Es wäre einfältig über Radioentwicklungen – sei
es in Berlin-Brandenburg, in Deutschland, Europa oder in der Welt zu
reden, ohne einen Blick auf die anderen konkurrenziellen Medien zu werfen.
Nach wie
vor wächst und dominiert überwältigend das bewegte Bild,
ob als Kinofilm oder TV-Serie, als Nachrichten oder Spiele. Ob demnächst
auf dem Handy, auf dem großen TV Schirm zu Hause oder von der
DVD.
Alle Medientechnologien,
Speicher-, und Datenübertragungsoptimierungen puschen diese Mega-Bild
Dominanz. Keinem Mediengerät der letzten 100 Jahre ist dabei das
gelungen, was das Handy in diesem Medienschub geschafft hat: unwiederruflich
weltweit das mediale Leitinstrument zu werden, mit allen konvergenten
Ausprägungen, fit für Bilder, Videos und Töne.
Apropos
Töne, dem Basisstoff der Radios. Zusätzliche Audiofunktionen
des Handys oder des iPod Players marginalisieren das Radio als eigenständiges
Medium. Audio wächst nicht mehr in Form des UKW- Radios und seiner
Programme, sondern in Form von Hörbüchern, Downloads, Internet-Radio,
vorgelesenen Zeitungsartikeln, PodCasts und MP3 Playern. Die gute alte
MA kann diesen Fragmentierungsprozess nicht abbilden, auch wenn immer
noch ein Nutzungswachstum der Radioprogramme suggeriert wird. Mobilfunk
wächst, TV ob als Pay oder Free wächst, nicht aber Radio weltweit.
Das herkömmliche Radio verliert Schritt für Schritt die besser
Gebildeten, die technisch Interessierten und werberelevanten Zielgruppen.
Vor diesen weltweiten schweren Herausforderungen stehen die kommerziellen
und öffentlich-rechtlichen Radiowelten.
Der Blick
auf den Führungsmarkt USA zeigt, dass die kommerzielle Kraft der
FM und auch AM Sender noch recht stark ist, zusammen kommen die Radios
in den Staaten immer noch auf gute 12,6 % (2004) der Werbespendings,
aber die Zeit der himmelstürmenden Renditen ist vorbei. Der Disneykonzern
hat einige seiner Radioketten verkauft, Clear Channel baut ebenfalls
um und Format-, oder Verkaufsinnovationen finden hier nicht mehr wie
in den 80iger und 90iger Jahren statt.
Innovativ
haben sich allerdings die digitalen Satellitenradios XM und Sirius etabliert,
weil sie etwas ganz Neues gebracht haben. Sie bieten Pay-Radio mit jeweils
über 100 Programmen im Abo an, teilweise sogar exklusive Programme
und quer durch alle Genres. 9 Mio. Abonnenten gibt es bereits. In enger
Industriepartnerschaft mit nahezu allen führenden Automarken sind
die neuen Endgeräte schnell eingeführt worden. 220 Mio. Autos
in den USA sind ein Riesen-Markt, die Hördauer im Auto groß.
Vorbildlich
und nach wie vor inspirierend für eine notwendige Radiostrukturreform
in Deutschland ist der vom FCC vorgegebene Lizenzierungsrahmen für
Radiosender, der den parallelen Betrieb von bis zu 8 Sendern in einer
Eigentümerhand erlaubt. Senderfamilien sind demzufolge die Regel.
Da der Frequenzabstand bei UKW Sendern lediglich 400 KHz beträgt,
ist eine sehr viel größere Anzahl von Radiosendern möglich
als in Deutschland.
In Europa
hat die Liberalisierung nach dem Fall der Mauer in Osteuropa in erster
Linie die früher staatlichen kommunistischen Sender privatisiert
und dem kommerziellen Markt zugeführt. Das bedeutete einen Schub
von ausländischem Kapital, meist aus den USA, Frankreich, England
und auch mit einer kleinen Prise deutschem Geld. In manchen osteuropäischen
Staaten liegt das Radio-Werbegeld über dem in Deutschland. Frequenzen
und Radiobetreibergesellschaften kann man ohne größere Beschränkungen
kaufen und verkaufen.
