Wenn er
kam, war der Raum voll
Ein
persönlicher Nachruf auf Hermann Stümpert
Von
Horst Müller
Über Tote solle man zwar nicht schlecht – aber zumindest
ehrlich berichten, forderte Hermann Stümpert nachhaltig von mir.
Das war vor ziemlich genau 13 Jahren. Ich hatte am Abend des 8. Oktober
1992 einen längeren Beitrag für INFORADIO Berlin verfasst.
Es war ein Nachruf auf den gerade verstorbenen Willy Brandt. Stümpert
kritisierte, dass ich den Ex-Kanzler und Friedensnobelpreisträger „in
den Heiligenstand befördert “ habe. Und er ergänzte noch
sinngemäß, dass er niemals „so schwulstiges Zeug“ über
sich lesen wolle.
Also soll
dieser Nachruf auch ehrlich beginnen: Hermann Stümpert
war nie besonders fleißig und auch nicht immer ausdauernd genug.
Seine Stärke war die Kreativität und seine Überzeugungskraft.
Wenn er kam, war der Raum voll, sagte man schon bald nach dem Sendestart
von R.SH - zum Beispiel bei den jährlichen Empfängen im Kieler
Funkhaus Wittland. Gemeint war damit nicht seine beträchtliche Körperfülle,
die ihn selbst offenbar nicht zu stören schien. Vielmehr war Hermann
Stümpert über Jahre Mittelpunkt bei Empfängen, Kongressen
und Tagungen. Alle drängten sich um ihn, waren froh, wenn sie mit
dem „Dicken“ ins Gespräch kamen.
Stümpert gab auch bei Sitzungen mit Gesellschaftern und anderen
Gremien meistens die Themen vor und den Ton an. Ich erinnere mich daran,
wie er kurz nach dem „Mauerfall“ die R.SH-Gesellschafter
davon überzeugte, ein Studio in Schwerin aufzumachen und mir den
Aufbau übertrug. Auf meine Frage, wie ich denn einen geeigneten
Raum im „Osten“ finden – und die Übermittlung
von Beiträgen sicherstellen soll, zuckte er mit den Schultern, grinste
hinter seinem gewaltigen grauen Bart hervor und beschied mir, dass das
meine Aufgabe sei – er habe schließlich den Weg bei den Gesellschaftern
freigemacht. So habe ich ihn in Erinnerung – Hermann Stümpert
hatte die Ideen, räumte große Hindernisse beiseite, ebnete
Wege - und überließ die Detailarbeit schließlich anderen,
denen er aber stets den Rücken freihielt, wenn beispielsweise Kritik
von außen aufkam.

So
auch nach dem Sendestart von Radio Schleswig-Holstein 1986. Es war
anfangs
wirklich
gräuslich, wie Moderatoren und Nachrichtenleute
sich um die Wette verhaspelten. Ab und an platzte Stümpert der Kragen
und er setzte sich selbst ins Studio. Dann wurde es noch schlimmer, weil
er ständig Knöpfe und Regler im damals noch neuen „Selbstfahrerstudio“ verwechselte.
Wahrscheinlich auch aufgrund dieser Erfahrungen hat Hermann Stümpert
Kritik an den Radioneulingen nicht besonders wichtig genommen und stattdessen
lieber nach Talenten Ausschau gehalten. Jörg Pilawa, Christian Schröder
oder Joachim Steinhöfel hat er damals auf den Sender gelassen – Bewerbungen
von erfahrenen NDR-Moderatoren dagegen ignoriert. Innerhalb von wenigen
Monaten hatten die neuen Funker aus Kiel den damaligen Quasi-Monopolisten
NDR an die Wand gesendet. Zwischen Flensburg und Lüneburg war fast
nur noch der neue Sender zu hören. Aufbau und Etablierung von R.SH
war Hermann Stümperts herausragende Leistung – zumindest beruflich.
Mit späteren Projekten wie dem ersten deutschen Nachrichtensender
INFORADIO Berlin, dem brandenburgischen Regionalsender BB-Radio oder
dem Spezialformat ROCKRADIO konnte er nie wieder an den Erfolg in Kiel
anknüpfen, was er manchmal im engeren Gesprächskreis zu vorgerückter
Stunde sichtlich bedauerte.
In den vergangenen
Jahren hatte sich der Pionier des deutschen Privatradios immer mehr
aus dem Geschäft zurückgezogen. Immer seltener beriet
er Programmmacher. Hermann Stümpert gefiel das, was aus den Radios
kam, immer weniger, wie er mir im Herbst 2002 in einer lang durchdiskutierten
Nacht in München sagte. Ein halbes Jahr vor seinem Tod fasste er
Kritik und Vorschläge für die Zukunft seines Lieblingsmediums
in dem Buch „Ist das Radio noch zu retten?“ zusammen. Ich
hatte das Gefühl, dieses Buch sei der Auftakt zu einer neuen Ära
Stümpert, weil ich mir Radio in Deutschland ohne Hermann Stümpert
nicht vorstellen konnte. Vermutlich hatte er doch noch einiges vor.
Zum Autor:
Prof. Horst Müller MBA ist Inhaber des Lehrstuhls für Redaktionspraxis
an der Hochschule Mittweida. Er war zwischen 1987 und 1992 als Praktikant,
Redakteur und Chefreporter Mitarbeiter von Hermann Stümpert
bei R.SH und INFORADIO Berlin.