Mordaufruf über Radio Maryja
"Gelobt sei Jesus Christus", so meldete sich ein Hörer, der sich selbst als "Pawel aus Zentralpolen" vorstellte. Nichts außergewöhnliches, werden doch die meisten Anrufe in den Call-in-Sendungen des landesweiten katholischen Privatsenders Radio Maryja so oder ähnlich eingeleitet. Was jedoch dann folgte, hatte mit christlicher Nächstenliebe nur noch enig zu tun.
Er wolle nur eine Minute in Anspruch nehmen, entschuldigte sich der Hörer noch, bevor er zu dem ansetzte, was ihm eigentlich am Herzen lag: "Es wäre gerechtfertigt, wenn eine Spezialtruppe Herrn Palikot, und noch so einige andere mehr, in eine andere Welt befördern würde."
Im Radio Maryja-typischen ruhigen Tonfall entgegnete der Ordensmann, der die Sendung moderierte, er würde wohl zu derart drastischen Mitteln nicht greifen wollen, woraufhin der Hörer, der sich zuvor noch mit "Gott zum Gruße" verabschiedet hatte, ausgeblendet wurde.
Zum Hintergrund: Janusz Palikot ist Parlamentsabgeordneter der Partei Bürgerplattform, die in Polen derzeit den Regierungschef stellt. Eine schillernde Persönlichkeit, die zeitweilig mit sehr unnuancierten Kommentaren von sich reden macht, die auch den Leiter des frommen Sendeimperiums, den Redemptoristenpater Tadeusz Rydzik, nicht schonte.
Diesen bezeichnete er in einer TV-Show als Oligarchen der katholischen Kirche, als einen Satan, der eigentlich in untersuchungshaft gehören würde.
Der Politiker, der den Vorfall zur Anzeige erstattete, sieht diese Äußerung nur als die Spitze des Eisberges und verweist auf eine Vielzahl von Drohbriefen, teilweise mit Morddrohungen, die ihn nach seinem TV-Auftritt erreichten. "Ich bin schockiert darüber, dass in dieser Sendung nichts versucht wurde, um den jungen Menschen darauf hinzuweisen, dass man so nicht denken darf", meinte Palikot gegenüber der polnischen Presseagentur PAP.
Zusätzlich zu seiner Anzeige bereitet der Politiker eine Beschwerde beim polnischen Rundfunkrat wegen "unsittlichen und konzessionswidrigen Verhaltens im Äther".
Das Programm von Radio Maryja besteht neben Messfeiern, religiösen Unterweisungen und Call-in-Gebetsrunden aus Talksendungen, in denen Hörer ihre Meinung frei äußern können. Vor allem die Nachtsendung "Rozmowe niedokonczone" (Unbeendete Gespräche) machte in der Vergangenheit häufig durch unnuancierte, teilweise antisemitische Äußerungen von sich reden.
Callscreener werden bei Radio Maryja - wenn überhaupt - nur sehr lässig eingesetzt. Sämtliche Hörer sind live auf Sendung. Dies wurde den Toruner Kirchenfunkern vor einigen Jahren schon einmal zum Verhängnis, als ein Hörer meinte, er wolle "3 Worte an den moderierenden Pater" richten, woraufhin eine obszöne Bemerkung in Fäkaliensprache folgte. "3 Worte an den moderierenden Pater" wird seitdem in Polen als Synonym für jene obszöne Bemerkung verstanden.