Stand: Montag, 10-Okt-2005 9:23

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Radiopionier Hermann Stümpert ist tot

Hermann Stümpert (56) ist kurz vor einer geplanten Urlaubsreise mit seiner Familie nach Südafrika 1. Oktober unerwartet verstorben. Am Freitag, 7. Oktober findet eine Trauerfeier statt.

Hermann Stümpert, Jahrgang 1949, gilt als einer der Pioniere des modernen Popradios in Deutschland.

Er begann seine Radiolaufbahn beim Saarländischen Rundfunk und war dort Journalist, Jugendfunkredakteur, Programmplaner und Unterhaltungschef.

Als der Privatfunk möglich wurde, baute er als Programmdirektor Mitte der 80er Jahre mit RSH den ersten erfolgreichen privaten Landessender auf und führte ihn als Geschäftsführer.

Seit Beginn der 90er verwertete er sein Know-how und seine Erfahrung beim Aufbau zahlreicher neuer und der Beratung vieler bestehender Stationen. Zu seinen „Kindern“ gehörten Inforadio Berlin, Radio PSR, radio SAW, BB Radio, Landeswelle Thüringen, Radio Paradiso und Rockland Radio. Beraten hat er u.a. SR 1 Europawelle und NDR 1 Radio MV, Radio Gong und Radio Regenbogen.

In diesem Jahr veröffentlichte er sein Buch: "Ist das Radio noch zu retten".

Link:
Hermann Stümpert: "Ist das Radio noch zu retten"
Aircheck vom Sendestart von R.SH als mp3 Download

 


Wenn er kam, war der Raum voll

Ein persönlicher Nachruf auf Hermann Stümpert

Von Horst Müller

Über Tote solle man zwar nicht schlecht – aber zumindest ehrlich berichten, forderte Hermann Stümpert nachhaltig von mir. Das war vor ziemlich genau 13 Jahren. Ich hatte am Abend des 8. Oktober 1992 einen längeren Beitrag für INFORADIO Berlin verfasst. Es war ein Nachruf auf den gerade verstorbenen Willy Brandt. Stümpert kritisierte, dass ich den Ex-Kanzler und Friedensnobelpreisträger „in den Heiligenstand befördert “ habe. Und er ergänzte noch sinngemäß, dass er niemals „so schwulstiges Zeug“ über sich lesen wolle.

Also soll dieser Nachruf auch ehrlich beginnen: Hermann Stümpert war nie besonders fleißig und auch nicht immer ausdauernd genug. Seine Stärke war die Kreativität und seine Überzeugungskraft. Wenn er kam, war der Raum voll, sagte man schon bald nach dem Sendestart von R.SH - zum Beispiel bei den jährlichen Empfängen im Kieler Funkhaus Wittland. Gemeint war damit nicht seine beträchtliche Körperfülle, die ihn selbst offenbar nicht zu stören schien. Vielmehr war Hermann Stümpert über Jahre Mittelpunkt bei Empfängen, Kongressen und Tagungen. Alle drängten sich um ihn, waren froh, wenn sie mit dem „Dicken“ ins Gespräch kamen.

Stümpert gab auch bei Sitzungen mit Gesellschaftern und anderen Gremien meistens die Themen vor und den Ton an. Ich erinnere mich daran, wie er kurz nach dem „Mauerfall“ die R.SH-Gesellschafter davon überzeugte, ein Studio in Schwerin aufzumachen und mir den Aufbau übertrug. Auf meine Frage, wie ich denn einen geeigneten Raum im „Osten“ finden – und die Übermittlung von Beiträgen sicherstellen soll, zuckte er mit den Schultern, grinste hinter seinem gewaltigen grauen Bart hervor und beschied mir, dass das meine Aufgabe sei – er habe schließlich den Weg bei den Gesellschaftern freigemacht. So habe ich ihn in Erinnerung – Hermann Stümpert hatte die Ideen, räumte große Hindernisse beiseite, ebnete Wege - und überließ die Detailarbeit schließlich anderen, denen er aber stets den Rücken freihielt, wenn beispielsweise Kritik von außen aufkam.

So auch nach dem Sendestart von Radio Schleswig-Holstein 1986. Es war anfangs wirklich gräuslich, wie Moderatoren und Nachrichtenleute sich um die Wette verhaspelten. Ab und an platzte Stümpert der Kragen und er setzte sich selbst ins Studio. Dann wurde es noch schlimmer, weil er ständig Knöpfe und Regler im damals noch neuen „Selbstfahrerstudio“ verwechselte. Wahrscheinlich auch aufgrund dieser Erfahrungen hat Hermann Stümpert Kritik an den Radioneulingen nicht besonders wichtig genommen und stattdessen lieber nach Talenten Ausschau gehalten. Jörg Pilawa, Christian Schröder oder Joachim Steinhöfel hat er damals auf den Sender gelassen – Bewerbungen von erfahrenen NDR-Moderatoren dagegen ignoriert. Innerhalb von wenigen Monaten hatten die neuen Funker aus Kiel den damaligen Quasi-Monopolisten NDR an die Wand gesendet. Zwischen Flensburg und Lüneburg war fast nur noch der neue Sender zu hören. Aufbau und Etablierung von R.SH war Hermann Stümperts herausragende Leistung – zumindest beruflich. Mit späteren Projekten wie dem ersten deutschen Nachrichtensender INFORADIO Berlin, dem brandenburgischen Regionalsender BB-Radio oder dem Spezialformat ROCKRADIO konnte er nie wieder an den Erfolg in Kiel anknüpfen, was er manchmal im engeren Gesprächskreis zu vorgerückter Stunde sichtlich bedauerte.

