Stand: Mittwoch, 04-Aug-2004 13:08

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Radio-Cowboy Rik De Lisle wieder on the air

RikDeLisle, „der alte Ami“, ist wieder auf Sendung und spielt Rock’n’Roll. Fans haben lange warten müssen. Sein Urahn war Franzose, schrieb die Marseillaise

Er ist der einzige Mensch, der ungestraft „icke“, „dette“ und „kieken“ im Radio sagen darf. Und als ob Berlinern nicht genügte, hat der Mann auch noch einen Akzent, breiter als die Straße des 17. Juni. Rik DeLisle ist zurück, „der alte Ami", wie ihn nicht nur Fans nennen.

Es geht ein Rik durchs Land – nach sieben Jahren der Radio-Abstinenz. Für die RBB-Welle 88 Acht sitzt der 57-Jährige jeden Samstagabend von kurz nach acht bis elf Uhr vor dem Mikrofon, ami-berlinert locker drauf los und spielt vor allem Rock’n’Roll. Macht eben das, wofür ihn seine Hörer immer geliebt haben.

Doch eines ist anders: Sie schicken heute keine Briefe. Sondern elektronische Post. „Es sind so viele Mails, dass es mir schon peinlich wird“, sagt der Radiomann, der am liebsten Holzfällerhemd, Bluejeans und Cowboystiefel trägt. Die Begeisterung für die Rückkehr des alten Amis kommt nicht von ungefähr. Die allermeisten kennen ihn vom einstigen Rias. Der leitete Mitte der 80er Jahre mit Rias 2 eine Revolution ein. Plötzlich spielte eine Radiostation Hits rund um die Uhr und mixte knackige Wortbeiträge darunter. Aus dem Stand heraus wurde Rias 2 der beliebteste Sender in Berlin. Ost und West hörten gleichermaßen zu. Rik DeLisle hatte das Musikprogramm mitausgetüftelt und saß selbst als Morningman im Studio. Wer in aller Frühe zur Arbeit musste, ließ sich vom „alten Ami“ munter machen. Bis heute sprechen ihn Menschen darauf an, erzählen von Erinnerungen, die sie mit ihm verbinden. „Es ist echt irre“, sagt DeLisle, „ich war ein Teil ihres Lebens.“ Bis 1991 hielt er Rias 2 die Treue, wechselte dann zum direkten Konkurrenten RTL. Es folgte 1993 die Rückkehr zu „r.s.2", wie der inzwischen privatisierte Sender hieß. Vier Jahre als Programmchef folgten dort. Seit 1997 leitet er nun das europäische Büro einer US-Firma, die Radiosender in allen möglichen Fragen berät.

Beim Rias bekam der Moderator auch seinen Spitznamen verpasst: Eine Kollegin hatte ihn scherzhaft eines Tages mit „Na, du alter Ami“ begrüßt. Als Angehöriger der US-Streitkräfte war Rik DeLisle 1978 in die Stadt gekommen. Schon mit 17 hatte sich der Mann aus Milwaukee/Wisconsin zur Air Force gemeldet. Die Luftwaffe bildete ihn zum Journalisten aus, der Soldatensender AFN schickte ihn rund um die Welt. In Berlin wurde er Programmchef und DJ. AFN spielte die beste Musik – bis Rias 2 kam.

Schon ein Urururgroßvater hatte in der Armee gedient – in der französischen. Claude-Joseph Rouget de Lisle, geboren 1760, diente als Hauptmann in Straßburg, komponierte den „Chant de guerre pour l'armée du Rhin“, den Kriegsgesang für die Rheinarmee. Das Lied wurde derart populär, dass es selbst heute noch fast jeder Mensch auf der Welt kennt, allerdings als – Marseillaise.

Es muss an den Genen liegen: Auch der Enkel hat ein bisschen Musikgeschichte geschrieben. Kaum in Berlin eingetroffen, lernte Rik DeLisle viele Musiker und Produzenten kennen. Mit dem Produzenten und Nina-Hagen-Manager Jim Rakete freundete er sich beispielsweise gleich in der ersten Woche an. Die Szene traf sich in Kneipen oder den Musikclubs und Veranstaltungsorten wie Quasimodo und Quartier Latin. Als Anfang der 80er die Neue Deutsche Welle losrollte, war er mittendrin, interviewte fast alle Bands, spielte ihre Titel in seinen Sendungen, schloss dadurch neue Freundschaften wie zu Herwig Mitteregger von „Spliff“, der ehemaligen Nina-Hagen-Band.

Im Mai 1980 tourte er dann mit der „Spliff Radio Show“ durch Europa. Die Kritiker waren begeistert. „Anfangs hatte niemand an das Projekt geglaubt, und nun kriege ich bis heute noch Tantiemen dafür“, sagt der alte Ami amüsiert.

Bei solchen Erfolgen ist es beinahe kein Wunder, dass Rik DeLisle für immer in Berlin blieb. Einen deutschen Pass hat er nicht. „Ich bin stolz darauf, Ami zu sein“, sagt er ohne Pathos. „Außerdem kann man als Ausländer in Deutschland gut leben.“ Dafür hat er einen anderen Pass: den Mitgliedsausweis der CDU. „Ich bin eingetreten, als Diepgen das erste Mal abgewählt wurde.“ Rik DeLisle war nach der Wende als ehrenamtlicher Helfer im Einsatz, als es die ersten freien Wahlen in der DDR gab. Jahre später, während der Oderflut, organisierte er Hilfsaktionen für die betroffenen Landstriche. Er ist Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr in dem kleinen Ort bei Strausberg, in dem er seit über zehn Jahren einen alten Bauernhof besitzt.

Hauptwohnort bleibt aber Berlin, genauer: das Haus in Lichterfelde, in dem er mit Ehefrau Esther wohnt. Die Kinder („ein Junge, zwei Mädels“) sind erwachsen. Ein Enkelkind ist auch schon da.

Rik DeLisle reist wegen seines Jobs als Radioberater viel durch die Weltgeschichte. Wenn die Zeit noch reicht, dann vertieft er sich in die preußische Geschichte. Beinahe wäre er irgendwo in der amerikanischen Weite gestrandet – damals in jungen Jahren, als man ihn als Sheriff werben wollte. Für 100 Dollar im Monat.

Björn Seeling (Tagesspiegel)


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