In Westeuropa
sind Frankreich und England für die heute hier auf dem Fachgespräch
aufgeworfenen Fragestellungen am interessantesten. Der französische
Radiomarkt ist nach wie vor recht stabil, der Marktanteil liegt bei
über 7 Prozent und für die den privaten Radiomarkt dominierenden
3 Hauptgruppen, NRJ, Europe-Lagardere und RTL ist die Radiowelt zwar
auch mit Problemen behaftet, aber alle drei operieren jeweils als Senderfamilie
und betreiben mindestens 3 oder 4 nationale Ketten, die in sich abgegrenzt
formatiert und vielfältig sind. Die nationale Abdeckung der Programme
ist der Haupttreiber für die Stabilität des Radiosystems in
Frankreich. Bemerkenswert ist allerdings auch, dass alle Radiobetreiber
für den Kapitalmarkt fungibel sind und damit die Frequenzen veräußerbar
sind.
NRJ –
erfolgreich an der Börse notiert - hat sehr interessant in den
letzten Tagen von sich Reden gemacht hat, als es als erste Nur-Radio
Gesellschaft in Europa in das Mobile-Telefon-Geschäft eingestiegen
ist. Ein ausgesprochen kluger Schritt, der zeigt, wie ein Radiounternehmen
mit der großen Herausforderung mobile Telefonie umgehen kann.
Die Kraft des kommerziellen Radios in Frankreich zeigt sich auch daran,
dass im Werbeverkaufsgeschäft 450 Personen beschäftigt sind,
in Deutschland, mit seiner größeren Bevölkerung sind
es lediglich 200 Personen.
In England
hat die Fusion von GWR und Capital Radio einen großen Schub in
der Konzentration gebracht. Die neue Gruppe kontrolliert zusammen 93
digitale Radios und „nur“ noch 55 analoge Radios. Um Formatvielfalt
im Digitalradio zu erreichen, können in England nur sogenannte
DAB-Multiplexe beantragt werden, mit mindestens jeweils 8 Programmen.
Zusammen mit den Digitalprogrammen von BBC addieren sich die exklusiven
Digitalradioprogramme in manchen Ballungsräumen auf bis 30 Programme.
Das ist ein starkes Argument für den Nutzer. Und die Gerätehersteller
und Medienmärkte freut es, sie verkaufen mehr DAB Geräte als
UKW-Empfänger.
Bei soviel
Innovation sind andere Probleme, z.B. hat in England die Online-Werbung
die Radiowerbung in Summe überholt, oder die Tatsache, dass auch
hier nicht mehr als 5 % des Werbemarktes vom Radio gestemmt wird, nachrangig.
In unserem Nachbarland Österreich ist vor kurzem medienrechtlich
ermöglicht worden, dass Radiosender, die bereits eine Frequenzabdeckung
von mindestens 50 % haben, sich zu einem nationalen Programm zusammenschliessen
können.
Welches
Zwischenfazit ist für die Betrachtung von USA und Europa - ohne
Deutschland - zu ziehen:
1. Radio-Lizenzen
sind weitgehend erwerbbar und veräußerbar.
2. Nationale
kommerzielle Programme mit sehr unterschiedlichen Formaten dominieren
3. Senderfamilien
mit jeweils mindestens 3-4 Formaten national sind die Regel
4. Die
Formate sind vielfältig, übergreifen alle Genres und Altersgruppen
5. In
Frankreich darf kein Medieneigentümer in mehr als 2 Mediengattungen
Besitz haben und die Summe der von ihm betriebenen Radioprogramme darf
nicht mehr als 130 Mio. Hörer / WHK überschreiten
6. Der
kommerzielle Radiomarkt ist Teil eines fungiblen Kapitalgeschäft
Was nun
Deutschland betrifft, so sehe ich für die kommerziellen Radios
zusätzliche Barrieren und Schwierigkeiten. Zunächst ist die
Behauptung, Radio habe doch gerade 2005 bewiesen, dass es erstarke -
und man verweist auf die 20 % Werbesteigerungen, die höchsten aller
Mediengattungen, - stark zu relativieren. Die Steigerungen sind Brutto,
netto höchstens 2-3 % und wenn ich mir Berlin-Brandenburg anschaue,
fand hier bisher 2005 ein Null-Wachstum statt. Dann kommt dazu, dass
die Steigerung im wesentlichen zwei neuen Kombis in NRW zu schulden
ist, keineswegs aus einem flächendeckenden Wachstum in ganz Deutschland.
