Stand: Sonntag, 15-Feb-2009 19:55

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Offener Brief von Yvonne Malak an die RADIOSZENE vom 15.2.2009:



Lieber J.B.,

letzte Woche habe ich über radioszene.de den Podcast mit Patrick Lynen und Jochen Pützenbacher zum Thema Formatradio entdeckt, reingehört und mich furchtbar geärgert. Und deshalb schreibe ich Dir diese E- Mail mit der Bitte an alle Kollegen:


Hört endlich auf mit der „Formatradio“-Lästerei!

Wenn Formatradio sogar schon von netten und geschätzten Kollegen öffentlich als „Drecksirrsinn“ bezeichnet wird, wenn Kollegen als „Arschgesichter“, „Formatnazis“ und „vollidiotische“ Programmchefs betitelt werden, wenn Formatradio mit „sektenartiger“ Gleichschaltung verglichen wird und wenn Moderatoren als Linercard ablesende Dummplauderer dargestellt werden, die ja gar nichts dürfen und in „blöde Schubladen“ einsortiert werden, geht mir leider so der Hut hoch, dass ich hier einige Dinge einfach mal wieder gerade und ins richtige Licht rücken möchte.

Formatradio heißt nicht automatisch „Moderationskorsett“, Formatradio steht nicht automatisch für schlechtes Programm, Formatradio schließt nicht automatisch Personalities aus. Nur falsch verstandenes und schlecht umgesetztes Formatradio fördert Linercard ablesende Stimmverleiher und verhindert möglicherweise auch Persönlichkeiten. Natürlich gibt es in Deutschland auch falsch verstandenes Formatradio, keine Frage. Und wer formatieren mit uniformieren - wie in dem Podcast, auf den ich mich beziehe – verwechselt, hat in der Tat an irgendeiner Stelle etwas Entscheidendes nicht verstanden. Richtig verstandenes und professionell umgesetztes Format braucht und fördert Persönlichkeiten. Und in Deutschland gibt es jede Menge professionelles und gut umgesetztes Formatradio.

Ein Format ist doch nicht mehr als ein Rahmen für ein möglichst erfolgreiches Radioprogramm. Es gibt anhand der Wettbewerbsituation, der eigenen Situation, der Historie des Senders und des Marktes die wichtigsten Parameter für eine optimale Programmgestaltung vor.

Klar, wenn ich ein Massenprodukt anbieten will, habe ich keine andere Wahl, als einen gemeinsamen Nenner zu finden, der Männer und Frauen, 20jährige und 35jährige gleichermaßen anspricht. Das schließt gewisse Dinge aus und erzwingt zum Beispiel eine massenkompatible Musikrotation. Man kann auch darauf verzichten, dann verzichtet man aber auch auf Einschaltquote. Wer sich traut, bitte! Soviel zum dem Zitat: „Ich muss kotzen, wenn ich höre, es geht nur so“.

In dem Podcast, auf den ich mich beziehe, wird von „kaputtem, gewinnorientiertem und auf Gewinnspiele ausgerichtetem Formatradio ohne Gehirn, das nur noch dem Kommerz geschuldet ist“ geredet. Vorsicht, ich finde, hier wird das Eis verdammt dünn. Ca. 50% aller Deutschen hören regelmäßig Privatradio. Und diese 50% sind weder komplett verblödet, noch werden sie dazu gezwungen oder dafür bezahlt.

Und für alle die Lästermäuler, die möglicherweise vergessen haben, wie das System Privatradio funktioniert, noch mal die Basics dazu:
Privates Radio ist ein Wirtschaftsunternehmen in der Regel in der Größenordnung eines mittelständischen Betriebes. Und der braucht schlicht einen gewissen Umsatz, um seine Gehälter, Mieten etc. bezahlen zu können. Und die Höhe z.B. der nationalen Werbeeinnahmen definiert sich ausschließlich über die Stundenettoreichweite und die damit erreichte Zielgruppe. Über das, was so ein Sender produziert, lässt sich vielleicht streiten. Aber ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass meistens diejenigen beim Niedermachen von Formatradio und angeblichem „Dudelfunk“ eine besonders große Klappe haben, die nie die Verantwortung für Einschaltquote, damit verbundene Umsätze und Arbeitsplätze übernehmen mussten? Ich hatte diese Verantwortung über viele Jahre. Da ist man manchmal aus verständlichen Gründen vielleicht nicht so mutig und experimentierfreudig. 10.000 Hörer pro Stunde weniger können nämlich leicht einige Arbeitsplätze kosten. Und ich kann jeden Programmchef verstehen, der alles dafür tut, seine Quote und damit das betriebswirtschaftliche Ergebnis zu optimieren, um Arbeitsplätze zu erhalten oder gar neue zu schaffen. Denn darum geht es in unserem Geschäft am Ende des Tages. Und dass unsere Gesellschafter damit auch noch Geld verdienen wollen, ist ihr verdammt gutes Recht. Quote machen und Geld verdienen ist also unsere Aufgabe. Wer das verwerflich oder zum Kotzen findet, kann sich ja einen Job als Beamter suchen, Taxi fahren oder zum gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk gehen.

Apropos. Viele öffentlich-rechtliche Sender werden im Zusammenhang mit der Formatdiskussion immer wieder gerne gelobt, SWR 3 zum Beispiel. Dabei ist SWR 3 ein extrem gut gemachtes Mainstream-Format mit einschaltquotenorientierten taktischen Gewinnspielen, einer sehr gut funktionierenden On Air-Promotion, die die USPs des Programms hervorragend verkauft und dem Glück (sicher auch dank eines mutigen Programmchefs!), wirklich gute Persönlichkeiten on Air zu haben - richtig verstandenes und gut gemachtes Format eben. Und nicht jeder Sender hat die finanzielle Ausstattung für ein derart niveauvoll gemachtes Format.