In den vergangenen Jahren hatte sich der Pionier des deutschen Privatradios immer mehr aus dem Geschäft zurückgezogen. Immer seltener beriet er Programmmacher. Hermann Stümpert gefiel das, was aus den Radios kam, immer weniger, wie er mir im Herbst 2002 in einer lang durchdiskutierten Nacht in München sagte. Ein halbes Jahr vor seinem Tod fasste er Kritik und Vorschläge für die Zukunft seines Lieblingsmediums in dem Buch „Ist das Radio noch zu retten?“ zusammen. Ich hatte das Gefühl, dieses Buch sei der Auftakt zu einer neuen Ära Stümpert, weil ich mir Radio in Deutschland ohne Hermann Stümpert nicht vorstellen konnte. Vermutlich hatte er doch noch einiges vor.

Zum Autor:
Prof. Horst Müller MBA ist Inhaber des Lehrstuhls für Redaktionspraxis an der Hochschule Mittweida. Er war zwischen 1987 und 1992 als Praktikant, Redakteur und Chefreporter Mitarbeiter von Hermann Stümpert bei R.SH und INFORADIO Berlin.



Pressemitteilung von R.SH vom 04.10.2005

Hermann Stümpert ist tot

Der „Vater“ von Radio Schleswig-Holstein (R.SH) starb völlig unerwartet am Wochenende in seinem Haus in Stein an der Ostsee.

Stümpert begann seine eigentliche Radiogeschichte beim saarländischen Rundfunk, formte hier mit anderen Mitstreitern populäre Hörfunkideen und hob unter anderem die schon legendäre‚ Europawelle Saar’ aus der Taufe. Er war Programmplaner und Unterhaltungschef, bevor den ‚Radiovisionär’ Mitte der 80er der Ruf aus Schleswig-Holstein erreichte, den ersten landesweiten deutschen Privatsender zu planen und zu führen.

Bis zum Sendestart am 1. Juli 1986 formte Stümpert ein junges Team zu einer „verschworenen Gemeinschaft...“ (Stümpert), die schon nach wenigen Wochen den öffentlich-rechtlichen Mitbewerbern den Rang in der Hörergunst abgelaufen hatte und schnell zum Vorbild für viele andere bundesdeutsche Privatsender wurde. In dieser Zeit entstand auch die Kampagne„ Lieber NDR, Du musst jetzt ganz tapfer sein...“. Axel Hose, heutiger Geschäftsführer und Programmchef von R.SH, sagte zum Tode Stümperts: „Die Stimme des Nordens ist verstummt.“

Stümpert führte R.SH durch die Aufbruchphase des Privatfunks in Deutschland. Mit dem Fall der Mauer startete der Radiopionier weitere Projekte, immer verbunden mit neuen Ideen, neuen Techniken, neuen Horizonten. „Er war ein Berufener seines Metiers, der anpacken und mitreißen konnte. Wer ihn traf, wer mit ihm zusammen sein oder gar mit ihm zusammen arbeiten durfte, ließ sich schnell von seiner persönlichen Ausstrahlung gefangen nehmen...“, so Stephan Richter, Chefredakteur des sh:z und jahrelang zugleich Korrespondent für R.SH im politischen Bonn.

Hermann Stümpert hat in den vergangenen 20 Jahren entscheidende Weichen im privaten, aber auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gestellt. Er ist Gesellschafter der Deutschen Radio Holding REGIOCAST, Gründungsprogrammchef zahlreicher Radiosender in Deutschland und seit Mitte der 90er Jahre als Berater, Macher oder/und auch als Gesellschafter neuer Stationen im In- und Ausland tätig. Erwin Linnenbach, Sprecher der Geschäftsführung der REGIOCAST, bezeichnete den Tod Stümperts als „...großen Verlust für den gesamten deutschen Hörfunk...“.

Parallel dazu schuf Stümpert in Stein an der Ostsee ein eigenes Ausbildungszentrum, schulte angehende Redakteure und Programmdirektoren gleichermaßen, bot als Medienagentur Beratung und Programmkonzeptionen an und reiste als vielgefragter Referent und Diskutant durch Deutschland und Europa. Stümpert galt als ‚Grandseigneur’ des Privatfunks in Deutschland.

Hermann Stümpert hinterlässt seine Frau und zwei erwachsene Kinder.


Hermann Stümpert (Foto: Marco Ehrhardt)

 

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