Radio bleibt also im schmalen 4 % Werbe-Korridor.
Dazu kommen
folgende, deutschland-typische Bedrängnisse für das Radio:
1.
Die Föderalismusfalle
Das Privatradio
in Deutschland wurde in das Prokrustesbett des Föderalismus hineingeboren.
Bürokratisch verordnet, nicht von einem Radiounternehmer erdacht,
oder von den Hörern gewollt. Künstlich in Landesgrenzen eingesperrt,
von vorneherein am nationalen Wachstum beschnitten. Wenn Sendungen oder
Moderatoren dieser sog. Landesweiten Radioprogramme qualitativ oben
stehen, reicht die Kunde dieser frohen Medienbotschaft gerade mal an
die Landesgrenze. Mehr ist nicht drin. Schon gar nicht ein nationaler
Star oder eine nationale Radio-Sendung zu werden. Schnapp ist die Kommunikationsfalle
zu. Ausgetrickst durch den Föderalismus. Verloren die Star Chance
an das Leitmedium Fernsehen, Medienradiostar im Bundesland, Medienzwerg
und Medien-Niemand in Deutschland. Diese föderale Radio-Not währt
nun schon so lange, dass man den eingesperrten Zustand schön redet
und kommunikationstheoretisch überhöht: „Radio sei ein
lokales Medium“ ist zu hören. Natürlich ist Radio ist
auch lokal, auch regional, aber auch national. In Frankreich kombiniert
das nationale öffentlich-rechtliche Programm von Radio Bleau lokale
Fenster mit nationalem Programm. Also nicht entweder oder…sondern
auch…
Das heißt, über lang oder kurz muss sich nationales Radio
in Deutschland etablieren. Dies betrifft das private System, aber auch
das öffentlich-rechtliche. Denn hier haben die beiden Radio-Systeme
die Schalter für die Zukunft der Gattung gemeinsam in der Hand.
Ob zuerst als syndikierte nationale Sendungen auf verschiedenen Radiostationen,
oder als echte nationale Marke. Ob durch wirtschaftliche Vernunft angestoßen,
oder nicht, ob im Zusammenhang mit den noch zu erwartenden weiteren
Zusammenschlüssen im privaten Radio- Bereich oder erst zeitlich
abgeschlagen nach 2010, wenn die digitalen Audioverbreitungen in den
Markt gezwungen worden sind. Wenn Radio in Deutschland nicht national
wird, hat Radio seine letzte große Wachstums-Chance verspielt.
Dann wird es zu einem Medium verkommen, dass ähnlich begrenzt wirkt,
wie ein lokaler WLAN Hotspot, nicht mehr und nicht weniger.
Nur nationale
Radioprogramme – ob öffentlich-rechtlich oder privat –
können in Deutschland zu einer Steigerung des bisherigen Marktanteils
von Radio im Werbemarkt führen. Nichts anderes. Nur nationales
Radio kann wegen seiner Größe und Reichweite – wie
beschrieben für Frankreich – Zielgruppen adressieren und
für den Werbemarkt attraktiv machen. Eben weil alle anderen Medien,
besonders das Leitmedium TV in all seinen Spielarten national buchbar
ist. Einfach, praktisch, quadratisch gut und kein komplizierter Kombimechanismus
wie im Radio. Seit Jahren wird auch die wirkliche Situation der Lokalradios
beschönigt. Wirtschaftlich arbeiten nur wenige in soliden schwarzen
Zahlen. Auch in Bayern sind ca. 50 % der 60 Lokalradios in den roten
Zahlen, der Zustand wäre noch dramatischer, wenn die aus dem Kabelgroschen
finanzierte Förderung der Stationen wegfiele und sie frei und unsubventioniert
sich im Wirtschaftsleben behaupten müssten.
Der weltweite
Blick zeigt, es läuft immer auf das nationale hinaus.
2.
