Angeboten erzielen. Generell ist Musik die Kernkompetenz jedes Radiosenders und diese sollten wir auch ins Netz tragen.

RADIOSZENE: Welche Streams werden besonders stark genutzt?

Gunnar Lahmann: Die Streams ‚Good Vibes‘ oder ‚Für Frühaufsteher‘ sind sehr erfolgreich, aber auch ein Streams wie ‚Hamburger Hip Hop‘ und ‚Erste Reihe‘ erfreuen sich großer Beliebtheit. ‚Tor im Volkspark‘ und ‚Tor auf St. Pauli‘ sind naturgemäß an den Wochenenden stärker.

RADIOSZENE: Auf der Webseite des Senders sind die Sub-Streams im Player noch etwas schwer auffindbar. Wie bewerben Sie diese Angebote beim Publikum?

Gunnar Lahmann: Wir haben regelmäßig einen Content-Banner auf unserer Startseite, der das Produkt bewirbt. Außerdem gibt es Trailer im Programm dazu und wir haben Facebook-Anzeigen und Display-Werbung genutzt. Weiterhin sind unsere Player auf Websites von Hamburger Tageszeitungen integriert und bei Portalen, wie z.B. hamburg.de.

 

Titelbild: ©radio.de

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