Es gibt eben auch Sender, die eine dermaßen geringe finanzielle Ausstattung haben, dass ihnen gar nichts anderes übrig bleibt, als mit jungen, unerfahrenen Leuten zu arbeiten, denen sie für den Anfang zum Beispiel Liners und klare Regeln vorgeben. Was bitte ist daran verwerflich?

Natürlich gibt es Programmchefs, die es versäumen oder versäumt haben, Persönlichkeiten zu fordern und zu fördern. Es gibt aber auch genügend Gegenbeispiele. Ich kenne einige kleine Sender – z.B. im Süden Deutschlands, die in ihren Märkten mit ihrem Format äußerst erfolgreich sind, dank dieser Einschaltquotenerfolge wirtschaftlich gut dastehen und echte Personalities entwickelt haben - und zwar mit Hilfe von Marktforschern und Beratern. Überall gibt es solche und solche. Mich regt auf, dass immer alles über einen Kamm geschoren wird. Von wegen „junge Leute werden einsortiert in eine blöde Schublade“ und früher war alles besser, „weil da nicht irgendein Vollidiot daneben stand und sagte, so geht das nicht. (...) man konnte sich entwickeln, weil da nicht irgendein Formatnazi um die Ecke kam und sagte, du darfst das nicht“. Ehrlich: ich wäre vor 25 Jahren dankbar gewesen, wenn mir jemand so viel in so kurzer Zeit beigebracht hätte, wie wir das heute als Coaches und Berater mit jungen Leuten (in Formatradios) tun.

Yvonne MalakIch jedenfalls liebe gutes Formatradio und es macht mir jeden Tag aufs Neue Spaß, bei einem guten Formatradio klasse getextete und gut produzierte Elemente zu hören, die den Sender gut verkaufen. Ich liebe es, in einem Format- Aircheck einen jungen Menschen zu hören, der das Format kreativ verkauft und hörbar Spaß dabei hat. Und ich finde es absolut großartig, am MA-Tag festzustellen, dass man mit solidem, gut und natürlich kreativ gemachtem Formatradio sehr viele Hörer erreichen kann.

In diesem Sinne. Hört mit dieser Antiformatradio-Modediskussion auf! Es wird langsam langweilig.

 

Herzliche Grüße aus Berlin,

Yvonne Malak


 

Links:
domradio-Podcast über 25 Jahre Privatradio
my radio

 

Leserbrief vom 22.02.2009 von Jesco Dörk aus Düsseldorf

Schön, daß Frau Malak diesen Brief geschrieben und somit auf den interessanten Podcast aufmerksam gemacht hat, welcher ansonsten möglicherweise gänzlich unbeachtet geblieben wäre. Mit welch unterschiedlichen Augen Lynen und Malak das Medium Radio betrachten, wird schön durch Yvonne Malaks Wortwahl deutlich. Immer wieder ist in ihrer Apologie des Formatradios deutscher Prägung vom "Verkaufen" die Rede. Verkauft werden Programmelemente, USPs, Liners, Werbung, Formate - und nicht selten wohl auch die Hörer für dumm...

Aus dem Moderator wird also nach Malaks Definition ein Verkäufer. Nun, kein ehrenrühriger Beruf und gegen die Existenz eines solchen Verkaufskanals ist grundsätzlich ebensowenig einzuwenden wie gegen die Existenz von Fahrstuhlmusik, Wartezimmerberieselung und Fastfood-Ketten. Worum es jedoch geht, ist etwas anderes:

Das Fehlen einer Alternative!

Wenn überall derselbe Formatbrei aus den Lautsprechern quillt, mit bauernfängerischen Gewinnspieltricks die schnelle Kohle zu Lasten der Programmqualität gemacht wird, allerorten dieselben hundert "schönsten" Songs gedudelt werden, während man mit seichten Jingles die "große Vielfalt" suggeriert - dann haben wir ein Problem! So wie wir es auch hätten, wenn es NUR NOCH Fastfoodläden gäbe. Keine Frage, wir haben im Bereich der Infowellen (DLR, WDR 5 etc.) ein qualitativ hochwertiges Angebot - aber im Bereich der Unterhaltung sieht es dermaßen düster aus, dass Sender wie das alte SWF III schon zu Perlen deutscher Radiokunst verklärt werden, obgleich auch seinerzeit nur sehr selten (z.B. bei Elmi) ein Standard erreicht wurde, der auch nur ansatzweise mit dem Niveau z.B. der niederländischen oder englischen Sender vergleichbar war. Auch Urgestein Rik de Lisle fordert in seiner jüngsten Kolumne, daß Radio wieder "entertaining" werden und dafür das Formatradiokorsett lockern muß.

Nun weist Frau Malak nicht ganz zu Unrecht darauf hin, dass die immer lauter werdenden Kritiker in der Regel noch nie die Verantwortung eines Programmdirektors hatten und nicht für etliche Arbeitsplätze Sorge tragen. Mut fordern ist leicht, wenn man nicht selber mutig sein muß. Stimmt! Aber entbindet einen das von der Berechtigung, ja Verpflichtung, die Auswüchse und Mißstände der hiesigen Medienlandschaft anzuprangern? Natürlich nicht! Leute wie Patrick Lynen sind zum Glück keine zynischen Macher, die sich auf das Motto "Give the people what they want" zurückziehen, sondern Menschen, die sich seit frühester Jugend mit Begeisterung und Liebe dem Medium Rundfunk verschrieben haben. Dass Patrick trotz beruflicher Sachzwänge hier so deutliche Worte findet, verdient in meinen Augen durchaus Respekt.

 

   
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