Die Demografiefalle
Die
Privatradios operieren im Vermarktungskorridor 14 – 49. Wer unter
14 ist - und das sind schließlich Kinder und Jugendliche - existiert
durch die Unbeweglichkeit der bisherigen MA Befragung und ihrer Verantwortlichen
nicht.
Deshalb
auch keine Programmierung in diese Altersgruppe hinein, deshalb auch
keine Musikpositionierung und Kreativität für diese Altersgruppe
als Radio. Wieder
überlässt man dieses Feld dem TV, wo ganze Sender wie Super
RTL von der Marktführerschaft ab 3 Jahren aufwärts gut leben.
Das oft gehörte Argument der Forscher, Kinder könnten nicht
wiedergeben und sich erinnern, was sie hören, ist lächerlich.
Kindern mutet man ab 3 Jahren im Kindergarten und dann in der Schule
ab 6 Jahren mit Recht täglich weitaus mehr intellektuelle Leistungen
ab, als sich simpel daran zu erinnern, was man gehört hat.
Da es
nichts Gescheites für diese Altersgruppe im Radio gibt, nehmen
die unter 14-jährigen in Deutschland mit Recht Radio zunehmend
als Gruftiemedium wahr und wandern in hellen Scharen zu anderen Medien
ab.
Warum
sind hier andere Länder, wie Österreich, UK und Frankreich
etwas weiter? Wenn Radio bei den 6 bis 14-jährigen nicht gemessen
werden kann, und dies mit Einverständnis der Radiobetreiber, die
schließlich in den MA-Gremien sitzen, wird jährlich ca.100
Mio Euro verschenkt und man entzieht das Radio als wichtiges Sozialisierungsinstrument
einer ganzen Altersgruppe.
Die Radiomüdigkeit
der jüngeren Hörer hat dramatisch zugenommen. Dies hätte
aufgehalten oder verlangsamt werden können, wenn sowohl die ö.r.
als auch die privaten Radios konsequent an nationalen Ketten in diesem
Genre gearbeitet hätten.
Warum gibt
es in Bayern kein Jugendradio? Dass gleichzeitig das private Radio in
Deutschland – ganz im Gegensatz zu den USA, UK oder Frankreich
– auch noch eine andere Hörer-Gruppe abgemeiert hat, nämlich
die 50 plus Hörer, ist der dialektische Nebenfehler. War der Ausstieg
von RPR 2 zugunsten der Jugendwelle bigFM richtig oder falsch? Wer hat
mehr Geld zur Verfügung? Die Silver Ager oder die 18-jährigen?
Wer ist der treuere Hörer? Die jungen oder die älteren? Warum
auch hier dem TV alles überlas-sen, den Plattenfirmen und den öffentlich-rechtlichen?
Aber das fällt wohl in das Kapitel bei den Kommerziellen Radios
„ Recht auf Irrtum“…
3.
Die Digitalfalle
In Deutschland
lässt sich das analoge Radio gerade von einer digitalen TV Welt
einkesseln und auch durch die Smartphones und anderen digitalen hybriden
Endgeräten zur Seite schieben.
All is
digital – but not Radio. Ob DVB-T, DVB-H, DMB, in allen digitalen
Übertragungstechniken hat das TV, das bewegte Bild die Führung,
der Ton, das Radio wird mitgenommen, auf dem Beifahrersitz. Während
in den USA – wie gezeigt - sogar digitales PayRadio ohne Werbung
per Satellit boomt, verharrt Deutschland – auch wieder durch den
Lizenzföderalismus behindert - unkreativ in der analogen Welt von
gestern.
Im Mai
nächsten Jahres findet in Genf die sogenannte Nachfolgekonferenz
Stockholm statt. Da wird die digitale Landkarte für die Radios
in Europa entschieden. Haben die hier versammelten Geschäftsführer
der Radios in BB dazu eine Strategie, kennen Sie die Tagesordnung? Was
passiert, wenn Telkos, die Automobilindustrie oder Venture-Capital Häuser
wie Veronis Suhler Stevenson, das gerade bei der Berliner Zeitung eingestiegen
ist auf die Idee kommen, nationale digitale Radioprogramme aufzulegen
und die bisherigen Eigentümergruppen der analogen Radiowelt überhaupt
nicht mehr mitspielen…?
