WDR zieht sich aus Radio NRW zurück

Veröffentlicht am 03. Okt. 2016 von unter Deutschland

Mit Photoshop leicht veränderter Wegweiser am Funkhaus von Radio NRW (Bild: ©Hendrik Leuker)

Mit Photoshop leicht veränderter Wegweiser am Funkhaus von Radio NRW (Bild: ©Hendrik Leuker)

Verleger allein im Haus

Was im Vorlauf zur WDR-Gesetzesnovelle Anfang des Jahres bereits diskutiert wurde, wird nun offenbar umgesetzt: Der WDR zieht sich aus dem Gesellschafterkreis des Konkurrenten Radio NRW zurück. Entsprechende Spekulationen des Werbefachblattes „Horizont“ bestätigte eine Sprecherin des WDR. Man sehe das als “konsequenten Schritt im Sinne eines starken dualen Rundfunksystems”. Der öffentlich-rechtliche Titan an Rhein und Ruhr wird demnach wohl zum Ende des Jahres seinen Austritt aus dem Gesellschafterkreis von Radio NRW erklären, der dann zum Ende 2017 wirksam wird. Branchenkennern zufolge soll der Gesellschafteranteil über 1 Million Euro betragen und künftig dem NRW-Verlegerlager zufallen. Dieses sei dann mit rund 80 Prozent beherrschender Anteilseigner im Hause an der Essener Strasse in Oberhausen.

Inhaber- und Beteiligungsverhältnisse der radio NRW GmbH
  • Pressefunk Nordrhein-Westfalen GmbH & Co. KG 59%
  • Westdeutscher Rundfunk (WDR) 24.9%
  • RTL Radio Deutschland GmbH 16.1%

Radio NRW als Rahmenprogrammanbieter für den Lokalfunkverbund im Land wird damit seine bei Sendestart 1990 politisch gewollte Zwitterrolle los. Einerseits „Vatikan“ des neuen, privaten Konkurrenzsystems zum WDR war letzterer aber gleichzeitig über seine Gesellschafterrolle bei Radio NRW Co-Ziehvater des Privatfunks zwischen Eifel und Weserbergland. Bei Konstruktion des schwierigen Zweisäulenmodells für den NRW-Lokalfunk hatte die Landesregierung unter Johannes Rau seinerzeit die Befürchtung, dass das neue Radio zu sehr in den „Halligallifunk“ abgleiten würde. So sollte durch Einbindung des WDR über den Umweg des Rahmenprogrammanbieters eine grössere Qualitätssicherung des Programms erzielt werden.

Radio NRW startete zusammem mit dem Pionier des Lokalfunks im Land, Radio DU/Duisburg, im April 1990. Das gesamte Netz der Lokalstationen entwickelte sich frequenztechnisch aber erst in den Folgejahren. So war am Sitz des WDR in Köln das Rahmenprogramm erst ein Jahr später zu hören. Um in der Zwischenzeit aber seine Rolle als Mitgesellschafter und Kontrolleur seines neuen Schützlings dokumentieren zu können, liess der WDR damals extra eine Standleitung nach Oberhausen schalten. So konnten die Verantwortlichen im Funkhaus Wallrafplatz mithören, was die Kollegen von Radio NRW so alles auf den Sender brachten.

In den Anfangsjahren sahen viele Lokalstationen in Radio NRW die Koordinierungsstelle des Verbundes, den Serviceanbieter für das, was man selber nicht leisten konnte, wie Deutschland-und Weltnachrichten – eine Art Lückenfüller. Die Oberhausener Rahmenprogramm-Macher sahen sich dagegen ihrerseits schon als Gralshüter des einheitlichen Gesamtformats des Networks inklusive der Musik.

Helmut G. Bauer

Helmut G. Bauer

So war sich Geschäftsführer Helmut G. Bauer nicht zu schade, höchstpersönlich einmal einen Protestanruf beim grössten angeschlossenen Sender „Radio Köln“ los zu werden. Er befürchtete einen massiven Formatbruch, als er statt Phil Collins klassische Musik auf der Lokal-Frequenz hörte. Dabei hatte er allerdings ausser Acht gelassen, dass zu dem Zeitpunkt dort Bürgerfunk lief. Und der hatte in den Anfangsjahren fast anarchistische Grundtendenzen und lief gerade qua Musik oft völlig aus dem Ruder des professionellen Lokalfunks.

Elke Schneiderbanger

Elke Schneiderbanger

Erst unter Programmgeschäftsführerin Elke Schneiderbanger zog Radio NRW die Format-Daumenschrauben für alle angeschlossenen Stationen so hart an, dass man vor Ort das Gefühl hatte, nur noch geduldetes Lokalfenster eines landesweiten Radio NRW zu sein.
Ob sich nach dem Ausstieg des WDR nun insofern ein neues Selbstverständnis bei den Oberhausenern herausschälen wird, wird interessant sein zu beobachten. Schliesslich haben einige Lokalstationen bereits das 6 bis 18 Uhr- Schema wieder komplett in Eigenregie ohne Elemente vom Rahmenprogrammanbieter übernommen.

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