Rik DeLisle im Interview: „Faul oder wenig kreativ"
Von Maria Horschig
"Radio ist heute stinklangweilig". Dieser Spruch von Radioprofi Rik DeLisle provoziert jeden Radiomacher. (vgl. hier). Maria Horschig von "Medien Mittweida" wollte im Interview wissen, wie viel er als Berater selbst dazu beigetragen hat.
Wer im deutschen Radio als Moderator erfolgreich sein will, muss eines tun: Schreiben. Das ist die Devise von Radioprofi Rik De Lisle. Als Beispiel nennt er John Ment, den Morgenmann bei Radio Hamburg, der seine Moderationen vorher aufschreibt und damit seit 20 Jahren Erfolg hat. "Der alte Ami" Rik De Lisle, geboren 1947 in Milwaukee, war unter anderem beim Soldatensender AFN in Asien, Portugal und der Bundesrepublik sowie bei RIAS 2 tätig.
Ab 1993 arbeitete Rik als Programmdirektor bei rs2. Von 1997 bis 2007 war der deutsch-amerikanische Hörfunkmoderator Europachef bei der internationalen Rundfunkberatungsfirma "Alan Burns & Associates". Zu hören ist er derzeit im Nachmittag des sächsischen Radiosenders R.SA. (Bild: Rik DeLisle)
Medien Mittweida: "Radio ist stinklangweilig geworden" lautete der allgemeine Tenor des Podiums "Wer macht die Musik" zum Medientreffpunkt Mitteldeutschland in Leipzig. Sie haben ein Jahrzehnt lang große und einflussreiche deutsche Sender beraten. Wie viel Verantwortung tragen Sie persönlich an dieser Entwicklung?
DeLisle: Gar keine. Ich habe niemals jemanden beraten langweilig zu werden.
Medien Mittweida: Welchen Umständen ist der heutige Zustand geschuldet?
DeLisle: Über die Jahre hat sich Radio zu einem Profitzentrum entwickelt und musste sich der Konkurrenz aussetzen. Wenn das passiert, dann möchten die Sender wenige Risiken eingehen. Da werden verrückte Ideen lieber nicht umgesetzt. Das führt zwar zu einer hohen Qualität, aber die Überraschungen fehlen. Der Sender geht dadurch das Risiko ein, auch Hörer zu verlieren. Das geht einher mit Geldverlust. Von daher ist der heutige Zustand dem Geschäft geschuldet.
Medien Mittweida: "Radio ohne Persönlichkeiten ist wie Porno ohne Sex". Die Teilnehmer in Leipzig waren sich ebenfalls darüber einig, dass dem deutschen Radio die Personalities fehlen. Wo aber ist letztendlich noch Platz für die Persönlichkeit des Moderators, wenn Format und Stundenuhr ein Korsett aufzwängen?
DeLisle: Es gab immer ein "Korsett". Es gilt jedoch weiterhin die Regel: Wenn wenig Zeit ist, dann zählt jedes Wort. Das heißt, schreiben, schreiben und noch mal schreiben. Leider sind viele Moderatoren heutzutage nicht in der Lage, das zu tun. Entweder sind sie zu faul oder zu wenig kreativ.
Medien Mittweida: Was genau sollten die Moderatoren schreiben?
DeLisle: Ich war einmal auf einem Panel mit John Ment. Und er meinte: "Ich schreibe jeden Tag jede meiner Moderationen, selbst mein Name ist geschrieben". Du musst also vorbereitet sein. Es muss geschrieben werden. Und wenn es eng wird, musst du noch mal schreiben. John Ment ist seit über 15 Jahren Nummer 1 in Hamburg und er geht niemals ins Studio, ohne dass alles geschrieben ist.
Medien Mittweida: Waren die Moderatoren früher kreativer und weniger faul oder ist es heute einfach nur leichter, den Beruf auszuüben?
DeLisle: Es ist nicht so, dass die Menschen früher kreativ waren und es jetzt nicht mehr sind. Diejenigen, die sich die Zeit nehmen, zu schreiben, sind erfolgreich. Die anderen, die sich diese Zeit nicht nehmen, motzen rum, dass Radio unkreativ geworden ist und ein Korsett aufgezwängt wird. Es gibt Rahmen im Radio, die eingehalten werden müssen, weil die Hörer eine größere Auswahl haben.
Es kommt auch auf den Programmdirektor an, wie weit er die Diskjockeys gehen lässt. Ihre Aufgabe ist es einen Umschlag darzustellen. Der Deejay hat die Aufgabe diesen größer zu machen und immer wieder die Grenzen auszutesten. Es hängt also von beiden Seiten ab. Als Programmdirektor gebe ich die Regeln. Wenn ich als Diskjockey mal daneben schlage, sagt der Programmdirektor: "Das war schlecht, das machst du nie wieder". Das nächste Mal schlägt der DJ wieder daneben, doch der Programmchef sagt: "Das war gut, das lassen wir drin". Es ist also nicht so, dass alle DJs faule Säcke sind, aber auch nicht, dass alle Programmdirektoren immer richtig liegen.
Medien Mittweida: Beim Podium in Leipzig stellten sie fest: "Radio ist Mathe". Was meinen Sie damit?
DeLisle: Dass bestimmte Elemente nach mathematischer Formel eingesetzt werden können. Es lässt sich errechnen, wie oft ein Hörer einen Song oder eine Nachricht zu hören bekommt, basierend auf Reichweite und anderen Kriterien.
Medien Mittweida: Können Sie dieses Modell genauer beschreiben?
DeLisle: Je nach Zielgruppe wollen die Hörer bestimmte Songs hören. Da muss sich der Sender anpassen. Ein 16-Jähriger nutzt das Radio beispielsweise anders als ein 46-Jähriger. Und jeder Hörer erwartet bestimme Dinge, wenn er einschaltet. Je jünger eine Zielgruppe, desto mehr musst du Musik spielen, die Hörer anzieht. Je älter das Publikum, desto weniger abschreckend muss die Musik sein. Nach diesem Schema lässt sich das teilweise errechnen.
Medien Mittweida: Um noch einmal auf die Entwicklung im vergangenen Jahrzehnt zurückkommen: Welche Innovationen hat es seit Mitte der neunziger Jahre im deutschen Radio gegeben? In der Zeit also, als Sie als Berater mitgemischt haben.
DeLisle: Die großen erfolgreichen Morgensendungen, auch bei kleineren Sendern, waren und sind innovativ. Dirty Dani bei KISS FM in Berlin, genauso wie Freddy bei NRJ Sachsen sind zwei Beispiele dafür. Ein weiteres sind die On- und Off-Air-Vermarktung von Radiosendern.
Medien Mittweida: Empfehlen Sie einem Medienstudenten heutzutage noch zum Radio zu gehen oder seine Berufskarriere doch lieber bei einer Multimedia-Plattform zu starten?
DeLisle: Das eine schließt das andere nicht aus. Eine Multimedia-Plattform ist ein Träger wie UKW oder Mittelwelle - nicht mehr. Radio als Beruf hat mir mehr zurück gegeben als ich hinein gesteckt habe. Daher kann ich das natürlich nur noch empfehlen.
Medien Mittweida: Vielen Dank für das Gespräch!