In diesem
Szenario wird eine weitere Achillesferse der bisherigen Radiobetreiber
deutlich: sie haben u.U. nicht die finanziellen Mittel, um z.B. bei
DMB mit großen 2-stelligen Millionenbeträgen ins Invest einzusteigen
und dann noch mehrere Jahre zu finanzieren, bis der Return on Invest
da ist. Wer glaubt, Telkos könnten kein Radio machen, irrt. Der
Content liegt zwar nicht auf der Strasse, aber ist billig zu haben,
die Ingredienzien für Formatradios sind absolut ungeschützt,
leicht nachzumachen und arbeitslose Radioleute gibt es genug. Und den
Übertragungsweg bringen die Telkos gleich selbst mit.
Auch Automobilkonzerne
könnten Radioformate labeln und in ihren Autos anbieten. Warum
nicht BMW Rock, BMW News, Mercedes Country und Nissan Klassik? Herstellen
können das ja andere, in irgendeiner Garage. Es besteht also die
Gefahr für die bisherigen Radiobetreiber, dass sie außerhalb
der UKW Welt in den neuen strategischen Audiofeldern von anderen ausgebremst
werden.
4.
Die iPod-Falle
Das waren
noch gute Zeiten, als der simple Zusatz, die einfache Positionierung
„der Musiksender“ o.ä. vor knapp 15 Jahren eine Alleinstellung
im Radiomarkt war. Heute – durch die Föderalismusfalle verstärkt
– sind alle privaten Radioprogramme mit Begriffsbausteinen wie
„das Beste“, “70iger“,“achtziger“,
“von heute“, “gestern“ verpackt. Alles sind
AC-Formate, andere Formate sind im wesentlichen abgeschafft.
Die Ubiquität
von Musik wird von den iPods, dem Internet und anderen MP3 Playern verwirklicht,
nicht mehr vom kommerziellen Radio. Um diese Alleinstellung entkleidet,
könnte der Neu-Angriff der Radios in einer neuen Fragmentierung
von Musikstilen liegen, aber woher die dafür notwendigen Frequenzen
nehmen? Und wer von den großen landesweiten Sendern würde
sich trauen, das HotAC zu verlassen…
Die Musiktankstellen
der iPods werden zahlreicher, billiger, überall anzapfbar. Die
Podcast-Welle, die langsam aber stetig anrollt, die sowohl aus Bürgern
Reporter und Sender macht, als auch Plattformen hervorbringen wird,
auf denen man sich in einer ungeahnten Formatvielfalt im Aboverfahren
automatisiert Musik, News, Features, etc. herunterladen kann, verbreitert
den Angriff auf das linear vor sich hinsendende Radio.
Das zeitsouveräne
Hören, das durch Downlowden und Podcasting begonnen wurde, wird
eine neue Anspruchshaltung beim Radiohörer entwickeln, die sich
wie im TV nicht mehr vorschreiben lassen wird, wann was und wie zu hören
ist. Wenn schon die heilige ARD-Tagesschau um 20:00 als Download von
Jugendlichen zum zeitsouveränen Nachrichtenkonsum umfunktioniert
wird, dann wird das ganze Ausmaß dieser Rezeptionsrevolution deutlich...
Wer von
den Jüngeren in der U-Bahn oder S-Bahn z.B. hier in Berlin einen
Knopf im Ohr hat, hört nicht wirklich Radio – man hört
CDs oder iPod, die anderen Download-songs oder telefoniert. Jetzt könnte
man ja die Podcaster strategisch umarmen – auch eine mögliche
Taktik der Radios. Doch wer traut sich hier Geschäftsmodelle zu
entwickeln?
5.
Die Methoden- und Kreativitätsfalle
Wenn wenige
Radios Musikresearch machen, führt es zum Wettbewerbsvorteil. Wenn
alle Musikresearch machen und nur noch zwei, drei Methodenschulen den
programmbeeinflussenden Research bestimmen, lauscht ganz Radio Deutschland
auf das geheimnissvolle Geräusch. Wenn ganz Deutschland nur noch
Bohlen-Songs hören würde, wäre Bohlen erfolgreich, nicht
aber die Radiobranche…
Methoden
sind Werkzeuge, nicht die Inszenierung selbst. Noch kein Inhalt. Ein
Bühnenbild macht noch kein Theaterstück. Nur Peymann, Jelinek
oder Schiller wäre langweilig. Wenn nur noch zwei Denkschulen,
die deutschen Radios beherrschen, sollte irgendwer eine neue Denkschule
etablieren. Diese Art Marktforschung ist, wie der Medienforscher Schürmanns
richtig anmerkt, der natürliche Feind der Kreativität, diese
Art Forschung spürt keine neuen Bedürfnisse der Hörer
auf oder weckt sie…
Die ermüdende
Konzentration bei den kommerziellen Radios auf AC Formate hat in erschreckender
Weise auch grundsätzliche Radio-Handwerklichkeiten gekillt. Wer
hat noch gute Reporter in seinen Teams, wer gut ausgebildete Nachrichtenjournalisten
und wer lässt seine Moderatoren wirklich von der Kette und lässt
sie nicht nur Liner-Cards lesen.
Die kommerziellen
Radios sind als Reservoir für kreative Radioleute ausgefallen.
6.
Die Kosten- und Gesellschafterfalle
Seit dem
Jahr 2000 hat sich in allen kommerziellen Radiotypen – ob landesweit
regionale oder lokal die Kostenseite dramatisch verschärft. In
Berlin-Brandenburg arbeiten von 14 Radiostationen nur 7 profitabel.
Wesentliche Kosteneinsparungen wie z.B. die Absenkung der Sendernetzkosten
sind für alle privaten Sender in Deutschland wichtig und der gemeinsam
von Regiocast und RTL betriebene Aufbau einer gemeinsamen Sendernetzgesellschaft
„Deutsche Rundfunktechnik“ ist deshalb ein sehr guter Schritt.
Das Zusammenlegen
von Senderstrukturen, gemeinsam genutzten Diensten, Funkhausmodellen
muss rascher vollzogen werden, weil nicht Kostenoptimierung lizenziert
wird, sondern Programme. Was bei Arztpraxen und Rechtsanwälten
möglich ist, sollten Radios, vor allen Dingen kleinere, auch nutzen.
Radiosender
brauchen vor dem Hintergrund der bisher aufgeführten massiven Probleme
des Mediums, starke Gesellschafter, die auch mal finanziell etwas aushalten
können.
Viele
Radiogruppen leben aktuell in der Gefahr, dass ihre Mutterhäuser
Radio nicht oder nur wenig interessiert. Abzulesen daran, dass es in
der Führung keine Radiovorstände gibt, ein begabter Chefredakteur
das nebenher mit lenkt, oder kleine Mittelständler Einzelgesellschafter
sind, die dringend eine Gewinnausschüttung jährlich brauchen
und nicht für Investitionen zu haben sind.
Wenn die
Gewinne der Radios an die Medienholdings abgeführt werden müssen,
oder der kleine Mittelständler bedient werden muss, packt sich
die Gattung kommerzielles Radio ein schwerwiegendes Problem auf.
Wo liegen
nun die Lösungsfelder für das stark blockierte Medium Radio?
Was ist speziell für Berlin-Brandenburg anzumerken?
Gerade
die jetzige Phase der Radioindustrie mit seinen großen Herausforderungen
muss frisches Geld einsetzen für neue Programme, die Ausbildung
des Nachwuchs, Investitionen in neue Technologien, das digitale Radio,
aber auch Zukäufe von weiteren Radios in Deutschland, weil das
Problem in Deutschland für das Radio nicht lautet: wir haben zu
wenig Gesellschafter, sondern das Problem lautet, wir haben zu viele
Gesellschafter und die operativen Radiogruppen brauchen mehr Programme,
mehr Reichweite um ökonomischer zu arbeiten.
Die in
den meisten anderen EU-Staaten selbstverständlichen Bewegungsräume
für das kommerzielle Radio sind ausgerechnet im größten
Werbemarkt Deutschland nicht gegeben, während gleichzeitig das
machtvolle Leitmedium TV seit dem Beginn des privaten Rundfunk - und
Fernsehens 1984 alle föderalen Beschränkungen zur Seite wischen
konnte.
Während
in manchen Bundesländern ein Mehrheitswechsel oder Formatwechsel
beim Radio in einer laufenden Lizenzperiode zur Neuausschreibung führen
kann, sind im machtvollen TV Bereich bereits mehrmals operative Übernahmen
und Mehrheitswechsel von Kartellamt, Medienanstalten, KEK etc. durchgewinkt
worden. Format - Änderungen spielen im TV überhaupt keine
Rolle.
Das Medium
TV startete vor 21 Jahren auch föderal beschränkt, befreite
sich aber sehr schnell von den Fesseln und wurde rasch zum nationalen
Medium, weil der Glücksfall der Kabelverbreitung gegeben war. Daraus
folgt, dass das Medium kommerzielles Radio mit den Möglichkeiten
des TV gleichgestellt werden muss und die Landesmediengesetze so novelliert
werden sollten, dass der Mehrheitliche Einstieg in Radiolizenzgesellschaften
ermöglicht werden sollte ohne dann die Gefahr einer Neuausschreibung
zu provozieren.
Das kommerzielle
Radio in Deutschland braucht nicht in erster Linie weitere UKW Frequenzen,
z.B. aus den Beständen der öffentlich-rechtlichen, sondern
es braucht die Möglichkeit, die unübersichtlich verknäulte
Eigentümerstruktur drastisch zu vereinfachen. Das programmliche
Vielfaltsgebot regelt sich dann von selbst. Je mehr Lizenzen ein Unternehmen
in einem Markt betreibt, um so mehr inhaltliche und programmliche Vielfalt
wird er herstellen.
FFH betreibt
in diesem Sinne in Hessen Planet Radio und Harmony FM, gut abgestimmt
und abgegrenzt von dem HOT-AC Sender FFH. Senderfamilien allerdings,
die hintenrum und ohne öffentlichen Einblick entstehen, sind kontraproduktiv.
Damit Senderfamilien nicht intransparent und gegen die Bestimmungen
entstehen, sollte hier mit einer bundesweiten Erfassung / einem öffentlich
im Internet einsehbarem Lizenz-Kataster aller Eigentumsverhältnisse
im kommerziellen Radio begonnen werden, auf Lizenzebene, Vermarktungsgesellschaften,
Holdings, etc.
Senderfamilien
müssten im Hinblick auf Lizenzrecht, Betriebswirtschaft, Vermarktung
von allen Medienanstalten bundesweit für eine einheitliche zukünftige
Anwendung definiert werden. Als Handlungsmaxime für die Medienanstalten
für die Beurteilung und Erlaubnis von Senderfamilien könnte
ja denkbar sein, dass Senderfamilienbildungen dann erlaubt werden, wenn
glasklar damit Verpflichtungen einhergehen, präzise definierte
Vielfaltsformate verbindlich für den gleichen Eigentümer im
gleichen Sendegebiet fest-zuschreiben. Auch
mit der dann verbundenen Gefahr für den Betreiber, dass er die
Lizenz verliert, oder sie nicht verlängert wird, wenn er wesentliche
Formatänderungen durchführt.
Allerdings
ist die spannende Frage, ob zum Beispiel in zwei Senderfamilien im gleichen
Sendegebiet, jeweils der Erstsender, das Flaggschiff automatisch mit
einem AC Format erlaubt werden sollte, oder auch andere Varianten denkbar
sind. Bei Lizensierungen sollten Kriterien wie das Verhältnis von
Wort zu Musik oder Vollprogramm / Spartenprogramm fallengelassen werden
und nur noch der Vielfaltsaspekt und Formate als Ganzes erörtert
werden. Unabhängige Fachgremien können hier vielleicht helfen.
Hilfreich,
vielleicht sogar unabdingbar sind auch crossmediale Regelungen, wie
in Frankreich oder den USA, nämlich in nicht mehr als 2 Medien
tätig zu sein oder die entsprechende Begrenzungen zu definieren.
Meine
Damen und Herren, Radio ist stark blockiert, aber noch zu retten.
Bernt
von zur Mühlen ist Geschäftsführer der moreuneed GmbH
in Luxemburg
Link:
Bernt von zur Mühlen
& Partner